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Das braune Haus in Buenos Aires

Als 1933 in Deutschland die Machtergreifung stattfand, begannen die in Argentinien lebenden Deutschen die Ereignisse in der alten Heimat mit größerem Interesse wahrzunehmen. Das will nicht heißen, dass sich alle sofort als Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung bekannten. Nein, es ging darum, freudig davon Kenntnis zu nehmen, wie die Wirtschaft und der Wohlstand der deutschen Bevölkerung sich positiv von der Schmach der Niederlage des Ersten Weltkriegs erholten.

Mein Vater begann das Braune Haus in unserem Stadtviertel zu besuchen. Dieses Haus war der Treffpunkt der gleichgesinnten Deutschen, die in dieser Gegend lebten. Es handelte sich um ein Verwaltungsgebäude mit einem großen Festsaal. In Letzterem wurden verschiedene Feiern veranstaltet, die mit den Geschehnissen in Deutschland zu tun hatten. Sonntags trafen sich die Parteigenossen zum Frühschoppen. Zu Feiertagen und besonderen Veranstaltungen wurden an den Masten des Gebäudes die argentinische Fahne und darunter die Hakenkreuzfahne gehisst.

Aber schon vom ersten Tag an zeigte sich mein Vater nicht sehr begeistert über das Verhalten der sich im Braunen Haus treffenden Parteigenossen. Als tätiger Maschinenbauingenieur wurde mein Vater in seinem Berufsumfeld immer sehr respektvoll angesehen, besonders von seinen Untergebenen, wie Monteuren oder Mechanikern. Jedoch im Braunen Haus galten andere Verhaltensregeln und die sogenannten Untergebenen ließen den Herrn Ingenieur spüren, wer hier das Sagen hat. Außerdem gab es jene, die ihren parteiischen Eifer durch grobe Haltungen zur Geltung brachten. All dieses machte meinem Vater überhaupt keinen Spaß, aber er fühlte sich seinem Vaterland verpflichtet und nahm diese Unannehmlichkeiten in Kauf.

Als damaliger Pimpf im Deutsch-Argentinischen Pfadfinder-Korps habe ich meinen Vater nur zu bestimmten Veranstaltungen im Braunen Haus begleitet. Ansonsten beteiligte ich mich ja grundsätzlich an jugendlichen Treffen im Sportverein oder Zeltlagern.

Im Jahre 1938 zählte die NSDAP in Argentinien 70.000 Mitglieder und bildete so einen der größten Zweige der Partei außerhalb des Deutschen Reiches. Als am 10. April dieses Jahres Hitler den Anschluss Österreichs verkündete, entschloss sich die deutsche Botschaft in Buenos Aires, dieses Ereignis würdig zu feiern.

Die einzelnen Parteilokale, wie das Braune Haus in Villa Devoto, boten nicht genügend Platz für eine solche Veranstaltung. Also wurde der Luna Park von Buenos Aires für diese Feier in Anspruch genommen. Der Luna Park ist ein großes Hallenstadion, das grundsätzlich für Sportveranstaltungen (Boxen, Sechstagerennen, usw.) benutzt wird. Weiter ist dieses Lokal auch für musikalische und politische Ereignisse geeignet. Holiday on Ice, ABBA und die Toten Hosen waren hier im Laufe der Jahre zu sehen.

Zum genanntenTag, wurde das Stadion reichlich mit Hakenkreuzfahnen geschmückt. Über dem Rednerpodium hing ein Banner mit der Aufschrift Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Ein Fanfaren-Chor, begleitet von Landsknechttrommeln, schmetterte die übliche Marschmusik und das Publikum begrüßte den Einmarsch der Fahnenträger mit erhobenem Arm und Heil Hitler-Rufen. Mit Begeisterung wurde das Horst Wessel Lied gesungen und die ganze Zeremonie verlief nach dem üblichen nationalsozialistischen Schema.

Während im Luna Park etwa 15.000 Auslandsdeutsche jubelten, demonstrierten wenige Häuserblocks entfernt einige hundert argentinische Demokraten, gegen die Nazi- Veranstaltung. Die Polizei griff energisch ein, um die Demonstranten zu vertreiben und nahm 65 Randalierer in Gewahrsam. Währende der Auseinandersetzungen gab es zwei Tote und mehrere Verletzte unter den Demonstranten.

Als begeisterter Pimpf begleitete ich meinen Vater zum Luna Park und war stolz, dabei sein zu dürfen. Was umher geschah und die allgemeine politische Bedeutung für den Weltfrieden war mir völlig unbewusst. In meiner Erinnerung blieb nur die glanzvolle Feier im Luna-Park von Buenos Aires, so wie sie auch Tausende von Auslandsdeutschen erlebt haben.

Die Begeisterung der allgemeinen argentinischen Bevölkerung für die Deutschen zeigte ihren Höhepunkt im Dezember 1939 beim Begräbnis des Kommandanten des Panzerschiffes Admiral Graf Spee, Kapitän zur See Hans Langsdorf. Über eine Million Porteños umrahmte den Trauerzug des deutschen Marinesoldaten, der das Schicksal seines Schiffes mit seinem eigenen Selbstmord besiegelte.

In den folgenden Kriegsjahren trennten sich die Gemüter und die Argentinier nahmen verschieden Partei für den einen oder den anderen Weltkriegsteilnehmer an. Das wirkte sich auch auf die innerpolitische Lage des Landes aus. Einerseits, waren es die Befürworter der Alliierten, die von der Hollywood-Propaganda beeinflusst wurden. Unzählige Filme gegen die Achsenmächte, bei denen die Amerikanischen Superhelden immer den Sieg erzielten, begeisterten ein Teil des Publikums. Ein anderer Teil, war beeindruckt von der UFA Wochenschau, in der zu sehen war wie bizarre deutschen Soldaten überall siegreich einmarschierten.

Wie die meisten Deutschen in Argentinien verfolgte auch mein Vater die Kriegsereignisse in Europa mit großem Interesse. Im kleineren Esszimmer unseres Hauses hatte er eine Wandkarte angebracht, auf der er mit roten Stecknadeln die Frontlinien der verschiedenen Kriegszonen markierte.

Als jedoch im Juni 1941 die deutsche Wehrmacht den Angriff auf die Sowjetunion startete (Operation Barbarossa), machte mein Vater eine damals für mich seltsame Bemerkung. Er sagte ganz einfach: Jetzt haben wir den Krieg verloren!Anmerkung der Redaktion:
Das sagten und dachten auch damals in Deutschland alle nicht politisch Verblendeten, und das war die überwältigende Mehrheit. Aber die Gestapo durfte es nicht hören, sonst war das Todesurteil gesprochen. (G.M.)
. Er kommentierte weiter, dass Hitler wohl nichts von der russischen Geschichte gelernt habe und überhaupt keine Ahnung von der Mentalität der Russen hätte.

Alles deutet darauf hin, dass damals mein Vater, dank seiner Erfahrungen im ersten Weltkrieg (Internierung in Sibirien), im Braunen Haus von Buenos Aires einen besseren Überblick der Kriegslage hatte, als die Führung in der Reichskanzlei von Berlin.

Was aus dem Braunen Haus geworden ist, weiß ich nicht genau, aber es wurde nach 1945 sicher ein Opfer der Beschlagnahmungen Feindlichen Eigentums.