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Wasser… MARSCH!

In meiner Erinnerungsgeschichte Karneval und KarussellWasserkarneval auf den Straßen von Buenos Aires hatte ich schon den Wasserkarneval auf den Straßen von Buenos Aires (meiner Geburtsstadt) erwähnt.

Jetzt erinnere ich mich zusätzlich an eine heikle Episode, die ich in meiner Kindheit (etwa 6-8 Jahre alt) zur Karnevalszeit erlebt habe. Und zwar eine regelrechte Wasserschlacht mit meinen Nachbarmädchen, der rothaarigen Yolanda und der brünetten Iride, beide italienischer Abstammung.

Neben meinem Elternhaus wohnte nämlich eine italienische Familie. Der Vater, Don Alfonso, war Schneider, und seine Frau, die kaum etwas Spanisch sprach, kümmerte sich grundsätzlich um den Haushalt. Ihr Sohn Pepe war schon etwas älter und im Gegensatz zu seinen Schwestern machte er an den Wasserspielen nicht mehr mit. Die Wohnung dieser Familie lag im Obergeschoss, das durch eine steile Treppe direkt von der Straße aus erreichbar war.

An einem Karneval-Dienstag in den frühen 30er Jahren spielte ich mit den Mädels vor unserem Haus, wobei wir uns gegenseitig mit Wasserbomben (mit Wasser gefüllten Gummiballons) bewarfen. Wer flink genug war, konnte den entgegenkommenden Bomben ausweichen und bekam lediglich einen Spritzer an den Beinen ab, als die Ballons auf dem Trottoir zerplatzten.

Die in Eimern mitgebrachte Munition ging bald aus und man musste neue Gummiballons mit Wasser füllen. Eine langweilige Prozedur... Schließlich griff man einfach nach wassergefüllten Eimern, um die Schlacht weiter zu führen.

Dieses hatte natürlich einen Haken: man musste immer wieder zum Wasserhahn zurück laufen, um den Eimer zu füllen. Ich benutzte eine Pause, in der meine Kontrahentinnen ihre Eimer nachfüllten, um unseren Gartenschlauch auszurollen. Dann wartete ich an des Nachbarn Haustür auf die Mädels. Als diese ahnungslos auf der Straße erschienen, empfing ich sie mit einem starken Wasserstrahl und spritzte sie von oben bis unten nass.

Erschreckt ließen sie ihre Eimer fallen und liefen kreischend davon. Die Brünette die Straße entlang und die Rothaarige die Treppe hinauf in ihre Wohnung zurück. Ich verfolgte die Letzte und hielt den Wasserstrahl direkt auf ihren Po gerichtet. Als sie oben ankam, erschien schon ihr Vater, der in seiner Werkstatt das Getöse vernommen hatte. Als er das überschwemmte Treppenhaus erblickte, kochte er vor Wut und raste die Treppe hinunter und schrie: Du Lümmel, wenn ich dich erwische, schlage ich dich grün und blau!

Während er mich verfolgte, zog er seinen Gürtel aus den Hosenschlaufen und schwenkte ihn durch die Luft mit der Schnalle am losen Ende. Ich rannte um mein Leben in das Elternhaus zurück. Als ich im Vorgarten ankam, merkte ich, dass die Haustür ins Schloss gefallen war und ich klingeln müsste, damit meine Mutter mir den Eingang freimache. Dafür hatte ich aber keine Zeit!

Von der Angst getrieben, schlüpfte ich in die im Garten stehende Hundehütte. Dort schlief nachts unser Dobermann Rex. Tagsüber blieb er im Hinterhof eingeschlossen, um die Lieferanten nicht zu verscheuchen. Schnell verkroch ich mich hinter den Lappen, auf denen der Hund sonst schlief.

Als der wütende Italiener den Vordergarten betrat, beobachte ich durch eine Lücke meines Verstecks wie er auf die Hundehütte zukam. Ich hielt den Atem an und mein Herz klopfte wie verrückt. Aber er ging vorbei, ohne mich entdeckt zu haben. Er wollte lediglich den Wasserhahn zudrehen, an dem der Schlauch befestigt war. Dann suchte er noch einige bange Minuten lang nach mir und ging schließlich frustriert in seine Wohnung zurück.

Ich wartete noch eine Weile zitternd in der stinkenden Hundehütte, um sicher zu sein, dass er wirklich meine Verfolgung aufgegeben hatte. Dann kroch ich vorsichtig an die frische Luft und lief rasch zu meiner Mutter. Junge, wo bist du bloß gewesen! schrie sie auf, als ich schmutzig und übel riechend vor ihr stand. Du kommst sofort in die Badewanne und dann ziehst du dir reine Wäsche an!.

Als ich ihr beichtete, was geschehen war, fügte sie hinzu: Ein Glück, dass dein Vater nicht zu Hause ist und nichts von deinem Unfug erfährt.

Danke Mutti.

Das war meine erste und letzte große Wasserschlacht.