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Mein Freund Pinguin

Raul hat mit mir Schiffbau studiert, wir kannten uns also schon als Studenten und unsere Freundschaft dauerte bis in die Berufsjahre hinein. Später trennten sich unsere Wege und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Aufgrund seiner komischen Gangart tauften wir ihn Pinguin und er hatte auch nichts dagegen, von allen so genannt zu werden. Er hatte einen sehr gemütlichen Charakter, eher gelassen und vielleicht auch etwas nachlässig. Trotz seiner italienischen Abstammung könnte man in ihm einen alten Schotten sehen. Seine verwegenen Augenbrauen gaben seinem Blick einen düsteren Ausdruck, sogar wenn er verschmitzt lächelnd seinen Mund nach einer Seite verzog. Im Allgemeinen war er die Ruhe selbst.

Als wir unser Studium beendet hatten, nahm ich einen Job auf einer Werft als technischer Zeichner an, während Pinguin sein Glück im Luftfahrt-Sekretariat versuchte. Nach einiger Zeit trafen wir uns zufällig und ich erzählte ihm, dass ich eigentlich mit meiner Arbeit nicht ganz zufrieden war, da die Werft, bei der ich tätig war, finanzielle Schwierigkeiten hatte und ich mir eine stabilere Laufbahn wünschte. Schließlich wollte ich ja bald heiraten. Außerdem brauchte ich gute zwei Stunden, um an meinem Arbeitsplatz zu gelangen. Zweimal mit der Bahn fahren und nach 15 minütigem Fußweg, mit dem Fährboot über den Fluss. Bei Regenwetter oder in der Winterzeit keine angenehme Angelegenheit.

Da hätte ich eine Lösung für deine Probleme, erwiderte prompt Pinguin. Da, wo ich arbeite, braucht man dringend einen Übersetzer mit technischen Kenntnissen. Das Gehalt ist wesentlich höher als das, was Du jetzt bekommst und die Arbeitszeit geht von 7 bis 14 Uhr. Außerdem befindet sich der Arbeitsplatz im Zentrum der Stadt und nicht weit draußen in der Provinz. Ein verlockendes Angebot!

Kurz danach bewarb ich mich bei der Arbeitsstelle und wurde aufgefordert, die Aufnahme-Prüfungen abzulegen. Die erste Prüfung bestand aus etlichen Übersetzungen technischer Texte von Englisch nach Spanisch. Am zweiten Tag wurde ich auf meine technischen Kenntnissen geprüft, und schließlich wurde ich noch medizinisch gründlich untersucht. Jetzt hieß es noch abwarten…

Einige Wochen später bekam ich ein Schreiben, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich die Stelle in der Division für Technische Dokumentation in der Material-Direktion der Luftwaffe bekommen hatte. Ich kündigte meinen Job bei der Werft und trat meine neuen Verantwortungen bei den Fliegern an. Zum Jahresende wurde ich dort als Beamter bestätigt. Pinguin und ich waren nun Arbeitskollegen.

Kaum hundert Meter entfernt von meinem Amt konnte ich mir ein Büro mieten, in dem ich zusammen mit einigen Kollegen — darunter auch Pinguin — meine Zeitschrift NAVITECNIA startete. Öffnungszeit war von 14 bis 18 Uhr, da ich ja vormittags woanders beschäftigt war.
Ich begann also meinen Arbeitstag, indem ich um 5 Uhr morgens aufstand, mir mein Frühstück vorbereitete, um dann gegen 6 Uhr den Trolleybus an der Ecke zu nehmen. Kurz vor 7 Uhr gelangte ich an meinen Arbeitsplatz. Nach Ende der Schicht ging ich in mein nahegelegenes Büro, um dort meine Verleger- und Chefredakteurtätigkeiten fortzusetzen. Die Arbeit dauerte meist weit bis nach 18 Uhr , sodass ich erst um cirka 20 Uhr wieder zu Hause war. Jeder Anfang ist eben schwer, aber angesichts des Erfolgs war es die Mühe wert. Damals war ich ja kaum 23 Jahre alt.

Meine Tätigkeit in der Division war sehr vielseitig. Wir hatten ja eine eigene Kleindruckerei, ein fotografisches Labor, ein heliografisches Gerät1822: Die erste lichtbeständige heliografische Kopie eines grafischen Blattes fertigt Joseph Nicéphore Niepce an. Dies geschah mit Hilfe von Asphalt auf Glas.
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Unser Kopiergerät hatte nichts mit dem Verfahren von Niepce zu tun. Es handelte sich um einen hölzernen Rahmen mit einer eingesetzten Glasplatte. Unter dem Glas wurde ein auf Transparentpapier gezeichneter Plan eingelegt und darunter ein Bogen lichtempfindliches Papier. Das rollbare und vertikal verstellbare Gerät wurde längere Zeit der Sonne ausgesetzt, dann das lichtempfindliche Papier in eine Röhre gesteckt. Im unteren Teil dieser Röhre befand sich eine Wanne mit flüssigem Ammoniak, dass verdampfte und auf die Kopie einwirkte. So entstand eine Blaupause, aber mit roten Linien auf weißem Hintergrund.
, um Pläne zu kopieren, eine Zeichnerabteilung, die Übersetzer-Abteilung, die Schreibmaschinen-Damen und eine Fachbibliothek. Im Laufe der Jahre arbeitete ich mich zum Divisionschef empor. Mein Freund Pinguin hatte inzwischen seinen Dienst quittiert und ließ sich bei den Marine-Fliegern zum Offizier ausbilden. Wir kamen also immer seltener in Kontakt.

