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Allein unter Katholiken

In meiner Kindheit bekam ich öfters die Geschichte meiner Eltern zu hören, wie sie in einem Viehwaggon nach Sibirien abtransportiert wurden und, um sich Mut zu machen, Luthers Lied Ein feste Burg ist unser Gott laut gesungen haben.

Meine Mutter ist nämlich 1892 in St. Petersburg als Tochter deutscher Eltern zur Welt gekommen. Mein Großvater Hermann, ein bekannter Innendekorateur, war damals in Russland damit beschäftigt, Herrenhäuser und Paläste auszustatten. Mit seiner Frau bekam er insgesamt 5 Kinder: Nina (meine Mutter), Margot, Lisa, Gustav und Ferdinand.

Im Jahre 1914 heiratete Nina einen deutschen Maschinenbau-Ingenieur (meinen Vater), der sich in Russland auf Ausbildungsreise befand und beide beschlossen, ihre Hochzeitsreise am Rhein anzutreten. Aber da kam der Kriegsausbruch dazwischen und mein Vater wurde von den russischen Behörden festgenommen unter der Begründung, er sei Reserveoffizier und müsse sich im Mobilmachungsfall bei der kaiserlichen Armee melden. Er wurde nach Sibirien verbannt und seine frisch vermählte Ehefrau folgte ihm freiwillig.

Dreieinhalb Jahre verbrachten meine Eltern in einem kleinen Dorf weit hinter dem Ural. Über das, was sie dort erlebt haben, könnte man ein Buch schreiben. Leider sind mir von ihren Erzählungen nur einige Episoden in Erinnerung geblieben. Wie beispielsweise ihre erste Nacht in einer verlassenen Kneipe, damals gab es in Russland ein Alkoholverbot, die sie als Unterkunft zugeteilt bekommen hatten. Sie mussten auf dem Boden, in ihre Mäntel eingewickelt schlafen. Als sie mit dem Morgenlicht aufwachten, sahen sie wie Dutzende von Augen sie durch die Fenster anstarrten. Kaum waren sie aufgestanden, verschwanden die Spanner flugs im Wald.

Erst Tage später, als sie mit den Einheimischen schon ins Gespräch gekommen waren, meine Eltern sprachen fließend russisch, erfuhren sie weiteres über die Neugierde dieser primitiven Menschen. Ihr Pfarrer hatte ihnen nämlich erzählt, dass die NjemezNjemez (russ.), slaw. Bezeichnung der Deutschen.
Die Russen haben die ersten Deutschen Njemez genannt, weil sie, der russischen Sprache völlig unkundig, auf ihre Anreden stumm geblieben sind; denn diese Bedeutung hat eigentlich das Wort Njemez.
eigentlich Teufel wären, mit Hörnern und Schwanz! Also trauten sie sich an die bösen Fremdlinge kaum ran, und versuchten vorerst, ihre teuflischen Merkmale ausfindig zu machen. Als sie endlich überzeugt waren, dass es sich um normale Menschen handelte, die sogar ihre Sprache verstanden, entwickelte sich eine gutmütige Beziehung zwischen Angehörigen beider Völkergruppen. Ich habe es niemals verstanden, wieso ein Geistlicher, christlichen Glaubens, derartige Lügen an seine Gefolgschaft weitergeben konnte. Meine Ablehnung orthodox-katholischer Priester war geboren.

Nach dem WaffenstillstandLenin sucht nach der Oktober-Revolution im November 1917 sofort um einen Waffenstillstand nach, um die innere Stabilität Russlands zu erhalten. Nach seinem öffentlichen Friedensangebot am 28. November 1917 erklärt Reichskanzler Georg Graf von Hertling die deutsche Bereitschaft zu Friedensverhandlungen. Das deutsche Reich sieht die günstige Gelegenheit zur Beendigung des Zwei-Fronten-Krieges und zur Sprengung der feindlichen Koalition. Daraufhin beginnen am 3. Dezember im russischen Brest-Litowsk die Gespräche über einen Waffenstillstand, der am 15. Dezember unterzeichnet wird. im Dezember 1917 durften die Deutschen sich in Russland wieder frei bewegen, mussten sich aber von den blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Roten und der Weißen Armee andauernd in Acht nehmen. Die Nachricht von der Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg beunruhigte sie äußerst. Sogar nachdem der Friedensvertrag von Brest-Litowsk im März 1918 abgeschlossen war, konnte man sich in der entstehenden Sowjetunion nicht sicher fühlen.

Als sie endlich wieder in Deutschland waren, küssten meine Eltern den heimischen Boden und versuchten, in der Weimarer Republik zurechtzukommen. Mein Vater hatte sich aber in Russland eine starke Lungenentzündung zugezogen und war sehr abgemagert. Die Ärzte empfahlen ihm in ein wärmeres Klima auszuwandern, wie zum Beispiel nach Ägypten oder Argentinien. Da es im letzteren Land bessere Arbeitsperspektiven gab, wanderten meine Eltern 1921 nach Buenos Aires aus. Hier kam ich 1924 zur Welt und ging ab 1930 in die Schiller Schule (Mädchen/Jungen).

