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Goldene Hochzeit

Meine Eltern heirateten in St. Petersburg am 26. Juli 1914 und ein paar Tage später saßen sie in einem Viehwaggon Richtung Sibirien, wo sie den Ersten Weltkrieg verbrachten. Infolgedessen fiel ihre Silberne Hochzeit auf den 26. Juli 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Aber da lebten sie ja schon in Argentinien und verfolgten die europäischen Ereignisse nur aus der Ferne.

Ein weiterer Hochzeitstag mit Schrecken, ereignete sich am 16. Juli 1952. Wir feierten diesen ganz normalen Jahrestag mit Musik und Getränken in unserer Wohnung in Buenos Aires. Einige Verwandte und Freunde waren zu Besuch und die Stimmung war ganz heiter. Plötzlich wurde die Musik im Radio unterbrochen, ein Trauermarsch setzte ein und eine pompöse Stimme meldete: Um 20.25 Uhr ist die Spirituelle Führerin der Nation in die Ewigkeit übergegangen. Eva Perón war ihrem Krebsleiden erlegen. Wir machten sofort die Fenster unseres Wohnzimmers dicht, damit bloß kein Licht auf die Straße dringt, feierten aber fröhlich weiter — natürlich ohne Musik.

Von der Goldenen Hochzeitsfeier meiner Eltern ist mir leider keine Erinnerung geblieben. Ich weiß nur, dass mein Vater 1964 schon schwer zuckerkrank war und zwei Jahre später daran verstorben ist. Damals machte ich mir auch überhaupt keine Gedanken über meine eigene Silberne Hochzeit, die ja noch weit voraus lag.

Aber plötzlich war sie da, unsere Silberne. Meine Frau und ich entschlossen uns, diesen Hochzeitstag gebührend zu feiern. Aber wie und wo, das war das Dilemma. Zu diesem Zeitpunkt, den 27. November 1973, befanden wir uns auf dem Gipfel unserer beruflichen Laufbahn. Unsere Zeitschrift NAVITECNIA erfreute sich einer weltweiten Anerkennung und ich hatte, durch meine vielfältigen Beteiligungen an internationalen Veranstaltungen, einen großen Kreis von Bekanntschaften aufgebaut. Also mussten wir uns für einen geräumigen Festsaal entscheiden. Wir fanden nichts Besseres als den Timon Club, wo schließlich unsere unvergessliche Silberhochzeit gefeiert wurde.

Mittlerweile hatte sich in Argentinien vieles verändert und wir fassten den Entschluss auszuwandern, um uns 1992 in der Umgebung von Hamburg (also Norderstedt) niederzulassen. Im Nu verlief die Zeit, und schon standen wir 1998 vor unserer Goldenen. Aber der größte Teil der Familie und der ganze Freundeskreis waren ja in Argentinien geblieben und es wäre furchtbar schade gewesen, ein so besonderes Familienfest alleine zu feiern.

Unsere Töchter lösten das Problem und organisierten für uns eine dreimonatige Reise in unser Herkunftsland. Noch vor der Abreise, hat uns die Stadt Norderstedt mit einer ganz persönlichen Gratulation überrascht. Wir bekamen einen Blumenstrauß, einen Geschenkkorb und zwei Urkunden — eine vom Bürgermeister und die andere von der Landesregierung — in unsere Wohnung zugestellt.

In Buenos Aires angekommen, verrieten unsere Töchter, dass sie für uns eine Zeremonie in der Deutsch-Evangelischen Esmeralda-Kirche vorgesehen hätten, die eigentliche Feier aber eine Überraschung bleiben würde.

Zur gegebenen Zeit trafen wir in der Kirche ein, wo uns schon eine unglaublich große Anzahl von Freunden und Bekannten erwartete. Für die Begleitmusik des Gottesdienstes sorgte der Posaunenchor der Temperley-Schule, dem fünf unserer Enkel angehörten. Der Pastor hatte sich, in Abstimmung mit den Töchtern, einen ganz speziellen Verlauf der Feierlichkeit ausgedacht. Meine Frau und ich wurden aufs neue getraut und mussten uns nochmals das Ja-Wort geben!

