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Ich war schon mehrmals in New York

Der Titel des zurzeit in Hamburg laufenden Musicals Ich war noch niemals in New York erweckte in mir lebhafte Erinnerungen an die mehrfachen Besuche, die ich dieser bedeutungsvollen Stadt erstatten durfte, als ich noch in Buenos Aires lebte. Ich glaube, etwa fünfmal dort gewesen zu sein, aber genau sagen kann ich es nicht mehr, da meine Unterlagen (unter anderem Reisepässe) bei einem Dachbrand vernichtet wurden.

Meine erste Reise in die Vereinigten Staaten erfolgte in den 1960er Jahren. Damals begleitete ich einen Freund auf einer Geschäftsreise, die uns durch verschiedene Staaten Nordamerikas führte. Nach unserer Ankunft in Miami flogen wir mit einem Zwischenstopp in Tampa (Florida), nach Milwaukee (Wisconsin). Von hier aus ging die Fahrt mit dem Auto weiter bis nach Fond du Lac am Winnebago See. Das eigentliche Ziel unserer Reise war die Hauptgeschäftsstelle eines weltbekannten Außenbordmotorenherstellers.

Auf der Rückreise erledigten wir noch einige Angelegenheiten in Chicago, um schließlich in New York zu landen. Ich muss gestehen, dass mein erster Eindruck von dieser Stadt abschreckend war. Im Gegensatz zu den bisher besuchten Orten, kam mir New York unfreundlich, schmutzig, laut und gefährlich vor.

Vielleicht hat es daran gelegen, dass mein Freund ein Hotel in der 42nd Street auf der West Side gebucht hatte, einer der berüchtigtsten Ecken New Yorks. Er hatte seine Wahl getroffen, weil auf der Werbung des Hotels erwähnt wurde: Man spricht Spanisch. Da er kaum die englische Sprache beherrschte, glaubte er, dass er in dieser Umgebung besser zurechtkommen würde. In seiner Unerfahrenheit hatte er uns in ein Zentrum von Hispanics und Latinos eingenistet...

Auf der düsteren Eingangstreppe des Hotels saßen schräge Gestalten herum, die uns misstrauisch anglotzten. Beim Empfang und der Bedienung sah es auch nicht besser aus. Also beschlossen wir kurzerhand, eine neue Unterkunft zu suchen. Es gelang mir, Zimmer in einem besseren Hotel direkt am Central Park zu buchen. Die waren natürlich viel teurer, aber hier sah die Welt wieder besser aus.
Es fiel mir lange Zeit schwer, meine ersten Eindrücke über diese Stadt zu vergessen.

Aber schon beim zweiten Besuch in New York verbesserte sich meine Auffassung gegenüber dieser Metropole. Ich hatte einen lokalen Repräsentanten für meine Zeitschrift gefunden, der mich mit verschiedenen Geschäftspartnern in Kontakt brachte. Ich bewegte mich seitdem in den besseren Kreisen der Gesellschaft, weshalb ich auch die freundlicheren Stadtteile kennen lernte. Es ist durchaus möglich, New York auf ganz verschiedenen Ebenen zu erleben, man muss sich nur genügend auskennen.

Auf weiteren Reisen konnte ich schon mit mehreren freundschaftlichen Beziehungen rechnen, die mich in das mondäne Leben der Stadt einführten. So bekam ich die zur der damaligen Zeit in Broadway läufigen Musicals und Shows zu sehen, wie Children of a lesser God, Joseph And The Amazing Technicolor Dreamcoat und Duke Ellington's Sophisticated Ladies, ich speiste in exklusiven Restaurants, wie Mamma Leone, und lernte Stadtteile wie Battery Park, South Seaport, Times Square und Greenwich Village kennen. Ich hatte auch das Privileg, einem Konzert unter der Leitung von Leonard Bernstein im Rockefeller Center beizuwohnen.

Ich sah mir gerne die schicken Geschäfte der Park Avenue und das imposante Waldorf Astoria Hotel an. Die Vielfalt der Exponate im Metropolitan Museum of Art (teilweise auch deutscher Herkunft) hat mich sehr beeindruckt.

Allmählich wurden mir einige Gebräuche und Eigenarten geläufig, die nur ein einheimischer New Yorker kennt. Zum Beispiel, dass man vom Flughafen am günstigsten mit der JFK Express Subway (klimatisiert und unter Polizeischutz) nach Midtown Manhattan kommt, dass viele Arbeitnehmer eine längere Reisezeit in Kauf nehmen, um im Grünen außerhalb der Stadt zu Leben, die so genannten commuters. Auch einer meiner Freunde bevorzugte, im ländlichen Stamford (Connecticut) zu wohnen, um täglich in sein Büro am Hudson River mit der Bahn zu fahren.

Bald hatte ich gelernt, in den Subway-Stationen nur in der safe zone auf die Bahn zu warten. Dieser Bereich ist gut beleuchtet und befindet sich unter der Aufsicht des Bahnpersonals. Auch wurde mir bewusst, dass auf den breiten Avenuen man vom Taxifahrer gefragt wird, ob man rechts oder links aussteigen möchte, sowie auch, dass man günstige Theatertickets an einer
bestimmten Ecke beziehen kann, die mit der Aufschrift Tickets bezeichnet und an den Menschenschlangen erkennbar ist.