Obwohl meine Schulkameraden sich zu verschiedenen Religionen bekannten, gab es nie Anzeichen von Abneigung oder Feindseligkeit. Unter uns gab es Katholiken, Protestanten und nur wenige Juden. Aber nie wurde die Religion als Verschiedenheit angesehen. Erst als die katholischen Mädchen ihre Erstkommunion feierten, wurde uns bewusst, dass es verschiedene Bräuche innerhalb der Religionen und Konfessionen gab. Aber es ging ja nur um das weiße Kleid, den Kranz und die Geschenke, dachten wir. Über alles andere machten wir uns keine Gedanken.

In der Hochschule begann ich die Sache anders zu betrachten. Ich merkte, dass ich einer absoluten Minderheit angehörte. Die meisten meiner Kommilitonen waren katholisch. Neben einem Juden und einem Angehörigen der Armenisch-Apostolischen Kirche war ich der einzige Lutheraner.
Nun kam die Frage: Wieso?

Da meine Konfirmation bevorstand, besuchte ich den Religionsunterricht in der Evangelischen Kirche am La Plata. Hier erfuhr ich vieles über die Reformation und die verschiedenen Auffassungen beider Konfessionen (katholische und evangelische).

Was ich nicht verstehen konnte, ist, warum ich an die Unfehlbarkeit eines Papstes glauben soll, der die heilige Inquisition eingeführt hat, oder einen der die Erkenntnisse von Galileo Galilei für unmöglich hielt und ihn unter jahrelangen Arrest halten ließ. Außerdem hatte ich meine Zweifel an der einfachen Sündenvergebung durch die Beichte.

Über diese strittigen Themen unterhielt ich mich mit einem katholischen Pfarrer und hoffte, eine vernünftige Antwort auf meine Fragen zu bekommen. Er konnte mich leider nicht überzeugen und als ihm die Argumente ausgingen, bezog er sich auf die Dogmen der römisch-katholischen Kirche und darauf, dass es Dinge gebe, die höher als der menschliche Verstand sind. Also beschloss ich bei meinem menschlichen Verstand zu bleiben und ließ mich als Protestant konfirmieren

Obwohl es in Argentinien seit Mai 1955 keine Staatsreligion mehr gibt, bevorzugt die Verfassung immer noch den Katholizismus. Der Präsident der Republik muss sich zu der römisch-apostolisch-katholischen Religion bekennen und etwa 90% der Bevölkerung sind Katholiken. Für die anderen Religionen herrscht eine bedingte Freiheit.

Als ich meine heutige Frau kennen lernte (sie war damals 16 Jahre alt), erfuhr ich, dass sie aus einer streng katholischen Familie stammte. Bald wurde uns bewusst, dass dieser religiöse Unterschied in unserem späteren Leben ein größeres Hindernis werden könnte. Wir unterhielten uns ausführlich über das Thema und schließlich waren meine Argumente so überzeugend, dass auch sie ihren Konfirmationsunterricht antrat und sich zur evangelischen Konfession bekannte.

Am 27. November 1948 wurden wir dann von demselben Pastor, der mich konfirmiert hatte, in der Evangelischen Kirche von Buenos Aires getraut.

Im Allgemeinen hatte ich mit meiner Religion in Argentinien kein Problem. Nur beim Militärdienst entstanden notorische Unterschiede zwischen der katholischen Mehrheit und den anderen. Die Katholiken traten jeden Sonntag zum Feldgottesdienst an und diejenigen, die nicht mitmachten, wurden verächtlich angeguckt.

Auch als ich an Bord des Segelschulschiffes Libertad eine Ausbildungsreise mitmachte, bekam ich diese Einsamkeit zu spüren. Allerdings in viel kleinerem Ausmaß, obwohl ich der einzige Nichtkatholik unter der 350 Mann starken Besatzung war. Eines Tages fragte mich der Militärkaplan an Bord, wieso er mich nie bei der Sonntagsmesse gesehen hätte. Ich antwortete ihm schlicht: Weil ich einer anderen Konfession angehöre. Er hatte sofort Verständnis für mein Verhalten und lud mich in seine Kajüte ein um beim Matetrinken über das Thema zu plaudern. Das war der Anfang einer guten Freundschaft. Seitdem wurde unter uns nie wieder über Religion gesprochen.

Als Zeichen der Verbundenheit der katholischen Kirche mit dem argentinischen Schulschiff zelebrierte 1980 der Kardinal Luiz Aponte Martinez († 10.04.2012) eine heilige Messe an Bord der Libertad, als diese im Hafen von San Juan de Puerto Rico zu Besuch war. Assistiert wurde ihm dabei vom mitfahrenden Militärkaplan, Korvettenkapitän Angel Maffezzini. Neben den Besatzungsmitgliedern nahmen auch viele lokale Einwohner an der Zeremonie teil. Obwohl ich als Presseoffizier auch verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit war, hatte ich an diesem Tag woanders was zu tun.

Als meine Frau und ich 1992 nach Norddeutschland kamen, fühlten wir uns zum ersten Mal frei von der Empfindung, einer Minderheit anzugehören. Im Gegenteil, hier merkten wir, dass die meisten Kirchen evangelisch und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion jedermanns eigene Sache ist.
Angesichts dieser Erinnerungen bitte ich meine Freunde und Bekannte um Verständnis, wenn ich ihre Gratulationen zum Antritt des Papstes argentinischer Herkunft mit gemischten Gefühlen entgegen sehe.