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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Ein anderer Krieg

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 17 — Ein anderer Krieg

Wir merken bald, dass nun ein anderer Krieg beginnt, als in den hinter uns liegenden Monaten. Das englische Artilleriefeuer nimmt ständig zu und auch die gegnerische Luftwaffe ist sehr aktiv. Uns gegenüber liegt eine Musterkollektion der besten britischen Divisionen, so dass wir uns auf allerhand gefasst machen können.

Unser Kp.-Gef.-Stand ist in einem Stollen an der Straße, der ziemlich bombensicher ist. Links von uns liegt der 12 cm-Zug, im Tale rechts von uns der Nebelwerferzug. Leider erwischt dort eine englische Granate einige Leute, darunter Prause und Sprung, die beide verwundet werden. Die Zivilbevölkerung hat schon Tote. Auch auf den B-Stellen gibt es bereits Ausfälle, bei Schröder einen Toten durch Artillerie, bei Schwan ebenfalls einen durch Jabovolltreffer. Ich bin mit Lt. Hesse ziemlich viel unterwegs, er muss sich erst an die ungewohnte starke Schießerei gewöhnen. Der Do-Zug macht Stellungswechsel auf eine Höhe links von uns. Unser Dr. Fleck ist auf seine dauernden Bitten hin zur Gefechtskompanie gekommen und dem Do-Zug zugeteilt worden. Er ist willig genug, doch bietet er, besonders bei Nacht ein reichlich komisches Bild, da er völlig nachtblind ist.

Eines Abends kommt Absetzbefehl, als nächste Stellung soll die Vor-Grünlinie bezogen werden. Ich fahre mit Laukner, Kaschubowski und Reinert los, um die neuen Feuerstellungen auszusuchen. Es ist stockfinstere Nacht, doch ziemlich ruhig, so dass wir unsere Stahlhelme im Krad lassen und auf die Suche gehen. Eine Do-Stellung ist bald gefunden, ich lasse Reinert als Einweiser an der Straße und gehe mit Kaschu weiter. Als wir gerade vor ein paar Deckungslöchern stehen, es ist genau Mitternacht, flammt mit einem Schlage der ganze Horizont auf und um uns beginnt es zu pfeifen und zu krachen. Das britische Trommelfeuer, das die Adriaschlacht einleitet, hat begonnen. In den nächsten 24 Stunden werden 80.000 Schuss Artillerie auf unseren Regimentsabschnitt fallen.

Wir liegen im Nu übereinander im Loch und wünschen uns unsere Helme. Da die Straßenkreuzung vor uns schwer unter Feuer liegt, pfeifen und surren die Splitter ohne Pause über unsere Deckung. Als endlich das Feuer nach etwa einer halben Stunde verlegt wird, holen wir uns erst mal von unserem Krad, das in Deckung steht, unsere Helme. Dann geht mit Kaschu die Suche nach einer 12 cm-Stellung weiter, bei der Finsternis und dem starken Feuer ziemlich schwierig. Wir geraten noch mehrere Male in Feuerüberfälle der britischen Artillerie, finden aber doch eine passende Stellung in einer Mulde hinter der Do-Stellung, wo die Werfer in einem tiefen Graben, gut getarnt durch Bäume und Büsche aufgestellt werden können. Auch für den Kp.-Gef.-Stand ist bald eine Mühle, etwas abseits der Straße, gefunden. Die Kompanie kommt bald angefahren und die Züge gehen in Stellung. Auf dem Gefechtsstand muss ich dann bei Kerzenlicht sofort mit dem Zeichnen von Stellungsskizzen beginnen.

Am nächsten Tage feuern unsere beiden Züge heftig auf den angreifenden Gegner. Die britische Artillerie bleibt die Antwort nicht schuldig und setzt einen 14 cm-Volltreffer direkt auf einen unserer 12 cm-Werfer. Dieser wird völlig zerstört, glücklicherweise ohne Verluste bei der Bedienung. Auch der Backofen unseres Hauses bekommt einen Volltreffer ab und begräbt den Gefr. Linkus unter den Ziegeln. Abgesehen von einer Menge blauer Flecke kommt er unversehrt wieder zum Vorschein.

Gegen Mittag gehe ich mit Lt. Hesse und einem Melder los, um nach Wechselstellungen Ausschau zu halten. So oft uns der britische Artillerieaufklärer sieht, d.h. jedes Mal, wenn wir über deckungsloses Gelände müssen, setzt uns eine Batterie eine Lage vor die Nase, ohne allerdings jemand zu treffen.