In seiner Ansprache, erwähnte der Pastor unseren Lebenslauf und lobte das 50jährige Zusammenhalten in guten und in schlechten Zeiten. Als er aber sagte, dass Ernesto schon vor seiner Hochzeit, eine Tochter zur Welt gebracht hätte, lief ein Schauer durch die Gemeinde, unter der sich eine große Anzahl von Katholiken befand. Die Schwester meiner Frau stammelte empört: Das ist doch überhaupt nicht wahr!.

Dann kam aber die beruhigende Erklärung. Der Pastor hatte nämlich meine Zeitschrift NAVITECNIA gemeint, die ich bereits 1947 gegründet hatte, und die von meinen Töchtern später als älteste Schwester empfunden wurde. Dieser Gag wurde nachher das Lachmotiv aller weiteren Feierlichkeiten.

Nach dem Gottesdienst begaben sich die geladenen Gäste in den Gemeindesaal, der unmittelbar hinter der Kirche liegt. Ein großes Willkommenschild krönte die reichlich gedeckten Tische und wir feierten nicht nur den Hochzeitstag, sondern auch ein unvergessliches Wiedersehen mit alten Freunden und Bekannten.

Dann kamen schon die Weihnachts- und Silvesterfeiern, nach langer Zeit wieder mal im Familienkreis. Von der in Deutschland üblichen Vorfreude, keine Spur. Den heißen Januar verbrachten wir in Valeria del Mar, ein Badeort südlich von Buenos Aires, am Atlantischen Ozean. Dann ein Panoramawechsel: ab ins Gebirge. Am Fuße der Anden, in der Umgebung von Bariloche, bezogen wir gemütliche Bungalows (die unserer Tochter Beatriz im time sharing gehörten).

Da wir direkt am Nahuel Huapí See lagen, veranstalteten wir herrliche Wasserfahrten mit dem Schlauchboot. Ansonsten machten wir Tagesausflüge in die zauberhafte Berglandschaft (bekannt als Argentinische Schweiz) sowie auch in die Hauptstadt San Carlos de Bari loche.

Einer dieser Ausflüge galt der traditionellen Ortschaft Colonia Suiza, ein im Gebirge gelegenes und im vergangenen Jahrhundert von Schweizer Einwanderern (aus Chile kommend) gegründetes Dorf. Hier konnte man bekanntlich allerlei Handarbeiten und Delikatessen erwerben. Wir fuhren im Auto des Schwiegersohns die steilen Gebirgsstraßen hinauf. Alles verlief normal, wenn auch etwas beängstigend. Dann mussten wir aber eine ziemlich alte Holzbrücke passieren. Wir stiegen vorsichtshalber aus und überließen dem Fahrer die Aufgabe, den schweren Passat über die knarrenden Bretter zu rangieren. Mit Handbewegungen und lauten Rufen versuchten wir dem Fahrer zu helfen, das Lenkrad richtig zu steuern, damit die Räder die Längsbretter nicht verfehlten, die von gutmeinenden Einheimischen aufgelegt worden waren. Keine leichte Angelegenheit, da die Bretter lose auf der Brücke lagen und dauernd verrutschten.

Endlich stand das Auto auf der anderen Seite und erst beim Runterschauen in die tiefe Schlucht, wurde uns bewusst, was für eine Gefahr wir überstanden hatten. Für die Rückfahrt wollten wir uns unbedingt einen anderen Weg aussuchen!

In Colonia Suiza angekommen, begaben wir uns in einen Laden, um hausgemachte Marmelade einzukaufen. Wir kamen ins Gespräch mit der Inhaberin und diese erzählte uns über ihre Vorfahren, die das Geschäft gegründet hatten. Auf diesem Bild an der Wand, sagte sie, sehen sie unsere Oma Potthoff, die über die Anden gekommen ist, um sich hier niederzulassen. Wir mussten alle lachen, als wir ihr erklärten, dass die Oma Potthoff (meine Frau) genau vor ihr stand. Über diesen Zufall haben wir noch lange geplaudert und es blieb uns eine schöne Erinnerung an die netten Leute dieser schweizerischen Kolonie.

