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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Im knietiefen Schlamm der russischen <q>Straße</q>

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 9 — In knietiefem Schlamm

Am Ende wird alles wieder abgegeben und wir bekommen Winterbekleidung in sehr reichlichen Mengen. Es gibt einen ziemlich rauen Abschied von Salzwedel, dann fahren wir mit der Bahn los nach Osten. Es geht über Warschau, Wilna, Polozk nach Witebsk. Wir werden ausgeladen und marschieren durch die schwer zerstörte Stadt, dann auf schlechter Landstraße bis in ein Bauerndorf, Druckowo, etwa 15 bis 20 km. Dort werden wir einquartiert und verbringen untätig die nächsten Tage. Obwohl allgemein große Partisanenangst herrscht, merken wir nichts davon. Auch während der Bahnfahrt haben wir nichts von den Partisanen gesehen, obwohl der Zug vor uns und auch der nach uns auf Minen gelaufen sind. Nach etwa einer Woche verladen wir auf unsere inzwischen auch eingetroffenen Fahrzeuge und fahren los in Richtung Front. Wir landen in einem kleinen Dorf, wo wir zwei Tage in einer Scheune hausen.
Wir schlafen etwa 18 Stunden jeden Tag. Im Dorf steht ein Aufnahmewagen des Rundfunks, von dem aus ein Frontberichter aufregende Erlebnisse zum Besten gibt, obwohl von der Front hier nichts zu spüren ist.

Von hier an müssen wir marschieren, oft im knietiefen Schlamm der russischen Straße. Wir verlieren dabei oft unsere Stiefel in dem zähen Dreck. Nachdem wir uns den ganzen Tag auf diese Weise weitergequält haben, landen wir schließlich am Abend in unserer vorgesehenen Feuerstellung, einer Lichtung im dichten Hochwald.

Die B-Stelle soll auch noch in dieser Nacht vorgehen. Wir stolpern also bei völliger Dunkelheit weiter und finden schließlich einen Kompaniegefechtsstand. Von hier aus soll uns ein Einweiser in unsere Stellung führen, was sehr nötig erscheint, denn es gibt keine durchgehende Frontlinie, sondern nur Kompaniestützpunkte mit großen Lücken dazwischen. Die 1.FJD hat eine 64 km lange Front zu halten! Wir ziehen los — unser Einweiser voraus — und landen auf einem kahlen Rücken. Schwerbepackt, wie wir sind, schlagen wir auf dem Eise dauernd hin. Zu allem Überdruss hat sich unser Führer nach einer Stunde völlig verlaufen. Einmal hören wir in der Dunkelheit Stimmen. Als wir anhalten und lauschen, ist es jedoch der Russe. Wir machen schleunigst kehrt, zusätzlich angetrieben von einigen MG-Salven — aber der Russe kann genau so wenig sehen wie wir — und finden schließlich nach Stunden die wenigen Hausruinen von Guki, unserem Ziel. Der gerade Weg wäre nur etwa 30 Minuten gewesen.

Wir schlafen uns erst einmal im Bunker des VB's der Artillerie-Abt. Tweele, die uns unterstellt ist, aus, nur unsere beiden Strippenzieher müssen wieder los, um ihre Fernsprechleitung zur Feuerstellung zu legen.

Als Sie dann nicht zurückkommen, muss auch ich mich wieder auf den Weg machen, um Sie zu suchen. Dabei lande ich beinahe wieder — schon zum zweiten Male in dieser Nacht — beim Iwan. Schließlich gable ich aber die beiden Vermissten doch glücklich auf.

In den nächsten Tagen bauen wir einen halbfertigen Bunker fertig aus. Er wird ganz gemütlich, bis auf die kalten Füße, die man stets hat. Unsere Bunker bestehen, wie hier allgemein üblich, aus einer Erdgrube, die mit ein bis zwei Balkenlagen und anschließend mit einer möglichst dicken Lage Erde abgedeckt wird, das ganze möglichst unter der Erde. Bei komfortablen Ausführungen, wie in Guki, waren Boden und Wände mit Brettern verkleidet und ein selbstgebastelter Ofen eingebaut. Sogar zweistöckige Schlafpritschen waren vorhanden.

