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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Do-Zug wieder zum Tross

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 19 — Do-Zug wieder zum Tross

Der Do-Zug kommt nun wieder zum Tross. In der neuen Stellung beginnen wir sofort, im Graben Fuchslöcher zu bauen. Da die natürliche Tarnung ziemlich gut ist, lässt uns der Tommy den nächsten Tag über in Frieden. Die amerikanischen Mitchell- und Marauder-Bomber werfen oft Bomben über uns, die aber den Artilleriestellungen weit hinter uns zugedacht sind, obwohl es beim Ausklinken oft aussieht, als ob wir die Empfänger sein würden.

Am Abend kommt Lt. Hickmann mit Fw. Wamsler auf unserem letzten Krad, das bisher beim Tross war, angefahren, um Lt. Hesse und mich abzulösen. Wir sollen uns beim Tross von den Strapazen der letzten Wochen erholen. Nach kurzer Einweisung fahren wir auf dem Krad los. Auf dem Wege durch das schon stark zerschossene Rimini, das dauernd unter englischem Feuer aus schweren Geschützen liegt, stößt unser Kradfahrer Krokul, der ein besserer Metzger als Kraftfahrer ist, mit einem entgegenkommenden Krad zusammen. Dabei verliere ich, wie ich später zu meinem Leidwesen feststellen muss, meine Brieftasche, da meine ganze Hüfttasche von der Tarnhose abgetrennt wurde. Unser Krad stottert mühsam auf einem Zylinder weiter, über die besonders stark unter Feuer liegende Straßengabel nördlich Rimini, bis unser Krokul bei einem Gehöft, schon außerhalb des Artilleriebereiches anfangen will, zu reparieren. Wir schieben die Maschine in die Scheune, verdunkeln, um dem Pipo, dem britischen Nachtbomber vom Dienst, kein Ziel zu bieten und unser Fahrer beginnt unter fachmännischen Erläuterungen sein Werk. Das Ergebnis ist, dass nach einigen Stunden die Maschine überhaupt nicht mehr läuft. Da er beteuert, dass das ganze Versagen nur auf dem Fehlen eines Schraubenschlüssels beruht, lassen wir ihn mit seiner Zündapp hier, um sich am Morgen den Schlüssel zu besorgen und marschieren zu Fuß los. Da sich Krokul noch dazu auf die Via Adriatica verirrt hatte, müssen wir erst auf Feldwegen nach Westen, bis wir auf die richtige Straße treffen. In der warmen Mondnacht ist dies ein schöner und erholsamer Spaziergang.

Auf der Straße treffen wir bald darauf ein italienisches Sturmgeschütz mit deutscher Besatzung, das uns mitnimmt. Der Fahrer fährt in einem Höllentempo. Wir rasseln durch Santarcangelo, ohne dass ich damals weiß, dass mein Onkel Dolfi als Nachrichtenoffizier des Stabes einer Infanteriedivision gerade in diesem Städtchen liegt.

Endlich sind wir an unserem Ziele angelangt, wir steigen ab und legen das letzte Stück zum Tross zu Fuß zurück. Hier kommt es einem vor wie im Frieden, obwohl man den Kanonendonner im Süden noch hören kann. Auch die Jabos erscheinen häufig.

Ich quartiere mich unter einem Bauernkarren im Freien ein und verbringe die meiste Zeit mit Schlafen, häufig unterbrochen durch Schnell-Läufe zur Latrine, denn ich habe wie viele andere einen fürchterlichen Durchfall, eine im Italienkrieg sehr häufige Krankheit.

Nach zwei Tagen erscheint plötzlich Lt. Hickmann mit dem Krad und bringt mir schonend bei, dass ich noch in derselben Nacht wieder vor müsse, um Fw. Gerger auf der B-Stelle abzulösen, der mit den Nerven völlig am Ende wäre. Um meine Eingeweide vorher in Ordnung zu bringen, trinke ich ein halbes Fläschchen Opiumtinktur, die eigentlich tropfenweise eingenommen werden soll. Der Erfolg ist phantastisch. So fahre ich also am 16. September 1944 mit Groß, unserem Fourier und seinem Verpflegungs-LKW wieder an die Front. Der 12-cm-Zug liegt in Rimini selbst, der Kp.-Gef.-Stand in einem hohen Getreidespeicher am Südrand der Stadt.

