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Katze an Bord

In den 1970er Jahren hatte ich bereits eine theoretische Grundausbildung als Marine-Korrespondent im Libertad—Gebäude (dem Oberkommando der argentinischen Marine) bestanden. Auch hatte ich durch Besuche auf Stützpunkten und Niederlassungen der Marine die nötigen Kenntnisse über das Verfahren dieser Institution erworben. Nun musste ich noch eine Ausbildungsreise auf einem Marine-Schiff bestehen, um meinen Ausweis und die Uniform als Berichterstatter der Armada Argentina zu erhalten. Dies würde mir uneingeschränkten Zugang zu allen Marine-Einheiten und Stützpunkten verschaffen, was für meine Tätigkeit als Herausgeber der Fachzeitschrift NAVITECNIA von großer Bedeutung war.

Endlich war es soweit, an Bord zu gehen. Ich meldete mich beim Kommandanten des Marine-Stützpunktes Base Naval Puerto Belgrano, etwa 550 km südlich von Buenos Aires gelegen. Mit zwei Zeitungsreportern aus Buenos Aires wurde ich dem Zerstörer ARA Bouchard (D-26) zugeteilt. Die ARA Bouchard war ein Schiff, das bereits den 2.Weltkrieg mitgemacht hatte. Als USS Borie (DD-704) wurde dieser Zerstörer der Summer Class (eine Weiterentwicklung der berühmten Fletcher Zerstörer) im Juli 1944 von einer Schiffswerft in New Jersey, USA der US Navy übergeben. Die moderne Einheit wurde im Pazifik eingesetzt und nahm an mehreren Schlachten gegen Japan teil, wo sie von Kamikaze-Fliegern schwer beschädigt wurde. Nach Reparaturarbeiten in Kalifornien wurde das Schiff der Atlantik-Flotte zugeteilt, um später, in 1972, an die Armada Argentina verkauft zu werden.

Wir kamen also auf einen echten Kriegsveteranen, der mit mehreren Kampfeinsatz-Sternen ausgezeichnet war. Mein erster Eindruck an Bord war, als ob ich mich in einem Hollywood Film befände. Mir wurde die Kajüte des Zweiten Kommandanten zugeteilt, da dieser gerade auf Urlaub war. Die beiden Zeitungsreporter wurden in einer doppelten Offizierskajüte untergebracht. Sofort merkte man, dass das Schiff eher auf Kriegseinsatz als auf irgendwelchen Komfort ausgerüstet war. Statt einer Tür hatte die Kajüte z.B. nur einen Vorhang, um das sofortige Verlassen des Raumes zu ermöglichen. Alles war sehr eng gebaut. Die zwei Reporter schliefen in übereinander gestellten Betten. Derjenige der oben lag, musste vorsichtig aufstehen, um nicht mit dem Kopf gegen die Rohrleitungen, die an der Decke verliefen, zu stoßen.

Zu allem, was ich mir unter einem Kriegsschiff vorgestellt hatte, wurde ich auf dieser Fahrt eines anderen belehrt. Normalerweise gibt der Kommandant auf der Brücke die Befehle zur Geschwindigkeit des Schiffes, die der Steuermann vor der Ausführung zur Bestätigung wiederholt. Ich kannte zum Beispiel das Kommando: Volle Fahrt voraus, hier kam aber der Befehl Tri, Tri, CeroUm die Nummern zwei und drei nicht zu verwechseln, wird die zwei im Militärjargon mit zwo ersetzt. In der spanischen Sprache gilt ähnliches für die drei. Man sagt deshalb tri für tres, das bedeutet Drei, drei, null im Marinejargon* und bezieht sich auf die Umdrehungszahl der Motoren. So kann der Kommandant die von ihm erwünschte Geschwindigkeit des Schiffes genauer angeben.

Auch die Ausführung der Brücke selbst ist in diesem Fall ganz anders, als auf normalen Schiffen. Der Begriff Gefecht hat hier Vorrang vor der Navigation. Vor dem Brückenaufbau ist der Gefechtsstand eingerichtet, von dem aus der Kommandant einen Überblick über die Kampfsituation hat. Die Schiffsführung übernimmt dann der Navigationsoffizier, obwohl die eigentliche Gefechtszentrale (CIC-Centro de Información de Combate) tief im Schiffsinneren liegt und aus einem fensterlosen und mit Klimaanlage gekühlten Raum besteht.

