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Mein erstes Honorar

In den 1930er Jahren besuchte ich die Schiller-Schule in Buenos Aires, in der ich meine Grundausbildung vollendete. In den zwei letzten Schuljahren, also 6. und 7. Klasse hatten wir eine sehr engagierte Lehrerin, Frau Volta de Paulus.

Frau Paulus bemühte sich nicht nur, uns den üblichen Lehrstoff beizubringen, sondern sorgte auch dafür, dass wir eine humanistische Ausbildung bekamen und schon im jugendlichen Alter soziale Beziehungen schätzen lernten. Sie ermutigte uns zum Beispiel, eine Schulzeitung herauszugeben und half uns dabei, die ersten technischen Hindernisse zu überwinden.
Wegen meiner Körpergröße bin ich schon damals öfters unter meinen Schulkameraden auffällig geworden. Der Blick der Lehrerin fiel sofort auf mich und mit ausgestrecktem Finger sagte sie: Du übernimmst die Leitung der Zeitschrift. Ich betrat dabei ein ganz neues Gebiet. Zwar war es mir nie schwer gefallen, Aufsätze zu schreiben, aber so eine Verantwortung zu übernehmen, schien mir schon eine gewaltige Herausforderung.

Immerhin stellte ich bald mein erstes Redaktionsteam zusammen und wir begannen mit der mühsamen Arbeit, auf eine andere Art schreiben zu lernen. Wir benutzten dafür eine besondere Tinte, mit der die Buchstaben in violetter Farbe auf das Papier aufgetragen wurden. Dann legten wir das beschriebene Blatt auf eine mit Gelatine gefüllten, rechteckige und flache Blechbüchse.
Das aufgelegte Papier wurde gegen die Gelatine gedrückt, bis die Tinte der Buchstaben sich in die elastische Masse übertrug. So entstand eine spiegelverkehrte Grafik, auf die wiederum ein neues Papier gelegt und gepresst wurde, um die Beschriftung zu übernehmen (diesmal seitenrichtig). So entstanden x-beliebige Kopien jeder geschriebenen Seite und man konnte schließlich die Zeitschriften erstellen.

Die Publikation wurde De y para Todos (Von allen, für alle) benannt und jedermann konnte daran teilnehmen. Wir hatten großen Spaß an diesem Unternehmen, die Jungens schrieben über Ausflüge, Sportereignisse oder Bastelarbeiten, die Mädels meistens über Handarbeiten oder Küche.

Wer meine spätere Laufbahn (als Journalist) kennt, wird sich sagen: Hierfür hat er bestimmt sein erstes Honorar ergattert. Falsch! Wir erfüllten diese Aufgabe mit Begeisterung und ohne an jegliche Belohnung zu denken. Im Gegenteil, wir betrachteten es eine Ehre, dazu berufen worden zu sein.

Neben meinen Schulpflichten nahm ich noch privaten Klavierunterricht. Eigentlich ganz gegen meinen Willen. Meine Mutter hatte behauptet ich sollte das tun, da wir schon mal ein Klavier zu Hause hatten. Ich behauptete dagegen, dass Klavier eine Angelegenheit für Mädels wäre, Jungens spielten nur Geige oder Trompete.

Schließlich setzte meine Mutter sich durch und zweimal in der Woche kam die Klavierlehrerin Berta Schmidt de Christlieb zu uns nach Hause, um mir den Unterricht zu erteilen. Als ich schon die Noten lesen konnte, fing ich an, mir selber auszusuchen was ich spielen wollte. Ich bevorzugte die Walzer von Strauss und kaufte mir andauernd neue Partituren mit dieser Musik. Neben den Klassikern spielte ich auch Tanzmusik aller Art. Immer, wenn meine Freunde (beiderlei Geschlechts) zu Besuch kamen, sangen wir gemeinsam die Texte der Schlager, die ich auf dem Klavier begleitete.

Nachdem wir die Grundschule beendet hatten, gründeten wir, auf Anregung von Frau Paulus, den Verein ehemaliger Schiller-Schüler, mit der Absicht die bestehenden Freundschaften weiter zu pflegen. Wir beschlossen regelmäßige Tanzabende zu organisieren. Ich übernahm die Aufgabe, eine Musikkapelle bereit zu stellen. Unter meinen Klassenkameraden waren zwei, die sich sofort bereit erklärten mitzumachen. Pedro Steinbrunn mit Geige und Hansi Schraml mit Schlagzeug. Später kamen noch zwei Freunde dazu, die jedoch keine Ex-Schüler waren. Aber wir brauchten ja eine Band mit genügender Lautstärke, um den gewünschten Schwung im Saal zu erzeugen. Also spielte der schon etwas ältere Montagna die zweite Geige und ein Junge, dessen Namen ich leider vergessen habe, Akkordeon.

Zurzeit ging ich schon in die Fachhochschule Otto Krause und musste jedes Wochenende technische Zeichnungen als Hausarbeiten fertigstellen. Auf großen Papierbögen wurden mit Hilfe von Linealen und Dreiecken die Tuschestriche mit der Ziehfeder ausgezogen. Dazu hörte ich meistens Unterhaltungsmusik im Radio. Mein Lieblingsprogramm war das von Feliciano Brunelli y su Orquesta Característica. Dieser Musiker spielte selber das Akkordeon und mit seinem Orchester stimmte er moderne Schlager an. Er legte sich nicht auf einen besonderen Rhythmus fest, sondern spielte genauso Tangos wie Walzer, Swing, Rumba, Bolero oder Pasodoble.
Mit unserer Kapelle wollten wir genau so eine musikalische Darstellung bieten. Also besorgten wir uns die Partituren und begannen die Schlager einzuüben. Der Geigenspieler Montagna spielte gerne Variationen und Improvisationen, besonders bei den Tangos. Dabei hielt sich die andere Geige an die vorgedruckten Noten. So entstand eine besondere Tonart, die guten Anklang unter den Tänzern fand.

Mit Hansi hatten wir ein Problem. Es fiel ihm schwer seine Schlagstöcke mit dem Pedal der Pauke zu koordinieren. Das Bums, zwei drei beim Walzer klang etwas verzerrt. Wir mussten hart üben, um diesen Fehler zu bewältigen.
Als wir endlich in der Turnhalle der Schule auftraten und die Jungens und Mädels die Beine zu unserer Musik schwangen, lief alles bestens. Leider saß ich die ganze Zeit am Klavier, mit dem Rücken zur Tanzfläche und bekam von der ganzen Fete nicht viel mit. Allerdings konnte ich feststellen, dass wir uns zum ersten Mal, die Jungens mit langen Hosen und die Mädels mit geschminktem Gesicht, gegenüberstanden. Aus Kindern von gestern waren Jugendliche von heute geworden. Ich konzentrierte mich umso mehr auf die Musik und hatte einen riesigen Spaß daran.

Als die Feier zu Ende war, erhielten wir neben dem Applaus einen Umschlag als Belohnung. Zu unserer Überraschung enthielt er 25 Pesos. Also 5 Pesos für jeden von uns.
Das war unser erstverdientes Honorar.

Nachtrag

Woher das Geld kam, mit dem wir bezahlt wurden, weiß ich bis heute nicht.