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Das Schiff, das zweimal sank

Ende des vergangenen Jahrhunderts haben argentinische Amateurtaucher und auch ein professionelles Unterwasser-Filmteam aus Hamburg mehrmals das Wrack des im Beagle Kanal gesunkenen Hamburg-Süd-Passagierschiffes Monte Cervantes gesucht und auch gefunden. Dadurch ist dieses legendäre Schiff damals wieder in die Schlagzeilen gekommen und verdient es auch, in meine Erinnerungen aufgenommen zu werden.

Das Fahrgast- und Frachtschiff Monte Cervantes lief am 27.9.1927 bei der Hamburger Werft Blohm & Voss für die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (HSDG) vom Stapel. Es war von der Vermessung her mit GT 14.140 etwas größer als seine vier Monte-Schwestern (Monte Sarmiento, Monte Olivia, Monte Pascoal und Monte Rosa). Bei gleichen Abmessungen (159,70m Länge über alles und 20,10m Breite) konnten die Schiffe etwa 2.500 Passagiere an Bord nehmen und hatten eine Standard Crew von 280 Mann.

Die luxuriös ausgestattete Monte Cervantes hat am 15. Januar 1930 die Passagierpier von Buenos Aires, die Darsena Norte, mit gut betuchten, vorwiegend südamerikanischen Passagieren verlassen. Über Puerto Madryn und Punta Arenas fuhr der Liner nach Ushuaia und ging dort am 21. Januar abends vor Anker.

Am Mittag des folgenden Tages verließ das Schiff den Hafen wieder. Die Passagiere saßen gerade beim Mittagessen, als sie durch einen gewaltigen Stoß aufgeschreckt wurden. Die Monte Cervantes war im Beagle Kanal, nahe dem Leuchtturm Eclaireurs auf eine Felsnadel gelaufen und hatte sich das Unterwasserschiff aufgerissen.

Der Kapitän konnte den Liner jedoch an einer nahe gelegenen Insel auf Grund setzen und die Passagiere evakuieren. Kapitän Theodor Dreyer hatte außerdem sofort die Funkstation von Ushuaia und den HSDG-Agenten in Buenos Aires informiert.

Als das argentinische Transportschiff Vicente Fidel Lopez zwei Stunden später am Unfallort eintraf, lag das Vorderschiff bereits tief im Wasser. Die Retter konnten 800 Menschen übernehmen, die anderen mussten mit den Booten des Passagierschiffes durch die Brandung steuern und fünf Stunden marschieren, bevor sie Ushuaia erreichten. 1.117 Passagiere und 380 Besatzungsmitglieder waren an Bord gewesen und fast alle konnten gerettet werden.

Kapitän Dreyer war mit zwei Offizieren und Ingenieuren sowie einigen Besatzungsmitgliedern an Bord geblieben. Als diese Restmannschaft das Schiff verlassen und der Kapitän nur noch die Schiffspapiere aus der Kammer holen wollte, glitt die Monte Cervantes von der Untiefe herunter und kenterte. Kapitän Dreyer fand den Seemannstod.

Jahrelang bemühte sich die Bergungsgesellschaft Salvamar, das Wrack zu bergen. Im Jahre 1954 gelang es ihr endlich, in Zusammenarbeit mit Einheiten der Armada Argentina, die Monte Cervantes wieder an die Wasseroberfläche zu holen und in Schlepp zu nehmen.

Bevor der Schleppzug jedoch die rettende Küste erreichen konnte, sank der unglückliche HSDG-Liner, diesmal für immer in 36 Meter Tiefe auf den Grund des Beagle Kanals.

Im Marinemuseum von Ushuaia befinden sich Gegenstände des Schiffes, die von den Tauchern geborgen wurden, darunter auch ein Bronzepropeller. Über die Jahre sammelten sich hier verschiedene Erinnerungs- Objekte, wie Bierkrüge, Weinflaschen, Lampen und Aschenbecher.

Die Taucher, die das Wrack damals entdeckten, berichten, dass die beiden Schornsteine noch gut erhalten sind, zeigten jedoch kein Interesse daran, weitere Ausrüstungen und Einrichtungen aus dem versunkenen Liner zu bergen. Das wäre eine Verunglimpfung der Geschichte, meinte einer der Taucher. Das Wrack und dessen vorhandenen Bestandteile seien eine Touristen-Attraktion und dienten mit allem Drum und Dran am ehesten den Tauchsportlern. Man sollte den Bereich des Wracks unter Schutz stellen.
Täglich verfolgten wir mit großem Interesse die in den Medien veröffentlichen Berichte über die Ergebnisse der Tauchermissionen. Auf Grund dieser Informationen, meldete sich ein Zeitzeuge in einer argentinischen Zeitung. Alfredo Mario Segers war schon als Junge ein begeisterter Sportsegler und hatte als 14jähriger die Unglücksfahrt mit der Monte Cervantes mitgemacht und den Untergang des Schiffes überlebt.

In den Tagen vor dem Unglück hatte sich der Junge mit dem Kapitän angefreundet und oft mit diesem in Englisch auf der Brücke geplaudert. Dabei hatte Kapitän Dreyer erzählt, dass er nach dieser Reise in Hamburg in den Ruhestand gehen wollte.

Außerdem hatte der junge Mann erfahren, dass Theodor Dreyer die Seeschlacht bei den Falklands im Ersten Weltkrieg überlebt hatte, in der das deutsche Geschwader unter Admiral Graf Spee den britischen Kräften unterlag.

Eine verwobene Geschichte der See, die von Sporttauchern wieder in das Bewusstsein der Menschen geholt worden ist.