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Auf einsamem Posten

In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war ich dem Deutsch-Argentinischen Pfadfinder Korps (Boy-Scouts Argentinos de la Colectividad Alemana) beigetreten. Wir trafen uns mehrmals in der Woche im Haus eines Kameraden (Lito) wo wir über unseren Übungsplatz (großer Garten) und Schwimmbecken verfügten.

Anders als bei den hiesigen Scouts, die eine katholische und paramilitärische Schulung bekamen, wurden wir nach den Regeln des deutschen Pimpf- Konzepts ausgebildet. Wir übten uns grundsätzlich in den verschiedenen Sportarten und praktizierten auch Geländespiele. Außerdem lernten wir den Umgang mit dem Luftgewehr und übten das Scheibenschießen. Im Schwimmbecken wurde Rettungsschwimmen trainiert und Wasserspiele ausgeführt. Auch lernten wir Mundharmonika spielen.

Aber die eigentliche Ausbildung bekamen wir auf dem freien Gelände, außerhalb der Stadt. Wir fuhren mit der Bahn bis zur Ortschaft Merlo in der Provinz Buenos Aires. Auf dem Bahnhof stellten wir uns in Marschkolonne auf, in voller Uniform und mit gepacktem Rucksack ging es dann los ins Freie.

Mit Gesang marschierten wir die Feldwege entlang, bis wir an unserem ausgesuchten Lagerplatz ankamen. Dieser lag an einem kleinen Fluss und war von einem Wäldchen umgeben. Eine ideale Lage, die in der Provinz Buenos Aires selten zu finden ist. Aber dafür waren wir ja eben Pfadfinder.
Sofort wurden uns die verschiedenen Aufgaben zugeteilt, die zum Aufbau eines Zeltlagers nötig sind. Eine Gruppe begann die Latrine und das Abfallloch auszugraben. Andere bereiteten die Feuerstelle vor und die meisten bemühten sich, die Zelte aufzubauen. Jeder von uns trug auf seinem Rucksack eine gefaltete Zeltbahn. Diese war mit Knöpfen und Knopflöchern versehen, so dass die einzelnen Bahnen zu einem Zelt zusammen geknöpft werden konnten. Zum Aufbauen benötigte man die Stangen, Spannschnüre und Spanner, die mit den Heringen am Boden befestigt wurden. Rund um das Zelt wurde dann ein Regengraben ausgehoben, das Innere des Zeltes mit Heu ausgelegt und fertig war die Unterkunft!

Für die Zeltbahnen hatten wir noch eine Anwendung, nämlich um eine Schnellbrücke über den Fluss zu bauen. Man knöpfte jede Zeltbahn (etwa 1 x 1 m groß) zu einer Art Kissen zusammen und füllte dieses mit Heu aus. Dann wurde jedes Kissen mit einer Schnur verbunden, sodass sich eine Kette bildete, die sich durch einen Schwimmer bis zum anderen Ufer des Flusses ziehen ließ. Diese Kette wurde an beiden Enden an Bäume befestigt und so entstand eine schwimmende Brücke. Jedes dieser Kissen war für sich schwimmfähig, wenn es nicht belastet war. Also, wenn man schnell genug über diese Kissen rannte, ohne das ganze Körpergewicht auf ihm ruhen zu lassen, konnte man trocken den Fluss überqueren. Aber dass muss mal erst geübt werden. Dafür waren wir ja auf Manöver

In den je zwei Wochen, die diese Lager dauerten, lernten wir die für uns Jungens spannenden Sachen kennen: Spurenlesen, Knoten und Schlingen herstellen, sich im Gelände tarnen, Erste Hilfe und Wundversorgung, Mutproben und so vieles, was einem echten Kerl das Herz höher schlagen ließ. Besonders schön war es abends am Lagerfeuer zusammen zu singen. Alte Lieder wie: Märkische Heide.., Oh du schöner Westernwald..., Wildgänse ziehen durch die Nacht.. und noch so viele andere summen mir heute noch im Kopf herum.

Aber es gab auch Momente, wo man sich dachte, man wäre doch lieber zu Hause geblieben!
Eines Abends wurde ich zur Nachtwache eingeteilt. Ich musste um 12 Uhr meinen Posten außerhalb des Lagers antreten, um dort zwei Stunden lang aufzupassen, dass niemand den Pfad, der zu den Zelten führte, passiere. Es war eine sehr dunkle Nacht und zwischen den Bäumen hatte sich etwas Nebel gebildet. Mitten in der Stille hörte ich allerlei Geräusche, die ich nicht genau zu orten vermochte. Um meine Angst zu überwinden, dachte ich an meine Kameraden, für die ich die Verantwortung übernommen hatte, sie vor jeder Gefahr zu schützen. Morgen würde ein anderer dasselbe für mich tun.

Ich versuchte meine Augen an die umgebende Dunkelheit anzupassen und lauschte gespannt auf jedes Geräusch. Die Minuten vergingen unendlich langsam und es wurde mir immer unheimlicher.
Plötzlich bewegte sich etwas zwischen den Bäumen. Ich hielt den Atem an und versuchte, die verdächtige Gestalt zu identifizieren. Nach einer Weile, kam der Schatten langsam auf mich zu.
Ich wusste nicht, ob ich Alarm rufen oder erst den Eindringling zur Rede stellen sollte.

Ich versuchte es mit einem Halt, nicht weitergehen!. Der Verdächtige blieb tatsächlich stehen, sagte aber kein Wort. Dann begann er wieder langsam weiterzugehen und näherte sich auf gefährliche Weise. Ich dachte mir: Der glaubt, ich kann ihn im Dunkel nicht sehen und versucht, mich nun hinterlistig anzugreifen. Ich hatte schon die Hand auf den Griff meines Dolches gelegt und war entschlossen, mich gegen den Unbekannten zu wehren, ...als ich die Hörner sah!

Der Schatten entpuppte sich als eine harmlose Kuh, die auf dem Weg zum Fluss war, um ihren Durst zu löschen...! Ich trat zur Seite und ließ sie langsam an mir vorbei spazieren.

Erleichtert atmete ich auf und bald war schon meine Wache zu Ende. Dem Kameraden, der mich ablöste, meldete ich:  Übergebe Posten ohne Vorkommnisse.