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Womit habt Ihr eigentlich in Eurer Jugend gespielt?

Gelegentlich haben mich meine beiden Jungens gefragt, …womit habt Ihr eigentlich in Eurer Jugendzeit gespielt, Computer gab es doch damals noch nicht, oder? Natürlich nicht, die waren ja gerade erst von schlauen Männern erfunden worden und kein Mensch hätte auch nur im Traum daran gedacht, dass kleine und auch größere Kinder einstmals an Bildschirmen sitzen würden, um fiktive Autorennen zu fahren, Staaten zu gründen oder mit virtuellen Waffen Verbrecher zu jagen.

Unsere Spielzeuge waren billiger, meist sogar umsonst und trotzdem konnten wir uns damit vergnügen, hatten Spaß und waren dabei sogar meist noch an der frischen Luft.

Ich bin in Berlin aufgewachsen. Ein Teil meiner Kindheit fällt mit der Kriegszeit zusammen. Müßig zu sagen, dass wir während des Krieges draußen auf der Straße absolut nicht spielen konnten. Zu oft saßen wir in den Luftschutzkellern, wo es keinen oder nur ganz wenig Platz zum Spielen gab. Trotzdem haben wir auch dort kleine Spielchen gemacht. Ich kann mich daran erinnern, dass ich dort das so genannte Abnehmen gelernt habe. Das ging so: man knüpfte eine 60-80 cm lange Schnur zusammen und legte sie sich in Schlaufen um die Handgelenke. Dann musste man die Schnur mit dem gegenüberliegenden Mittelfinger aufnehmen, so dass eine imaginäre Figur entstand. Für die Figuren gab es phantasievolle Namen, z.B. Brücke, Krone, Fisch, Wasser usw. Der Mitspieler musste nun die Figur kunstvoll vom ersten Spieler abnehmen, so dass eine neue Figur entstand. Ziel war es, eine Krone zu erzeugen, die aus je drei Schlaufen an jeder Hand bestand und mit dem Daumen, Mittelfinger und dem kleinen Finger gehalten wurde. Der andere Spieler drückte dann den Knoten, der sich in der Mitte der Figur bildete herunter, so dass man nun dieses mehr oder weniger kunstvolle Gebilde als Krone erkennen konnten. Das haben wir stundenlang gespielt, bis unsere Öhrchen vor lauter Aufregung rot waren. Im Luftschutzkeller haben wir natürlich auch Ich sehe was, was Du nicht siehst… gespielt. Manchmal haben wir auch nur Fingerspiele wie Kommando Pimperle oder merkwürdigerweise Die Reise nach Jerusalem… gespielt. Und keiner nahm daran Anstoß, wieso auch?

Nach dem Krieg wurde es dann schon abenteuerlicher. Ich war etwa 10 Jahre alt. Es war natürlich spannend, in den Ruinen rumzuklettern. Dass das auch gefährlich war, wussten wir natürlich, denn oft genug stürzte man und -wenn es glimpflich ablief - kam man mit einem zerschrammten Knie nach Hause. Die Schimpfe von Muttern hielt nur einen Tag, dann war alles vergessen, aber man wurde doch immer ein bisschen vorsichtiger.

In den meisten Ruinen fand man Stuckreste, die aus reinem Gips waren. In den Mietskasernen, die in Berlin kurz nach der Jahrhundertwende gebaut wurden, waren die oft über vier Meter hohen Räume an der Decke mit breiten Stuckleisten verziert, die in den früheren Jahren angeblich sogar noch mit Ornamenten in Ölfarbe bemalt gewesen sein sollen. Wenn man nun die kläglichen Überreste in handliche Stücke zerschlug, konnte man damit auf Wandflächen und natürlich auch auf dem Asphalt der Straßen vorzüglich malen.