Der Russe, dessen Stellung nur etwa 250 m entfernt ist, verhält sich ruhig. Das ganze kleine Dorf ist von einem Laufgraben durchzogen, es wird von der 4. Kompanie (Oblt. Hölters) gehalten. Unser B-Stellen-LMG zieht jede Nacht mit auf Posten. Heini Wagener, ehemals deutscher Ringermeister im Mittelgewicht und unser MG-Schütze 1, klaut sich Spezialmunition aus dem Munitionsbunker der 4. Kompanie, die ihrerseits etliche Kisten Fliegermunition vom Fliegerhorst Salzwedel hatte mitgehen lassen. Der Krieg hier ist reichlich langweilig. Manchmal besuche ich Eugen Wamsler, der etwa 1 ½ km weiter links auf VB (Vorgeschobener Beobachter) ist.

Die russische Infanterie wird durch Jungkommunisten abgelöst, die sehr aktiv sind. Mehr als einen Augenblick über die Deckung zu schauen, wird lebensgefährlich. Oblt. Hölters fällt durch Kopfschuss und die 4. Kp. hat fast täglich Ausfälle durch Scharfschützen. Auch wir schießen sehr viel mit unseren beiden Zielfernrohrgewehren in die Sehschlitze der russischen Bunker vor uns.

Bei einem Feuerüberfall durch zwei russische Ratsch-Bum (7,62 cm Pak), die im direkten Beschuss unseren B-Stand völlig zusammenschießt, in dem gerade ich mit Lt. Glombowski bin, kommen wir beide mit heiler Haut davon. Leider wird jedoch Karlchen Hase, unser Fernsprecher, der in einer Feuerpause die zerschossene Leitung flicken will, schwer verwundet. Entgegen allen Voraussagen bleibt er jedoch am Leben. Durch Granatwerfer haben wir einen weiteren Verwundeten, und schließlich bleibt Schätzle mit einem Lungenschuss an unserem Brunnen 30 m hinter der Stellung liegen. Ich habe, zusammen mit einem Kameraden, den Auftrag, ihn zu bergen und in die Stellung zu bringen — kein Vergnügen, denn es ist heller Tag und die Russen nur 250 m entfernt. Dank des Feuerschutzes, den uns zwei SMG's der 4. Kp. (Obj. Maaß) geben, kommen wir aber ungeschoren zu Schätzle hin und mit ihm auch wieder die 30 m zurück in unsere Stellung.

Am 1.11.42 werde ich Oberjäger (Unteroffizier).

Als unser derzeitiger Brigadekommandeur, ein Oberst Häring, den keiner kennt, die Stellung besichtigt, kritisiert er alles, will jedes MG woanders haben und gibt eine Menge blödsinniger Befehle. Einzig unser Glombo verschlägt ihm die Sprache. Der Oberst hat den Tick, jeden anzuschnauzen, der ohne Waffe im Graben steht, obwohl es heller Tag ist und der Russe bestimmt nicht plötzlich in unserer Stellung auftauchen wird. Als er unseren Leutnant sieht, der wie üblich ohne Koppel und Pistole dasteht, fährt er ihn an: Wo haben Sie Ihre Waffe? Glombo greift ungerührt in die Tasche seines Anoraks, zieht eine Eierhandgranate heraus und sagt hier, Herr Oberst.

Weihnachten kommt, es gibt Berge von Päckchen und ein Festessen aus der Feldküche. Oblt. Gerken, unser Kompaniechef, kommt auf die B-Stelle und bringt mir das Luftwaffen-Erdkampfabzeichen mit (Das Luftwaffen-Gegenstück zum Infanterie-Sturmabzeichen für mindestens drei Angriffe in vorderster Linie bis zum Einbruch in die feindliche Stellung). Wir feiern so intensiv, dass er erst am nächsten Tage fähig ist, wieder zu seinem Kp.-Gefechtsstand zurückzukehren. In der Nacht geht Oberstlt. Walther, unser Regimentskommandeur, durch die Stellungen und verteilt Zigaretten, Schokolade und Wurst. Wir essen so viel, dass die ganze B-Stellenbesatzung anschließend zwei Tage krank ist.

Neujahr 1943 feiern wir in ähnlicher Weise. Wir haben jetzt sogar eine Sauna in einem Bunker installiert, 250 m vom Russen! Wir schießen relativ wenig mit unseren Werfern, außer den russischen Bunkern und MG-Ständen sind keine Ziele zu sehen.

Rechts von uns, beim Rgts.-Radfahrzug (Lt. Hilbert, der kurze Zeit später fällt), ist dagegen öfter etwas los. Dort greift der Russe den kleinen isolierten Stützpunkt, der zum Schluss nur noch von 16 Mann gehalten wird, mehrere Male mit etwa 200 Mann an, wird jedoch regelmäßig abgewiesen.

