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Notre Dame

Als kleiner Junge spielte ich gerne mit den damals üblichen Blechspielzeugen. Am meisten gefiel mir mein erstes Blechschiff, das echt schwimmen konnte und sogar einen Dampfantrieb hatte. Auch hatte ich jede Menge kleiner Autos, die ich um die Wette laufen ließ. Die drei musizierenden Schweinchen von Walt Disney machten mir auch viel Spaß. Später kam noch eine richtig funktionierende Dampfmaschine dazu, mit angekoppeltem Lichtgenerator.

Eines Tages bekam ich eine Kirche aus Blech geschenkt. Ich hatte mir immer Kirchen mit einem hohen, spitzen Turm vorgestellt. Diese aber hatte zwei rechteckige Türme und ein großes rundes Fenster über dem Haupteingang. An der hinteren Wand war eine Kurbel angebracht. Wenn man daran drehte, erklang schöne Orgelmusik und man bekam den Eindruck, vor einer echten Kirche zu stehen.

Viele Jahre später, etwa Anfang der 1980er-Jahre, war ich mit meiner Frau in Paris. Ich beteiligte mich an einem Fachkongress des International Ship Structures Congress (ISSC), der eigentlich im polnischen Hafen von Gdansk (ehemalige Hansestadt Danzig) stattfinden sollte. Aber auf Grund der politischen Unruhen (Solidarnosc Bewegung) hatte die polnische Regierung gerade das Kriegsrecht ausgerufen und der geplante Kongress des ISSC wurde nach Paris verlegt. Die Tagungen wurden in einer französischen Kaserne, außerhalb der Hauptstadt, gehalten und die sozialen Veranstaltungen fanden in der polnischen Botschaft in Paris statt.

So hatten meine Frau und ich die Gelegenheit, die meisten Sehenswürdigkeiten der Metropole zu besichtigen, wie zum Beispiel: den Eiffelturm, den Triumphbogen, das Moulin Rouge, die Basilika Sacre-Coeur, das Theater lOpera, das Louvre-Museum und viele andere. Natürlich durfte uns die Notre Dame de Paris nicht fehlen. Schon von weiten sahen wir die zwei Türme der berühmten Kathedrale auf ihrer Insel. Ich erkannte sofort meine Blechkirche wieder und stellte fest, dass die aufgedruckte Fassade auf dem Spielzeug ziemlich genau dem Original entsprach.

Erst wenn man kurz vor der Fassade steht, kann man die ganze Pracht dieses Bauwerks wahrnehmen. Über den drei Portalen ist eine Galerie von überlebensgroßen Statuen mehrerer Könige zu sehen. Gleich darüber befindet sich das runde Fenster (Rosette), das ich schon als Kind bewundert hatte.

Auch das große Kirchenschiff mit seinen verschiedenen Säulen und dem Hauptaltar ist imposant. Leider wurde die enorme Hauptorgel zurzeit nicht bespielt und ich hatte nicht die Gelegenheit, deren Klänge zu genießen. In meiner Erinnerung bleibt also nur die Melodie der Drehorgel meines Spielzeugs bestehen.

Einem Schild folgend, stiegen wir eine Wendeltreppe hinauf, um die Türme zu besichtigen. Oben angekommen, musste ich mich erstmals gegen eine Wand lehnen um wieder zu Atem zu kommen. Als meine Frau mich aufforderte, die abschreckenden Wasserspeier — auch Gargoylen oder Grotesken genannt — zu betrachten, traute ich mich nicht von der Wand weg. So stark war meine Höhenangst, trotzt der hohen Brüstung.

Als ich noch erschöpft und schwindelig an der Wand klebte, wurden wir plötzlich von einem dunkelhäutigen Mann angesprochen, der aus einem der Türme hervorgekommen war. Er stellte sich vor und sagte uns auf französisch, dass er aus Martinique stamme und der zuständige Fremdenführer für die Türme wäre. Man nennt mich Quasimodo, fügte er lächelnd dazu.

Das war natürlich eine Anspielung auf den berühmten Glöckner von Notre Dame aus dem Roman von Victor Hugo, der mehrmals von Hollywood verfilmt wurde. Wir hatten selbstverständlich die zwei bekanntesten Versionen dieses Films in Buenos Aires gesehen: die erste, mit Charles Laughton (als Quasimodo) und Laureen OHara (als Esmeralda) als Hauptdarsteller. Die Zweite Film war mit Anthony Quinn und Gina Lollobrigida besetzt. Der heutige Quasimodo lud uns ein, die große Glocke in einem der Türme zu besichtigen. Trotz des verführerischen Angebots, verneinte meine Frau vorerst die Einladung (nur sie konnte sich auf französisch verständigen) mit der Begründung, dass ich nicht mehr imstande wäre, auch nur eine Stufe weiter zu steigen.

