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Karneval und Karussell

Obwohl diese Begriffe mich nie allzu sehr begeistert haben, sind der Karneval und das Karussell doch ein bedeutender Bestandteil meiner Erinnerungen an die Kindheit in Argentinien.

In den 1930er-Jahren gab es in den Außenbezirken von Buenos Aires noch viele Karussells, die auf leerstehenden Grundstücken aufgestellt waren. Auch an der Ecke unserer Straße stand so ein Gerät. Natürlich wurde es damals noch von einem mit Scheuklappen versehenem Pferd bewegt. Das Pferd drehte seine Runden im inneren Bereich der Drehscheibe auf der wir Kinder auf unseren Holzpferdchen oder Wagen saßen. Nachtsüber und in den Morgenstunden wurde das Pferd ausgespannt und durfte auf dem freien Gelände seine Ruhe und Futter genießen.

Wenn das Pferd auf Kommando des Betreibers das Karussell in Bewegung setzte, stellte sich automatisch eine Drehorgel ein, die das Vergnügen musikalisch begleitete. An einer neben dem Gerät hängenden birnenförmigen Holzfassung steckte ein Ring. Wer diesen ergreifen konnte, wurde mit einer Freifahrt belohnt. Keine leichte Aufgabe: Man musste sich an einer der Stangen des Karussells festhalten und dann im vorbeifahren den Ring mit einem Finger aufspießen. Der Betreiber stand aber auf einer Leiter und schaukelte die an einer Kette hängende Birne hin und her, so dass man schon sehr geschickt sein musste, um den Ring zu treffen und aus seiner Fassung zu ziehen.

Im Laufe der Jahre wurden die leerstehenden Grundstücke immer knapper, und die guten alten Karussells verschwanden aus der Stadt. Nur an einigen auserkorenen Plätzen konnte man dann die moderneren, elektrisch angetriebenen und über Laut­sprecher mit Schallplatten musikalisierten Karussells weiter antreffen. Aber da waren wir ja schon viel zu alt für diesen Spaß…

Was den Karneval anbelangt, wurde dieser im damaligen Buenos Aires sowohl in geschlossenen Räumen wie auf den Prachtstraßen gefeiert. Einige Kinos wurden in Tanzsäle umgestaltet und die meisten Sportvereine schmückten sich für die Faschingsbälle.

Auf den Straßen wurden die sogenannten Korsos organisiert. Es handelt sich hier um abgegrenzte Strecken einer Straße, an deren Seiten teilweise Tribünen für das Publikum aufgebaut wurden. Auf der Straße bewegten sich dann die Karnevalszüge von dem einen Ende der Absperrung bis zum anderen, um sich dann weiter in die entgegengesetzte Richtung zu begeben. Die Teilnehmer des Korsos fuhren meistens in offenen Autos. Auf dem zurück­geklappten Verdeck saßen die buntbekleideten señoritas, die vom Publikum mit Papierschlangen und Konfetti beworfen wurden. Zusätzlich bespritzte man sich gegenseitig mit Duftwasser, das in Pomos (bleierne Drucktuben) geladen war.

Neben den Pomos waren auch die Lanzaperfumes eine raffinierte Art, sich gegenseitig zu ärgern. Letztere bestanden aus Glasfläschchen, die durch einen Zerstäuber eine parfümierte, mit Äther versehene Flüssigkeit versprühten. Beim Berühren der nackten Haut (insbesondere bei stark dekolletierten Damen) fühlt sich die Flüssigkeit eiskalt an, so dass jeder Treffer lautes Kreischen verursachte, zum Vergnügen der Herumstehenden. Dieser Spaß war aber auch gefährlich: wenn die Flüs­sigkeit in die Augen kam, konnten heftige Irritationen auf­treten. Deswegen trugen viele Karnevalteilnehmer Schutzbrillen, die auch zur Abwehr aggressiver Konfettiangriffe dienten.

Die drei größten Korsos der Stadt Buenos Aires fanden am Kar­nevalsonntag statt. Der offizielle Korso, auf der Avenida de Mayo im Stadtzentrum, der vom Belgrano Stadtviertel auf der Avenida Cabild und der Korso de Flores  auf der Avenida Rivadavia. Zwischen den Autos zogen auch verschiedene Spielmann­züge, Comparsas und Murgas vorbei. Die Comparsas bestanden aus Vereinen, die gleichmäßig kostümiert hinter den Musikzügen marschierten. Dagegen setzen sich die Murgas aus lumpig gekleideten Slumbewohnern zusammen, die zum Rhythmus von Trommeln und Rasseln wild umhertänzeln. Dabei tragen sie selbst gedichtete und nicht immer keusche Reime vor. Diese Murgas gehen auch von Haus zu Haus, um ihre Ständchen darzubringen und dafür Spenden zu ergattern.

Wer auf öffentlichen Veranstaltungen seine Verkleidung mit einer Gesichtsmaske ergänzen wollte, musste sich vorerst bei der Polizei melden um eine Genehmigung zu erhalten. Der entspre­chende Schein musste sichtbar an der Kleidung getragen werden.

Am Dienstag feierte man den Wasserkarneval. Auf der Ufer­promenade am Rio de la Plata begegneten sich Autofahrer, um sich mit Wasserbomben (mit Wasser gefüllte Gummiballons) zu bewerfen. In den abgelegenen Stadtvierteln veranstalteten Jungen und Mädel Wasserschlachten in Gärten oder auf den Straßen. Hierbei wurden sowohl Eimer wie auch Gartenschläuche benutzt. Zu dieser Jahreszeit, wenn die Sonne nachmittags unerbittlich auf die Bürgersteige brennt, ist dieses Wasserbad eine willkommene Erfrischung. Wenn dabei die durchnässten Kleider der Mädchen sich an ihre Körper schmiegen, hat auch das Auge seine Freude!

Der Aschermittwoch wird in diesem katholischen Land lediglich in den Kirchen gefeiert

Heutzutage ist im krisengeschüttelten Argentinien der Karneval keine Selbstverständlichkeit mehr und die Hauptveranstaltung hat sich auf das etwa 200 km nördlich von Buenos Aires gelegenen Städtchen Gualeguaychú der Provinz Entre Rios verlegt. Grundsätzlich dem ausländischen Tourismus gewidmet, wird hier eine nach brasilianischem Muster gestaltete Show dargestellt. Auf der eigens eingerichteten Karnevalsarena schwingen sich die aus Brasilien und Uruguay eingeflogenen Tänzerinnen und Tänzer. Bunt dekorierte Wagen und einheimische Vereine ergänzen den Karnevalszug.

In der Hauptstadt selbst hat der Karneval keine weitere Bedeutung mehr, schließlich gibt es ja die großen Sommerferien, und Narren sind sowieso das ganze Jahr über gegenwärtig…