Ein anderes Mal, fuhren wir zu einem abgelegenen Restaurant, das für seinen köstlichen Lammbraten am Stecken (Cordero al Asador) weit und breit bekannt war. Diese Art, das Fleisch zu braten, ist in Patagonien üblich. Ein ganzes Lamm wird, in der Mitte zerteilt, auf einem metallischen, mit Querstangen versehenen Spieß, aufgespannt und schräg über eine Kohlenglut in die Erde gerammt.
Zuerst werden die Rippen der Glut ausgesetzt. Nach etwa eineinhalb Stunden wird die andere Seite dem Feuer zugedreht. Nach insgesamt vier Stunden Bratzeit und öfters mit Salzwasser abgetupft, entsteht ein zartes und schmackhaftes Fleischgericht, das man erst erlebt haben muss.

Wie gesagt, lag dieses Restaurant sehr Abseits und musste für seine eigene Stromerzeugung sorgen, da es in dieser Gegend kein öffentliches Stromnetz gab. Immerhin handelte es sich um ein geräumiges, gemütlich eingerichtetes Holzgebäude inmitten einer herrlichen Landschaft. Der Wirt, ein aus Ägypten stammender Gaucho, empfing uns recht freundlich und war begeistert, uns, aus Deutschland kommende Gäste, seine Spezialitäten anbieten zu dürfen. Er war auch einmal in Deutschland gewesen und hatte von dort sogar ein ganz besonderes Erinnerungsstück mitgebracht, nämlich einen Messerschmitt. Als er meinen zweifelnden Blick sah, betonte er, ich könnte mich selber davon überzeugen, der Messerschmitt stünde in seinem Hinterhof. Ich dachte natürlich an das Jagdflugzeug von dem mir Ing. Kurt Tank viel erzählt hatte. Wir gingen alle nach draußen und, tatsächlich, da stand er, der ziemlich strapazierte Kabinenroller Marke MESSERSCHMITT!

Der Wirt erzählte uns weiter, dass er viel Spaß damit gehabt hätte, mit dem damals noch fahrtüchtigen Kleinwagen durch die Berge zu reisen, bewundert von der einheimischen Bevölkerung. Aus Mangel an Ersatzteilen und durch die normale Alterung, diente der Kabinenroller jetzt nur als Sehenswürdigkeit. Aber nun war es endlich soweit, den zarten Cordero al Asador zu genießen, selbstverständlich begleitet vom weltberühmten Rotwein aus der Nachbarprovinz Mendoza.

Natürlich durften wir den Besuch im Nationalpark Los Arrayanes nicht versäumen.  In diesem ungestörten Naturwald, in der Nähe von Villa la Angostura, kann man die 600 Jahre alten Arrayán-Bäume bewundern, die im Laufe der Zeit bis zu 20 Meter hochgewachsen sind. Durch ihre einzigartige, rötlicher Farbe sind sie ein Anziehungsobjekt für Touristen aus aller Welt.

Wenn auch außerhalb der Wintersaison, beeindruckte uns das größte Skigebiet Südamerikas am Cerro Catedral ganz besonders. Mit seinen 2.500 Metern Höhe, bietet dieser Berg zu jeder Jahreszeit einen schönen Anblick.

Mit hunderten von schönen Erinnerungen im Rucksack flogen wir schließlich im Februar 1999 nach Deutschland zurück. In Hamburg angekommen, hatte uns das übliche Schmuddelwetter wieder im Griff. Als wir unsere  Wohnung im verschneiten  Norderstedt betraten, fühlten wir uns merkwürdigerweise wieder daheim. Argentinien blieb von nun an lediglich ein Urlaubsort!