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Schießübung auf dem Achterdeck

Ende Juni 1980 segelte das argentinische Schulschiff Libertad durch die Karibik. Ich begleitete das Schiff als Berichterstatter der Armada Argentina im Rang eines Kapitänleutnants.

Als wir die imaginäre Linie, die nördlich das Bermudadreieck begrenzt, passiert hatten, nahm die ruhige Fahrt plötzlich ein Ende. Ein steifer Wind mit Stärke 7 blies gegen die Luv-Windvierung des Schiffes (schräg von hinten) und wir gerieten in eine Kombination von Roll- und Stampfbewegung, die das normale Leben an Bord völlig unmöglich machte. Gewaltige Brecher rauschten über das Deck, sodass sich nur die unbedingt benötigten Männer dort aufhalten durften.

Es wurde Y Zustand befohlen, d.h. alle Schotten mussten dicht gemacht werden. Dadurch vermeidet man nicht nur den Wassereinbruch in das Schiffsinnere, sondern man trägt mit dieser Maßnahme auch zur Versteifung der ganzen Schiffsstruktur bei.

Durch die Sprechanlage wurde aufgefordert, dass diejenigen, die nicht unbedingt Dienst zu leisten hätten, sich auf die Koje legen sollten, um nicht durch das starke Rütteln verletzt zu werden. Ich harrte also stundenlang auf meiner Koje aus, mit dem Rücken zur Wand. Da ich beide Hände brauchte, um mich festzuhalten, hatte ich keine Gelegenheit zum Lesen. Also eine nicht ganz angenehme Art zu reisen.

Aber alles geht mal vorbei und so auch das schlechte Wetter. Am Nachmittag konnten wir uns wieder an Deck aufhalten und von der Sonne bräunen lassen. Ansonsten ging die Tagesroutine ununterbrochen weiter: Übungen, Schreibarbeiten, Studien und Konferenzen.

Zur Abwechslung organisierten die Offiziere eine Schießübung auf dem Achterdeck. Zu diesem Zweck wurde eine auf einem Karton montierte Zielscheibe unter dem Besanbaum aufgehängt. Es war gar nicht so einfach, auf dem bewegten Deck das im Winde wackelnde Ziel mit der Colt .45 Pistole (eine in Argentinien hergestellte Dienstwaffe der Streit-und Sicherheitskräfte) zu treffen.

Einige gut ausgebildete Offiziere durften auch mit der Halcon Maschinenpistole (9mm) versuchen, ein über Bord geworfenes schwimmendes Ziel zu versenken. Beim Scheibenschießen waren einige nicht besonders militärisch gedrillte Offiziere (Ärzte, Anwalt und Zahlmeister) ziemlich böse dran. So mancher Schuss ging in die Reling oder verfehlte knapp das teakbeplankte Deck.

Der Zweite Kommandant wollte sich auch über den Korrespondenten lustig machen und bot mir an, am Turnier teilzunehmen. Ich erinnerte ihn höflich daran, dass laut der Genfer Konvention, Kriegsberichterstatter keine Waffen tragen und dementsprechend auch keinen Gebrauch davon machen dürften. Er nahm meine faule Ausrede nicht an und forderte mich heraus, ihn beim Schießen zu übertrumpfen. Dann würde er meinen Antrag  genehmigen, beim nächsten Landgang Washington besuchen zu dürfen. Normalerweise ist  es nicht gestattet, sich mehr als 150 km vom Schiff zu entfernen.

Ich hatte noch nie mit einer Colt Pistole geschossen. In meiner Wehrpflichtzeit erfolgte die Schießausbildung an einem Mauser 98er Karabiner und nur einmal hatte ich die Gelegenheit gehabt, mit der Walther-7,65 Pistole meines Vaters auf Silhouette zu schießen. Aber der Ehrgeiz und die Aussicht auf einen Extrapreis machten mir Mut und ich leerte das Magazin auf die Zielscheibe. Anfängerglück! Ich schlug meinen Vorgesetzten um einen Punkt. Er war nicht sehr glücklich darüber, aber er hielt sein Wort, und mein Traum, während unseres New York Aufenthaltes einen Abstecher nach Washington DC machen zu können, ging in Erfüllung.