Wieder im Gefechtsstand angelangt, kommen die Reste unseres Regiments-Radfahrzuges vorbei, der in der Vorpostenstellung gelegen hatte und bei einem von den Kanadiern mit echter Todesverachtung vorgetragenem Angriff fast aufgerieben worden ist. Von 36 Mann waren nur noch sechs übrig, davon vier verwundet.

Am Abend kommt wieder Absetzbefehl, wir sollen nun in die eigentliche Grünstellung gehen.

Unsere LKW's kommen vorgefahren, glücklicherweise gerade während einer Feuerpause der englischen Artillerie, im Nu ist aufgeladen und wir rollen nach Norden. Auf der Straße liegen dauernd Feuerüberfälle der schweren 14 cm-Batterien, wir kommen gerade in einen hinein, doch passiert nicht viel. Auf dem Krad vor uns wird Lt. Hesse, Obj. Laukner und Reinert durch Splitter leicht angekratzt, auf unserem Kübelwagen gibt es nur einige Löcher in unseren Rucksäcken, dem Wagen und zwei platte Vorderreifen. Unsere Kolonne fährt eben über einen deckungslosen Bergrücken, als die andauernd über uns brummenden feindlichen Nachtbomber die ganze Gegend mit Christbäumen und Blitzlichtbomben taghell erleuchten. Da unsere Fahrzeuge sofort stoppen, werden wir nicht bemerkt. Alles springt trotzdem von den Wagen und sucht Deckung in den Gräben, nur unser Dr. Fleck kann infolge seiner Nachtblindheit keinen finden und stelzt auf allen vieren wie eine riesige Spinne durch die Gegend. Wir müssen ihn zu seinem Kummer und wahrscheinlich zu seiner eigenen Rettung wieder zum Tross schicken.

Schließlich sind wir angelangt, die Züge gehen erst einmal im hügeligen Gelände südlich von Tomba di Pesaro in Stellung. Am Tage gehe ich dann mit dem Chef wieder los, um neue Feuerstellungen, für alle Fälle mit Rückzugsmöglichkeiten zu erkunden. Wir finden sie endlich am Nordhange hinter Tomba, der 12 cm-Zug in einem Hohlwege rechts des Feldweges von Tomba nach Norden, der Do-Zug links davon vor einem etwa 3 m hohen Steilhang, in den die Fuchslöcher für die Bedienungen eingegraben werden. Der Kompanietrupp macht seinen Gefechtsstand in einem Hause zwischen den beiden Zügen auf, doch gehen wir am nächsten Tage doch lieber in flüchtige Deckungen in der Wegeböschung, da Häuser zur Zeit beliebte Ziele der Jabos sind.

Die Grünstellung ist seit Monaten im Ausbau, zum Teil ist sie sehr gut mit sicheren Bunkern, eingebauten Panzerkuppeln mit Kanonen (Türme von Panther-Panzern) usw. ausgebaut, dafür ist streckenweise absolut nichts da. Da der Feind die Linie genau kennt, greift er sie schon seit Wochen täglich mit zwei- und viermotorigen Bombern und mit Jabos an. Unsere Schützenkompanien haben z.T. schon Verluste durch Bomben, während sie in Stellung gehen.

Rechts von uns liegt die 71. ID, kein besonders verlässlicher Nachbar. Unsere Panzerabwehr besteht außer den Panzerkuppeln aus einer Reihe von Hornissen (8,8 Pak auf Selbstfahrlafette), die Pak-Geschütze unserer eigenen 14. Kompanie sind schon in den vorausgegangenen Tagen zum größten Teil vernichtet worden. Da das Gelände sehr geeignet für Panzer ist, reicht diese Abwehr bei weitem nicht aus. Rechts von uns bei der 71. ID hat der Tommy bereits einen Einbruch erzielt und muss von Teilen des FJR 4 wieder hinausgeworfen werden. Doch am nächsten Tage wird es erst richtig ernst. Der Gegner greift unter Einsatz aller Mittel auf breiter Front an, u.a. 180 Panzer, Schwärme von Jagdbombern und mehr als genügend Artillerie. Die Stellungen der 71. ID werden zuerst durchbrochen und dann unser Regiment von rechts her aufgerollt. Obwohl zwischen 20 und 30 britische Panzer abgeschossen werden, ist der Angriff nicht mehr aufzuhalten. Als wir von Schwans B-Stelle nichts mehr hören, fragen wir über Funk bei seinem Nachbarn an und erhalten die Antwort: Schwan im Bunker von Hptm. Kirchberg, auf dem Bunker feindlicher Panzer. So gerät diese und auch die B-Stelle des Do-Zuges mit Fw. Schröder in Gefangenschaft. Lt. Hesse ist am Rgts.-Gef.-Stand und schießt nach der Karte, ich bin beim Do-Zug, um für schnelles Schießen trotz des starken Artilleriefeuers und der ständig über uns kreisenden Artillerieaufklärer zu sorgen. Eine heikle Angelegenheit, da nach jeder eigenen Salve die Stellung in eine dichte Staubwolke gehüllt ist. Wir haben jedoch Glück, vernichten sechs britische Panzer, ohne von den Aufklärern ausgemacht zu werden.

