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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Im Leningrader Kessel

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 7 — Im Leningrader Kessel

Im September gibt es plötzlich nachts wieder Einsatzalarm. In großer Eile wird alles gepackt, Winterbekleidung und Munition wird ausgegeben und dann müssen wir doch noch zwei Tage warten, bis es endgültig losgeht.

Wir verladen unser Gerät auf dem Flugplatz Stendal in Ju's und starten unter den Klängen der Regimentsmusik bei strahlendem Sonnenschein. Wir sollen im Norden der Ostfront eingesetzt werden, zusammen mit dem FJR 3 und einigen Divisionseinheiten. Diese Verbände fahren mit der Bahn bis Königsberg und fliegen erst von dort. Der enge deutsche Schlauch ostwärts von Leningrad, der den schwächsten Teil des Einschließungsringes um diese Stadt bildet, ist in Gefahr, durchstoßen zu werden, da die Russen ihn verzweifelt angreifen, an seiner Nordflanke von der Newa her mit Stoßrichtung nach Süden, an seiner Südflanke vom Wolchow nach Norden. Sollte der russische Angriff gelingen, werden die weiter östlich stehenden deutschen Verbände eingekesselt und vernichtet.

Am ersten Tage geht es bei schönstem Flugwetter bis Prowähren in der Nähe von Königsberg. Dort übernachten wir, nachdem wir von der dortigen Fliegerhorstküche mit einem Festessen bewirtet worden sind. Am nächsten Morgen geht es weiter, zunächst nach Pleskau (Pskov), wo die Maschinen rasch betankt werden. Anschließend starten wir wieder und fliegen mit Jagdschutz unsere letzte Etappe nach Ljuban, südlich von Leningrad.

Unser Verband landet kurz vor Dämmerung auf diesem Feldflugplatz, auf dem eine Hs 123-Schlachtgruppe und eine Gruppe Me 109 vom Jagdgeschwader Schumacher liegt. Zwanzig Minuten vor unserer Landung war der Platz von russischen Bombern bombardiert worden, das Rollfeld ist voller Bombentrichter und einige Hs 123 sind voller Erde, doch ist keine einzige Maschine beschädigt.

Wir laden aus und ziehen in der Dunkelheit in Richtung Dorf und Bahnhof Ljuban. Die Wege sind voller Morast und unser schweres Gepäck, unsere Ausrüstung und unsere Waffenbehälter, die wir selbst ziehen müssen, machen den Weg zu einer Quälerei.

Am Bahnhof werden wir in einen Eisenbahnzug, der aus einigen halb zerschossenen Personen-, Güter-und Rungenwagen besteht, verladen. Dann fahren wir im Schneckentempo nach Mga. Hier erwartet uns schon eine LKW-Kolonne — die letzten übriggebliebenen Fahrzeuge einer Panzerdivision, die keine Panzer mehr hat — Sie soll uns nach Schlüsselburg am Ausfluss der Newa aus dem Ladogasee bringen. Es geht ununterbrochen durch dichten Wald, meist auf miserablen Knüppelwegen. Die Kolonne fährt falsch und statt in Schlüsselburg landen wir an der Wolchowfront, die zwar wie die Newafront von Ost nach West läuft, jedoch gegen Süden, anstatt gegen Norden gerichtet ist. Der Russe, der nur 200 m entfernt liegt, hört unsere LKW's und belegt die Rollbahn mit SMG- und Artilleriefeuer. Wir haben zwei Verwundete durch Splitter. Unsere Fahrzeuge wenden und wir fahren zurück. Die Nacht verbringen wir im Walde an der Rollbahn und am nächsten Tage landen wir endlich an unserem Ziel, etwa zwei Kilometer südlich des Stadtrandes von Schlüsselburg.

Das Gepäck wird vorläufig zurückgelassen und wir gehen mit unseren Werfern und einem Teil der Munition etwa 1 km weiter nördlich in Stellung. Am Abend gehen wir mit ein paar Männern zurück, um das Gepäck und die restliche Munition zu holen. Jeder Mann schleppt drei volle Rucksäcke oder sechs Schuss Werfermunition, jeweils etwa 50-60 kg. Die Schlepperei ist bei den verschlammten Wegen eine unmenschliche Quälerei.