Hier sitzen mehrere ausgebildete Unteroffiziere vor ihren elektronischen Geräten und verfolgen jede feindliche Annäherung. Sei es von Flugzeugen, Überwassereinheiten oder U-Booten. Jedes Ziel wird zeitig von den Instrumenten erfasst und bemessen, und zwar solange, bis es den optimalen Abschusspunkt erreicht. Dann treten automatisch die geeigneten Abwehrwaffen in Funktion. Der zuständige Offizier braucht keinen Feuer frei! — Befehl zu geben. Er kann lediglich auf den Stopp — Knopf drücken, um die Abwehr zu unterbrechen. Das System kann gleichzeitig Dutzende von Angreifern ermitteln und zuordnen, um dann die erforderlichen Gegenmaßnahmen zu ergreifen. So lernte ich schon einmal, dass auf diesen modernen Schiffen fast alles automatisch abläuft. Trotzdem braucht dieser 34-Knoten schnelle Zerstörer eine Besatzung von 180 Mann, um einsatzbereit zu sein. Aber genug mit den technischen Einzelheiten!

Jetzt kam der Moment der Abfahrt. Am Kai von Puerto Belgrano war die Marinekapelle angetreten, um den musikalischen Rahmen der Zeremonie zu gestalten. Ein Admiral las den Marschbefehl vor und die Bouchard legte langsam von ihrem Liegeplatz ab. Unser Kommandant betätigte den Hebel der Schiffssirene und die flotte Marschmusik wurde von deren lauten Geheul übertönt.

Es sollte ein kurzer Abschiedsgruß sein. Aber irgend etwas klemmte im System und bald hörte man den Kommandanten brüllen: Schaltet das verdammte Ding aus! Leider ging das nicht so schnell, und wir befanden uns schon weit vom Hafen entfernt, bis endlich wieder Ruhe an Bord herrschte. Na, das fängt ja schön an, dachte ich mir.

Die Fahrt auf dem Südatlantik verlief ruhig und ich hatte Gelegenheit, mir die modernen Schiffseinrichtungen genauer anzusehen. Meinen Fotoapparat durfte ich auf dieser Reise nicht mitnehmen. Später erfuhr ich auch warum: die Bouchard war das erste argentinische Schiff, das mit Exocet-Raketenstartern ausgerüstet war, und dies galt als Geheimsache der Marine. Auch die modernen Elektronischen Gegenmaßnahmen Geräte (ECM) und der U-Boot-Abwehr Helikopter (DASH) sollten nicht an die große Glocke gehängt werden. Also wurde mir äußerste Diskretion bei meiner Berichterstattung nahegelegt.

Ich genoss also die Schiffsreise, beobachtete die vor dem Bug springenden Delphine und die über das Schiff fliegende Albatrosse. Dann liefen wir in die Bucht Golfo Nuevo ein, um vor der Ortschaft Puerto Pirámides vor Anker zu gehen. Mit Schlauchbooten fuhren der Kommandant, begleitet von einigen Offizieren, an Land. Ich war auch dabei. Wir marschierten auf der menschenleeren Hauptstraße entlang, bis uns ein Mann entgegenkam, der uns verlegen berichtete, dass der Bürgermeister uns nicht so früh erwartet hätte, aber er würde uns bald begrüßen. So war es auch. Nach einer kurzen Wartezeit kam der Herr Bürgermeister auf uns zu. Er war mit Jeans und einem Arbeitshemd bekleidet und wischte sich das Fett von seinen Händen mit einem Lappen ab. Dazu erklärte er, er hätte gerade seinen Traktor repariert und nicht genau auf die Zeit aufgepasst.

Wir hatten natürlich volles Verständnis für seine Lage und bald saßen wir alle gemütlich beim Vermouth mit Beilagen an seinem Tisch im Rathaus. Hier wurde über allerlei geplaudert und der Kommandant interessierte sich besonders für die lokalen Verhältnisse. Schließlich könnte die Marine, als Freund und Helfer der Region etwas für den Wohlstand von Puerto Pirámides in Buenos Aires vermitteln. Eines der wichtigsten Probleme zu dieser Zeit war der Wassermangel. Schon jahrelang wartete man auf eine Pipeline, die das köstliche Nass über den hügeligen Isthmus befördern sollte. Inzwischen musste man dauernd mit dem Wasserverbrauch sparen. Wer im Gebäude des Automobil Club eine Dusche nehmen wollte, musste sich mit einer Ladung von 5 Litern Wasser begnügen.