Im Allgemeinen wird ja behauptet, dass in einer Weltstadt wie New York die Bevölkerung eher unbeteiligt an seine Mitmenschen ist. Man kann auf der Straße umfallen und kaum einer bemerkt es, heißt es. Aber wenn es um Heldenwürdigungen oder Volksfeste geht, ist die ganze Stadt ein Herz und eine Seele. Diese Großherzigkeit konnte ich persönlich nachempfinden, als ich an Bord des Segelschulschiffes der argentinischen Marine Libertad, 1980 New York besuchte. Der Bürgermeister von New York hatte dem Schiff zwei Stretch-Limousinen zur Verfügung gestellt, damit der Kommandant und die Stabsoffiziere sich frei in der Stadt bewegen konnten. Als Presseoffizier an Bord bekam ich eines Tages vom Zweiten Kommandanten den Auftrag, etwas aus Manhattan zu besorgen. Ich könnte eine der Limousinen benutzen. Ich fragte ihn, ob auch andere Offiziere mitfahren dürften. Er war gut gelaunt und sagte, ich könne frei über den Pkw und den Fahrer verfügen...

Also ließen meine Kameraden und ich uns ganz gemütlich durch die Stadt kutschieren. Als wir die Broadway Avenue hochfuhren, kamen wir am Radio City Music Hall vorbei. Eine Show mit Girls of the Navy war auf den Plakaten angekündigt.

Das wäre doch was für uns, sagten wir und ließen die Limousine im Halteverbot stehen, um uns zu erkundigen, ob es für den Tag noch Karten gäbe. Am Schalter bemerkte ich schon das Schild mit der Aufschrift sold out. Trotzdem fragte ich, ob es nicht möglich wäre, für die nächsten Tage Karten zu bekommen, da unser Schiff nur kurze Zeit im Hafen liegen würde. Der Mann an der Kasse bemerkte unsere Uniformen und fragte: Seid ihr von dem schönen Tall Ship aus Argentinien?. Als wir bejahten, zauberte er sofort fünf Karten für die erste Reihe heraus und teilte uns mit, dass die Vorstellung in 10 Minuten beginnen würde. Also baten wir unseren Fahrer, dass er auf uns warten solle und sahen uns das Musical an.

Als wir nach der Vorstellung in unsere fürstliche Limousine stiegen, wurden wir vom Publikum wie prominente Gäste angestarrt. Wir waren bereits durch unsere weißen Uniformen in der ersten Reihe aufgefallen. Als wir den Fahrer fragten, ob er wegen des Parkens vor dem Theater Ärger bekommen hätte, sagte er uns gelassen: No problem, ihr seid ja Gäste der Stadt.

Drei Jahre später war ich wieder in New York, diesmal um an einem Schiffbaukongress teilzunehmen. Durch meine Bekannten bekam ich die Gelegenheit, einen ausführlichen Rundgang durch das Gebäude der Vereinigten Nationen zu machen. Ich vereinbarte einen Termin mit der Public Relations Chefin und machte mich auf den Weg zu dem imposanten Hochbau am East River.

Ich bat den Taxifahrer, sich zu beeilen, da ich etwas spät dran war. Er hatte wohl meinen grauen Anzug und die Aktentasche in meiner Hand beobachtet und hielt mich offensichtlich für einen UNO-Delegierten. Als das Taxi kaum durch den dichten Verkehr durchkommen konnte, fuchtelte der Fahrer mit seinem Arm durch das Fenster und rief: Out of my way, I'm taking an important guy to the United Nations!. So kam ich mit nur 5 Minuten Verspätung zu meiner Verabredung.

Ich erhielt eine exklusive VIP-Führung durch die maßgebenden Räume der UNO, wie der Plenarsaal, die Arbeitszimmer der Fachausschüsse und der Sitz des Weltsicherheitsrats. Als ich ehrfürchtig mitten in dem riesigen Saal stand, sagte ich: Also hier ist es, wo über den Weltfrieden bestimmt wird. Die mich begleitende Dame antwortete schmunzelnd: Nein, hier wird nur die Vorstellung inszeniert von dem, was vorher in der Cafeteria ausgehandelt wurde. Nun wusste ich Bescheid.

Mein letzter Besuch in New York fand in 1986 statt. Damals reiste ich in Begleitung meiner Frau und unserer zwei älteren Enkelsöhnen. Zu der Zeit waren sie 10 und 12 Jahre alt. Ich fühlte mich jetzt in New York einheimisch genug, um meine Familie allein herumzuführen. Mit den beiden Jungens hatten wir viel Spaß. Wir besichtigten den als Museumsschiff am Pier liegenden Flugzeugträger USS Intrepid, machten eine Bootsfahrt rund um die Manhattan Halbinsel, besuchten das World Trade Center (siehe auch meine Geschichte Damals standen sie noch) und erledigten etliche Einkaufsbummel. Wir wurden öfters angesprochen, ob die Kids nicht in der Schule sein sollten?. Als wir dann erwiderten, dass die Kinder aus Buenos Aires kämen und dort Schulferien hätten, strahlten die Gesichter unserer Gesprächspartner und sie wünschten uns viel Vergnügen in ihrer Stadt. Wie üblich, wurden wir dann mit …have a nice day verabschiedet.

New York ist eben eine Stadt mit einer Fülle von Möglichkeiten, die aber immer wieder neu entdeckt werden wollen.