© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Mai 1945-April 1946 - Kriegsgefangenschaft

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 24 — Mai 1945-April 1946 - Kriegsgefangenschaft

Die ersten Amerikaner kommen am nächsten Tage in Jeeps angefahren. Sie halten vor unserem Kasernentor, an dem ein Doppelposten mit Stahlhelm und MP steht und erkundigen sich, welche Einheiten sich hier aufhalten. Als sie hören 3000 Fallschirmjäger steigen sie wieder ein und fahren weiter. In den nächsten Tagen spazieren wir oft in das Städtchen, in voller Uniform, mit Orden und Ehrenzeichen, die Amerikaner ebenso. Sie wollen uns zum Verkauf der Abzeichen und Auszeichnungen überreden, aber da wir noch keinen Mangel an irgendetwas haben, haben sie wenig Glück. Schließlich werden wir unsere schweren Waffen los, sie werden zuerst in ein Lager außerhalb der Kaserne gebracht und dann beschlagnahmt. Unsere leichten Infanteriewaffen behalten wir noch ein paar Tage länger, dann werden wir sie auch los.

Die 1. FJD soll wieder zusammengeführt werden. Wir werden also von den Amerikanern auf große 10 t-Sattelschlepper verladen und über Auer und Trient nach Caldonazzo am gleichnamigen See gefahren. Die amerikanischen Fahrer warnen uns aufgrund ihrer Erfahrungen mit den ersten Transporten vor italienischen Steinwerfern in einigen Orten und raten uns, vorsichtshalber selber einen ausreichenden Vorrat an Wurfgeschossen mitzunehmen. Die Wirkung ist durchschlagend.

Es ist überhaupt festzustellen, dass wir offenbar bei den amerikanischen Soldaten erheblich mehr Respekt genießen, als ihre neuen italienischen Bundesgenossen.

In Caldonazzo werden wir in italienischen Privathäusern einquartiert, jeweils eine Gruppe pro Haus, die Verpflegung liefern die Amerikaner, gut und reichlich, alle Offiziere sind noch bei der Truppe und wir führen hier ein recht angenehmes Leben. Wir gehen jeden Tag im See schwimmen, er ist noch kühl, aber schon erträglich. Neben unserer Unterkunft ist eine Schreinerei, also entwerfe ich auf einem Bogen Packpapier eine Art Einer-Kajak aus Holzleisten mit einer Haut aus unseren Gasplanen. Sogar eine Fußpedalsteuerung ist vorgesehen. Von diesem Entwurf werden in kürzester Zeit zwei Exemplare gebaut und auf dem See in Dienst gestellt. Eines davon ist natürlich mein privates Eigentum. Man kann mit ihnen tatsächlich gut auf dem See herumpaddeln und wir haben viel Spaß damit.

So vergehen die Tage, die Kapitulation ist schon zwei Wochen alt und wir führen hier noch immer ein bemerkenswert freies Leben, während die anderen deutschen Truppen, wie wir wissen, schon längst hinter Stacheldraht sitzen.

Schließlich kommt des Rätsels Lösung. Die drei Regimenter, oder was noch von ihnen übrig ist, werden zu einem großen Kriegsrat zusammengerufen. Jedes Regiment sitzt auf der Wiese rund um den Kommandeur, wie die Indianer bei Karl May und uns wird die Frage gestellt, ob wir bereit wären, auf Seite der Amerikaner bei der kommenden Landung in Japan mitzukämpfen. Dazu ist zu bemerken, dass zu diesem Zeitpunkt noch kein amerikanischer Militär etwas von der Existenz der Atombombe wusste, sondern dass sich die militärische Führung ernsthaft auf eine Invasion in Japan vorbereitete, bei der Fallschirm- und Luftlandetruppen eine große Rolle spielen würden. Unsere 1. FJD genoss bei unseren Gegnern einen geradezu legendären Ruf, Field Marshal Montgomery, der alliierte Oberbefehlshaber in Italien bezeichnete sie als die beste Division des Zweiten Weltkrieges und man hatte sich offensichtlich im amerikanischen Hauptquartier Gedanken gemacht, dieses Potential zu verwerten.

