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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Angreifende Amerikaner

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 15 — Angreifende Amerikaner

Oblt. Marzahn, der jetzt die Kompanie führt, begrüßt mich so herzlich, wie es bei ihm möglich ist. Zu meinem Missvergnügen sind jedoch seine ersten Worte Jetzt habe ich endlich einen Kompanietruppführer!. Trotz meines Sträubens besteht er darauf, mit der Begründung, dass er sonst niemand habe, der diese Funktion ausüben könne. Meinen Zug bekommt Ofw. Schwan.

Der bis jetzt im Einsatz gewesene 10 cm-Zug und Erwin Schoof, der dauernd auf VB gewesen war, gehen nun zum Tross zurück, da keine 10 cm-Munition mehr vorhanden ist.

Wir gehen in der Gegend von Montepulciano in einem Städtchen am Berghang in Stellung. Schwan ist auf der B-Stelle und schießt heftig mit den Werfern auf die angreifenden Amerikaner. Wir sind in diesen Tagen dauernd in Bewegung, die Front wird langsam zurückgenommen und nur wenige Ortsnamen sind im Gedächtnis geblieben: Terranuova, wo wir den Kp.-Gef.-Stand in einer schönen Villa einrichten und mal vornehm leben, Bucine, wo der Do-Zug, wie wir den Nebelwerferzug noch immer nennen, unter Ewert und unser Gefechtsstand hinter einer weit vorgeschobenen Vorpostenstellung liegen. Da der Tommy sich bis zum Mittag nicht rührt, können wir im Flusse baden und in der Sonne liegen. Am Abend müssen wir dafür mit Vollgas türmen, um nicht von den britischen Panzern abgeschnitten zu werden. Einmal liegen wir in einem großen Kloster, einmal in einem Pfarrhaus. In dem Kloster wird Pibel Bergmann durch eine losgehende Panzerfaust schwer verbrannt, in der Werferstellung haben wir durch einen eigenen Baumkrepierer drei Tote. Die Namen der vielen Städtchen und Ortschaften, durch die wir auf diesem Rückzuge kommen, sind mir entfallen, oft waren wir nur einen halben Tag da, der mit so vielen Dingen ausgefüllt war, dass ich mich an viele Einzelheiten nicht mehr erinnere.

Ab und zu gehe ich mal auf B-Stelle, um den armen Schwan, der täglich laufen muß, etwas Ruhe zu gönnen. An einen dieser Tage erinnere ich mich deutlich. Im Morgengrauen ziehe ich mit meinem VB-Trupp los, um bei der 7. Kompanie, die damals von Oblt. Braune geführt wurde, unsere B-Stelle einzurichten. Die 7./4 soll auf einem kleinen Bergrücken, etwa 2 km vor der eigentlichen HKL (Hauptkampflinie) eine Vorpostenstellung halten.

Links von uns liegt das 1. Rgt. mit einer Vorpostenkompanie in Foiano, die sich dort zum Häuserkampf eingerichtet hat. Als ich mit meinen Leuten schwitzend auf der angegebenen Höhe anlange, ist außer einer italienischen Bauernfamilie, die da ein Haus bewohnt, keine Seele zu sehen. Ich schicke also meinen Melder Kaschubowski und einen Funker auf die Suche nach der vermissten 7. Kompanie, bestelle im Bauernhaus ein Dutzend Spiegeleier und Wein und steige mittels einer Leiter auf einen riesigen Heuschober, um von da zu beobachten, während Scheurer, mein Funktruppführer, sein Gerät klarmacht. Auch vom Tommy ist noch keine Spur zu sehen. Schließlich kommen meine beiden Leute zurück, Kaschu hat die vermisste Kompanie auf der Höhe links von uns gefunden. Nachdem wir erst einmal unser Frühstück verzehrt haben, gehen wir los. Oblt. Braune, der sich schon Sorgen wegen unseres Ausbleibens gemacht hat, ist nicht schlecht erstaunt, als ich ihm sage, dass er auf der falschen Höhe sitzt, er entschließt sich aber, nun dazubleiben. Die 7. Kompanie hat gerade in dem Haus, das als Gefechtsstand dient, ein Schwein gebraten, sodass wir die Schwelgerei gleich fortsetzen können.

Plötzlich hören wir aus Foiano, beim 1. Regiment lebhaftes Schützenfeuer, vermischt mit Abschüssen von Panzerkanonen. Da vor unserem Frontabschnitt noch nichts zu sehen ist, beginne ich, die Engländer in Foiano zu beschießen. Unsere Schüsse sitzen im Ziel, doch kann ich die Wirkung nicht feststellen, denn von meiner B-Stelle aus sehe ich nur ab und zu einen Panzer oder eine Schützengruppe zwischen den Häusern auftauchen.