Der Kommandant versprach dem Bürgermeister, dieses Problem und weitere Angelegenheiten an die zuständigen Behörden in Buenos Aires weiterzuleiten und übergab ihm zum Abschied eine beachtliche Packung Kalbsfleisch, die wir aus unserer Kühlkammer mit dem Schlauchboot mitgebracht hatten.

Wir stachen wieder in den Südatlantik, um einige Kriegsübungen auszuführen. Ein U-Boot und ein Marineflieger würden sich dabei beteiligen. Einer unserer Offiziere wurde auf das U-Boot über gesetzt, um dort als Beobachter zu fungieren. Durch ihn erfuhren wir später, was eigentlich auf dem U-Boot passiert war.

Das Katze und Maus Spiel hatte begonnen. Der Zerstörer fuhr ahnungslos auf der See, als plötzlich die Bordinstrumente einen Torpedoangriff ankündigten. Sofort wurde Alarm gegeben und die nötigen Ausweichmanöver eingeleitet. Das U-Boot hatte einen Torpedo auf unser Schiff abgefeuert, und zwar so gezielt, dass die Bahn unter dem Rumpf des Schiffes verlaufen sollte. Es handelte sich natürlich um ein Übungstorpedo, also ohne Sprengkopf, aber trotzdem hätte ein Aufprall gegen die Schiffsseite erhebliche Schäden angerichtet. Mit gemischten Gefühlen sahen wir das Kielwasser des auf uns zukommenden Torpedos. Aber plötzlich verloren wir ihn außer Sicht und die Lage wurde unberechenbar.

Unser Beobachter auf dem U-Boot berichtete uns später, dass die Laufbahn des Torpedos auf einmal irre verlief, das Geschoss sich im Kreise zu bewegen begann, um schließlich direkt auf das U-Boot zu steuern. Große Panik an Bord! Der U-Boot Kommandant befahl auf sofortige Tauchstation zu gehen und konnte nur knapp der Gefahr entkommen.

Das Manöver wurde dann abgebrochen und die trostlose U-Boot Mannschaft verbrachte den Rest des Tages damit, den verlorenen Torpedo einzufangen. Dieser Rückschlag war jedoch keine Schande, denn schließlich sind Manöver dafür da, Fehler zu erkennen und beheben, damit im Ernstfall alles wie vorgesehen verläuft.

Kurz danach erfassten unsere Radargeräte ein Flugzeug, das sich rasch dem Schiff näherte. Das automatische Abwehrsystem funktionierte tadellos, und bald hatten wir den Eindringling abgeschossen. Aber da der Flieger sich nun einmal über uns befand, wurde die Gelegenheit wahr genommen, um Luftaufnahmen vom Schiff zu machen. Der Kommandant befahl alle Mann unter Deck und dem Maschinenraum, die Rauchemission aus dem Schornstein zu drosseln. Er wollte schließlich ein sauberes Bild von seinem Schiff haben.

Unser nächstes Ziel war der Hafen von Comodoro Rivadavia in der Bucht von Golfo San Jorge.

Diese ist die wichtigste Industriestadt der Provinz Chubut in Patagonien und zugleich Ausgangspunkt einer der großen Ölproduktionsanlagen Argentiniens. Die Bouchard sollte den Feierlichkeiten zur Einweihung der neuen Hafenanlagen beiwohnen, die vor kurzem unter der Benennung Liga Naval Argentina fertiggestellt worden waren.

Wir setzten das Fallreep aus, das auf Grund der niedrigen Wasserlage schräg nach oben an der Kaimauer zum Anliegen kam. Kaum war die Landverbindung hergestellt, ging ein Matrose mühselig die Gangway hinauf und trug in seinen Armen — eine Katze. Nanu, staunte ich, was sollte das wohl bedeuten? Es stellte sich heraus, dass der Kommandant irgendwie erfahren hatte, dass die Besatzung heimlich an Bord eine Katze hielt, die sie zum Maskottchen des Schiffes gekürt hatte.

Das war natürlich ein Verstoß gegen die Vorschriften und der Kommandant befahl, das Tier unverzüglich am nächsten Hafen aussetzen zu lassen.