Viele Nebenstraßen in Berlin waren damals noch gepflastert, aber in unserer unmittelbaren Nähe gab es zwei kleine Straßenzüge, die einen Teerbelag hatten. Das war erstens die Weserstraße, aber die hatte schon ein bisschen Durchgangsverkehr, der uns natürlich störte. Etwas weiter weg war die Frahmstraße, auch sie war damals schon asphaltiert. Dort gab es so gut wie keinen Verkehr. Die Frahmstraße war nur einseitig bebaut. Auf der anderen Seite waren Kleingärten. Sie war also eine ideale Spielstraße. Dort konnten wir Hopsen aufmalen und trieseln. Die Mädchen spielten hier manchmal auch dieses merkwürdige Spiel Ziege durch, durch die Goldne Brücke… (natürlich hieß es Ziehe durch, aber ich verstand immer nur Ziege…): Zwei Mädchen standen sich gegenüber, streckten die Arme hoch und fassten sich oben an, so dass eine Brücke entstand. Die anderen mussten langsam im Kreis immer wieder durch diese Brücke schlurfen und sangen dabei diesen Refrain, bis eines unvermittelt gefangen wurde. Was dann geschah, weiß ich nicht mehr, ist ja auch nicht unbedingt wichtig, jedenfalls amüsierten sich die Kinder köstlich.

Hopse spielen war in erster Linie ein Mädchenspiel, Jungens haben da seltener mitgemacht. Es wurde meist ein Kreuzfeld aufgemalt, dann warf das erste Kind ein Steinchen (manche hatten sogar kleine Kettchen) in eines der Felder. Man musste mit einem Bein, zuerst wohl dem rechten, dann mit dem linken über die Felder hopsen und irgendwie den am Boden liegenden Gegenstand aufheben. Es gab viele Varianten, z.B. mit Himmel und Hölle, ich weiß heute aber nicht mehr, wie sie gespielt wurden. Die Kinder sprachen vor dem Spiel ihre Regeln ab und wenn eines einen Fehler machte, musste es zur Strafe aussetzen, was manchmal sogar schon beim ersten Wurf geschah und mit lautem Gegröle quittiert wurde.

Trieseln konnten auch Jungs. Ein kleiner konischer Holzkreisel mit Riefen und einem rundköpfigen Nagel an der Spitze wurde mit einer Peitschenschnur umwickelt und geschickt auf den Asphalt geworfen, so dass er sich schnell drehte. Mit weiteren Peitschenschlägen versuchte man nun, den Triesel so lange wie möglich am Drehen zu halten. Das war auf der gewölbten Straßendecke gar nicht so einfach und oft genug musste man von vorn anfangen, weil der Untergrund ja leider nicht völlig glatt war. Trotzdem machte das natürlich viel Spaß.

Bald gab es bei Karstadt am Hermannplatz die ersten kleinen Rennwagenmodelle. Das waren etwa 10 cm lange Spielzeugautos aus Spritzguss, die den Rennwagen der 30er Jahre nachempfunden waren. Die Modelle hatten natürlich keine Motoren, sie wurden durch einen Schubs bewegt. Die ersten, etwas dümmlichen Spiele gipfelten darin, die Wagen am weitesten wegzuschieben. Bald merkten wir, dass man die Autochen -wie wir heute sagen- tunen konnte. Dazu wurden mit Knete Bleistückchen oder etwas aus Eisen (Schrauben, Nägel, manchmal sogar Granatsplitter) in den Hohlraum gedrückt. Mit solchen Gewichten fuhren die kleinen Fahrzeuge natürlich viel weiter, aber das wurde dann langweilig. Bald erfanden wir spannende Rallyes, für die wir Rennstrecken mit mancherlei Hindernissen auf den Asphalt malten. Dabei kam es jetzt nicht mehr auf Kraft und Gewicht an. Man musste die kleinen Flitzer mit gekonntem Schubs über den Parcours schieben, durfte aber höchstens mit einem Rad über die Linien fahren, ansonsten musste man auf den letzten Ausgangspunkt zurück, übrigens auch der, der seinen Wagen zu lange schob, das nannten wir dann Besenstiel.

