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Das Klavier

Es war groß und schwarz. So habe ich es wenigstens in Erinnerung, das Blüthner-Klavier im großen Zimmer (Wohn- und Esszimmer) unseres Hauses in Buenos Aires. Für mich hat es immer da gestanden, da ich zu klein war um mich erinnern zu können, wie und wann meine Eltern es erworben haben. Jedenfalls muss es irgendwann kurz nach 1927, als das Haus bezogen wurde, in die Wohnung gekommen sein.

Den Hocker mit der drehbahren Sitzscheibe, vor dem Klavier, benutzte ich öfters als Spielzeug und drehte mich hoch und runter, bis meine Mutter mich eines anderen belehrte. Aber sonst wüsste ich nicht, dass jemand dieses Instrument benutzte. Nur wenn gelegentlich Tante Lisa mal zu Besuch kam begleitete sie sich auf dem Klavier zu ihrem Gesang.

Als ich etwa in die fünfte Klasse ging schleppte mich meine Mutter zu einer Klavierlehrerin. Sie war sehr streng und ich werde ihren Namen nie Vergessen: Berta Schmidt de Christlieb. Sie gab Privatstunden in ihrer Wohnung, die etwa 1,5 km von zu Hause entfernt lag. Den langen Weg ging ich meist zu Fuß, so konnte ich mir die 10 cts für die Straßenbahn sparen.

Dass ich zur Klavierstunde gehen musste, gefiel mir gar nicht. Meiner Ansicht nach, war das eine Angelegenheit nur für Mädchen. Ein Junge müsste eigentlich Geige spielen, so wie Johann Strauß. Aber Mutter bestand darauf, und Basta!

Eines Tages kam ein Klavier-Stimmer, um unser schon älteres Instrument zu intonieren. Er baute das Klavier auseinander und bearbeitete die Saiten mit der Hilfe einer Stimmgabel, bis sämtliche Tasten den richtigen Klang erzeugten. Diese Prozedur interessierte mich sehr und ich verfolgte jede Bewegung des Fachmanns. Nun wusste ich, wie das Klavier von innen aussieht. Aber Klavier spielen war eine andere Sache.

Die Klavierlehrerin war sehr streng und zwang mich immer die korrekte Handhaltung zu bewahren. Das heißt, ich musste die Hände so wie eine gereizte Vogelspinne auf die Tasten setzen. Wehe, ich legte meine Finger flach auf die Tasten, dann setzte sie einen scharf gespitzten Bleistift unter mein Handgelenk, um mich daran zu hindern dieses zu senken. Wenn ich zu Hause übte, hielt ich natürlich meine Hände wie es mir passte, so konnte ich mich besser auf die Musik konzentrieren.

Mit dem Solfeggio und der Theorie hatte ich weiter keine Schwierigkeiten, aber die unendlichen Tonleitern und Etüden von Czerny und Haydn gingen mir auf das Gemüt. Ich bevorzugte natürlich Musikstücke mit Melodie, und spielte mit Begeisterung Wiener Walzer, wenn ich alleine war.

Als meine Finger sich schon geschmeidig über die Tasten bewegten und ich die Noten ohne zu zögern lesen konnte, kaufte ich mir Notenblätter mit Tango Musik, modernen Jazz Stücken und drei komplette Alben mit den schönsten Wiener Walzern. Allmählich beherrschte ich ein für meine Bedürfnisse entsprechendes Repertoire. So kam ich auf die Idee, mein eigenes Tanzorchester zu gründen. Mit einigen Schulkameraden bildeten wir so ein buntes Musik-Ensemble, bestehend aus zwei Geigern, einen Gitarristen, einen Ziehharmonika- und einen Schlagzeugspieler. Ich spielte natürlich das Klavier und dirigierte die Gruppe. Wir übten bei mir zu Hause und hatten großen Spaß daran. Später sind wir bei den Klassentreffen mit unserer Tanzmusik aufgetreten und wurden dafür sogar bezahlt. So haben wir uns als 14-Jährige die ersten 25 Pesos verdient (5 Pesos pro Kopf).

Um meine Mutter nicht zu enttäuschen willigte ich ein, meine Schwester beim Gesang auf dem Klavier zu begleiten. Die Klavierlehrerin hatte im Konzertsaal der Casa de la empleada (Haus der Angestellten) im Stadt-Zentrum, einige Konzerte arrangiert, wobei meine Schwester ihre Arien vortragen sollte. Also machte ich als Klavierbegleiter am Spektakel mit. Auch bei einer Schallplatten Aufnahme musste ich mitwirken. Aber dann war es genug! Ich widmete mich ausschließlich meiner Unterhaltungsmusik.

Allerdings, die schönsten Momente am Klavier verbrachte ich in den 40er Jahren, als ich das Mädchen, das heute meine Frau ist schon kennen gelernt hatte. Wir trafen uns regelmäßig mit Freunden und sangen zusammen allerlei Lieder in Spanisch, Deutsch, Englisch und Französisch. Neben den traditionell Tangos, wie La Cumparsita, Caminito, Nostalgias, ReFaSi, sangen wir auch aktuelle Schlager, wie Du schwarzer Zigeuner, Regentropfen, Lambeth Walk, A Tisket A Tasket, Yellow Submarine, J'attendré, La Mer und viele andere.

Unser Studium und andere Verpflichtungen nahmen uns immer mehr in Anspruch und die Treffen wurden immer seltener, bis sie schließlich ganz ausfielen. Dann kam die Hochzeit und die Gründung des eigenen Heims. Das Klavier blieb im Elternhaus und nur selten, wenn ich mal zu Besuch war, spielte ich wieder mal etwas darauf. Nach dem Tode meiner Eltern wurde das Haus verkauft und das Klavier endete in Händen einer der Freunde meiner Schwester, der es als Dankeschön für die Hilfe beim Umzug bekam…