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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Rückzug Richtung Norden

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 18 — Rückzug Richtung Norden

Am nächsten Morgen kommt Alarm. Der Tommy ist durchgebrochen und kann jeden Augenblick hier sein. Alles macht sich fertig zum Abmarsch. Wir verbrennen die Geheimsachen, die wir nicht mitnehmen können, ein Nebelwerfer wird an unser Krad angehängt, den anderen nimmt nach langem Verhandeln der Sanka des Btl.-Arztes mit. Die Munition muss leider gesprengt werden, da wir keine Möglichkeit haben, unsere Kraftfahrzeuge noch vorzuholen. Unser Waffenwart, der Ogfr. Haushahn sprengt die Granaten im letzten Augenblick und schlägt sich dann zur Kompanie durch, nachdem er den Einmarsch der britischen Panzer von einem Haus an der Straße aus miterlebt hat. Die Kompanie marschiert in langer Schützenreihe los, entlang der zahlreichen Hecken und Gräben. Wir durchwaten den Fluss und machen erst nach drei Kilometern das erste Mal halt, um uns an Wein und Trauben zu erfrischen. Nun geht es in etwas gemäßigterem Tempo weiter, wenig belästigt durch die englische Artillerie oder die Jabos, die uns nur einmal im Tiefangriff annehmen, ohne jedoch Wirkung zu erzielen. Am Nachmittag sind wir an unserem Ziel, einem Bergstädtchen angelangt, wo uns jedoch ein Einweiser abfängt mit der Nachricht, dass der Ort nach einem aufgefangenen Funkspruch am Nachmittag bombardiert werden soll. Wir sollen uns außerhalb des Ortes aufhalten und finden bald ein Bauernhaus, in dem wir alle nach einer ausgiebigen Stärkung erst einmal schlafen. Der Bombenangriff kommt nicht und am Abend ziehen wir erneut los. Wir haben inzwischen Befehl erhalten, weiter Richtung Norden zu marschieren, um in einem Ort ein Ruhequartier zu beziehen.

Schon nach kurzem Marsch treffen wir unsere LKW's, die uns entgegengefahren sind, um uns aufzunehmen. Durch häufiges Halten und Warten aufgehalten, kommen wir erst im Morgengrauen an und bekommen unser Quartier zugewiesen. Ich wasche mich erst und will mich gerade ins Stroh legen, als schon wieder Alarm kommt. Diesmal sollen britische Panzer durchgebrochen sein und wir steigen zu sechs in unser KFZ 15, um schwerbewaffnet mit Panzerfäusten auf die Panzerjagd zu gehen. Zum Glück sind keine da, so dass wir wieder in die Quartiere können. Doch auch jetzt dauert es nicht lange, dann heißt es, einige Kilometer weiter südlich, bei Coriano in Stellung zu gehen. Hier steht der Tommy mit seinen Panzern tatsächlich kurz davor, ohne jedoch durchbrechen zu können. Das Artilleriefeuer ist nicht besonders stark. Am Abend gilt es schon wieder abzubauen und nach etlichen Kilometern Nachtfahrt landen wir in unserer nächsten Stellung, die schon in wesentlich flacherem Gelände liegt. Der Do-Zug liegt in einem Gehöft, umgeben von Bäumen und Gebüsch, der Gefechtsstand in einem Hause links davon, zusammen mit dem Rgts.-Nachrichtenzug. Der Btl.-Gef.-Stand ist einige hundert Meter hinter uns. Unser Zug schießt eifrig, der Tommy leider auch. Es gibt Treffer, die jedoch keinen Schaden bei uns anrichten. Beim Do-Zug geraten die Strohhaufen in Brand, die Munition droht hochzugehen und kann nur mit Mühe geborgen werden. Leider müssen wir unser Krad samt Laukner dem Btl.-Stab zur Verfügung stellen, da es nun das letzte heile Krad des Regimentes ist.

Auch hier hält es uns nicht lange und wir gehen schließlich südlich des Flugplatzes von Rimini in Stellung. Auch der 12-cm-Zug ist wieder mit drei Werfern da und geht hinter einem Gehöft in Stellung, während der Do-Zug sich etwa 200 m links davon hinter einer Buschreihe einbaut. Das Gelände ist vollkommen flach, es gibt außer Häusern und Büschen keine andere Deckung gegen Sicht. Einige 100 m hinter uns liegt wieder der Btl.-Stab. Durch einen Artillerietreffer wird dort nun auch unser Krad schwer beschädigt.

