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Eine Jugend ohne Informatik

Die Jugend von heute fühlt sich meist überfordert. Klagt über Frustration, Depression, von allgemeiner Erschöpfung (Burnout-Syndrom) und dergleichen ist bei der jetzigen Generation häufig zu hören. Dabei hatten wir, und damit meine ich diejenigen, die weit vor dem Jahre 1980 zur Welt gekommen sind, es überhaupt nicht leichter. Im Gegenteil, wir erlebten härtere Zeiten und verfügten über viel weniger Beistand aus unserem Umfeld. Allerdings kannten wir von Informatik nicht einmal das Wort.

Unsere knapp viereinhalb Jahre alte Urenkelin Orianaspielt mit ihrem Tablet, als ob sie schon mit den dazugehörenden Kenntnissen geboren worden wäre. Begriffe wie Ipad und Smartphone sind für sie genau so geläufig wie damals bei mir mein Schaukelpferd oder meine Bleisoldaten. Im Internet ist bereits eine neue Tabelle zu sehen, die den Kindern das Erlernen des Alphabets erleichtern soll.

Wenn ich an diese rasche Evolution denke, fällt es mit schwer, meine eigenen Erinnerungen an meine Jugendzeit einzuordnen, da man hier ganz andere Parameter in Betracht ziehen muss. Ich wurde mit 6 Jahren eingeschult und kam direkt in die erste Klasse. Ohne zuvor den Kindergarten besucht zu haben. Dort wollte man mich wegen meiner Körpergröße nicht haben. In Argentinien gibt es in der Grundschule 7 Klassen. Jedoch werden die ersten zwei Jahre als Untere und Obere erste Klasse bezeichnet. Also beendete man diesen Schulgang mit der 6. Klasse (6° grado). Mit diesem Abschluss konnte man in die Lehre oder in die Hochschule gehen.

Meine erste Schule war die Schiller Schule. Eine private Schule, die aber von den Argentinischen Bildungsbehörden streng kontrolliert wurde. Die Abschlussprüfungen für die Pflichtfächer wurden von hiesigen Lehrern abgenommen. Diese Schule lag knappe 5 Minuten Fußweg von zu Hause entfernt.

Vormittags hatten wir den normalen Unterricht wie alle anderen Schulen auch. Am Nachmittag lernten wir dann die deutsche Sprache (in den letzten Jahren auch Englisch), deutsche Geschichte und Erdkunde. Dazu kamen noch Sport (Turnen und Schwimmen) und Laubsägearbeiten. Die Mädels lernten weibliche Handarbeiten. Ich hatte ja auch noch privaten Klavierunterricht. Nicht zu vergessen: die Hausaufgaben! Also blieb in der Woche wenig Zeit für Nebenvergnügungen . Trotzdem machte ich bei den Pfadfindern mit.

Um in die Hochschule zu kommen, musste man erst eine Aufnahmeprüfung bestehen. Da es für die Fach-Hochschule Otto Krause mehr Bewerber als Sitzplätze gab, wurde die Latte für diese Prüfung sehr hoch gestellt. Nur zehn Prozent der Bewerber wurde aufgenommen. Also schickte mich mein Vater zu einem privaten Lehrer, der mich in den Sommerferien für diese Prüfung vorbereiten sollte. Ich bestand mit den besten Noten!

In den ersten vier Jahren der Otto Krause hatten wir verschiedene allgemeine Fächer, wie zum Beispiel: Mathematik, Chemie, Physik, Universal-Geschichte und Erdkunde, Statische Graphik, Mechanik, Grammatik (Spanisch und Englisch), darstellende Anatomie, Musikkunde, Technisches Zeichnen und Kunstmalerei. Man sollte ja eine allgemeine Bildung bekommen, um als zukünftiger Betriebsleiter für seine Aufgaben gut vorbereitet zu sein.
Nachmittags hatten wir dann unsere praktische Ausbildung und Sport. Die verschiedenen Tätigkeiten in der Werkstatt der Schule schlossen folgende Bereiche ein: Tischlerei, Feinmechanik, Blechbearbeitung und Metallguss. Die Ausbildung in diesen Bereichen dauerte je ein Jahr. In der Mittagszeit speisten wir in der Mensa, da die Wege nach Hause für die meisten zu weit waren. Meine Anreise mit der Straßenbahn und U-Bahn dauerte immerhin eine gute Stunde.

In den Sommerferien, die in Argentinien über zwei Monate dauern, arbeitete ich halbtags als technischer Zeichner in einer Werkstatt, die Kannen für die Milchindustrie herstellte und auch Kühlanlagen für diverse Industrien anlegte. Nebenbei half ich auch die Lohnabrechnungen der Arbeiter herzustellen, eine schwierige Angelegenheit, da es dauernd neue Gesetze  für die Arbeitnehmer gab.

Die letzten Jahre der Hochschule hatten schon eine genauere Berufsorientierung, mit den Fachgebieten: Hochbau, Chemie, Mechanik oder Elektrotechnik. Später, als ich schon im 7.Semester war, kam ein neues Fach dazu: Schiffbau. Da die Regierung dringend neue Fachkräfte für die neue staatliche Werft Rio Santiago brauchte, wurde dieser Kursus von 3 Jahren auf zwei komprimiert. Ich fand diese Gelegenheit einfach gut und stellte meinen Antrag. Aber es waren viele, die so dachten, sodass nur die Studenten mit den höchsten Durchschnittsnoten in Betracht kamen. Ich hatte wieder mal Glück und konnte so meine Karriere im Schiffsbau beginnen. Allerdings wurde dieses Fach wegen Platzmangel in der Otto Krause in einem anderen Gebäude gelehrt, das unmittelbar am Riachuelo Fluss lag, also am südlichen Ende der Stadt Buenos Aires. Hierher gelangte ich mit dem Bus, der inklusive Wartezeiten über eine Stunde brauchte. Diese Schule wurde Libertad benannt, im Zusammenhang mit dem gleichnamigen Segelschulschiff, dessen Bau gerade begonnen hatte. Damals hätte ich nie geträumt, einmal auf diesem stolzen Schiff mitfahren zu dürfen, wie es 1980 der Fall war.

Obwohl dieser Intensiv — Kursus mir kaum Freizeit ließ, ist es mir doch gelungen, nebenbei andere Aktivitäten zu betreiben, wie Schwimmen, Rudern, Tennis spielen, Reiten und später auch noch Schießen und Motorboating.

Offensichtlich hätte ich damals überhaupt keine Zeit für das Fernsehen, Mobiltelefonieren oder mit Computern im Internet zu surfen gehabt. Ein Glück, dass es in meinen Jugendjahren noch keine Informatik gab.