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Lili III

Etwa 1943 bin ich dem Ruderverein Teutonia beigetreten, um etwas Wassersport zu betreiben. Das prächtige Clubhaus lag damals dort, wo der Rio Tigre in den Lujan mündet, direkt gegenüber vom Club de Regatas La Marina. Man konnte von dort aus bequem Ausfahrten durch das Tigre Delta unternehmen. Ich studierte Schiffbau auf der Hochschule in Buenos Aires und in den Sommermonaten nahm ich mir öfters ein Wochenende frei, um mit meiner Freundin Nelida (meine heutige Frau) in einem Kajak auszurudern. Wir hatten uns gerade kennengelernt und es machte uns große Freude, ins Grüne zu paddeln, um auf einer der vielen Inseln ein Picknick zu veranstalten.

Wenn es zu warm war, erfrischten wir uns im Schwimmbecken vom Club Devoto und in kühleren Tagen besuchten wir unseren Reit- und Schützenverein Tiro al Segno. Das sorglose Freizeitvergnügen nahm leider bald ein Ende. Ich wurde zum Militärdienst eingezogen, dann kam die Nachkriegszeit mit ihren politischen Unruhen und ich musste mich um meinen Unterhalt kümmern. Schließlich wollten wir ja unsere Wohnung bauen und dann heiraten. Da blieb kaum Zeit für das Clubleben und ich trat aus den meisten Vereinen aus.

Erst im September 1985 trat ich wieder dem Ruderverein Teutonia bei. Dieser war inzwischen umgezogen, und im ehemaligen Gebäude am Rio Lujan befand sich jetzt die lokale Delegation der Küstenwache. Der Vereinsvorstand hatte sich entschlossen, die Aktivitäten des Clubs auf ein freies Gelände in der Ortschaft Benavidez, flussaufwärts vom Lujan, zu verlegen. Hier verfügte man über einen ausreichenden Parkplatz, einen von Bäumen umgebenen Grillplatz, geräumige Bootshallen, ein nettes Clubhaus und, als Neuheit, eine große Anzahl von Anlegeplätzen für Motorboote und kleinere Jachten.

Unsere beiden Töchter waren bereits Mitglieder des Clubs, da sie dort ihre r Segelboote Irminsul und PaHo untergebracht hatten. Mein Schwiegersohn Carlos hatte von einem gebrauchten Day-Cruiser erfahren, der mir sicher gefallen würde. Da der Preis stimmte und das Boot in gutem Zustand war, beauftragte ich Carlos, den Kauf abzuschließen. Wegen Zeitmangel konnte ich mich nicht selber darum kümmern.

Mir war bewusst, dass das Boot längere Zeit nicht benutzt worden war und deswegen der Volvo-Penta Antrieb womöglich überholt werden müsste. Als ich endlich meine Lili III in Besitz nahm, war ich begeistert. Auch Nélida freute sich auf den 6,80 m langen und fast 2 m breiten Tageskreuzer mit weitem Cockpit und gemütlicher Kajüte, die mit zwei Kojen und einem Pump-WC ausgestattet war. Wir überprüften alle Einrichtungen und kontrollierten, ob die Ausrüstung in Ordnung war. Jedoch war es anfangs unmöglich, den 150PS starken Motor zu starten.

Also besorgte ich mir eine neue Batterie und kümmerte mich um den Ölwechsel. Keine leichte Aufgabe, wenn man sich mitten in der Pampa befindet. Ich führte von Anfang ein ordentliches Logbuch, in dem ich alles, was an Bord geschah, eintrug. Jedes Wochenende, der selbe Eintrag: der Motor läuft nicht an!

Schließlich bat ich unseren Auto-Elektriker um Hilfe. Ich lud ihn einen Sonntag zum Grillen in den Club ein und er sah sich den Motor an. Luis war eine echte Landratte und fühlte sich an Bord völlig unbeholfen. In seiner Werkstatt hatte er es ja viel bequemer, um an die Motorteile ranzukommen Auf dem Boot war alles anders. Um an die Maschinenanlage zu gelangen, musste man sich durch eine enge Deckluke drängen. Erst dann konnte man in einem beschränkten Raum mit den Reparaturarbeiten beginnen. Dabei wackelt das Ganze andauernd!

Endlich kam der Befund: der Startmotor war defekt. Also beschloss Luis, den ganzen Anlasser auszubauen, um ihn in die Werkstatt zur Reparatur zu transportieren. Dafür brauchte er aber besonderes Werkzeug, das er erst am nächsten Wochenende mitbringen würde. Dann müsste er genau ausrechnen, wie viel Kupferdraht er benötigen würde, um die defekte Wicklung neu zu spulen. So verging die Zeit, ohne dass wir das Boot eigentlich ausfahren konnten.