Wir haben nur den 12 cm-Zug im Einsatz, der Do-Zug steht ohne Munition beim Tross.

Foiano wird vom 1. Rgt. aufgegeben und die englischen Churchill-Panzer mit je sieben Mann aufgesessener Infanterie rollen auf der Straße weiter. An der Straßengabel teilt sich die Kolonne. Während ein Teil weiter nach Norden vorstößt, rollt die andere Gruppe nach Westen und schneidet uns so von der HKL ab, was wir aber wegen der dichten Bodenbedeckung zunächst nicht bemerken. Als wir jedoch in unserem Rücken Panzergerassel hören, spähen wir vorsichtig um die Hausecke und beginnen, die Panzer zu zählen, wie sie in unser Gesichtsfeld kommen. Oblt. Braune gibt über sein Funkgerät einen Spruch an das Btl. auf, während er um die Hausecke lugt: Geben Sie durch: Auf Straße hinter uns 10 Panzer, nein, 15, nein, 25, ach Quatsch, geben Sie durch, Panzer in Massen!

Anschließend fragt er mich, was ich von der Lage halte. Ich erwidere, dass es nach meiner Meinung für uns hohe Zeit ist, zu verduften, wenn wir überhaupt heil in die HKL kommen wollen, denn auch vor uns ist der Engländer inzwischen bis auf 6-800 m herangekommen.

Da die Kompanie nicht den Auftrag hat, die Stellung zu halten, lässt Braune alles bereit zum Absetzen machen. Sein Angebot, uns mit der 7. Kompanie durchzuschlagen, lehne ich mit Dank ab und ziehe mit meinen drei Mann gleichzeitig mit der 7., aber auf einem anderen Wege los. Da wir Büsche, Gräben und Hecken ausnützen, kommen wir sehr gut bis an die Straße, auf der die britischen Panzer rollen und können sie überqueren, ohne gesehen zu werden. In weniger als einer Stunde kommen wir so ganz gemütlich in unserer HKL an und setzen uns erst einmal ins Gras, um zu verschnaufen. Etwa eine Viertelstunde später kommt auch unsere 7. keuchend und schwitzend an und wundert sich nicht schlecht, uns schon hier anzutreffen.

Oblt. Braune übernimmt nun mit der 7. Kompanie seinen Abschnitt in der HKL, während ich mit meinem Trupp auf einem Feldwege nach Osten vorgehe, um dort in einem Hause, das von uns schon am Vortage ausgesucht worden war, meine B-Stelle einzurichten.

Am linken Rande des Weges ist eine etwa einen Meter hohe Böschung. Wir gehen, wie üblich, in Reihe mit großen Abständen im Straßengraben. In einem Kompaniegefechtsstand in einem Haus links an unserem Wege, an dem wir vorbeikommen, erkundige ich mich nach der Lage. Man sagt mir, ich könne ruhig meine B-Stelle beziehen, da unsere eigene HKL noch 300 m weiter südlich verlaufe. Wir ziehen also ruhig weiter, bis wir nach etwa 50 Metern links von uns heftiges MP-Geknatter hören. Ungefähr 30 m links von uns liegt eine Gruppe Schützen im Gelände und feuert in Richtung Nordwesten. Wir sehen uns diese Gestalten genauer an, denn sie schießen nach unseren Begriffen in die falsche Richtung, aber wir sehen von ihnen nur die Stiefelsohlen deutlich. Dann merke ich, dass die Leute blaue englische Feldflaschen am Koppel hängen haben, worauf wir schleunigst kehrt machen und immer noch ohne bemerkt zu werden, wieder den letzten Gefechtsstand erreichen. Als ich dort melde, dass der Tommy 50 m links von ihnen liegt, hält man mich zunächst für verrückt. Dann wird aber doch eine Gruppe losgeschickt, um nachzusehen. Ihr gelingt es nach einer heftigen Schießerei, die Engländer zu verjagen bzw. einige von ihnen gefangen zu nehmen, allerdings auch mit eigenen Verlusten.

Ich beziehe nun als B-Stelle ein anderes Haus. Es ist eine alte baufällige Bruchbude, die aber gute Aussicht bietet. Der Tommy ist schon bis auf 100 m heran und will sich eingraben, was ich aber mit ein paar 12 cm-Granaten unterbinde. Schließlich kommt der Angriff vor uns zum Stehen, wie es allerdings links von uns und hinter uns aussieht, weiß kein Mensch. Endlich, in der Abenddämmerung, kommt der Absetzbefehl.

Bei mir ist inzwischen ein Melder der 13. angelangt, so dass wir, wieder für uns allein im großen Bogen, um nicht in der Dunkelheit dem Tommy in die Arme zu laufen, ohne Schwierigkeiten unsere Kompanie finden.