© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Tod auf der Kommandobrücke

Im Jahr 1981 befand ich mich auf der Rückreise von Europa und machte einen stop- over in Washington DC, da ich vorhatte, eine Reportage über den Hafen von Baltimore für meine Zeitschrift NAVITECNIA zu schreiben. Ich logierte in einem Holiday Inn in der Hauptstadt und fuhr täglich mit dem Mietauto zum naheliegenden Hafen.

Groß war meine Überraschung, als ich eines Tages das prächtige Segelschulschiff der argentinischen Marine Libertad in Baltimore einlaufen sah. Der Segler befand sich auf seiner 17. Ausbildungsreise in Richtung europäischer Häfen. Da ich im Jahr davor auf diesem Schiff als Marine-Korrespondent gereist war, durfte ich die Libertad natürlich jederzeit besuchen. Mit großer Freude wurde ich an Bord empfangen und nahm an mehreren Bordfesten teil.

Einer der Offiziere, mit denen ich mich am meisten unterhielt, war der Chefingenieur Korvettenkapitän Sergio Gomez Roca. Wir unterhielten uns über verschiedene Themen, wie Maschinenbau und allgemeine Navigation. Er sprach fließend Englisch und befasste sich mit Übersetzungen. Also hatten wir auch hier ein gemeinsames Konversationsthema.

Einige Monate später, als ich in Rio de Janeiro an einem technischen Kongress teilnahm, lief gerade wieder die Libertad im Hafen ein. Das Schiff befand sich auf seiner Rückreise und würde über Montevideo bald in Buenos Aires diese Reise beenden. Ein freudiges Wiedersehen mit Gomez Roca! Er bedauerte nur, dass er nicht die letzte Etappe der Reise an Bord bleiben durfte, da er nach Montevideo fliegen musste, um sich dort um wichtige Ersatzteile für das Schiff zu kümmern. Hier in Rio, habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Ich erinnere mich noch genau an seine dunkelblauen Augen, die stets zu lächeln schienen.

Im Jahr 1982 bekam Gomez Roca das Kommando vom Aviso Alferez Sobral. Aviso ist ein kleineres Schiff der argentinischen Marine, das als Patrouillenboot, Hochseeschlepper oder Meldeboot eingesetzt werden kann. Die Alferez Sobral wurde 1944 in den Vereinigten Staaten von Amerika, unter der Benennung ATA (Auxilliary Tugboat) USS Salish, gebaut und 1972 von der Armada Argentina übernommen.

Am 27.März 1982 befand sich das Schiff in seinem Stützpunkt Puerto Belgrano, als es den Befehl erhielt, sofort auszulaufen. Außer dem Kommandanten, wusste keiner der 60 Besatzungsmitglieder, wohin die Fahrt ging. Erst auf hoher See erfuhren sie, dass das Schiff sich an der Wiedereroberung der Malvinas (Falkland) Inseln beteiligen  sollte.

Wenn die Alferez Sobral auch nicht direkt an der Landungsoperation teilnahm, führte sie wichtige Aktivitäten in der Kriegszone aus. Am 1. Mai 1982 wurde ein Canberra Flugzeug der argentinischen Luftwaffe, das auf dem Weg war, die britischen Streitkräfte zu bombardieren, etwa 100 Seemeilen nördlich von der Meerenge San Carlos, angeschossen und die Besatzung hatte sich in das Meer  katapultiert. Die Alferez Sobral bekam den Befehl, die Flieger zu bergen.

Keine einfache Aufgabe, bei starker See und schlechter Sicht. Aber das kleine Schiff bemühte sich tapfer, die Kameraden zu finden. Am Vormittag des 2. Mai wurde die stürmische See nach den Vermissten abgesucht, obwohl der Alferez Sobral bewusst war, dass sich ein britischer Flugzeugträger in Begleitung von weiteren 8 Kriegsschiffen  in der Gegend befand.

Dann kam die Nachricht, dass der argentinische Kreuzer General Belgrano von einem britischen U-Boot versenkt worden war. Ein schwerer Schlag für das Gemüt der Besatzung. Aber die Suche nach den Fliegern ging weiter.
In der Nacht wurde die Alferez Sobral von einem Helikopter überflogen. Das Schiff war entdeckt worden! Sofort wurde Kampfalarm ausgerufen, aber die Suche wurde nicht unterbrochen. Wenige Minuten später erschien ein zweiter Helikopter und die Alferez Sobral eröffnete das Feuer mit ihren leichten Bordgeschützen. Einer der Sea Lynx (Helikopter) feuerte einen Flugkörper gegen das Schiff. Das Projektil zerstörte ein Beiboot am Oberdeck und verletzte mehrere Besatzungsmitglieder, darunter den 2. Kommandanten.

Da weitere Angriffe vorauszusehen waren, befahl der Kommandant alle Mann in die unteren Decks. Er selber und das unentbehrliche Navigationspersonal blieben aber auf der Brücke. Und schon kam der nächste Angriff. Drei Flugkörper wurden auf das Schiff simultan abgeschossen. Einer davon war ein Volltreffer auf die Kommandobrücke. Diese wurde völlig zerstört, sowie auch der darunter liegende Navigationsraum.

Korvettenkapitän Gomez Roca und seine Begleiter waren sofort tot. Das Schiff fuhr jedoch weiter, ohne Brücke, ohne Navigationshilfe und ohne Licht. Nur die Hilfsruderanlage konnte betätigt werden. Trotzdem gelang es dem verwundeten 2. Kommandanten, die Alferez Sobral in einen sicheren Hafen zu bringen. Leider ohne die Rettung der Piloten vollbracht zu haben.

Die zerstörte Brücke der Alferez Sobral wurde im Freigelände des Marine- Museums in Tigre ausgestellt, wo ich sie mehrmals zu sehen bekam. Das Schiff selbst lag jahrelang untätig im Hafen, bis es repariert und wieder aufgerüstet wurde. Im November 2011 wurde es schließlich in das Hochsee-Patrouillen - Geschwader eingegliedert, zusammen mit dem Aviso Suboficial Castillo und den Korvetten Drummond, Guerrico und Granville.