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Zwei Galionsfiguren für dasselbe Schiff

Eine Galionsfigur ist eine, meistens aus Holz geschnitzte Figur, die am Bug der Segelschiffe angebracht wird, um diese — so die maritime Tradition — gegen jedes Unheil zu schützen. Heutzutage beschränkt sich dieser Brauch hauptsächlich auf die noch existierenden Segelschulschiffe.

Als 1953 auf der argentinischen Rio Santiago Schiffswerft der Bau des Segelschulschiffes Libertad begann, wurde der Bildhauer Luis Perlotti beauftragt, eine passende Galionsfigur für diese Fregatte zu gestalten. Der Künstler (1890-1969) war landesweit durch die vielen Denkmäler und Monumente berühmt geworden, die von ihm in den meisten Provinzen Argentiniens errichtet wurden. Unter anderem war er auch Dozent an der technischen Hochschule Otto Krause, wo er mir 1938 das Zeichnen beibrachte. Anders als beim technischen Zeichnen — ein anderer Lehrgang — bei dem man verschiedene Instrumente benötigt, wie Ziehfeder, Lineal, Kompass, Dreieck und Schablone, genügt ein einfacher weicher Bleistift, um die künstlerischen Nachbildungen auf dem Papier zu gestalten. Selbstverständlich erforderte diese Kunst eine Menge Kenntnisse und Geschicklichkeit, die wir noch zu erlernen hatten.

Perlotti gab seine Erfahrung in Skizzieren, Schattierungen, Dimensionen und Perspektiven, sowie die Anwendung von Fluchtpunkten bei dreidimensionalen Darstellungen an uns weiter.
Besonders beeindruckte mich sein Hinweis auf das Dimensionsverhältnis bei der Gestaltung von Skulpturen, wie der Standort des Betrachters in Bezug zu der Figur zu berücksichtigen ist. So kommt es, dass der Reiter in größerer Dimension gestaltet werden muss, als das Pferd, auf dem er sitzt.

Unser Kursus begann mit dem Zeichnenvon einfachen Objekten, wie Kugeln, Würfeln oder Kegeln, die der Lehrer uns in der Aula als Modelle vorstellte. Eines Tages kündigte er an, er würde uns in sein Atelier einladen, damit wir nach echten Modellen zeichnen könnten. In unserer jugendlichen Fantasie dachten wir sofort an leicht bekleidete Frauen, die für uns Modell stehen würden und konnten den Tag des Besuchs kaum erwarten.

Im Atelier erwartete uns aber eine große Enttäuschung. Alles, was wir zeichnen durften, waren ionische Säulenköpfe und allerlei Varianten heraldischer Lilien (Fleurs de Lys). Hierbei hatten wir aber auch die Gelegenheit, einige der monumentalen Kunstwerke kennen zu lernen, die unser Lehrer bislang gestaltet hatte. Von seinen Entwürfen waren im Atelier mehrere Unterlagen zu sehen. Wir lernten ihn schätzen und waren stolz darauf, eine solche Berühmtheit zum Lehrer zu haben.

Auch die Marine betrachtete Perlotti als einen hervorragenden Künstler und vertraute ihm ohne Weiteres die Gestaltung einer Galionsfigur an für die im Bau befindliche Fregatte Libertad. Die in Holz geschnitzte Figur repräsentierte eine hübsche Frau in langem Gewand, die souverän in die Ferne schaute. Jedoch, als das vollendete Werk am Bugspriet des Schiffes angebracht werden sollte, merkte man mit Entsetzen, dass in dieser horizontalen Position das Gesicht der Figur dem Wasser zugewandt blieb, was für die Marinetradition unerträglich war.

So kam es, dass die Libertad ihre erste Ausbildungsreise 1963 ohne die traditionelle Galionsfigur antrat. Infolgedessen beauftragte der zuständige Marinemaler, Kapitän Emilio Biggeri, den in Argentinien lebenden spanischen Bildhauer Carlos García González, eine maritimgerechte Figur für das Schiff zu schaffen.

Die von García Golzález entworfene Galionsfigur stellt die Freiheit (Libertad) dar, verkörpert durch eine Frau, die eine Jakobiner-Mütze trägt und die Republik Argentinien in Frieden und Freundschaft symbolisieren soll. Die Augen in dem zierlichen Frauenantlitz schauen auf den Horizont, so wie es die Marinetradition bestimmt, um dem Schiff eine gute Fahrt zu sichern.

Der Bildhauer schnitzte die Figur aus paraguayischem Zedernholz (cedrela tubiflora) und verwendete dafür einen 6 Meter langen Stamm mit 70 Zentimeter Durchmesser. Modell für die Figur stand die Frau des Künstlers, die allerdings starb, bevor die Glücksbringerin am Bug angebracht werden konnte.

Der damalige Kommandant des Schiffes erlaubte dem Künstler jedoch, den Namen seiner Frau an der Figur zu verewigen. So ist in einer der Falten des Gewandes die Inschrift A Nike, an Nike — der Kosename der Frau zu lesen.

Die vergoldete Galionsfigur erhielt ihre Meerwassertaufe am 4. April 1964, außerhalb des Rio de la Plata, auf dem Weg nach Santos. Zwei Tage später bestand sie die erste Sturmprobe, als der Bug bei kräftiger See mehrmals in die Wogen tauchte.

Seither ist diese Freiheitsfigur auf den sieben Meeren und den wichtigsten Häfen der Welt zu sehen, während die erste Skulptur der Libertad gelassen an einem Baum des Marine Museums im Tigre Delta gelehnt darauf wartet, an einem ehrwürdigen Platz aufgestellt zu werden.

 

Randglosse

Galionsfigur der <q>Gorch Fock</q>

Original-Galionsfigur Albatros von 1958-1969 des SSS Gorch Fock. Die Galionsfigur wurde 29.11.2012 in Kappeln nahe dem südlichen Brückenkopf der Schlei-Brücke installiert - Foto Wolfgang Pehlemann Steinberg IMG_1736 [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Im Gegensatz zu den zwei Galionsfiguren der Libertad, hat das deutsche Schulschiff Gorch Fock gleich sechs dieser Bug-Anbringer zu vermerken. Die Figur stellt einen Albatros dar, dessen Form in den verschiedenen Versionen im Wesentlichen beibehalten wurde.

Der erste Albatros am Neubau in 1958 war aus Holz, hielt aber nur ein paar Jahre am Bug, bis er von den Wellen abgerissen wurde. Die ebenfalls aus Holz gestaltete Ersatzfigur musste 1969 aus Gewichtsgründen abgebaut werden.

Die folgende dritte Galionsfigur wurde aus leichtem Polyester angefertigt, zerbrach aber bei ihrem Abbau im Jahr 2000 während einer Routineüberholung der Gorch Fock in der Elsflether Werft. Auch der vierte Albatros war aus Polyester. Im Dezember 2002 ging die Figur in schwerer See im Ärmelkanal verloren. Der fünfte Albatros wurde aus Eschenholz gefertigt, ging aber im Dezember 2003 in einem Sturm vor der französischen Küste verloren. Die jetzige Galionsfigur  der Gorch Fock — die sechste — besteht aus Kohlefaser…