In dieser Nacht wird auch begonnen, die ersten Bunker zu bauen. Ich ziehe mit einem Kameraden in den kleinsten Bunker der Stellung, 1,80 x 1,00 x 1,50 m, allgemein das U-Boot genannt. Nach etwa einer Woche komme ich zur B-Stelle (Beobachtungsstelle), die am Südufer der Newa liegt. Das Nordufer und die alte Festung inmitten des Flusses sind von den Russen besetzt. Wir wohnen in einem Kellergewölbe, unser Scherenfernrohr steht auf dem Dachboden eines zweistöckigen Hauses, etwa 50 m entfernt.

Wir leben mit allem Komfort. In unserem Keller brennen dauernd drei große Petroleumlampen, wir haben ein Lager von Lampenzylindern und mehrere Fässer Petroleum entdeckt, der Tisch ist weiß gedeckt, jeder hat ein Bett und Lt. Hörnig sorgt für Alkohol und Tabak. Schließlich finden wir auch noch ein Grammophon mit Schlagerplatten, auch amerikanische und französische sind dabei. Für den Beobachtungsstand bauen wir auf dem Dachboden einen soliden Bunker aus dicken Holzbalken, der mit einem russischen Fernsprecher und mit einem Polstersessel hinter dem Scherenfernrohr ausgestattet wird.

Einer unserer drei 10 cm-Werfer wird direkt hinter dem B-Stand im Hofe eingebaut und kann so sogar weiter reichen als die viel weiter rückwärts stehende Artillerie. Durch die rasante russische 7,62 cm-Kanone haben wir mehrere Ausfälle an Toten und Verwundeten. An unserem vorgezogenen Werfer stirbt der K2, Koppehl durch einen Unfall beim Schießen. Das Zweibein des Werfers rutschte auf dem vereisten Boden weg, während die Granate gerade das Rohr verließ. Koppehl wollte das Rohr noch halten und wurde durch die Granate tödlich verletzt.

Das russische Granatwerferfeuer ist heftig, aber wirkungslos. Wir haben uns angewöhnt, bevor wir unseren Keller verlassen, erst einmal die Tür einen Spalt zu öffnen und zu horchen, ob nicht das charakteristische Zischen ankommender Werfergranaten zu hören ist. Am Morgen finden wir oft 15 bis 25 neue 5 cm-Einschläge in unserem Hofe.

Unser eigenes Feuer hat sehr gute Wirkung, die wir ausgezeichnet beobachten können. Im Großen und Ganzen ist an unserem Abschnitt alles ruhig. Schließlich kommt für das erste Bataillon der Befehl, am russischen Brückenkopf Wiborskaja in Stellung zu gehen. Das FJR 3 liegt schon von Anfang an dort. Unser 1. Zug der 13./1 begleitet das Btl. und bezieht eine Stellung, die wir — d.h. unser Kompaniechef, unser Zugführer und die beiden Richtkreisleute — bereits vorher erkundet haben.

Die russische Position ist der letzte von ursprünglich drei Brückenköpfen am Südufer der Newa, nachdem die anderen beiden vom II. Btl./Sturmregiment eingedrückt worden sind. Der Kommandeur, Major Stentzler, ist bei diesen Kämpfen gefallen. (Das II./LLSt.-Rgt. ist unserem Regiment unterstellt worden, als Ersatz für das in Kreta vernichtete II./FJR 1).

Der Russe versucht unaufhörlich, aus diesem Brückenkopf heraus, die deutsche Front zu durchbrechen, um so den Leningrader Kessel zu sprengen und nach Süden zu seiner Wolchowfront, die sehr nahe ist, durchzustoßen. Er hat hier einen großen Teil seiner Artillerie, Panzer und Fliegerverbände, sowie Massen von Infanterie zusammengezogen und trommelt Tag und Nacht.

