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Christas Gitarre

Im Jahre 1953 fuhr ich mit einigen Freunden mit dem Fahrrad durch Westdeutschland. Wir mussten erst einmal von Berlin durch die Zone, wie wir mit dauernder Impertinenz die DDR damals nannten und strampelten dann eine Woche durch die Lüneburger Heide und Schleswig-Holstein bis ganz oben hin, nämlich nach Sylt. Dort befindet sich in List auch heute noch Deutschlands nördlichste Jugendherberge. Das war unser Wunschziel und dort wollten wir einige Tage bleiben.

Als es wieder zurückgehen sollte, schlossen wir uns mit einer Gruppe aus Hamburg zusammen, mit der wir schon zuvor einen netten Kontakt hatten und waren schließlich etwa 11-12 Radfahrer. Das fanden wir ganz toll, denn in solchem Pulk konnte man schnell Freundschaften schließen und wenn einer nicht mehr so konnte, wurde er entweder geschoben oder gezogen. Auch bei den etlichen Platten gab es viel schneller aktiven Beistand, was - so merkwürdig es klingt - die durchschnittliche Reiseleistung auch erhöhte, denn unsere Räder waren seinerzeit bei weitem nicht so robust, wie die heutigen Trekking-Räder und mit einem Platten musste man halt immer mal rechnen.

In diesem Pulk waren zwei, drei ältere Mädchen, zu denen wir einen ganz besonderen, fast kumpelhaften Kontakt entwickelten. Eines dieses Mädchen war Christa S., etwa so alt wie wir, schlank und hoch gewachsen, eben ein Typ, mit dem man nicht nur gern Pferde gestohlen hätte. Sie war wohl damals so etwas wie die Anführerin der Gruppe, jedenfalls hörten alle auf Christa und suchten auch ihren Rat. Wir fuhren wohl zwei vielleicht auch drei Tage - so genau weiß ich das nicht mehr - durch Schleswig-Holstein über Straßen, die selbstverständlich noch keinen Radweg hatten. Der geringe Autoverkehr brachte auch noch niemanden in Gefahr. Unterwegs kurz vor Hamburg besorgten wir noch ein paar Pfund Kartoffeln und irgendwer griff auch mal schnell in den Korb mit der Butter, den die Molkerei am Straßenrand für den Bauern neben die leeren Milchkannen hingestellt hatte. Das war dann später unsere Morgengabe an Christas Mutter, die mit Mann und Tochter in der Nähe des Hamburger Schlump wohnten. Dorthin hatte Christa uns Nicht-Hamburger, also meine drei Freunde und mich eingeladen und wir verspeisten in fröhlicher Runde Pellkartoffeln mit Butter.

Christa war Pfadfinderin und sie hatte ihre Klampfe auf der Fahrt zurück nach Hamburg immer über ihren Rücken gebuckelt. Sie kannte nur einige c-Dur-Akkorde, hatte aber ein gehöriges Repertoire an Wanderliedern auf dem Kasten. Das reichte allemal, um am Lagerfeuer die erste Geige zu spielen. Als wir bei Christas Eltern unsere opulente Mahlzeit aus Pellkartoffeln mit Butter eingenommen hatten, sangen wir noch einige lustige Lieder. Dann tauschten wir unsere Adressen aus und verabschiedeten uns etwas wehmütig, denn die Tage auf Sylt und die Fahrt mit dem Rad durch Schleswig-Holstein hatten uns doch irgendwie zusammengeschweißt.

Ich fand Christa nett und sie mich wohl auch. Wir waren beide knapp 17 Jahre alt. Viel hätte aber damals daraus nicht werden können, ich in Berlin, sie in Hamburg! Natürlich versprachen wir uns, fleißig zu schreiben und Kontakt zu halten. Was heute per Telefon, SMS und e-Mail ruck-zuck geht, war damals noch fernste Zukunft. Wir schrieben unsere Briefe auch noch mit der Hand und Telefon hatten nur die wenigsten. Dennoch reichten diese Verbindungen, um uns auch später noch mehrmals gegenseitig zu besuchen.

Merkwürdigerweise gab es in den ersten Wochen und Monaten, wo man sich ja eigentlich alles in epischer Breite berichtete, kein Sterbenswörtchen über weitere Klassenfahrten zu erfahren. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ich Christa geschrieben hatte, dass wir im Herbst eine Klassenfahrt vorhatten. Wahrscheinlich haben dies auch meine Klassenkameraden nicht ihren Brieffreundschaften nach Hamburg vermeldet. Meine Freunde pflegten ja mit einigen der anderen Mädchen aus der Sylter Gruppe auch regen Briefkontakt. Aber auch die hielten das wohl nicht für erwähnenswert. So wussten die Hamburger Deerns nicht, dass wir schon wieder nach Westdeutschland fuhren, deshalb wusste auch niemand von uns, dass die Hamburger Pfadfindergruppe wieder einmal eine verlängerte Wochenendfahrt geplant hatte.

Wir fuhren also im Herbst des Jahres 1952 mit unserer Schulklasse nach St. Andreasberg in den Harz. Dort gab es eine hübsche Jugendherberge, die gänzlich aus Holz gebaut war. Zur gleichen Zeit wie wir traf dort eine Pfadfinderinnengruppe ein, um das Wochenende dort zu verbringen. Am Abend saßen wir dann alle irgendwo zusammen. Eines der Mädchen, wohl die Anführerin, hatte eine Klampfe dabei, spielte aber mehr schlecht als recht darauf. Sie kannte wohl auch nur einige wenige Akkorde, nach denen man gerade noch mitsingen konnte.

Je länger wir an jenem bewussten Abend zusammen saßen, desto mehr buhlten wir herum und stellten natürlich bald fest, dass die Gruppe aus Hamburg kam. Mit einem Male hatte ich eine spontane Eingebung, ich sagte zu dem Mädel, das die Klampfe spielte, Du ich glaube, ich habe diese Klampfe schon einmal gesehen, sie sieht so aus und klingt auch so wie die Klampfe von Christa S.. Obwohl es an diesem Abend schon recht dunkel war und in der Dämmerung eine Klampfe wie die andere aussieht, bestätigte die Spielerin völlig verdutzt meine Vermutung. Und dann kam heraus, dass Christa nur deshalb nicht mitgefahren war, weil sie eine Sommergrippe hatte! Wenn sie also nicht überraschend krank geworden wär, wäre sie just zu diesem Zeitpunkt ebenfalls dort gewesen.

So hab ich an diesem Abend wenigstens Christas Klampfe gesehen und gehört, auch wenn sie leider nicht dabei war.

Müßig zu erzählen, dass ich dies am meisten bedauerte.