Pünktlich jeden Monat kommt ein russischer Lautsprecher in die gegnerische Stellung und unterhält uns mit netter Musik und wenig überzeugenden Ansprachen.

Als im Frühling die Schneeschmelze einsetzt, kommt der Befehl, Guki zu räumen und die Stellung auf den Waldrand, etwa 500 m weiter rückwärts, zurückzuverlegen.

Wir bauen schon eifrig an einem riesigen Bunker, der schließlich der beste im ganzen Bataillon wird. Schließlich gehen wir in die neue Stellung zurück, nachdem alle unsere Bunker in Guki reichlich vermint worden sind.

Die neue Stellung ist bedeutend angenehmer, man kann sich auch am Tage bewegen, alles ist schwer mit Stacheldraht gesichert und vermint. Unser B-Stand ist ein Hochstand, 12 m hoch in den Gipfeln der riesigen Fichten.

Es ist alles ruhig in unserem Abschnitt und ich freue mich, als ich zu einem Drei-Tage-Lehrgang bei der Heeresartillerie, die etwa 6 km weiter hinten liegt, abkommandiert werde. In einer Woche soll ein neu zusammengestellter Zug mit Lt. Glombowski als Zugführer und mir als R 1 zum 3. Btl. abgehen, das weit links von uns bei Luschki und Masejenki liegt. Dort braut sich offensichtlich etwas zusammen.

Ich bin gerade bei der Artillerie angelangt, da sehe ich unseren neuen Zug auf unseren LKW's mit Vollgas durch das Dorf sausen. In Richtung 3. Btl. kracht und donnert es ununterbrochen.

Ich kehre sofort zu meiner Kompanie zurück und erfahre, daß plötzlich Alarm für den Zug kam, der sofort abrücken musste. An meiner Stelle fuhr Obj. Mathias von unserem 2. Zug mit. Ich bin stocksauer, dass ich nicht bei meinem Haufen bin und stattdessen mit Fw. Ewert weiter auf unserer alten B-Stelle bleiben muss.

Von unserem Zug hören wir nichts, außer dass beim 3. Btl. schwere Kämpfe im Gange sind. Erst nach einigen Tagen erfahren wir näheres. Obj. Mathias, der für mich einspringen musste, ist sofort bei der Ankunft gefallen, der ganze B-Stellentrupp ist tot oder verwundet. Auch unser Glombo ist gefallen. Obj. Kuchenbrod, Schween und Seifert sind verwundet davongekommen.

Seifert hatte besonderes Glück, er lag zwei Stunden unentdeckt mit zerschossenem Handgelenk in einem Bunker unter der Pritsche, während die Russen im Bunker waren. Als bei einem Gegenstoß unsere Leute wieder für ein paar Minuten in der Stellung waren, konnte er mit zurückkommen.

Der Russe hatte zwei Divisionen von Stalingrad, das einige Zeit vorher gefallen war, in diesen Abschnitt gebracht, die mit Unterstützung von Panzern, Schlachtfliegern und Artillerie unsere beiden Stützpunkte Knoblochhöhe (nach Hptm. Knobloch) und Borstenwäldchen, die von der 12. bzw. der 11. Kompanie mit je etwa 80 Mann gehalten wurden, angriffen. (Unsere Aufklärer hatten bereits über 100 Geschütze ausmachen können, bevor Sie noch begonnen hatten, zu feuern), Unsere beiden Kompanien wurden so gut wie völlig vernichtet und die beiden Höhen fielen in Feindeshand.

Inzwischen ist unsere Ablösung eingetroffen, jeweils ein Bataillon ostpreußische Infanterie für jede unserer Kompanien und wir übergeben unsere alte Stellung, nachdem ich den Rest unserer Werfermunition verschossen habe.

Bevor das Regiment abgelöst wird, soll jedoch die ursprüngliche Stellung des 3. Bataillons wieder eingenommen werden. Ein Btl. des FJR 3 soll dort mit Unterstützung inzwischen herangebrachter Artillerie, 8,8-cm-Flak und Pak auf Selbstfahrlafetten (Hornissen) angreifen.