Unser Zug geht etwa 800 m südwestlich des großen Elektrizitätswerkes Gorodok, inmitten eines großen Holzstapelplatzes hinter einem Bahndamm in Feuerstellung. Die Bunker werden in die großen Balkenstapel hineingebaut. Wir, d.h. der Zugtrupp, gehen mit unserer Beobachtungsstelle in das E-Werk. Der B-Stand mit dem Scherenfernrohr wird im rechten Turm eingerichtet, unser Beobachtungsfenster ist ein von einer russischen Granate gerissenes Loch in der Außenmauer. Unsere Behausung liegt im dritten Stockwerk in einem Schaltraum hinter der Maschinenhalle. Es ist ziemlich ungemütlich, da der Russe öfter mit Artillerie in die Maschinenhalle schießt und unsere Deckung nur aus einigen Generatoren in der Halle und einer Glaswand besteht, die den Schaltraum von der Halle trennt. Bei jedem nahen Einschlag gibt es neue Scherben. Außerdem wird das E-Werk öfter von russischen mittleren Bombern angegriffen, da seine beherrschende Lage nicht zu übersehen ist.

Im linken Turm ist daher auch die B-Stelle der 13./FJR 3 und zwischen den beiden Türmen stehen zwei SMG's der 4./1.

Die Kohlenbunker des Werkes sind in Brand geschossen und schwelten ständig, so dass über uns immer eine schwarze Rauchwolke steht. Unsere Unterkunft ist trotz des meist rotglühenden Kanonenofens eiskalt, die Temperatur kommt kaum jemals über den Gefrierpunkt.

Unser Scherenfernrohr auf dem B-Stand steht in einer Mauerecke auf einem Tisch und ist durch Zementsäcke gegen Splitter einigermaßen geschützt. Wir können das ganze Gelände fabelhaft einsehen und die immer wieder aufs Neue angreifenden Russen mit verheerender Wirkung bekämpfen. An manchen Tagen verschießen unsere drei Werfer 800 Schuss. Die Bedienungen stehen in zwei Schichten ununterbrochen am Werfer. Unsere Munitions-LKW's fahren bei Dunkelheit auf dem Bahnkörper bis in die Feuerstellung, das Abladekommando wird von den anderen Zügen unserer Kompanie gestellt. Trotz häufiger Artillerie- und Stalinorgeltreffer gibt es keine Ausfälle. Die schweren 24 cm-Granaten sind meist Blindgänger, da Sie statt TNT Sägemehl enthalten und die Stalinorgeln sind zwar für den, der in ihrem Einschlagbereich liegt, sehr eindrucksvoll, aber ihre Raketengeschosse bestehen zu unserem Glück aus so zähem Stahl, dass sich der Sprengkopf bei der Detonation in nur sehr wenige, dafür sehr große Stücke, zerlegt und damit die Gefahr, getroffen zu werden, relativ gering ist. Die 13./FJR 3, die unweit von uns liegt, hat dagegen erhebliche Verluste. Unsere Schützenkompanien haben ebenfalls schwere Ausfälle durch Artillerie, Stalinorgel und Ratsch-Bum, wie die meist im direkten Beschuss eingesetzte russische 7,62 cm-Pak allgemein genannt wird.

Die sehr zahlreich auftretenden russischen Jagdflugzeuge, meist I-153-Doppeldecker und I-16-Rater, die uns den ganzen Tag über im Tiefflug mit Bomben und MG's angreifen, haben dagegen fast keine Wirkung. Die russischen Flieger werfen Flugblätter ab mit dem Text: Genossen Fallschirmjäger, wir wissen, dass Ihr die besten Soldaten der Welt seid. Trotzdem, ergebt Euch, Ihr seid eingeschlossen! Geheizte Gefangenenlager erwarten Euch, Ihr bekommt Eier, Butter, Speck und 500 Reichsmark! Vergesst nicht, Euere guten Waffen mitzubringen!

