© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Präsidentenmord

In den Vereinigten Staaten von Amerika hat es zwei Präsidentenmorde gegeben, die wohl jedermann kennt, der von Abraham Lincoln und der von John F. Kennedy. Beide wurden vermutlich von Einzelgängern verübt und gelten als irrationale Grausamkeiten.

Weniger bekannt dagegen ist der vorsätzliche Mord eines argentinischen Präsidenten, an dessen Ausführung sich eine terroristische Bande beteiligte. Eigentlich sollte dieser Akt der Ausgangspunkt für die Entstehung der Montoneros Bewegung seinund wurde dementsprechend als Propagandamittel benutzt.

Alles begann am frühen Nachmittag des 29. Mai 1970. Alle Radiostationen von Buenos Aires unterbrachen ihre Programme, um anzukündigen, dass der General Pedro Eugenio Aramburu entführt worden war. An diesem Tag feierte man in Argentinien den Tag des Heeres (Día del Ejército Argentino) und die Bevölkerung befand sich in festlicher Stimmung. Umso tragischer die Nachricht. Erst gingen Gerüchte umher, dass es sich eigentlich um einen Militärputsch handeln könnte. Es vergingen mehrere Tage, es herrschte große Unsicherheit und es gab keine Hinweise über das Schicksal des vermissten Generals.

General Pedro Eugenio Aramburu war einer der Anführer der sogenannten Befreiungs Revolution (Revolución Libertadora), die im September 1955 das Ende der Regierung von Juan Domingo Perón bewirkte. Schon im Juni dieses Jahres bombardierten Flugzeuge der Marine und der Luftwaffe das Regierungsgebäude an der Plaza de Mayo mit der Absicht, das peronistische Regime zu stürzen. Dieser Versuch scheiterte und Perón blieb an der Macht, bis schließlich am 16.September an verschiedenen Stellen der Republik Militäreinheiten rebellierten und den endgültigen Sturz des Diktators erreichten.

General Eduardo Lonardi kommandierte die aufständischen Truppen in der Provinz Córdoba, General Pedro E. Aramburu machte das Gleiche in der Provinz Corrientes und Admiral Isaac Rojas führte die rebellische Marine im Puerto Belgrano Stützpunkt. Die drei hohen Offiziere übernahmen die Macht in der Casa Rosada (argentinisches Regierungsgebäude) und etablierten eine Provisorische Regierung, mit General Aramburu als Präsident und Admiral Rojas, als Vizepräsident.

Aramburu regierte das Land verfassungsgemäß und gerecht. Allerdings wurden die peronistische Partei und alle Aktivitäten dieser Gesinnung verboten. Einige fanatische Anhänger von Perón, die versucht hatten, einen Putsch vorzubereiten, wurden standrechtlich erschossen. Die Leichte von Eva Perón wurde außer Land gebracht, um zu vermeiden, dass sie verehrt wird. Alles dies wurde dem General später zum Verhängnis.

Die Revolución Libertadora endete 1958 mit dem Aufruf nach demokratischen Wahlen, die den Präsidenten Frondizi ans Ruder der Nation brachten. Dessen Regierung wurde 1962 durch einen Militärputsch unterbrochen. Neue Wahlen, neue Regierung und 1966 wieder eine Revolution.

Nun regierte die Revoluvion Argentina das Land und der Untergrund begann sich gegen die Militärs zu organisieren. Ein Zeichen musste gesetzt werden. Also suchten sich die Terroristen einen Sündenbock aus, dessen Hinrichtung eine große Wirkung auf die Bevölkerung haben würde.

Die Wahl fiel auf den ehemaligen (provisorischen) Präsidenten General Pedro Eugenio Aramburu, der im Ruhestand in seiner Wohnung in Buenos Aires lebte. Ihm wurde hauptsächlich vorgeworfen, während seiner Amtszeit mehrere Peronisten erschießen zu lassen und die Leiche von Eva Perón außer Landes gebracht zu haben.

Am genannten Tag überraschte eine Gruppe jugendlicher Terroristen, angeführt von Fernando Abal Medina, Mario Firmenich und Norma Arrostito, den ahnungslosen General in seiner Wohnung, die sie tagelang bevor observiert hatten und fuhren ihn, versteckt unter Warenbeuteln, in einem Kleinlastwagen, vier Stunden lang bis zu einer Ortschaft in der Provinz Buenos Aires, namens Timote.
Zwei der Entführer trugen Militäruniform und meldeten sich beim General als persönliches Schutzkommando. Dadurch erweckten sie keinen Verdacht bei der Familie des Entführten.

In einem Landhaus wurde Aramburu tagelang verhört und schließlich einem Gericht des Volkes vorgeführt. Dieser Scheinprozess endete natürlich mit dem Todesurteil. Der General nahm sein Urteil gelassen hin und fragte nur, was aus seiner Familie werden würde. Man versicherte ihm, dass die Familie unangetastet bliebe. Dann verlangte er einen Beichtvater. Dies wurde ihm aus Sicherheitsgründen verweigert. Dann bat er, man solle ihm die Schnürsenkel zurecht binden. Dies wurde ihm kurz vor seiner Erschießung gewährt.

Als es soweit war, fragte der Vollstrecker, Abal Medina: Sind Sie bereit? Ja, Sie können vorgehen - war die ruhige Antwort. Aramburu wurde ins Freie gebracht und Abal Medina schoss ihm eine Kugel in die Brust. Der zweite Mörder, Firmenich, gab ihm noch einen Gnadenschuss in den Nacken. In einer Wolldecke verpackt wurde die Leiche dann im Garten des Hauses verscharrt.

Die Montoneros veröffentlichten schamlos ihre Heldentat und gewannen so etliche Anhänger für ihre Bewegung. Eine Ära der Gewalt hatte begonnen (siehe meine Geschichte Auf wackeligem Boden). Dieser Terror, der gegen die Militärmacht ausgeübt wurde, sich aber über das ganze Volk verbreitete, konnte jedoch nur mit einer noch stärkeren Militärmacht beendet werden. Und so geschah es auch. Einige Jahre später galt die Bewegung Montoneros als ausgelöscht.

Fernando Abal Medina starb bei einem Schusswechsel mit einer Militärpatrouille und Norma Arrostito wurde bei einem Festnahmeversuch auf der Flucht erschossen. Beide werden von den Montoneros als Märtyrer der Bewegung betrachtet. Firmenich suchte das Exil in Spanien.

Nachtrag

Der heutige Chef des argentinischen Ministerkabinetts, Juan Manuel Abal Medina, verdankt seinen Posten der Tatsache, dass er der Neffe des Mörders von Aramburu (Fernando Abal Medina), dem Gründer der Montoneros ist.