Der höfliche Mann beruhigte uns, indem er sagte, es seien ja nur noch sechs breite und bequeme Stufen und dass es sich wirklich lohne, diese prächtige Glocke anzusehen. Ich ließ mich überzeugen und wir stiegen die Stufen hinauf. Was der Mann uns nicht gesagt hatte: die Stufen waren aus dicken Holzbrettern, die aber nicht genau zusammengefügt waren. Also konnte man durch die Fugen die abgründige Tiefe des Turmes erblicken! Der Führer erkannte meine Verzweiflung und hielt mich an einem Arm fest, während ich mich mit der anderen Hand am Geländer festhielt.

Im Inneren des Turmes angekommen, standen wir nun auf einer hölzernen Plattform, durch dessen Fugen man immer noch in die Tiefe blicken konnte. Also fixierte ich meinen Blick auf die Glocke und hörte mir die Beschreibung an. Mir zur Liebe benutzte der Glöckner auch einige Ausdrücke in Englisch. So erfuhren wir, dass die 13 Tonnen schwere Glocke nur zu besonderen Gelegenheiten — wie Weihnachten, Ostern oder zum Jahrestag des Kriegsendes - geläutet wird, da durch ihren lauten Klang viele Fensterscheiben in der Umgebung zu Bruch gingen. Um uns davon zu überzeugen, fragte Quasimodo ob ich ihm meinen Kugelschreiber borgen würde. Er schlug mit dem Schreiber zart gegen die Glocke und zu unserem Erstaunen hörten wir einen deutlichen Klang, der noch lange in der Luft zu vibrieren schien. Dann erklärte er uns, dass die Legierung dieser Glocke nicht nur aus Bronze bestand, sondern dass auch edle Metalle wie Gold und Silber mit eingefügt wären.

Weiterhin erläuterte er uns die Wartung dieser Riesenglocke. Nach einer gewissen Zeitspannemuss sie ausgebaut und gedreht werden. Diese aufwändige Prozedur ist nötig, weil sonst der schwere Klöppel immer auf dieselbe Stelle einschlagen und die kostbare Seitenwand beschädigen würde.

Auf die Besichtigung der 4 kleineren Glocken im zweiten Turm haben wir aus Zeitgründen verzichtet. Wir gaben uns mit der ausführlichen Erklärung zufrieden und belohnten den Turmführer mit einem angemessenen Trinkgeld. Er begleitete uns höflich bis an die Treppe und wir stiegen langsam hinab, dem Ausgang entgegen.

Auf dem Vorplatz der Kirche wollte ich mir noch das eigenartige Strebewerk, das zur Statik des Gebäudes erheblich beiträgt, näher ansehen. Aber dann bemerkten wir, dass auf den Türmen einige Leute herumkletterten. Bald entrollte sich schon ein lila Banner mit irgendeiner politischen Aufschrift. Wir witterten sofort eine Kommando-Aktion von Aktivisten und wussten aus eigener Erfahrung in Argentinien, dass die Situation rasch eskalieren könnte. Also, nichts wie weg von der Ile de la Cité. Aus der Ferne hörten wir schon die Sirenen der Streifenwagen…

Wir flüchteten in ein Kaufhaus, das, wie wir später erfuhren, nichts weniger als der berühmte Bazar Hotel de Ville war. Durch Zufall bekamen wir also eines der größten Einkaufszentren Frankreichs zu sehen. Die Auswahl in diesem Laden ist überwältigend. Zum Beispiel, wenn man ein Scharnier sucht, findet man es sicher unter den tausenden Scharnieren aller Arten und Größen, die dort vorhanden sind. Scharniere für allerlei Türen, Fenstern, Möbeln und Utensilien. Vom Scheunentor bis zur Zigarrenschachtel, alles was ein Scharnier braucht ist hier vorhanden. Dasselbe geschieht mit Stoffen, Häkelware, Knöpfen, usw. Alles im Superlativ.
Abgesehen von dieser neuen Erfahrung blieb uns die schöne Erinnerung an Unsere Liebe Frau aus Paris und ihre große Glocke für immer erhalten.