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Die Tiere auf dem See

Im Oktober 1991 hatte gerade die Ausstellung Schifffahrt und Kunst aus Argentinien in Hamburg stattgefunden. Meine Frau und ich waren aus Buenos Aires angereist, um an dieser Veranstaltung und an den begleitenden Festlichkeiten teilzunehmen.

Zum ersten Mal hatte ein südamerikanisches Land an der Art Maritim, die jährlich im Rahmen der Hanseboot präsentiert wurde, teilgenommen. Mein Beitrag an dessen Organisation war nicht unerheblich. Im Auftrag der Hamburg Messe (HMC) habe ich mich monatelang in Buenos Aires bemüht, die benötigten Exponate aufzutreiben und die entsprechende Ausfuhrgenehmigungen zu ergattern. Rund 100 Gemälde, diverse Schiffsmodelle und Galionsfiguren ergänzten die Auswahl der Werke, die von staatlichen und privaten Museen sowie von Institutionen der Marine zur Verfügung gestellt wurden. Nicht ohne die üblichen bürokratischen Hindernissen, die des Öfteren den Lieferplan zum Scheitern zu bringen drohten. Glücklicherweise konnte ich mich auf die Unterstützung des Oberbefehlshabers der Marine verlassen, der immer seinen Einfluss einsetzte, wenn es bei anderen Behörden zu einem Engpass kam. Sein Einsatz wurde mit einer Einladung der Hamburg Messe als Ehrengast der Ausstellung belohnt.

Der Erfolg der Art Maritim Argentinien war so überwältigend, dass die Geschäftsführung der HMC meiner Frau und mir ein Abschiedsgeschenk gewährten. Wir bekamen eine freie Urlaubswoche in einem Nobelhotel am Bodensee. Da wir noch unseren Eurail-Pass besaßen (unbegrenzte Bahnfahrt in erster Klasse), fuhren wir mit dem ICE von Hamburg nach Konstanz. Als wir dem dortigen Taxifahrer sagten, er sollte uns zum Seehotel fahren, fragte er uns verwundert: Was haben Sie eigentlich zu dieser Jahreszeit am Bodensee zu suchen?. Als wir ihm erklärten, dass wir uns von einer anstrengenden Veranstaltung erholen wollten, meinte er: Dann sollten sie unbedingt die berühmten Gourmetgerichte des Hotels genießen. Nun wussten wir Bescheid!

Der Empfang im 5-Sterne Hotel war äußerst höflich. Der vorgelegte Voucher bezeugte ja die Großzügigkeit des Emittenten: für unsere Unterkunft, Bedienung, alle Speisen und Getränke genügte meine Unterschrift. Wir erfuhren, dass das Hotel einen sehr guten Ruf für seine ausgezeichnete Küche hatte. Den Hotelbewohnern wurde eine vorherige Tischreservierung empfohlen, da täglich mehrere auswärtige Tischgesellschaften (sogar aus der Schweiz und Frankreich) sich zum Dinner anmeldeten.

Tagsüber gingen wir in der Umgebung spazieren und bewunderten die unzähligen Prachtgebäude der Innenstadt. Wir sahen, dass an vielen der Villen ein Schild mit der Aufschrift Rechtsanwalt angebracht war. Wie wir später erfuhren, ist Konstanz der Sitz einer der renommiertesten Universitäten Deutschlands. Daher die vielen Akademiker, die dort wohnhaft sind.

Eines Tages beschlossen wir einen Ausflug zum Rheinfall von Schaffhausen zu unternehmen. Wir fuhren mit der Lokalbahn bis an die Schweizer Grenze, um dort in den Zug, der uns nach Schaffhausen bringen würde, umzusteigen. Beide Gleise lagen nebeneinander, man musste jedoch bei einer Pass- und Zollstation die Einreiseformalitäten erledigen, bevor man zum anderen Bahnsteig gelangte. Wir mussten etwas länger auf den Schweizer Zug warten und ich wollte mir inzwischen eine Zeitung kaufen. Aber der einzige Zeitungskiosk befand sich auf der Deutschen Seite! Um die entsprechenden Kontrollen zu vermeiden, ging ich direkt über die Schienen zum gegenüber liegenden Bahnsteig und besorgte mir die Zeitung. Als ich zurück war, wurde mir bewusst, dass ich zweimal illegal die Grenze überschritten hatte. Aber auf diesem kleinen Bahnhof scheint das wohl nicht so genau genommen zu werden.

In Schaffhausen angekommen, stiegen wir in einen Bus, der uns direkt zum Wasserfall brachte. Unser erster Eindruck war etwas enttäuschend. Wir kannten ja die Wasserfälle von Iguazú an der Argentinisch-Brasilianischen Grenze, die durch ihre Größe und Schönheit einzigartig in der Welt sind. Dagegen wirkte der Rheinfall fast winzig und bedeutungslos. Als wir aber näher kamen und das Dröhnen des Wassers vernahmen, empfanden wir die Gewalt dieser Naturkraft. Dazu kam noch der Gedanken, dass dieser der Ursprung des Vaters aller deutschen Flüsse ist. So wuchs in uns die wahre Bedeutung dieser Sehenswürdigkeit und wir waren froh, hergekommen zu sein.

Am Donnerstag war im Hotel Fischabend angesagt. Der Speisesaal wurde besonders für diese Angelegenheit hergerichtet. Ein Kiosk wurde aufgebaut, in dem allerlei Meeresfrüchte angeboten wurden. Jede Menge Austern, Langusten, Aale und sogar eine offene Dose mit schwarzem Kaviar lockten die Gaumen. Alles zur Selbstbedienung. Selbstverständlich gab es auch Fischgerichte à la carte, begleitet von den feinsten Weinsorten. Es war ein reichhaltiges und gemütliches Abendessen. Wir saßen nicht weniger als drei Stunden zu Tische. Zum Glück bekamen wir zwischendurch ein Glas Champagner mit Zitronensaft serviert, eine Art Absacker.

Der Küchenchef persönlich ging von Tisch zu Tisch, um die Gäste nach ihrem Wohlbefinden zu befragen. Wir kamen ins Gespräch, und als er von unserer Herkunft erfuhr, fragte er, ob wir zufällig in Argentinien vom berühmten Chef Dumas gehört hätten. Meine Frau antwortete prompt: Selbstverständlich, wir kennen den Gato Dumas nicht nur vom Fernsehen, sondern sind ihm sogar persönlich in einem seiner Restaurants begegnet. Da strahlte unser Chef! Er war nämlich ein Bewunderer  dieses Sternekochs und hatte ihn bei einem internationalen Seminar kennengelernt. Wir sollten ihn doch bei unserer Rückkehr herzlich von ihm grüßen.

Das war auch der Anlass, dass bei unserer Abfahrt der Chef unbedingt darauf bestand, uns in seinem Auto zum Bahnhof zu fahren und sich um unser Gepäck zu kümmern. Bester Service also bis zum letzten Augenblick.

Als wir dann im Großraum-Waggon des ICE saßen und sehnsüchtig durchs Fenster die letzten Blicke auf den Bodensee warfen, kam ein gut gekleideter Herr den Gang entlang. Er begrüßte uns mit einem osteuropäischem Akzent (ich tippe auf Ungarisch) und fragte höflich: Wissen Sie vielleicht, was das für Tiere auf dem See sind? Ich schaute hinaus und wusste im ersten Moment nicht, was ich ihm antworten sollte. Dann fiel mir ein: Ach, sie meinen wohl die Enten? - Enten also, vielen Dank und schon war er weg.

Komische Art eine schöne Reise zu beenden.