Es wird heftig und eigentlich sehr demokratisch hin- und her diskutiert, wir sind alle kriegsgewohnte Landsknechte, wir sehen kaum eine Zukunft vor uns und außerdem sind wir trotz allem noch bemerkenswerte Idealisten. Außerdem wissen wir, welche erdrückende Überlegenheit die Alliierten an Material einsetzen können. Mit diesem gewaltigen Aufwand an Unterstützung erscheint auch eine Landung in Japan nicht allzu schwierig.

Das Ergebnis der Beratung ist jedenfalls, dass die 1. FJD sich bereit erklärt, auf Seiten der Amerikaner gegen Japan zu kämpfen, wenn als Gegenleistung für jeden Mann, der sich dazu freiwillig meldete, monatlich eine Tonne Lebensmittel nach Deutschland geliefert wird. Dies bedeutet schätzungsweise 6000 t pro Monat, sicherlich keine allzu große Forderung.

Nach einigen Tagen kommt die Antwort aus dem US-Hauptquartier, eine solche Zusage könne nicht gemacht werden. Da dies eine unabdingbare Bedingung unsererseits war, ist damit unser schönes und freies Leben in Caldonazzo schlagartig zu Ende. Die Einheiten werden auseinandergerissen, die Offiziere kommen in besondere Lager und ich komme mit vielen Kameraden in mein erstes Kriegsgefangenenlager, ein riesiges Zeltlager auf dem ehemaligen Flugplatz in Ghedi, südostwärts von Brescia.

Die Verpflegung ist sehr knapp, wir hungern. Wenn man im Zelt aufsteht, muss man sich erst einmal ein paar Sekunden festhalten, denn es wird einem regelmäßig schwarz vor den Augen. Ein Glück, dass es inzwischen Juni geworden ist und das Wetter warm und trocken ist.

Nach einiger Zeit kommen wir in ein neues Lager — Modena — , keine Verbesserung gegenüber Ghedi, auch hier ist Schmalhans Küchenmeister und wir schieben Kohldampf. Von Entlassung keine Spur, im Gegenteil, wir hören, dass schon Transporte nach Frankreich abgegangen sind, wo die Zustände in den französischen Lagern noch sehr viel schlechter sind als in unseren USPoW-Camps.

Die Alternative dort lautet oft nur freiwilliger Eintritt in die Fremdenlegion oder Arbeit im Bergwerk unter unmenschlichen Bedingungen. Kein Wunder, dass viele unserer Fallschirmjäger bei der Legion landen und sich später in Indochina wiederfinden.

Als schließlich bekanntgemacht wird, dass sich Gefangene für den Arbeitseinsatz bei den Amerikanern melden können, beraten wir uns, d.h. eine Clique von ca. 8 Feldwebeln und Oberfeldwebeln der 1. FJD und beschließen, uns zu melden, da wir uns ja nur verbessern können.

Wir fahren also, zusammen mit etwa 200 Kameraden auf amerikanischen LKWs wieder nach Süden, bis wir in einem sehr schönen Zeltlager außerhalb von Neapel landen. Das Lager liegt in einem kleinen Hain, wir haben große 10-Mann-Zelte mit doppelstöckigen Schlafpritschen darin, die ersten richtigen Schlafgelegenheiten seit langem. Nachdem wir unsere wenigen Sachen verstaut haben, müssen wir antreten und die verschiedenen Arbeitsgruppen werden eingeteilt. Unser Häuptling hat eine lange Liste mit den benötigten Berufen und Tätigkeiten, Mechaniker, Schreiner, Maurer, Bäcker usw. usw. Unsere Gruppe hatte sich gleich zu Beginn abgesprochen, dass wir uns bei der letzten Tätigkeit melden würden, die auf der Liste steht, ganz gleich, was es sein würde. So kommt es, dass alle Leute außer uns acht schon eingeteilt sind, als endlich die letzte Arbeit verlesen wird. Es ist Hausarbeiten. Wir melden uns und haben tatsächlich damit das große Los gezogen.