Der Matrose setzte die Katze behutsam auf den Boden und gab ihr einen kleinen Schubs, damit sie sich von Schiff entferne. Stattdessen lief das Tierchen langsam den Kai entlang und schaute mit traurigem Blick auf die Mannschaft, die es an der Reling stehend, auf Augenhöhe beobachtete. Als die Katze etwa halbschiffs angekommen war, setze sie plötzlich zu einem Sprung an und landete mit einem kühnen Satz in den Armen eines der trauernden Matrosen. Dieser sah sich erschrocken nach dem Kommandanten um, der das ganze Verfahren vom Brückennock aus verfolgt hatte. Die grimmige Miene des Befehlshabers verwandelte sich in einen resignierten Ausdruck. Er machte eine abwiegelnde Handbewegung und sagte: Okay, die Katze darf an Bord bleiben. Ein grölendes Jubelgeschrei ertönte an Deck und unser Chef war eine Stufe höher in der Verehrung seiner Untergeordneten gestiegen.

Nach Vollendung der Zeremonien an Land, legte unser Schiff mit Richtung Heimathafen wieder ab. Wir fuhren bei ruhiger See und blauem Himmel nordwärts nach Puerto Belgrano, als uns eine Durchsage über die bordeigenen Lautsprecher in Kenntnis setzte, dass wir demnächst in eine Nebelbank eindringen würden, Die Verdoppelung der Wachen und Ausgucken wurde angeordnet und zugleich die Betätigung des Nebelhorns. Ich hatte noch nie eine solche Situation erlebt. Vor uns stand auf einmal eine massiv aussehende Wand, und es sah so aus, als wenn wir sie im nächsten Augenblick rammen würden. Und dann war es soweit: Wir befanden uns inmitten der dichten Wolke, die uns nicht einmal die nähesten Objekte auf dem Deck erkennen ließ. Die Navigation erfolge strickt nach den Instrumenten, mit denen das Schiff für eine solche Situation bestens ausgestattet war. Mit der Ankunft auf dem Marinestützpunkt endete dann meine erste Ausbildungsreise.

Monate danach, bei der Zeremonie im Hauptquartier der Marine in Buenos Aires, bei der mir die Urkunde als Marine-Korrespondent im Rang eines Kapitänleutnant überreicht wurde, war auch der Kommandant der Bouchard dabei. Dieser nahm mich zur Seite und machte mir den Vorwurf, ich hätte nicht seine Anordnung befolgt, diskret über die Bewaffnung des Zerstörers zu berichten, insbesondere über den Aufbau der Raketenstarter. Mit einem Grinsen erwiderte ich: Herr Kapitän, Sie haben wohl nicht die Fußnote unter meinem Artikel in NAVITECNIA gelesen. Da steht nämlich, dass die technischen Daten über die Bouchard aus der deutschen Fachzeitschrift Schiff und Hafen stammen, also längst kein Geheimnis mehr sind.

Er gab sich lächelnd geschlagen und das war dann gleichzeitig auch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

 

Nachtrag

Knapp 35 Jahre nach meinem Besuch in Puerto Pirámides erfahre ich über das Internet, dass die argentinische Zeitung La Nacion einen Artikel veröffentlicht hat, der sich auf die Wasserversorgung dieser Ortschaft bezieht.

In diesem Artikel wird berichtet, dass die Provinz Chubut, in Vereinbarung mit den Behörden von Puerto Pirámides, im März 2010 ein Ausschreiben zur Verlegung einer 30 km langen Pipeline eingeleitet hat, um die Ortschat mit Wasser zu versorgen. Man könnte sagen: Na, endlich!.

ABER: Die Halbinsel Valdés, auf der sich dies abspielte, wurde im Jahr 2000 von der UNESCO als Naturerbe der Menschheit erklärt. Das bewegte selbstverständlich die Naturschützer, vehement gegen den Bau dieser Wasserbeförderung zu protestieren. Sie behaupten, dass man das Ökosystem der Region nicht gefährden dürfe, nur um eine Ortschaft mit (heute) 600 Einwohnern, die bestrebt ist, vom Tourismus zu profitieren, durch solch einer suspekte Einrichtung zu begünstigen.

Sie bestehen darauf, dass Puerto Pirámides weiterhin mit Wasser versorgt werde, das mit Tanklastwagen von der etwa 100 km entfernten Hafenstadt Puerto Madryn transportiert wird.

Wann und ob überhaupt die Pipeline gebaut wird, steht immer noch in den Sternen...

* Um die Nummern zwei und drei nicht zu verwechseln, wird die zwei im Militärjargon mit zwo ersetzt. In der spanischen Sprache gilt ähnliches für die drei. Man sagt deshalb tri für tres