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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Eroberung von Iraklion

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 6 — Eroberung von Iraklion

In unserer exponierten Position hatten wir die Meldung nicht erhalten, dass unsere Luftwaffe in Zukunft jede Hakenkreuzflagge bombardieren würde, da der Gegner inzwischen mehr davon ausgelegt hat, als wir. Ab sofort sollen nur noch weiße Fliegertücher zur Kennzeichnung unserer Stellungen verwendet werden. Glücklicherweise fällt die erste Bombe außerhalb der steinernen Hofmauer und beim zweiten Anflug erkennt offenbar die Besatzung im letzten Augenblick, dass es sich bei den heftig winkenden Gestalten um deutsche Fallschirmjäger handelt. Der Pilot wackelt jedenfalls mit den Flügeln und dreht ab.

Zu Mittag kommt Befehl zu neuem Stellungswechsel, wir sollen weiter nach Norden in Stellung gehen. Inzwischen springt das Btl. Böhmler in einem Tal, einige Kilometer westlich der Stadt, um unsere Gruppe Ost zu verstärken. Es erhält während des Sprunges nur leichtes Gewehrfeuer. Das Btl. ist keine neue Einheit, sondern es besteht aus den Besatzungen der vielen Maschinen, die am 20.5. wegen Reifen- oder Motorschaden nicht mit uns starten konnten. Von unserer Kompanie ist eine Maschine des 3. Zuges mit Obj. Schwarz und Hans Stutz dabei.

Wir kommen wieder etwa in die Mitte unserer Westfront. Erstmalig britische Fliegertätigkeit, eine Hurricane, die in der Luft herumbrummt, ohne uns jedoch zu entdecken. Die englische Artillerie, eine uralte 7,5 cm Gebirgsbatterie knallt in der Gegend herum, erzielt aber nur Heiterkeitserfolg. Überall liegt schon penetranter Leichengestank. Das neue Bataillon soll entlang der Hauptstraße von Westen her die Stadt angreifen, während wir weiter südlich einen Scheinangriff zur Ablenkung des Gegners durchführen. Wir gehen vor und nehmen einige Tommies gefangen, doch das Bataillon Böhmler kommt nur bis in die Vorstadt und muss unter schweren Verlusten wieder zurück.

Eine Aufforderung an uns, zu kapitulieren wird von unserem Btl.-Kommandeur Major Schulz mit den Worten zurückgewiesen Wir haben den Auftrag, Iraklion zu nehmen und wir werden diesen Auftrag Erfüllen. Im Augenblick sieht es allerdings nicht gerade danach aus!

Am Abend bekommen wir endlich Nachschub, MG-Munition und etwas Verpflegung. Bislang lebten wir von Gerstenkörnern, unreifen Melonen und ein paar Hühnern, die ohne Fett oder Salz am Feuer geröstet wurden. Kurz vor der Abenddämmerung kommt endlich unsere Luftwaffe und greift Iraklion mit etwa 200 Bombern in dichter Formation aus 2-3000 m Höhe an. Es sind He 111, Do 17Z, Ju 88 und einige Ju 87. Die Wirkung auf die Stadt ist zwar verheerend, doch werden die feindlichen Stellungen, die praktisch alle vor der Stadt liegen, kaum berührt.

In der Nacht zum 24.5. kommt der Befehl, dass die Reste des 3. Bataillons versuchen sollen, sich zum 1. Btl. durchzuschlagen, das inzwischen auf den Höhen am Rande des Flugplatzes in Stellung gegangen ist. Es hat auch bereits erhebliche Ausfälle, jedoch viel weniger als wir. Unser Weg dorthin führt durch die britischen Außenstellungen.

In völliger Finsternis geht der Marsch los, keiner spricht oder macht irgendein Geräusch. Wir nehmen noch einen Waffenbehälter mit, der 10 cm Granatwerfermunition enthält, diese Behälter haben aufsteckbare Räder und sind damit fahrbar, da wir hoffen, dass unser 2. oder 3. Zug noch über einsatzfähige Werfer verfügen. Wir schleichen über Feldwege, durch Bäche und auf Buschpfaden. Über uns sind englische Nachtbomber, Sie werfen eine Menge Leuchtfallschirme, ohne uns jedoch auszumachen. Im Morgengrauen des 24.5. kommen wir durch Knossos. Kurz danach, auf einer deckungslosen Anhöhe, bekommen wir SMG- und Granatwerferfeuer von links. Unseren britischen Gefangenen, die uns notgedrungen auf dem Marsche begleiten müssen, gehen die Nerven durch, Sie zittern wie junge Hunde.

Der Feind ist nicht auszumachen und eine Massenflucht nach rechts beginnt, zuerst den Hang hinunter und dann die nächste Anhöhe hinauf. Auch dieser Berg ist vom Tommy besetzt, aber wir laufen so schnell, dass wir ihn im Nu geworfen haben. Noch ein kurzes Stück Weges und wir gehen in Stellung. Der Anschluss zum 1. Btl. ist hergestellt.

Es kommen einige ruhige Tage, der Nachschub kommt jetzt regelmäßig, nur das Wasser muss von einem Brunnen geholt werden, der unter ständigem Beschuss durch SMG's und schwere Flak liegt.

Zum Ausgleich beherrschen unsere SMG's und unser einsamer 8-cm-Werfer den Flugplatz Iraklion und machen jeden Flugbetrieb unmöglich. Eine Hurricane, die trotzdem zu starten versucht, wird zusammengeschossen.