Wir sollen ein Offiziers-Durchgangslager in Neapel betreuen, das aus einigen Baracken besteht, in denen die Amerikaner ein bis zwei Wochen zubringen müssen, bis sie an Bord eines Transportschiffes gehen können, das sie in die Heimat bringt. Die gesamte Einrichtung besteht aus einer großen Zahl von Feldbetten und einer Reihe von in der Wand eingeschlagenen Nägeln, die den Kleiderschrank ersetzen. Meine Aufgabe ist, eine dieser Baracken sauber zu halten, d.h. einmal am Tage auszufegen. Ich und meine ähnlich eingeteilten Kameraden führen ein sehr ruhiges und angenehmes Leben. Wir sitzen den ganzen Tag mit unseren Amis auf den Feldbetten, Stühle gibt es nicht und klönen. Wir werden von ihnen reichlich mit Zigaretten und Schokolade versorgt und jeder Neuzugang unter den Offizieren wird von den Oldtimern sofort verwarnt, uns nicht zu behelligen, da wir OK wären.

Die Verpflegung ist, jedenfalls nach unseren Maßstäben ausgezeichnet. Zu Mittag essen wir nach den Amerikanern im Offizierskasino, nach uns dürfen die italienischen Zivilangestellten essen, was wir übriggelassen haben.

Leider währt dieses schöne Leben nicht allzu lange. Im Herbst wird die Arbeitskompanie, wohl auf Betreiben der italienischen Behörden, wieder aufgelöst und wir kommen in das Kriegsgefangenenlager Pisa. Hier lernen wir wieder, den Gürtel enger zu schnallen, ebenso im Lager Livorno, das meine nächste Station ist. Hier kommt es einmal beinahe zu einer offenen Gefangenenrevolte, als wir mehr als einen Tag keine Verpflegung bekommen, mit der Ausrede, die Wasserleitung wäre defekt.

Als wir dann ankündigen, die Tore zu stürmen, kommt dann plötzlich, noch in der Nacht, die Verpflegung angefahren. Es wird kalt, der Winter kündigt sich an und das Leben in unseren Zelten wird ungemütlich.

Schließlich werden wir dann doch in Eisenbahn-Güterwagen verladen und es geht Richtung Heimat. In der Silvesternacht 1945/46 fahren wir über den Brenner und landen schließlich auf dem ehemaligen Fliegerhorst Bad Aibling, der in ein großes amerikanisches Kriegsgefangenenlager umfunktioniert worden ist.

Entlassen werden vorerst nur Soldaten, die in der amerikanischen Besatzungszone beheimatet sind. Es ist winterlich kalt und ich habe wenig Lust, jeden Tag beim Arbeitsdienst zu frieren. Als also geeignete Leute für die sogenannte Entlassungskompanie gesucht werden, melde ich mich und werde Bürohengst. Unsere Aufgabe ist es, bei der Entlassung der in immer neuen Transporten, meist aus dem Süden ankommenden Kriegsgefangenen, den damit verbundenen Papierkrieg zu erledigen. Wir sitzen dabei an unseren Schreibtischen in einer gut geheizten ehemaligen Flugzeughalle. Untergebracht sind wir jetzt in einer ebenfalls ganz passablen Baracke und die Verpflegung ist, wie es bei einer Stabskompanie üblich ist ebenfalls ganz ordentlich.

So vergeht der Winter ganz annehmbar.

Am 4. April 1946 werde ich dann endlich auch entlassen, denn ich habe inzwischen als Heimatadresse den Bauernhof eines Kameraden der 13./4 in Lengenfeld in der Oberpfalz angegeben, mit seiner Zustimmung. Zuerst fahre ich nach Nürnberg, wo ich tatsächlich nach einem Tag intensiver Nachforschungen, das Einwohnermeldeamt war zerstört worden, zuerst die Anschrift, und dann meinen Onkel Dolfi selbst ausfindig mache. Er hatte es als Nachrichtenoffizier verstanden, die Kriegsgefangenschaft elegant zu umgehen. Er stand in Verbindung mit meinen Eltern, die schon im Sommer 1945 aus der CSR ausgewiesen worden waren und jetzt als arme Flüchtlinge in Obendeich bei Herzhorn in der Nähe von Glückstadt an der Elbe hausten. Nach einer Übernachtung in Nürnberg mache ich mich dorthin auf den Weg.