Wir sind mit unserem Zug inzwischen nach langem Marsch in einem Dorfe gelandet und wollen uns gerade in einer Scheune zum Schlafen legen, da kommt der Befehl, daß ein Zug als Schützenzug zum 3. Btl. soll. Natürlich ist es unser 1. Zug. Da wir nur für einen Tag in eine Riegelstellung sollen, nehmen wir nur unsere Waffen und unsere Mäntel mit. Wir werden mit LKW's bis Masejenki gebracht. Von dort marschieren wir unter schwachem russischem SMG-Feuer durch Sumpf und Wassergräben, bei denen wir dauernd durch die dünne Eisschicht brechen.

Schließlich landen wir patschnass in unserer neuen Stellung, wo ein Zug der Fallsch.-Panzerjäger-Abt. sichtlich froh ist, abgelöst zu werden. Die Stellung besteht aus einer Reihe winziger Fuchslöcher hinter einer Buschreihe.

Wir zittern alle vor Kälte. Obwohl einige Miniaturöfen da sind, können wir kein trockenes Holz finden, um Feuer zu machen. Der Boden ist sumpfig. Hier bleiben wir drei Tage. Der Russe schießt ein bisschen mit Granatwerfern, doch unsere Hauptprobleme sind Kälte und Nässe. Tagsüber regnet es unablässig, nachts gibt es Frost und wir boxen uns in unseren Löchern, um nicht ganz zu erstarren. Die Verpflegung kommt unregelmäßig und ist stets kalt.

Nach drei Tagen sind wir heilfroh, als der Befehl kommt, wieder abzuziehen. Wir marschieren zurück, wieder durch Sumpf und Wassergräben und kommen schließlich am Morgen bei unserer Kompanie an, wo wir uns einigermaßen trocknen und dann den ganzen Tag ausschlafen können.

Die anderen Züge der Kompanie sind schon in Richtung Witebsk abgefahren, wo wir verladen werden sollen, um nach Frankreich verlegt zu werden. Nur der Tross und die Fahrzeuge unseres Zuges sind noch da. Wir fahren los. Die Straßen sind durch das Tauwetter der letzten Tage — es ist inzwischen April geworden — in einem fürchterlichen Zustand. Wir schieben und schippen mehr, als wir fahren. Ein Stück werden wir von Halbketten-Zugmachinen der Flak geschleppt, bis selbst diese schweren ZKW's steckenbleiben. Unsere Kolonne ist völlig auseinandergerissen, wir sind allein mit unserem LKW und etwa 15 Mann. Wir sind drei Oberjäger, Ferdi Schmidt, Heinz Seil und ich. Wir verpflegen uns bei den Artilleriestellungen und Stäben, die in jedem Dorf, das wir passieren, zu finden sind. Ein paar Tage sind wir auf dem HVP (Hauptverbandplatz) in Twerdi, ein deprimierender Ort, das reinste Schlachthaus! Da wir meist doppelt und dreifach Verpflegung empfangen, leben wir nicht schlecht. An manchen Tagen schaffen wir mit viel Schaufeln und Schieben 2 bis 5 km. Schließlich, nach einem Monat — die Straße ist inzwischen etwas getrocknet — kommen zwei Zugmaschinen, eine 1 t und eine 3 t, die uns mit vereinten Kräften im Tandemzug aus dem größten Dreck herausschleppen.

Mitte April landen wir so in dem Städtchen Demidow, wo uns Ofw. Schwan, unser Schirrmeister, empfängt. Der Rest der Leute wird mit unserem LKW weitergeschickt, während ich mit Schwan und Kießling in Demidow eine Auffangstelle für unsere noch fehlenden Fahrzeuge aufmache. Wir sind beim russischen Landrat sehr gut einquartiert und Öfle bringt aus einer dunklen Quelle in der Stadt laufend Konserven und alkoholische Getränke an. Alles was wir zu tun haben, ist den ganzen Tag vor dem Haus auf einer Bank in der Sonne zu sitzen und zu warten, ob vielleicht ein LKW der 13. Kompanie vorbeikommt. Zur Sicherheit haben wir ein Riesenschild über die Straße gehängt Kfz. 13./4 HALT!.

Mit der Zeit finden sich tatsächlich alle noch fehlenden Fahrzeuge ein und wir fahren nach Rudnia, einem kleinen Nest mit Bahnstation. Nach drei Tagen in diesem Dorf, die wir vorwiegend mit dem Besuch des Frontkinos, das immer gut geheizt ist, verbringen — es gibt immer die Nacht in Venedig — fahren wir endlich mit einem Zug des Divisionstrosses unter Hptm. Schwarzmann, dem dreifachen Olympiasieger im Turnen 1936, los, Richtung Westen. Es ist der 2. Mai 1943.