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Badevergnügen am Rio de la Plata

Mein Elternhaus im Stadtviertel Villa Devoto von Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires war Treffpunkt von Verwandten und Freunden, die gerne die Gastfreundschaft meiner Mutter genossen.

Meine Mutter hatte nie ausreichend die spanische Sprache beherrscht und ist deswegen kaum aus dem Haus gekommen. Dagegen freute sie sich immer, wenn sie Besuch bekam. Einer der häufigsten Besucher war Ingenieur Landau, ein Kollege meines Vaters. Er war für uns Kinder etwas Besonderes - er war Junggeselle. So betonte es immer meine Mutter, wenn er kam, und sie sagte: Der Arme hat ja niemand, der für ihn kocht.

Wir alle nannte ihn nur Herr Landau. Er war etwas jünger als mein Vater, immer elegant angezogen, hatte gute Manieren und brachte meiner Mutter meistens Blumen oder Bonbons mit. Er war der Taufpate meiner Schwester und beschenkte sie oft mit Spielsachen. Auch ich bekam öfters etwas ab.

Wenn er sich im Wohnzimmer mit meinem Vater unterhielt, rauchte er ganz exklusive Zigaretten. Ich bewunderte seine Zigarettenschachteln, auf denen ein Kamel abgebildet war. Er erzählte mir, dass diese flachen und mit goldenem Mundstück versehenen Zigaretten aus Ägypten stammten und dessen Tabak ein viel feineres Aroma als der übliche Virginiatabak verbreite. Mein Vater war kein begeisterter Zigarettenraucher, er bevorzugte seine Pfeifen.

In den 30er Jahren - ich war etwa 10 oder 11 Jahre alt - ging ich in der Sommerferienzeit zweimal in der Woche in den Club Villa Devoto zum Schwimmen. Das Schwimmbecken war 33,33m lang und ich schwamm 30-mal die Länge - nicht weniger als 1000m - in einem Zug. Natürlich hatte ich danach einen riesigen Hunger. Kein Wunder, dass ich dann beim Wirt des Clubhauses (einem Deutschen), ein Dutzend  belegte Scheiben Schwarzbrot mit Roastbeef und ein großes Glas Milch vertilgte. Das langte wenigstens, bis ich wieder zu Hause war und von meiner Mutter ein ordentliches Mittagsessen bekam.

Herr Landau wusste von meiner Begeisterung fürs Schwimmen und lud mich mit meinem Vater zu einem Badevergnügen am Rio de la Plata ein. Wir fuhren an einem Sonntag in seinem Auto nach Vicente Lopez, einem nördlich von Buenos Aires gelegener Vorort. Hier hatte sich am Flussufer ein vornehmer Badeort etabliert mit Umzugsräumen, Duschen und einer komfortablen Confitería, die sogar über eine Tanzfläche verfügte.

Schnell schlüpfte ich in meine Badehose und rannte zum Strand hinunter. Mein Vater gab mir noch den Rat, nie die Orientierung zu verlieren! Beide Herren setzten sich gemütlich auf ihre Strand-Stühle und genossen einige Drinks.
Ich beobachte vorerst die große Wasserfläche und suchte nach einem Zielpunkt für meine Schwimmtour. Da sah ich sie schon, die große Boje, etwa in der Mitte der Bucht, in der unser Badeort sich befand. Ich schätzte die Entfernung auf etwa 700m und dachte mir, Das schaffst du ohne weiteres. Ich plante nämlich, mich an der Boje festzuhalten, um auszuruhen bevor ich zurück schwamm.

Ich gab meinem Vater Bescheid und watete in den Fluss, bis ich genug Tiefgang hatte, um schwimmen zu können. Bald merkte ich, dass hier ganz andere Bedingungen als im Schwimmbecken herrschten. Als erstes spürte ich unerwartete Strömungen, und die kleinen Wellen nahmen mir zeitweise die Sicht auf mein Ziel. Immer wieder musste ich den Kurs korrigieren, um die Boje nicht aus den Augen zu verlieren. Auch das schlammige Wasser, das in meinen Mund beim Einatmen eindrang, war alles andere als angenehm.