Ein Stück links von uns steht eine Batterie unseres Artillerie-Rgts. mit ihren LG 2-Geschützen (kleine, rückstoßlose 10 cm-Kanonen). Wir bauen uns mit dem Kp.-Trupp bei dem 12-cm-Zug ein und graben uns im Hause zwei große Bunker. Unser Funkgerät steht in einem kleinen Bunker, der durch einen kurzen Stollen mit unserem verbunden ist. Unser Fourier, der Obj. Groß kommt mit Verpflegung und einer großen Torte vorgefahren und bringt den Obj. Janischewski mit, der nun wieder seinen Werfer übernimmt. Wir haben ein altes Grammophon ohne Feder gefunden und haben sogar Musik, allerdings mit Handbetrieb. Am Abend bekommen wir Befehl, die ganze Nacht mit den Granatwerfern Störungsfeuer zu schießen, obwohl wir keine Salzladungen zum Dämpfen des Mündungsfeuers bei Nacht mehr haben. Wir können nur hoffen, dass der Tommy schläft und unsere Stellung nicht anmisst. Bis zum nächsten Mittag bleibt tatsächlich alles ruhig und wir glauben, unbemerkt geblieben zu sein. Als aber dann eine Staffel mittlerer amerikanischer Bomber über uns fliegt, schießt die britische Artillerie violette Rauchzeichen auf unsere Stellung, zum Glück einige Sekunden zu spät, so dass die Bomber schon über uns weg sind und den Rauch offenbar nicht sehen. Doch am Nachmittag wird es ernst. Ganz überraschend stößt eine Staffel Spitfire, 12 Flugzeuge auf uns herunter und wirft, aus allen Rohren feuernd, 24 mittlere Bomben auf unser Gehöft. Alles stürzt in die Bunker, doch für einige ist es schon zu spät. Janischewski, der gerade im Hause schläft, ist sofort tot, gleichfalls Obj. Menzel, unser Funker, der durch eine Bombe, die direkt in seinen kleinen Bunker einschlägt, zerrissen und verschüttet wird. Von uns im großen Bunker daneben werden noch einige durch Splitter angekratzt. Ich selbst bin voller Blut, doch ohne Verletzung. Wir sahen nur eine grelle Flamme, hörten die Explosion und können jetzt vor Erde, Staub und Pulverdampf nichts mehr sehen und kaum mehr atmen. Einige Leute drehen durch, da sie uns verschüttet glauben. Ich kann sie nur sehr schwer wieder zur Vernunft bringen, doch ist ein schwacher Luftzug am Eingang, der durch die Haustrümmer versperrt ist, noch zu spüren. Wir buddeln und zwängen uns schließlich aus unserem Loche heraus.

Das Haus ist vollkommen demoliert, doch der andere Bunker ist unbeschädigt. In den Trümmern liegt einer unserer Leute, ein Ogfr. mit fast ganz abgetrennten Gliedern. Der Obj. Peters läuft auf den Hof und wird von den Jabos, die noch einmal mit Bordwaffen anfliegen, schwer verwundet. Er bekommt ein 2-cm-Panzergeschoß in die Brust. Unser Sanitäter, Obj. Winter bemüht sich um die Schwerverwundeten, während ich mit Lt. Hesse zum Btl.-Gef.-Stand laufe, wo wir den Sanka holen und mit ihm wieder in die Stellung vorfahren. Wir tragen die Verwundeten zum Wagen, leider sterben alle am nächsten Tage. Die Jagdbomber kreisen noch immer, greifen aber, wie fast immer, den Krankenwagen nicht an.

Außer den beiden Volltreffern in das Haus haben Bomben einen Werfer vollkommen zerstört, einen beschädigt und den Schuppen, in dem ein Teil unserer Munition liegt, in Brand gesetzt, der aber zum Glück gelöscht werden kann. Unser Gepäck und unsere eigenen Waffen sind zum größten Teil durch Bombensplitter zerfetzt.

Nachdem die Verwundeten weggebracht sind, gehe ich mit dem Kp.-Führer und einem Melder los, um eine Wechselstellung für den 12-cm-Zug zu erkunden. Lt. Hesse ist mit den Nerven ziemlich fertig und ich muss ihm einige Male gut zureden, um ihn zum Weitergehen zu bewegen. (Jahre später verrät er mir, er habe damals fest daran geglaubt, dass ihm nichts zustoßen würde, wenn ich bei ihm war.) Schließlich finden wir einen einigermaßen geeigneten Platz, etwa 200 m rechts hinter der bisherigen Stellung, hinter einer Buschreihe, entlang der ein tiefer Graben läuft. Die feindliche Artillerie und die Flieger sind weiterhin eifrig tätig und bearbeiten Wege und einzelne Häuser. Auch unser TVP (Truppenverbandsplatz) muss einen Jaboangriff erleben, bei dem es Tote gibt. Er ist mit großen Rotkreuzflaggen am Dach deutlich gekennzeichnet.

Sofort nach Einbruch der Dämmerung beginnen wir mit dem Stellungswechsel. Er ist gerade im Anlaufen, da fangen die englischen 14-er an, uns aufs Korn zu nehmen. Wir suchen in dem heil gebliebenen Bunker Deckung und stützen die bebende Decke mit unseren Schultern. Eine Kerze, unsere einzige Beleuchtung, wird durch den Luftdruck bei jedem nahen Einschlag ausgeblasen, bis wir aufgeben und im Dunkeln bleiben. Der Feuerüberfall hört wieder auf, er hat lediglich einige noch stehengebliebene Mauerreste unseres Hauses zum Einsturz gebracht.