Am Morgen gehe ich mit Feige, einem Melder, los, um Gerger in St. Angelo (?), einem Dorf auf einer Höhe weit links vor uns abzulösen. Das Artilleriefeuer ist ziemlich stark, es kreisen dauernd drei Artillerieflieger nebeneinander am Himmel.

Wir kommen schließlich beim Kp.-Gef.-Stand der 6. Kp. - Lt. Weck - an, der uns warnt, weiterzugehen, da die Lage links von uns völlig ungeklärt sei. Er habe einen Spähtrupp losgeschickt, der nachsehen soll. Schließlich kommt bei uns der Gefr. Pfennigsdorf, ein Funker unserer B-Stelle an, der uns hinführen soll.
Nach einem Fehlstart in einem wild verwachsenen Bachbett, entlang dem die Infanterie an uns vorbei zurückläuft, gehen wir schließlich im Straßengraben im großen Bogen gegen die Höhe vor, die unser Ziel ist. Wir müssen dabei durch den Abschnitt der Infanterie, von denen wir viele unterwegs mit Gegenkurs treffen, auch Offiziere. Sie alle gehen in großer Eile im gleichen Graben wie wir, nur in anderer Richtung. Schließlich kommt keine Seele mehr. Die einzige Deckung nach rechts ist eine Buschreihe vor dem Graben. Leider ist diese, ebenso wie der Graben selbst, öfters unterbrochen und beim Überspringen dieser Stellen sieht uns der Tommy. Ein paar Panzer nehmen uns aus kurzer Entfernung aufs Korn und setzen uns etwa 30 Granaten vor die Nase, dass uns Hören und Sehen vergeht.

Der weiteste Einschlag liegt etwa 5-6 m daneben. Wie durch ein Wunder bleiben wir unverletzt, doch ein einsamer Infanterist, der vier Meter vor uns im Graben liegt, kriegt einen Volltreffer ab und ist auf der Stelle tot. Sowie die Panzer schweigen, springen wir über die Straße und laufen im anderen Graben weiter. Der Tommy kann uns nicht sehen, da die Stelle von Staub und Pulverqualm vernebelt ist. Ein Stück weiter werden wir nochmals unter Feuer genommen, doch bei weitem nicht so genau wie das erste Mal. Das letzte Stück legen wir kriechend zurück und kommen endlich zu Gergers B-Stelle, einem schon leicht beschädigten Haus. Hinter dem Haus steht ein P IV-Panzer, der am gleichen Tag schon zwei britische Churchill-Panzer abgeschossen hat. Die Panzerbesatzung und die anderen, die im Dorfe liegen, haben schon Absetzbefehl und rasseln zurück. Leider haben wir ihn noch nicht und versäumen so die Gelegenheit, mitgenommen zu werden, außer Gerger, der ja nicht mehr hierbleiben muss. Als ich dann auch den Befehl erhalte, zurückzugehen, sind die Panzer weg und wir müssen in der Dunkelheit zu Fuß den Berg herunterstolpern, diesmal an einer anderen Seite, als wir heraufgekommen sind.

In der Ebene auf der Straße angelangt, nimmt uns ein Sturmgeschütz ein Stück mit, später ein Zug unserer Divisions-Panzerjäger, die gerade ihre 7,5 Pak mit LKW's herausgeholt haben. So kommen wir rasch nach Rimini und zu unserem Gefechtsstand. Unterwegs erleben wir ein großartiges Schauspiel. Britische Nachtbomber werfen hunderte von Christbäumen über dem Nordteil von Rimini, anschließend legen sie Bombenteppiche auf die beiden Zufahrtstraßen von Norden. Danach wird die Fahrt von und nach Rimini ein Kunststück. Oft landet ein LKW in einem Bombentrichter. Bei einem solchen Vorfall verlor unser Fourier eine Torte, die er uns bringen wollte, um sie später, gut mit Öl verziert im Motor seines Lkw's wiederzufinden.

Den Rest der Nacht schlafen wir auf dem Gefechtsstand, doch noch bei Sternenschein müssen wir wieder aufbrechen, um die nächste B-Stelle, diesmal rechts vor uns und etwas näher, zu beziehen.