Schließlich erreichte ich die Boje. Aber hier erlebte ich meine erste große Enttäuschung des Tages! Die Tonne schwankte fürchterlich und war total mit Moos bedeckt. An der glitschigen Oberfläche war es unmöglich sich festzuhalten. Die Metallgriffe, mit denen diese Bojen versehen sind, befanden sich viel zu hoch, um von meiner Position aus erreicht zu werden. Also blieb mir nichts anderes übrig als zurückzuschwimmen, ohne die geplante Pause einzunehmen.

Ich sah mich um und merkte mit Schrecken, dass ich am entfernten Strand keinen Anhaltspunkt erkennen konnte. Also schwamm ich Richtung Ufer  ohne zu wissen wo ich endlich landen würde. Da ich schon ziemlich erschöpft war versuchte ich so viel Energie wie möglich zu sparen.

In gemessenen Abständen legte ich mich auf den Rücken mit ausgestreckten Gliedern, atmete tief und langsam und ließ die archimedischen Auftriebskräfte auf mich wirken. Nach einer Weile auf dem Wasser  schwebend hatte ich dann genügend Kraft gespart, um eine weitere Strecke schwimmend  hinzulegen bis zur nächsten Verschnaufpause.

Als ich endlich Grund unter meinen Füßen fühlte, konnte ich zwar langsam bis zum Strand gehen, wusste aber überhaupt nicht, wo ich mich befand. Ich wanderte am Ufer entlang in der Hoffnung unseren Badeort zu finden. Ich hatte Glück — oder war es mein Pfadfinderinstinkt? — Bald erkannte ich das Gebäude, in dem mein Vater auf mich wartete.

Jedoch, etwas stimmte da nicht!

Der Strand war verschwunden und das Wasser reichte bis weit hinter die Anlagen. Erst jetzt wurde mir klar, dass das ganze Gebäude auf Pfähle gebaut war, offensichtlich um von der Tide verschont zu bleiben. Mein Vater und Herr Landau hatten sich inzwischen in die Confitería zurückgezogen, um etwas zu essen.
Junge, wo bist du so lange gewesen? - war die Begrüßung meines Vaters. Bei ein Paar Bratwürstchen und einer Flasche kaltem Naranjín erzählte ich ihm von meinen Strapazen und begab mich dann rasch in den Umzugsraum — ich wollte so schnell wie möglich nach Hause.

Aber jetzt kam erst die größte Überraschung! Als wir das Auto aufsuchten, fanden wir es bis an die Fenstern im Wasser stehen. Herr Landau hatte es nämlich  in Unkenntnis der Gezeitenbewegungen des Flusses  schön in den Schatten des Gebäudes geparkt…

Also mussten wir die Rückfahrt mit der Eisenbahn antreten. Zum Glück befand sich die Station Vicente Lopez unmittelbar am Badeort. Leider führte aber diese Zuglinie, wie die meisten in Argentinien, direkt nach Retiro — das Eisenbahn Terminal der Hauptstadt. Von hier aus mussten wir auf eine andere Linie umsteigen, um zu unserem Wohnort zu gelangen. Eine sehr lange Reise…!

Meine Mutter merkte sofort, dass mit mir etwas nicht stimmte. Sie legte ihre Hand auf meine Stirn und sagte: Du hast ja Fieber!. Sie steckte mich sofort ins Bett und packte mich in kalte Tücher. Mein vom Sonnenbrand gerötetes Gesicht rieb sie mit einer Salbe ein und für die Bauchschmerzen bekam ich Tee zu trinken. Ich wurde auf strikte Diät gesetzt und durfte drei Tage nicht in die Schule gehen. Ein schäbiger Abschluss eines Badevergnügens! Da war mir das Schwimmen im Sportverein viel lieber.

Herrn Landau ging es auch nicht besser. Er holte am nächsten Montag sein Auto in Begleitung eines Mechanikers ab und ließ es in einer Werkstatt gründlich überholen. Ich möchte heute noch nicht daran denken, was ihn dieser Spaß gekostet hat…