Am Abend kommt Lt. Hesse und ich fahre mit ihm und Reinert auf dem Krad nach hinten, um eine neue Stellung auszusuchen und unsere LKW's vorzuschicken, die Reinert führen soll und die dann von uns in die nächste Stellung eingewiesen werden sollen.

Nach langem Suchen ist eine Stellung gefunden, es ist inzwischen Tag geworden, die Jabos sind da, doch unsere beiden Züge fehlen noch immer. Wir fahren also mit dem Krad wieder zurück, Richtung Feuerstellung. Plötzlich bemerken wir, aufgesessen auf einer Kolonne Panther, die gerade auf der Straße zurückrasselt unsere Leute. Die Panzer hatten mit dem Div.-Pi-Btl. in der Nacht einen Gegenstoß unternommen, doch konnte die ursprüngliche Stellung nicht mehr ganz zurück gewonnen werden. Unsere Kraftfahrzeuge waren, wie befohlen, vorgefahren, jedoch in Tomba in einen heftigen Feuerüberfall geraten, der eigentlich unseren Panzern galt, wobei die beiden LKW's des 12 cm-Zuges durch Volltreffer vernichtet wurden. Dabei fielen Obj. Fleitmann und der Gefr. Zirwes, ein immer vergnügter junger Rheinländer, der sich grundsätzlich nur mit einem Strohhut auf dem Kopfe ans Steuer setzte (wie sein Freund Meitzner mit einem Zylinderhut). Auch unser Gefr. Reinert wurde durch Splitter schwer verwundet. Die LKW's des Do-Zuges kamen durch und holten ihre Geräte heraus.

Glücklicherweise waren gerade zwei Munitions-LKW's in der Stellung, welche die beiden 12 cm-Werfer anhängen und so auch bergen konnten. Die Leute des 12 cm-Zuges marschierten ein Stück, bis sie von den zurückfahrenden Panthern aufgenommen wurden. Es dauert eine ganze Weile, bis sich die beiden Züge wieder vollzählig zusammengefunden haben. Der 12-cm-Zug wird zum Tross geschickt, da er keine Munition mehr hat und ich führe den Nebelwerferzug in seine neue Stellung. Es geht auf einem Feldwege einen Berg hinauf, dann geht der Zug im Weingarten eines Gehöftes am Hinterhang in Stellung. Sein St.U. (Stellungsunteroffizier) ist in dieser Zeit der Obj. Bengelsdorf, der seine Sache sehr gut macht. Unser Kp.-Gef.-Stand kommt in ein Häuschen, etwa 200 m weiter hangaufwärts. Hier lebt ein altes Ehepaar, das vor Schreck völlig durchdreht, als die erste Salve der Nebelwerfer knapp über das Dach heult und faucht. Am Nachmittag kommen aus der Ferne einige Panzer auf uns zu, wir machen uns schon bereit zur Bekämpfung, als wir schließlich merken, dass es eine Kompanie Panther ist, die auf dem Wege, der an unserer Casa vorbeiführt, nach hinten rollt. Ausgerechnet, als die Panzer neben uns sind, werden sie von einer Staffel Spitfires im Tiefflug angegriffen, wobei natürlich unsere Hütte auch einige Treffer abbekommt. Eine Spitfire wird dabei von der 2-cm-Flak abgeschossen, die Panzer fahren unbeschädigt weiter.

Auch hier bleiben wir nicht lange. Am Abend kommt erneut Absetzbefehl und wir gehen einige Kilometer weiter nördlich, etwa 1 km südlich eines 20-30 m breiten, aber seichten Flusses in Stellung. Die Nebelwerferstellung ist bei einem Gehöft am Hinterhang, der Gef.-Stand in einem Bunker rechts dahinter. Hier war nämlich ein Bunkersystem für den Divisionsgefechtsstand in der Grünlinie ausgebaut worden, das jetzt unserem Btl.-Gef.-Stand zugute kommt. Das FJR 4 besteht seit dem Tage von Tomba nur noch aus einem Bataillon.