Unseren Spaß hatten wir aber trotzdem. Ich inspizierte das Boot behutsam und kontrollierte, ob die Beleuchtung in der Kabine und die Navigationslichter auch gut funktionierten, ob der Bootshaken und die Schwimmwesten gut verstaut waren, ob es an Bord Leuchtraketen für den Notfall gab, ob der Kielraum gut gelüftet war, damit sich dort keine explosiven Gase bildeten, ob die Persenning sich zum Wetterschutz gut aufspannen ließ. All die wichtigen Details, auf die man auf einem Wasserfahrzeug achten muss, bemühten meine Aufmerksamkeit an jedem Wochenende. Meine Frau kümmerte sich um die Bettwäsche, Küchengeschirr, Gardinen und sonstige Einrichtungen, die das Leben an Bord gemütlich machen sollten. Wir genossen auch schöne Nachmittage mit Kaffee und Kuchen oder Bier auf unserem geräumigen Cockpit.

Inzwischen hatte mich der Sekretär  des Clubs darauf aufmerksam gemacht, dass ich zum Ausfahren einen Motorbootsführerschein besitzen müsste. Ich machte mir schon Gedanken um die vergeudete Zeit, die die Beschaffung dieses Dokuments in Anspruch nehmen würde. Eines Tages entschloss ich mich zur Marine Präfektur (Küstenwache) zu gehen, um meinen Antrag zu stellen. Ich übergab dem dienst-leitenden Offizier das Formular und dieser las es sorgfältig durch. Dann sah er mich erstaunt an und fragte: Ach; SIE sind der Herausgeber der Zeitschrift NAVITECNIA? Ich bejahte und er sagte mir prompt: Dann kommt ja eine Prüfung für Sie nicht in Frage.

Zu meinem Erstaunen erklärte er mir, dass die Zeitschrift Zwangslektüre für die Küstenwachstudenten wäre und alle Offiziere den größten Teil ihrer fachmännischen Kenntnisse der NAVITECNIA zu verdanken hätten. Also wäre es unschicklich, meine Persönlichkeit den Prüfungen zu unterziehen.

Er machte mir den Vorschlag ,zusammen einen Kaffee zu trinken, damit in der Zwischenzeit sein Assistent meinen Führerschein ausfertigen könne. Kurz danach ging ich nach Hause, mit einem Ausweis in meiner Tasche, der mich ermächtigte, eine Motorjacht von bis zu 20 m Länge zu fahren!

So unkompliziert und unbürokratisch hatte ich mir die Sache nie vorgestellt. Diese Geste habe ich allerdings nicht vergessen. Als ich 1992 auf Grund der kritischen Lage Argentiniens mich entschlossen hatte ,das Land für immer zu verlassen, vermachte ich die ganze Sammlung von NAVITECNIA der Prefectura Naval Argentina. Tausende der 45 Jahre lang angesammelten Zeitschriften wurden von zwei Lastwagen in die Zentralbibliothek der Küstenwache transportiert.

Das Verladungsmanöver vor unserem Büro verursachte sogar zeitweilige Verkehrsstörungen auf der engen Straße Alsina.

Zurück zur Lili III. Eines Tages war es soweit. Ich konnte in das Logbuch eintragen: Der Motor ist angesprungen!!!. Wir machten uns auf und davon, die vielen Flüsse des Tigre-Deltas zu erforschen. Wenn wir an einem kleineren Ruderboot vorbeikamen, drosselte ich jedes Mal den Motor so weit ab, dass unsere Bugwelle seine Stabilität nicht beeinträchtigen konnte. Schließlich bin ich ja selber Ruderer gewesen. Auch auf die Angler am Flussufer musste in diesem Sinne Rücksicht genommen werden. Ansonsten hatte wir große Freude an unserem Motorboot, das uns schnell und sicher die herrliche Umgebung erkunden ließ.

Allerdings hatte ich am Anfang einige Probleme mit der Steuerung über den Ruder-Propeller. Bei höherer Geschwindigkeit lief alles einwandfrei, aber mit weniger Umdrehungen oder sogar bei abgestellten Motor war das Boot nicht leicht zu manövrieren. Es verfügte ja über kein eigentliches Ruderblatt, da der Kurs durch die Einstellung des schwenkbaren Propellers bestimmt wurde. Also musste man sich mit der Strömung des Flusses, des Bootshakens oder der an Land befestigten Leinen behelfen, um das Boot sicher anlegen zu können. Aber mit etwas Übung war dieser Nachteil schnell behoben.

Wir verbrachten etliche schöne Momente an Bord der Lili III und fuhren auch öfters mit Familienangehörigen oder Freunden aus. Aber alles nimmt mal ein Ende. Als ich Argentinien verlassen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als mich auch von der Lili III zu trennen.

Konnte dieses aber nicht über das Herz bringen. Also bat ich meinen Schwiegersohn Carlos, den Verkauf durchzuführen…

Wenn ich jetzt, nach so vielen Jahren, die alten Bilder des Bootes betrachte, wird mir bewusst, wie sehr ich unsere liebe Lili vermisse.