Wir alle haben seit dem 21. nicht mehr richtig geschlafen, die Nächte sind empfindlich kalt und wir haben keinerlei Decken oder Zeltbahnen, außerdem quälen uns die Sandflöhe bis aufs Blut.

Auf dem Bergrücken südlich von uns werden Steine und sonstige Hindernisse weggeräumt und am 27.5. landet eine Ju 52 mit Do-Munition (15 cm-Raketen) auf diesem Berg, eine beachtliche fliegerische Leistung. Leider sind die dazugehörigen Do-Geräte (einfache Abschussgestelle, ähnlich einem Granatwerfer) beim Abwerfen ins Meer gefallen.

Am 28.5. springt nordostwärts von uns, d.h. ostwärts des Flugplatzes, ein weiteres Bataillon. Es besteht aus den letzten Reserven, rasch zusammengekratzten Leuten der Fallschirmschulen und des Ergänzungsbataillons, die eilends aus Deutschland heruntergeflogen worden sind.

Am 29.5. früh soll der letzte Versuch gemacht werden, Iraklion doch noch zu nehmen. Als die ersten Gruppen gegen die feindlichen Stellungen vorgehen, finden Sie diese jedoch verlassen. Der Tommy hat in der Nacht mit zwei Zerstörern das Weite gesucht. In der Eile hat er alle Gefangenen, unter Ihnen Lt.von Bülow, Fw.Kluth, Ofw.Wunderlich u.a., fast sein ganzes Gerät und eine Menge seiner eigenen Leute zurückgelassen. Der griechische Kommandeur, von seinen Bundesgenossen im Stich gelassen, kapituliert.

Wir werden am Stadtrand einquartiert, die 13. Kp. im neuen Zuchthaus am Rande des Flugplatzes. Wir bewohnen die Zellen des ersten Stockwerkes, in der zweiten Etage sind unsere englischen Gefangenen untergebracht und im dritten Stock die gefangenen Griechen. Im Erdgeschoß ist noch ein englisches Bombenlager.

Am 30.5. kommen endlich die ersten Gebirgsjäger, ein Kradschützen-Spähtrupp, der von Westen her Iraklion erreicht.

Die nächsten Tage vergehen mit Gräberkommando für die Gefallenen unserer Kompanie und Arbeitsdienst am Flugplatz, wo unsere Ju's Verpflegung bringen und Verwundete zurücknehmen. Wir dürfen zum ersten Mal seit zwei Monaten Post — je eine Karte — abschicken. General Löhr und General Jeschonnek kommen in ihrer weißen He 111 zur Besichtigung.

Das Regiment wird vollständig mit englischen Tropenuniformen eingekleidet, bei der tagsüber herrschenden Hitze eine Wohltat. In den von den Briten zurückgelassenen und oft nur hastig zerstörten Verpflegungslagern finden wir noch Massen unversehrter Konserven, in den Trümmern der Stadt tausende von Rosinenkisten. Niemand hat jedoch Appetit, da unsere Mägen durch das schlechte Wasser während der Kampftage schwer gelitten haben. Eine Reihe von Ruhrfällen sind schon aufgetreten.

Am 10. Juni fliegt das FJR 1 als erstes der Division zurück zum Festland, die 13. nach Tanagra. Wir schlafen fast alle während des Fluges. In Tanagra warten unsere Kraftfahrzeuge mit Säcken von Post und Päckchen. Dann geht es zurück in unser altes Lager bei Levadia.

Nach einigen Tagen fahren wir bis Saloniki, wo wir am Rande der Stadt zelten. Wir gehen fast täglich in die Stadt, es gibt praktisch alles zu kaufen, zu sehr niedrigen Preisen.

Nach etwa einer Woche brechen wir das Lager ab und fahren los, Richtung Heimat. Wir fahren bis Skoplje in Serbien. Das Türkenviertel dieser Stadt ist sehr interessant und es gibt schöne und preiswerte Silberschmucksachen zu kaufen.

In Skoplje verladen wir unsere Fahrzeuge wieder auf die Bahn und setzen die Heimfahrt auf dem Schienenwege fort. Je vier Mann haben ein Abteil für sich. Die Fahrt geht über Wien, Mährisch Ostrau, Breslau und Berlin nach Stendal, wo wir im Morgengrauen ankommen.

Wir bekommen alle das EK II, aber auch das Paradeexerzieren beginnt wieder, für die obligate große Siegesparade in der Stadt. Da mein Schulterschuss noch nicht verheilt ist, brauche ich nicht mitzumachen.

Unser Regimentskommandeur, Oberst Bräuer, hält seine berühmte Ansprache an das Regiment: Ihr fahrt jetzt auf Urlaub, erholt euch gut und quatscht nicht so viel vom Einsatz, dass es Sch... war, weiß ich selber. Danach, es ist inzwischen Juli geworden, fahren wir alle vierzehn Tage auf Heimaturlaub. Ich besuche wieder Eltern und Verwandte in Polaun, Morchenstern und Reichenberg.

Nach der Rückkehr vom Urlaub werde ich zum Unteroffizierslehrgang unter Lt.von Bülow und Ofw.Waide kommandiert. Anschließend kommt das 1. Rgt. wieder auf den Truppenübungsplatz Altengrabow.

Mein neuer Zugführer ist Lt.Peter Hörnig, ein feiner Kerl, St.U. (Stellungsunteroffizier) ist Obj.Lodders, ich bin R 1 (Richtkreisunteroffizier 1). Kompanieführer der 13./1 ist jetzt Oblt.Fölster, der mittlerweile aus dem Lazarett entlassen worden ist.