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Berührungen

Wenn ein Kleinkind ein Objekt, das sich in seinem Blickfeld befindet, weiter erkunden will, versucht es, danach zu greifen, um durch das Taktgefühl weiteres darüber zu empfinden. Auch erwachsenen Menschen gibt dieses Gefühl einen genaueren Eindruck über einen bestimmten Gegenstand. Besonders Frauen können  nicht widerstehen, an Ständern hängende Kleidungsstücke anzufassen um festzustellen, wie sich der Stoff anfühlt. Sollte aber ihr Sprössling seine Hand nach einem Spielzeug oder einer Süßigkeit ausstrecken, bekommt er sofort die Mahnung: Nicht anfassen!!

In einigen Museen wird man dagegen direkt aufgefordert, die ausgestellten Gegenstände manuell zu betätigen, um dessen Funktionen besser verstehen zu können. Das ist mir ganz besonders im Deutschen Museum von München aufgefallen, wo man chemische Vorgänge in Reagenzgläsern erzeugen oder Verbrennungsmaschinen in Gang bringen kann. Jeder Hebel oder Knopf darf betätigt werden. Auch im Musikmuseum von Trondheim durfte ich einige Instrumente berühren und sogar darauf musizieren, um die verschiedenen Tonarten wahrzunehmen. Jedoch befinden sich hier, unter den 2.000 ausgestellten Musikinstrumenten, auch mehrere Exemplare, die einen ganz besonderen historischen Hintergrund haben und von Publikum nicht berührt werden dürfen. Zum Beispiel ein Klavier, auf dem Franz von Liszt einige seiner Kompositionen konzipiert haben soll. Um den Klang dieser besonderen Instrumente wahrzunehmen, stehen den Besuchern allerdings eine Anzahl von Musikstudentinnen und -studenten zur Verfügung, die, in Regionaltrachten gekleidet, musikalische Hörproben geben.

Auch im Air and Space Museum der NASA in Washington wurden wir (meine Frau und ich mit zwei Enkeln) aufgefordert, ein außerirdisches Exponat zu berühren. Es handelte sich um einen Stein, den die ersten Astronauten nach ihrer Mondlandung mitgebracht hatten. Dieser Stein befand sich in einer kleinen Vitrine, die eine Öffnung hat, in der man seine Hand hineinstecken kann, um mit den Fingern die glatte Steinoberfläche abzutasten. Ein überwältigendes Gefühl, wenn man sich des Ursprungs dieses Fundstücks bewusst ist.

Auf meinen vielen Reisen, habe ich diverse Kunstmuseen besucht. Einige davon sogar mehrmals. Dort ist das Berühren der Exponate allerdings streng untersagt Die kostbaren Kunstwerke würden ja sonst rasch beschädigt und unwiederbringlich ruiniert werden. Unter anderen besuchte ich das Louvre Museum in Paris, das Rijksmuseum in Amsterdam, El Prado in Madrid, Victoria & Albert in London, Metropolitan Museum of Modern Arts in New York, das Kunsthistorische Museum in Wien und das Munch Museum in Oslo. Als ich mit meiner Frau die Marmorstatue der Venus von Milo im Louvre betrachtete, konnte ich der Verführung kaum widerstehen, dieses Meisterwerk zu berühren. Der strenge Blick einer Aufseherin und die unmissverständliche Geste ihrer Hand verhinderten jedoch, dass ich diese Freveltat beging. Der Körper der Venus war nämlich nicht nur hervorragend in Marmor gemeißelt, sonder auch durch das lange Liegen in einem Bach vom laufenden Wasser derartig geglättet worden, dass man den Eindruck bekommt, die Haut entspricht der einer jungen, lebenden Frau. Dies wäre aber nur durch das Berühren feststellbar. Leider: Verboten!

Ganz anders verhielt sich unser Gastgeber Professor Peter Tamm, der uns (meiner Frau, Tochter und mir) während einer exklusiven Führung durch seine Sammlung an der Elbchaussee die Gelegenheit gab, die geschmückten Stäbe von Generalfeldmarschall Erwin Rommel und von Großadmiral Karl Dönitz aus nächster Nähe zu betrachten. Die Erinnerungen an El Alamein und an die U-Boot-Rudel auf dem Nordatlantik schossen mir durch den Kopf, als ich diese einzigartigen Zepter in meinen Händen hielt. Obwohl seither schon fast zwei Jahrzehnte vergangen sind, empfinde ich immer noch eine unbeschreibliche Emotion wenn ich daran denke, dass ich derart historische Gegenstände berühren durfte.

 

Randbemerkung

Ende der 80-er Jahre kaufte der Marineliebhaber Peter Tamm das 1864 gebaute ehemalige Parkhotel Teufels­brück an der Elbchaussee, in dem schon Bismarck und Kaiser Wilhelm II. gewohnt hatten. Nach der Renovierung des Gebäudes hat er auf 3000 Quadratmetern sowie im großen Garten, der bis zum Elbufer reicht, seine einzig­artige Maritime Sammlung ausgestellt, die von einem 3000 Jahre alten Bronzeschwert bis zum 22 m langen DDR-Küstenschnellboot vom Typ Libelle reicht. Diese Sammlung beinhaltet rund 25.000 Miniatur-Schiffs­modelle, etwa 1.000 Großmodelle von allerlei Schiffs­typen, tausende von Gemälden, Büchern, Waffen und Uniformen. Die 36 Knochenschiffe werden als die größte Sammlung dieser Art weltweit anerkannt.
Diese Sammlung war nur geladenen Besuchern zu­gäng­lich, wurde jedoch vor einigen Jahren in das neu­gestal­tete Internationale Maritime Museum Hamburg (im Kaiser­speicher B) umgelagert, wo sie jetzt von jedermann be­sich­tigt werden kann.