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Ein Mädchen namens Max -

oder wie meine Schwester zu ihrem Spitznamen kam.

In den Nachkriegsjahren spielten wir - wie alle Kinder zu dieser Zeit - selbstverständlich auf der Straße, eigentlich zu allen Jahreszeiten, am liebsten natürlich, wenn es warm war. Es gab ja auch kaum Spielzeug, mit dem man in der Wohnung spielen konnte, wenn man mal von den Puppen der Mädchen absah, die oft genug von den Müttern oder Großmüttern selbst gebastelt wurden, wofür sie meist alte rosane Unterwäsche kunstvoll zusammennähten, mit Watte ausstopften, Haare aus brauner oder gelber Wolle annähten und die Gesichter mit Buntstiften auf den Stoff malten. Puppen mit Porzellanköpfen oder aus Celluloid, mit Glasaugen, die sich auch schließen konnten, wenn man sie im Arm hielt, hatten nur ganz wenige Mädchen. Die Buben hatten manchmal noch einen Baukasten von vor dem Krieg, aber auch für die wurde improvisiert. Mein Onkel schnitzte mir einmal einen Schiffsrumpf für ein Segelboot aus einem Scheit Holz. Die Segel nähte ich mir selbst aus Stoffresten, die ich bei Oma abstaubte und die Takelage bastelte ich aus schwarzem Zwirn. Ob mein Schiff jemals richtig im Wasser schwamm, daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich war jedenfalls ziemlich stolz auf dieses Kunstwerk und mein Ozean war meist der Teppich in der guten Stube. Aber am liebsten waren wir doch unten, denn da waren wir meist ohne direkte Aufsicht.

Wir spielten Fangen, Völkerball und Verstecken, rannten herum und brauchten keine Angst zu haben, denn Straßenverkehr war damals fast gleich Null. In unserer Straße standen jeweils etwa 15 Meter von einander entfernt relativ stattliche Bäume, die durchaus 10-12 Meter hoch waren, so dass selbst diejenigen, die - wie wir - im zweiten Stockwerk wohnten, vom Balkon aus manchmal noch die Äste anfassen konnten. Dazwischen standen dann die in Berlin damals noch üblichen Gaslaternen.

Meine kleine Schwester war ein lebhaftes Kind und manchmal war sie wilder als die Buben, mit denen sie spielte. Kein Laternenpfahl war vor ihr sicher, sie kletterte daran hoch wie ein Wiesel und sie kletterte auch in die Straßenbäume, allerdings brauchte man dafür Hilfe, denn die unteren Äste waren wohlweislich abgesägt.

Irgendwann kam die Zeit der Kopfläuse. Viele Kinder waren davon befallen, auch meine kleine Schwester. Um die Pläster los zu werden, wurden die Haare mit sonem Entlausungszeugs eingepudert. Dann musste das arme Kind eine Stunde lang mit einem Turban rumlaufen, der aus einem Handtuch gewirkt wurde. Schließlich wurden die dann meist toten Biester mit einem Läusekamm einfach ausgekämmt und fielen auf ein darunter gelegtes Blatt Papier. Damit war man aber die Nissen noch nicht los, das sind die Läuseeier. Die klebten nach wie vor an den Haaren und mussten einzeln abgesucht werden. Das machten die Erwachsenen wie die Affen im Zoo. Und wenn eine Nisse gefunden wurde, nahm man beiden Daumennägel und zerquetschte sie. Das gab einen herrlichen Knackslaut und die Augen der Eiermörder glänzten verzückt.

Bei meiner Schwester half das nur bedingt. Sie hatte hübsche, halblange Haare, aus der ihr meist ein Hahnenkamm gewickelt wurde, das war damals die Standardfrisur für kleine Mädchen. Leider wurden diese Mädchen dadurch auch ein beliebter Zufluchtsort für Kopfläuse. Wenn man diese Plagegeister loswerden wollte, gab es eigentlich nur noch die Radikalmethode: einfach die Haare abschneiden! Das haben sie mit meiner Schwester dann auch gemacht. Sie sah dann mit ihrer neuen Tolle wie ein Junge aus! Erst gab es ja Tränen, schließlich fühlte sie sich aber doch recht wohl, da man ihr ja versprach, dass die Haare nachwachsen würden. Als sie sich das erste Mal mit dieser Tonsur unten auf der Straße blicken ließ, wurde sie spontan von den Kindern Max getauft. Sie trug zu gern eine Jungenhose und sah nun ja auch so aus wie der Max aus dem Bilderbuch von Wilhelm Busch!

Diesen Namen hat sie lange getragen und ich glaube, sie reagiert heute noch reflexartig darauf, wenn einer in ihrer Nähe diesen Namen ruft.