Als uns die Bückerei auf dem Asphalt zu dumm wurde, machten wir die breiten Rinnsteine, also die Begrenzungssteine der Bürgersteige, die sich meist an den Straßenecken befanden, zu unseren Rennstrecken. Inzwischen hatte die einschlägige Industrie erkannt, dass man mit den Modellwagen gute Geschäfte machen konnte und schon bald gab es viele unterschiedliche Modelle. Eines der schönsten war der so genannte Blue Bird, ein flaches etwas breiteres Modell, das aber auch viel teurer war. Die Fahrzeuge wurden jetzt auch bunter und einige Jungs bepinselten sie sich selber, um unverwechselbar zu werden. Jeder hatte seinen Wagen auf eigene Weise getrimmt und durch ständiges Reifenwechseln erzielte man meist auch einen exakten Geradeauslauf. Der war natürlich wichtig, um gute Chancen zu haben. Die Rennstrecken brauchte man nun nicht mehr besonders zu markieren, die Steine waren ja die Strecke. Über die Fugen konnte man meist nicht fahren. Wer auf Fahrzeuglänge heran kam, durfte übersetzen. Wenn es nicht ganz klar war, ob man berechtigt war zu übersetzen, klappte man den Wagen um, indem man ihn an der Vorderachse festhielt. Die anderen waren dann alle Schiedsrichter und man war ihrem Urteil verpflichtet. Wer auf die kleinen Pflastersteine fuhr, musste zurück, auf der anderen Seite plumpste der Wagen herunter, wenn man ungeschickt fuhr und dann musste man natürlich auch wieder zurück. Bald wurde auch hierfür ein Kniff gefunden, der manchmal half: mit Knete wurde unter den Wagen ein Polster angedrückt, das manchmal als Notbremse wirkte. Auch da entwickelten manche Knaben hohes Geschick.

Lange Zeit haben die Kinder auch mit Murmeln gespielt, das waren diese kleinen Kugeln aus Ton, die farbig angemalt waren und irgendwie in ein Loch geschoben werden mussten. Ich habe da aber nie mitgespielt, weil ich das nicht begriffen hatte. Als nun das Geld immer weniger wert wurde, haben wir auch mit Hartgeld gespielt. Man musste die Münzen geschickt an die Wand werfen, das hieß dann Klimpern. Derjenige, dessen Geldstück am dichtesten zur Wand lag, durfte sich den gesamten Haufen nehmen, musste ihn auf den Handrücken legen, hochwerfen und dann versuchen, so viele Münzen wie möglich zu fangen. Wir spielten das zuerst nur mit Pfennigen, dann aber auch gemischt mit allen Münzen.

Ich muss noch das Völkerballspielen erwähnen und will das hier kurz erklären. Das ging so: es wurden zwei Mannschaften gebildet. Das Spielfeld bestand aus zwei Hälften, das durch eine Mittellinie getrennt war. Auf diesen Feldern standen sich die Mannschaften gegenüber. Der Ball musste nun hin und her geschmissen werden, und zwar von den Feldspielern zu den an den Außenlinien der gegnerischen Felder stehenden Abfängern. Der Gag war, einen gegnerischen Spieler mit dem Ball so zu treffen, dass er ihn touchierte. Der so getroffene Spieler war dann abgeworfen. Geschickte Spieler fingen den Ball allerdings auf und haben dann ihrerseits durch schnelles Werfen einen Spieler der anderen Mannschaft abgeworfen. Dieses Spiel ging bis zum letzten Mann und konnte recht spannend werden. Am Ende blieben dann immer die geschicktesten Spieler übrig und die Abgeworfenen standen Spalier, um ihre Spieler anzufeuern.

Wir haben dieses Spiel anfangs immer auf der Straße, also auf der Fahrbahn gespielt. Zu der Zeit gab es kaum Verkehr und wenn wirklich ein Auto kam, sahen das die Späher von weitem und alarmierten wie die Erdmännchen den Spielerpulk, der sich dann an den Straßenrand zurückzog. Danach stellten sich die Spieler wieder genau an die Stelle, wo sie zuvor gestanden hatten. Natürlich gab es immer Gejohle, weil viele einfach schummeln wollten, aber wenn der erste Ball wieder über die Köpfe flog, kam die Spannung zurück. Dieses Spiel konnten wir nur wenige Jahre auf der Straße spielen, denn langsam kehrte die Normalität und Straßenverkehr wieder zurück und - was wir als viel schlimmer empfanden - die Straßenbahn fuhr dann wieder durch unsere Straße, so dass auch dieses Terrain für immer verloren ging!

Alles in allem vergnügten wir uns mit diesen Spielchen etwa bis zur Währungsreform, also im Sommer 1948. Dann gab es mit einem Male wieder interessanteres Spielzeug. Aber wir wurden ja auch älter und als Halbwüchsige entdeckten wir bald, dass es auch noch andere schöne Sachen gab, mit denen man sich beschäftigen konnte! Die waren dann zweibeinig, trugen Röcke und hatten lange Haare!