Alles verlief routinemäßig bis zum 16. Juni 1955. Gegen Mittag wurden wir durch das Dröhnen von Turbinen der Jagdflieger überrascht. Vier Gloster-Meteor, zweistrahlige Düsenjäger, flogen flach über die Häuser gegenüber unserer Dienststelle vorbei in Richtung der Plaza de Mayo. Weiter hinten konnten wir noch andere Flugzeugtypen sehen, die auch in derselben Richtung flogen. Später erfuhren wir, dass es sich um Beechcraft AT-11 und North American AT-6 Maschinen der Marine handelte.

Uns wurde befohlen, dass alle Zivilangestellten das Gebäude sofort verlassen sollten. Das Militär wurde unter Alarmbereitschaft gestellt und ich, als höherer Beamter und Verantwortlicher einer Division, musste auch im Dienst bleiben. Ich beruhigte meine Familie am Telefon und diese hatte schon im Rundfunk erfahren, dass das Regierungsgebäude an der Plaza de Mayo bombardiert worden war und es viele Tote unter der Zivilbevölkerung gegeben hatte.

Auch wurde bekannt, dass die Marineinfanterie sich auf die Seite der Putschisten gestellt hatte. Der Angriff galt der Casa Rosada, Sitz der Regierung von General Juan Peron. Dieser hatte sich aber längst in Sicherheit gebracht und die Bomben zerstörten lediglich Teile des Regierungsgebäudes und töteten dabei einige Soldaten der Präsidentengarde. Leider gab es auch viele Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung, die zur Mittagszeit im Stadtzentrum unterwegs war.

Noch am Abend dieses Tages wurde dieser Militärputsch als gescheitert erklärt und einer der anführenden Admiräle beging Selbstmord. Nachdem die Flieger ihre Bomben abgeworfen hatten, flogen sie weiter über den La Plata Fluss nach Uruguay und baten dort um politisches Asyl.

Da ich von meinem Freund Pinguin keine weitere Nachricht bekommen hatte, vermutete ich, dass er sich unter den Asylanten befand. Tatsächlich, als im September des gleichen Jahres die Armee mit Unterstützung von zivilen Kräften die Regierung Perons stürzte, kam Pinguin aus Uruguay zurück und erzähle uns auf seine verschmitzte Art und Weise, was ihm geschehen war:
Ich meldete mich wie jeden Morgen auf meinem Fliegerhorst und bekam dort den Befehl, ein Flugzeug zu besteigen, begann Pinguin uns zu erzählen. Das Geschwader sollte auf Manöver fliegen und er als Beobachter mitmachen. Kaum hatten sich die Flugzeuge am Himmel gesammelt, kam ein Befehl per Funkspruch, der lautete: Wir befinden uns im Aufstand gegen die Regierung und unsere Aufgabe ist es, die Casa Rosada zu bombardieren.

Pinguin hatte zwar schon beobachtet, dass die Flugzeuge mit Munition ausgerüstet und mit Bomben beladen wurden, dachte aber an Übungsbomben. Als die Lage ernst wurde, blieb er ganz gelassen und genoss den Tiefflug über die Häuser von Buenos Aires. Auf einmal war alles vorbei, die Bomben waren abgeworfen und das Geschwader befand sich über dem Rio de la Plata.

So wurde ich zum Revolutionär und befand mich als Asylant in Montevideo, war der lakonische Bericht von Pinguin. Monate lang verdiente er seinen Unterhalt in Uruguay, indem er einen Kiosk mit argentinischen Süßigkeiten betrieb. Nach der Befreiungs-Revolution vom 16. September 1955, die dem Peron-Regime sein Ende brachte, wurde unser Leutnant Pinguin wieder in Rang und Würden eingegliedert. Er bekam den Auftrag, in den ersten Tagen der Revolution darauf zu achten, dass die Straßenbahnen der Stadt Buenos Aires pünktlich ihren Dienst leisteten.

Mit vier bewaffneten Marinesoldaten besetzte er die Endstation und kontrollierte penibel das Verhalten der Tramführer und Schaffner. Um seine Autorität zu behaupten, betrat er den Aufenthaltsraum mit grimmiger Mine und befahl den versammelten Straßenbahnern, die sich eifrig über die letzten Ereignisse unterhielten, sofort an die Arbeit zu gehen und pünktlich ihre Fahrzeuge in Betrieb zu setzen. Hier wird nicht weiter gefaulenzt — Verstanden?! Betonte er energisch. Dabei richteten die Soldaten ihre Waffen auf die Betroffenen. Flugs war der Raum leer. Pinguin stellte einen Wachtposten vor die Tür und legte sich bequem auf eine Bank, um seine Siesta zu schlafen. Der Rest der Soldaten bewachte indessen den Straßenbahnhof. So verging meistens seine Aktivität als (diesmal) siegreicher Revolutionär.

Wie gesagt, habe ich Pinguin später aus den Augen verloren, aber seine ganz besondere Persönlichkeit werde ich nie vergessen.