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Die gescheiterte Abschlussfahrt

Ende 1943 stand ich kurz vor dem Abschluss meines Studiums als Schiffsbauingenieur (naval architect). Das heißt, ich musste noch die Schlussprüfungen absolvieren und anschließend eine Diplomarbeit, bestehend aus dem Entwurf eines Schiffes und  der Erstellung einer technischen Spezifizierung für dessen Bau, inklusive der Herstellung eines dazugehörenden Halbmodells aus Holz,  fertigen.

Schon Monate zuvor hatten meine Kommilitonen und ich uns entschlossen, eine Abschlussreise zu organisieren als Belohnung für unsere Anstrengungen. Jedoch wollten wir nicht, wie es bei Absolventen anderer Studiengängen üblich war, ins Ferienparadies Bariloche, am Fuße der Anden, fahren, sondern eine Seereise antreten, um unsere theoretischen Kenntnisse in der Praxis weiterzuentwickeln. Wir wollten erfahren, wie ein Schiff, für dessen Bau wir ja in Zukunft verantwortlich sein würden, sich auf hoher See verhält.

Also setzten wir uns mit verschiedenen Reedereien in Verbindung, um für uns eine günstige Schiffsreise zu ergattern. Wir bekamen lediglich von der staatlichen Reederei YPF - die mit ihren Tankschiffen den Schiffsverkehr zwischen Buenos Aires und dem Ölterminal Comodoro Rivadavia in der südlichen Provinz Santa Cruz betrieb - ein Angebot: uns in kleineren Gruppen an Bord zu nehmen.
Wir hätten nur für Speise und Getränke aufzukommen müssen.

Um unsere Eltern nicht mit den Reisekosten zu belasten, überlegten wir, wie wir uns das nötige Kapital beschaffen könnten. Die rettende Idee war, ein Kinofestival zu organisieren. Einer von uns hatte nämlich einen Verwandten, der Geschäftsführer  eines Kinos in Buenos Aires war und uns den Saal günstig zur Verfügung zu stellen bereit war. Er bot uns an, das Cine Gran Rex einen Montag - an dem es sowieso keine Vorstellung gab - zu unserem Nutzen zu betreiben. Wir hätten lediglich die laufenden Kosten (Licht, Steuern, Vorführung, usw.) zu begleichen. Die Kosten für Miete des Saales und der Verleih der Filme blieben uns erspart.

Das Gran Rex Kino ist auch als Theater ausgestattet und befindet sich im Stadtzentrum, knappe 200 Meter vom Obelisk — dem Wahrzeichen von Buenos Aires — entfernt gelegen. Mit seinen 3.300 Sitzplätzen ist es das größte Schauspielhaus Argentiniens und ähnelt dem Radio City von New York. Wir hatten uns schon viel vorgenommen, einen so großen Saal zu füllen. Aber zurzeit lief ja der Hollywood-Schlager Piraten der Karibik mit Mickey Rooney und da es damals noch kein Fernsehen gab, war  zu erwarten, dass uns sogar an einem Montag das Publikum nicht fehlen würde.

Wir hatten schon frühzeitig hunderte von Programmen drucken lassen, um den Vorverkauf zu unterstützen. Der Druck dieser Programme wurde mit Werbung finanziert. Hiermit machte ich meine ersten Erfahrungen bei der Akquisition von Annoncen. Ich besuchte hauptsächlich Firmen, die mit der Zulieferung der Schiffsbauindustrie zu tun hatten, da diese ja das beste Verständnis für unser Projekt haben würden. Mein erster Kunde war natürlich mein Taufpate Guillermo Heyer, der eine Vertretung von deutschen Bordaggregaten hatte. Als ich seine Geschäftsräume betrat, wurde ich schon von einem Schild eingeschüchtert, auf dem stand: Keine Spenden - Keine Werbung.

Er begrüßte mich sehr freundlich mit den Worten: Na, mein Junge, was kann ich für dich tun?
Das gab mir den Mut, ihn auf sein Schild hinzuweisen und zu fragen: Gilt das auch für mich?
So war das Eis gebrochen, und ich konnte erfolgreich meine erste Annonce buchen.

Der Kartenvorverkauf lief gut und am Vorstellungstag kamen viele Besucher ins Kino. Zwar bekamen wir den großen Saal nicht ganz voll, aber die Anzahl der Kinobesucher war befriedigend und wir kassierten eine erhebliche Summe von Pesos ein.
Am Tag der Vorführung übten wir undenkbare Tätigkeiten aus. Wir bedienten die Kasse, kontrollierten die Eintrittskarten, amtierten als Platzanweiser und übernahmen die ganze Aufsicht über den Kinobetrieb. Eine ganz neue Erfahrung für uns jugendliche Studenten!

Wir hatten nun die Genehmigung der Schiffslinie und besaßen das nötige Geld für unsere geplante Abschlussreise. Mit einem hatten wir aber nicht gerechnet: in Europa tobte ja ein Krieg, der sich  zu einem Weltkrieg ausgeweitet hatte.  Die Schiffsrouten wurden immer gefährlicher, überall wurde von drohenden U-Booten berichtet.

Infolgedessen entschloss sich Argentiniens Regierung, besondere Wachsamkeit auf Schiffen  unter argentinischer Flagge anzuordnen. Ganz besonders wurde  verboten, unbefugte Passagiere  an Bord zu nehmen.

Das bedeutete das Aus für unsere Schiffsreise! Auf eine andere Art von Abschlussreise hatten wir — auf Grund der internationalen Lage — auch keine Lust mehr. Also beschlossen wir, das Geld unter uns zu verteilen und es als ein bescheidenes Startkapital für unsere Karriere zu betrachten.

Schließlich hatten wir ja gemeinsam eine schöne Erfahrung gehabt und jeder kümmerte sich nun um seine eigene Existenz in diesen schweren Zeiten.