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Haarige Zeiten

In ein paar Wochen ist Weihnachten. Dann kommt der Weihnachtsmann zu den Kindern und brabbelt durch seinen Silberbart zu den Kindern, die manchmal hinter den Masken und Kostümen Onkel Herbert erkennen, der sich trotzdem erweichen lässt, sie dann mit großzügigen Geschenken zu bedenken. Das war schon immer so, jedenfalls solange ich mich erinnern kann. Aber einen Weihnachtsmann ohne Bart, das gab es nicht, gibt es nicht und wird es hoffentlich niemals geben! Dies inspirierte mich, etwas über Bärte zu schreiben, denn ich bin selber Bartträger und ich kann einige nette Begebenheiten über das Barttragen im Allgemeinen berichten.

Barthaare sind Teil der menschlichen Körperbehaarung. Sie wachsen meist um den Mund herum, am Kinn, an den Wangen und am oberen Halsbereich. Zur Entfernung der natürlichen Bartbehaarung ist eine Rasur notwendig. Bei der Totalrasur werden alle Barthaare entfernt. Werden ausgewählte Teile willkürlich stehen gelassen oder nur gestutzt, wird das Ganze dann Schmuckbart genannt, so steht es bei Wikipedia, dem Online-Lexikon.

So weit so gut. Heute ist man/Mann mit Bart nichts Besonderes. Bart wird in allen möglichen Varianten getragen, gestutzt, gezwirbelt, als 14-Tage-Bart … und so weiter, aber ich will keine Kulturgeschichte über Bärte schreiben. Mir fiel vor kurzem beim Stöbern in der alten Fotokiste ein Gruppenbild aus meiner Lehrzeit in die Hände. Beim stillen Aufzählen der Namen meiner Mitstreiter entdeckte ich ein Bartgesicht, eigentlich müsste ich sagen, nur ein einziges Bartgesicht, denn der junge Mann, der da so schelmisch in die Kamera blickte, hatte damals zunächst gar nichts zu lachen gehabt. Man trug eben bei einer deutschen Behörde zu dieser Zeit -Mitte der 50er Jahre- keinen Bart, vor allem jungen Menschen nicht, die sollten sich an Zucht und Ordnung halten! Gut, es gab in der Behörde wohl zwei-drei Bartträger, aber das waren Kriegsteilnehmer, und von einem wusste ich, dass er auf einem U-Boot gefahren ist. Da trugen angeblich alle einen Bart. Er trug ihn quasi als Erkennungszeichen und war auch recht stolz darauf, weil ihn keiner anmachte. Ganz anders erging es jedoch zunächst meinem Kollegen, Horst L., als er von einem Urlaub aus Italien zurückkam. Italien war damals das Traumurlaubsland der Deutschen, dort gehört das Barttragen heute noch zum Männlichkeitskult. Kollege Horst hatte ein schmales Gesicht und welliges, dunkelblondes Haar. Der Bart, den er kunstvoll gestutzt hatte, gab ihm fast ein italienisches Aussehen. Kurz nach seiner Rückkehr wurde er von seinem Dezernatsleiter gerufen, der ihn direkt auf den Bart ansprach und ihm schlankweg empfahl, ihn wieder abzunehmen. Das traf ihn natürlich nicht unvorbereitet. Er hatte sein Sprüchlein schon vorher zurechtgelegt und kam dann auch mit hochrotem Gesicht vom Chef zurück. Mit blitzenden Augen erklärte er, dass er sich diesen Bart nicht abrasieren würde, das könne ihm niemand - auch nicht der Chef - verbieten! Er deklamierte dann noch weitere seiner bereitgelegten Sprüche herunter, die ich aber nicht mehr in Erinnerung habe. Horst L. wurde zwar oft auf seine damals noch ungewöhnliche Manneszierde angesprochen, hatte aber lange Zeit keine Nachahmer.

Zäsur. Zehn Jahre später. Ich war frisch geschieden, hatte mich in den Außendienst versetzen lassen und mein Leben war im Umbruch. Mein Freund war damals schon Bartträger und prägte den Satz, Barttragen ist der Konformismus der Nonkonformisten…, was auch immer das bedeuten sollte. Als wir gemeinsam nach Mallorca flogen und er dort 14 Tage lang Rundfunk machte, rasierte ich mich ein paar Tage lang nicht. So wuchs mein Bart und ich stutzte ihn ebenfalls so, dass er Oberlippe und Kinn bedeckte, ähnlich wie bei meinem Freund.

Als einer meiner Vorgesetzten mich das erste Mal mit Bart sah, war er zwar nicht mehr so ablehnend eingestellt, wie ehedem der Vorgesetzte meines Lehrgangskollegen Horst L., aber es kam dennoch zu kleinen Anzüglichkeiten. Erst versprach er, …wenn der Bart ab ist, geb' ich einen Kasten Bier aus! Bei den folgenden Treffen drehte er diesen Satz einfach um und behauptete, ich hätte den Kasten Bier verwettet! Aber wie auch immer, es war mehr Jux als Ernst und mein Bart blieb dran. Einen Kasten Bier habe ich nie ausgegeben, jedenfalls nicht als Begründung für meinen nicht abrasierten Bart!

Als ich meine Frau kennen lernte, trug ich schon über ein Jahr meinen Bart, sie kennt mich also nur mit dem Rundumbewuchs. Irgendwann musste ich mir die Zierde doch einmal abnehmen, weil sich eine Flechte breit machen wollte. Stürme der Entgeisterung trafen mich. In den folgenden Tagen guckte ich mehrmals täglich in den Spiegel, und hätte etliches dafür gegeben, wenn die Haare schneller nachgewachsen wären.

Meine beiden Söhne, nun auch schon 30 bzw. schon fast 40 Jahre alt, hatten ebenfalls schon Phasen, in denen sie ihre Gesichtsbehaarung wild wachsen ließen. Merkwürdigerweise haben beide keine Bartgesichter und der Flaum wächst nicht gesichtsdeckend. Sie haben beide wieder glatte Gesichter.