Beim 3. Rgt. läuft eine russische 5 cm-Granatwerfer-Bedienung samt Werfer und Munition über, baut sofort ihren Werfer auf und beginnt, ihre alte Stellung zu beschießen. Die russischen Überläufer werden meist als Munitions- und Essenholer verwendet, Sie erhalten deutsche Verpflegung und Rauchwaren und fühlen sich im Allgemeinen trotz ihres gefährlichen Dienstes recht wohl. Als Sie schließlich auf höheren Befehl nach hinten abgeschoben werden müssen, gehen etliche von Ihnen auf dem Transport durch und melden sich wieder bei ihrer Kompanie.

Unsere Fernsprechleute sind Tag und Nacht unterwegs, um die immer wieder aufs Neue zerschossenen Leitungen zu flicken. Als einmal der Russe in unsere Stellung einbricht und wir wieder keine Verbindung haben, muss ich mit Karl Bader durch das Trommelfeuer in unsere Granatwerferstellung laufen, um mündlich den Feuerbefehl zu überbringen. Der Auftrag ist sehr unangenehm, da außer der russischen auch unsere eigene Artillerie Sperrfeuer zwischen unsere B-Stelle und unsere Feuerstellung schießt. Unser Feuer kommt gerade noch rechtzeitig, um den Angriff zu zerschlagen. Zum Glück habe ich alle Schießdaten im Kopf.

Später bekommen wir noch zusätzlich Funkgeräte, um ähnliche Situationen zu vermeiden.

Nach eineinhalb Monaten, unsere Schützenkompanien sind schon fast völlig aufgerieben, werden wir schließlich abgelöst. Die 1. Kompanie unseres Regiments hat noch 16 Mann, die 2. Kp. noch 3 Oberjäger und 3 Mann Kampfstärke! Auch unsere 13./1 hat eine ganze Reihe Ausfälle, hauptsächlich bei unserem Infanteriezug, der weiter ostwärts an der Newa eingesetzt war. Unser 3. Zug unter Lt.von Bülow war in der gleichen Gegend eingesetzt und hatte bei der Bekämpfung zahlreicher russischer Übersetzversuche große Erfolge.

Endlich, unsere anderen Züge sind schon abgelöst worden, verschießen auch wir unseren Vorrat an Werfermunition, bauen unsere Werfer aus und verladen Sie auf LKW's. Wir selbst müssen marschieren und werden erst am Abend von unseren Fahrzeugen aufgenommen. Schließlich landen wir mitten in der Nacht und völlig steifgefroren in einem Dorf mit finnischer Bevölkerung. Am übernächsten Tage geht es weiter in ein Quartier in einem größeren Dorf. Dort werden einige Dankschreiben verlesen, zuerst vom Kommandierenden General des Armeekorps, dann vom Führer der Armee, der wir unterstellt waren und schließlich noch eines vom Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring höchstpersönlich. Aus Ihnen erfahren wir erst, was wir alles gegenüber hatten. Unsere beiden Regimenter, FJR 1 und FJR 3, haben in 46 Tagen Fronteinsatz 146 russische Angriffe abgewiesen, 41 Panzer zerstört, meist im Nahkampf, denn unsere einzige Pak ist das 3,7 cm-Panzeranklopfgerät, vier Flugzeuge mit Infanteriewaffen abgeschossen und zwölf russische Divisionen zerschlagen, darunter zwei NKFD-Divisionen, eine Marinebrigade, Infanterie, Stalinschüler, Jungkommunisten, bis hin zu Arbeiter- und Frauenbataillonen.

Nach einigen Tagen werden wir auf einem kleinen Bahnhof — Tosna (?) — verladen und fahren über Pleskau, Riga, Warschau und Posen zurück nach Stendal.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr gibt es Urlaub für alle — dreieinhalb Wochen, über Weihnachten und Neujahr. Ich feiere Weihnachten mit meinen Eltern, Silvester auf dem Jeschken, unserem Reichenberger Hausberg, mit meinen Cousinen Alice und Lieselotte und reichlich Alkohol.