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Über das Telefonieren in den 50er Jahren.

Wer die 50er Jahre bewusst miterlebt hat, der hat bestimmt spezielle Erinnerungen an diese angeblich so gemütliche Zeit, in der es noch keine Handys gab, in der noch niemand wusste, was eine SMS ist und in der man mit einem Telefon einfach nur telefonierte.

Natürlich hat das Telefon schon damals eine Rolle gespielt, es war nämlich - wie das Auto - ein Statussymbol. Eigentlich hatten nur Reiche so etwas. Privat telefonierte man kaum, und wer wirklich mal nach außerhalb telefonieren musste, ging zum Postamt, musste dort sein Ferngespräch anmelden und halt warten. Wenn der Postbeamte dann den gewünschten Teilnehmer an der Strippe hatte, wurde man aufgerufen und in eine der nummerierten Telefonzellen beordert. Dann klingelte es dort und man musste sich beeilen, denn in der Regel waren Ferngespräche auf drei Minuten begrenzt. Die darüber schießende Zeit wurde richtig teuer, daher begrenzte man sich schon freiwillig. Übrigens von den wenigen öffentlichen Telefonhäuschen konnte man nur Ortsgespräche führen. Jahrzehntelang kostete ein Ortsgespräch auch nur 20 Pfennig, d.h. man musste 2 Groschenstücke einwerfen und konnte dann ohne Zeitlimit quatschen.

Die Post hatte noch bis in die frühen 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts das Monopol für die Telefonie und verdiente daran auch gewaltig. Der Fernmeldebereich war der Goldesel des Postministers, den gab es wirklich, also den Minister! Das änderte sich aber dann rasant, als auch private Anbieter zugelassen wurden. Aber das ist hier ja nicht das Thema.

Erst Anfang der 60er Jahre wurde das Telefon in Privathaushalten immer beliebter, obwohl es gar nicht so einfach war, einen Anschluss zu bekommen. Man musste sich nämlich verbindlich anmelden und auf eine lange Wartezeit gefasst machen. Wenn man Glück hatte und in einem bereits kabelmäßig erschlossenen Bereich wohnte, dann war das zwar schon die halbe Miete, aber per sofort ging gar nichts. Wenn dann aber der Tag kam, an dem der Anschluss eingerichtet werden sollte und wenn dann die Monteure vom Keller bis außen vor die Wohnungstür die Strippen in die manchmal ja schon vorhandenen Röhren einzogen und durch den Treppenflur ihre Kurzmitteilungen grölten, dann war das ein Ereignis, an dem sich die ganze Nachbarschaft beteiligte. Und wenn dann der Fernmeldetechniker am Ende dieses Happenings das Telefon in die gute Stube stellte, das natürlich auch noch umständlich eingestellt werden musste, dann kam Freude auf. Ich habe solch ein Ritual noch im Jahre 1960 selbst miterlebt! Und dann die bange Frage, wen rufen wir denn als erstes an? Also, wie Weihnachten! Alles strahlte und der Monteur bekam seine Tasse Kaffee und einen Fünfer diskret in die Hand gedrückt. Und dann kamen natürlich auch die Nachbarn, sie gratulierten tatsächlich - wofür eigentlich? Tuschel-tuschel: …welche Nummer habt Ihr denn eigentlich? Und dann etwas verschämt:  … dürfte ich Eure Nummer auch meiner Tante in München geben, das ist unsere Erbtante, die würde uns gern mal wieder sprechen! Dieses Telefon war mitnichten eine private Einrichtung, unsere Wohnung mutierte mit ihm zu einer öffentlichen Luxus-Telefonzelle!

Wir waren natürlich so großkotzig und wollen diesen Einheitsapparat aus schwarzem Bakelit nicht haben, wir bestellten einen weißen Apparat, aber große Enttäuschung, es war das gleiche Modell eben nur in weißem Bakelit, für zwofuffzich im Monat - vornehm geht die Welt unter!

Was wir damals erlebten, war schon der Idealfall, es gab nämlich auch Gegenden, in denen die Post noch keine Kabel liegen hatte, auch die Leute hatten einen Anspruch darauf, und mussten versorgt werden. Da wurden manchmal für tausende Mark Kabel verlegt, aber auch deren Anschluss, wenn sie ihn denn bekamen, kostete nur 110 DM Anschlussgebühren.

Für einen Hauptanschluss musste man lange Zeit 24,-- DM monatlich Grundgebühr zahlen, die Gesprächseinheit kostete 0,24 DM abzüglich 10%, weil die Post Angst hatte, dass die Teilnehmer, die in der Nähe einer Telefonzelle wohnten, für abgehende Gespräche lieber runter gingen, um dort für nur 20 Pfennige zu telefonierten. Das gab es wirklich und wenn heute mal zufällig eine Folge der Fernsehsendung Ein Herz und eine Seele mit Ekel Alfred wiederholt wird, in der manchmal gerade dieser Umstand kolportiert wurde, dann muss dem jungen Zuschauer gesagt werden, dass dies kein besonders guter Witz war, das gehörte damals - wenn die Gegebenheiten so lagen - durchaus zu den Gepflogenheiten. Wenn man ein paar Pfennige sparen konnte, ging man eben auch mal bei Eis und Kälte zur Telefonzelle!

In einigen Gegenden hatte die Post nicht immer genügend Anschlüsse. Damals erfand man dann den so genannten Doppelanschluss. Das war so: die eine Leitung, die bereits mehrpolig installiert und aktiv war, konnte abgezweigt werden, damit der Nachbar auch einen Anschluss bekam. Der bekam dann natürlich eine andere Telefonnummer. Der Pferdefuß war aber, wenn einer der beiden Doppelanschlüssler gerade telefonierte, war der Apparat des anderen tot und gegenseitig anrufen, das ging auch nicht. Trotzdem hatten sich viele Teilnehmer dazu entschlossen, denn auch die Grundgebühren ermäßigten sich - und … sooft telefonieren wir ja nicht, war eine der gerne angeführten Begründungen, die man spätestens dann bereute, wenn es mal pressierte, denn dann telefonierte gerade der Partner und hörte und hörte nicht auf zu sabbeln! Und das erlebten die meisten schon innerhalb kürzester Frist!

Die Post beharrte auf ihrem Monopol noch jahrelang und man wurde manchmal neidisch, wenn man ausländische Filme oder Fernsehsendungen sah, in denen die mondänen Damen oder die Herren der Hautewolaute mit Funktelefonen in der Wohnung rumspazierten. Davon konnten wir nur träumen. Nicht einmal einen anderen Telefonapparat durfte man anschließen, das konnte die Post durch spezielle Induktionsprüfungen herausbekommen, dann verlor man die Betriebserlaubnis für diesen Apparat und musste in manchen Fällen obendrein auch noch Strafe zahlen!

Das war die Steinzeit des Telefonierens in Deutschland. Sie fing Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Fräulein vom Amt an und dauerte fast genau einhundert Jahre!