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Die Asche meiner Tante

Die Beziehung zwischen meiner Tante Lisa und mir waren meistens alles außer rosig. Tante Lisa war die jüngere Schwester meiner Mutter und sie wohnte unweit unseres Hauses im Stadtviertel Devoto der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. In den 1930er Jahren war sie noch ledig und besuchte uns öfters. Ich mochte sie nicht besonders, da sie, im Gegensatz zu meiner liebenden Mutter, wenig Verständnis für meine Jugendstreiche hatte.

Jedes Mal, wenn ein deutsches Schiff den Hafen von Buenos Aires anlief, ging sie an Bord, um an den Tanzabenden teilzunehmen und so deutsche Herren kennenzulernen. Ich erinnere mich, des Öfteren den Namen eines Schiffes gehört zu haben, die Cap Arcona.

Eines Tages kam Tante Lisa, elegant gekleidet und mit neuer Frisur, in unsere Wohnung. Sie erwartete einen Herrn, mit dem sie sich am Abend zuvor auf dem Schiff verabredet hatte. Mit meinen 6 Jahren merkte ich, dass sie sehr aufgeregt war und mir kaum ihre Aufmerksamkeit schenkte. Ab und zu hörte ich sie seufzen, indem sie sagte: Wann kommt bloß dieser alte Esel?.

Endlich klingelte es, und ich rannte zur Tür, um den Gast hereinzulassen, während Tante Lisa sich noch schnell vor dem Spiegel die Lippen retuschierte. Vor mit stand ein stattlicher Mann mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand. Er zog seinen Hut und fragte höflich: Wohnt hier Fräulein Kuhn? Ich antwortete prompt: Ja, es ist meine Tante und sie fragt schon dauernd, wann der alte Esel kommt An seinem Gesichtsausdruck merkte ich, dass etwas nicht stimmte.

Er übergab mir die Blumen und sagte: Gib sie deiner Tante und sage ihr, dass ich mich sehr gefreut habe, mit ihr gestern getanzt zu haben. Und schon war er fort. Stolz übergab ich meiner Tante den Blumenstrauß und erzählte ihr, was ich mit dem Onkel an der Tür geplaudert hatte. Ich konnte nicht verstehen, warum sie plötzlich auf mich so wütend war. Es kam mir vor, als wollte sie mich umbringen. Lange Zeit verging, bis sie wieder mit mir ein Wort gesprochen hat.

Einige Jahre später unternahm sie eine Reise nach Deutschland, um, wie mein Vater mir verriet, einen Mann zu angeln. Als sie zurück kam, war sie tatsächlich in Begleitung eines Ehemannes, mein Onkel Arthur Merkel, ein Buchdrucker aus Leipzig. Sie bezogen eine Wohnung im Stadtviertel Belgrano und eröffneten eine Druckerei in Palermo.

Mit Onkel Arthur habe ich mich immer gut verstanden und in den Teenagerjahren habe ich viel von ihm gelernt. Hauptsächlich was die Druckereikunst anbelangt. Als er seinerseits ein Motorboot kaufen wollte, suchte er meinen Rat, da ich auf diesem Gebiet die besseren Fachkenntnisse hatte. So ergänzten wir uns gegenseitig.

Wie ich schon in meiner Erinnerungsgeschichte Heidi erwähnte, verursachte mir dieses Motorboot noch weiteren Ärger mit meiner Tante. Auf einem Angelausflug schoss ich auf einen Fisch, den meine Tante schon fast am Haken hatte. Wieder eine lange Funkstille…

Nach einer kurzen Erkrankung starb Onkel Arthur und Tante Lisa reiste nach Berlin, um sich dort von ihrem Kummer bei ihrer Schwester Margot zu erholen. Als sie zurückkam, machte sich bei ihr ein altes Nierenleiden bemerkbar und sie musste operiert werden. Sie hat sich von dieser OP nie wieder erholt und landete schließlich in einem Altenheim.

Da ich beruflich kaum Zeit dafür hatte, musste sich meine Frau um die Tante kümmern. Sie besuchte sie regelmäßig im Heim und verwaltete mittels einer Vollmacht ihr Guthaben. Der Zustand Tante Lisas verschlechterte sich immer mehr und sie äußerte den Wunsch, nach ihrem Tod eingeäschert zu werden. Auch wünschte sie sich eine Seebestattung, damit ihre Asche irgendwann auf dem Wasserwege in die Heimat gelange. Leider war dies damals in Argentinien nicht möglich, aber wir versprachen ihr, ihre Wünsche zu erfüllen. Da sie keine Kinder hatte, waren wir ihre nächsten Verwandten.

Eines Tages, als meine Frau die Tante im Heim besuchen wollte, erfuhr sie, dass diese eine Stunde zuvor tot in ihrem Bett aufgefunden worden war.
Nun hatten wir die Verantwortung, ihren Wünschen nachzukommen. Die Angelegenheit mit der Feuerbestattung konnte ohne Weiteres erledigt werden. Allerdings musste ich als Zeuge den Verbrennungsprozess miterleben. Eine makabre und äußerst unangenehme Erfahrung.

Zur Sache Seebestattung suchte ich den Rat der evangelischen Kirche. Leider bekam ich keine große Hilfe. Der Pastor deutete lediglich darauf hin, dass es im Gesangbuch der evangelischen Gemeinden des Auslandes ein Kapitel (Hausbuch) gäbe, der das Verhalten christlicher Familien in Regionen, wo es keine kirchliche Gemeinschaft gibt, berücksichtigte. Demnach kann der Hausvater kraft des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen, das die Reformation hervorgebracht hat, die Aufgabe der Kirche übernehmen, wenn es in der Gegend keinen geistlichen Beistand gibt. Dies bezog sich selbstverständlich auf das entfernte Gebiet der Provinz Buenos Aires, wo die Zeremonie stattfinden sollte.

In diesem Falle war ich das Familienoberhaupt. Also beschloss ich, die Bestattung der Asche am Ufer des Lujan Flusses, der am Gelände des Ruderclubs Teutonia vorbeifließt,  vorzunehmen. An einem Sonntag versammelte sich unsere ganze Familie — neben mir meine Frau, die beiden Töchter mit ihren Gatten und die erwachsenen Enkelkinder — zur Siesta-Zeit, unter einer Trauerweide, die uns vor den Blicken Neugieriger schützte. Ich las ein angemessenes Gebet vor und kippte anschließend die Asche behutsam aus dem Behälter in den Fluss. Es bildete sich ein grauer Staubteppich auf dem braunen Wasser, der langsam davonzog, aber bald von der Oberfläche verschwand. Der Lujan Fluss mündet im Rio de la Plata und dieser wiederum in den Atlantischen Ozean.

Theoretisch würde die Asche dann von der südatlantischen Strömung bis an die Westküste Afrikas getragen werden, um dann nach Norden bis an den Äquator zu gelangen. Von hier aus fließen die Meeresströmungen in Richtung Karibik, wo der Golfstrom seinen Ursprung hat. Wie  bekannt, überquert dieser Strom den Nordatlantik, um dann durch den Ärmelkanal die norwegische Küste zu erreichen. Auf diesem Wege kämen einige Partikeln der Asche an die Strände Deutschlands, also zurück in die Heimat.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Asche einen so strapaziösen und umständlichen Weg überstehen kann.  Aber es handelt sich ja um eine Glaubenssache. Und gerade dieser Glauben gab mir die Überzeugung, den letzten Wunsch meiner Tante erfüllt zu haben.