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Schlager der Woche
oder vom Magnetophon zum MP3-Player

In den frühen 50er Jahren hieß die beliebteste Musiksendung des RIAS-Berlin Schlager der Woche. Sie wurde ein Mal pro Woche zur Primezeit ausgestrahlt und wir hörten in einer Stundensendung amerikanischen Schlager von Les Paul und Mary Ford, Frank Sinatra mit seinen Five Minutes More, Doris Day's Tea For Two oder Alma Coogan mit ihrem Tennessee-Waltz und Jatz-Musike von Ella Fitzgerald mit Louis Armstrong, aber auch schon mal die bekannten Orchester wie Tommy Dorsey, Duke Ellington oder Mantovani. Trotzdem war damals der amerikanische Soldatensender AFN der beliebteste Sender bei den Jugendlichen. Um 17.00 Uhr saßen wir vor den Lautsprechern, dann gab es die Sendung Frolic at five, mit den heißesten amerikanischen Schlagern! Wir schrieben die Texte mit und lernten sie - wie die heutigen Kids - auswendig, um sie mitgrölen zu können. Bei der einen oder anderen Familie gab es Musiktruhen mit Plattenspielern, und Schallplatten waren noch überaus zerbrechlich, wenn man überhaupt welche mit amerikanischer Musik bekam. Als dann die 45er Vinyl-Platten aufkamen, war das schon einfacher, sie waren unzerbrechlich. Da konnte man schon mal mit Freunden einen Plattenabend machen. Partys, wie die jungen Leute sie heute veranstalten, haben wir nur ganz selten gemacht, Discos im heutigen Stil gab es nicht und leider konnten wir auch nicht immer die Musik spielen, die wir gern gehört hätten, denn es gab - jedenfalls für Otto Normalverbraucher - noch keine Aufnahmegeräte, mit denen man die Schlager hätte aufnehmen können. Uns blieb eben nur der teure Weg, die Platten selbst zu kaufen oder sie sich von einem guten Freund zu pumpen, aber da musste man schon ganz gute Freunde haben!

Die Landesbildstellen (LBSt.) hatten zu dieser Zeit bereits für Unterrichtszwecke riesige Tonbandgeräte, die in entsprechend großen Kästen eingebaut wurden. Mit diesen Apparaten war aber nur die Aufnahme von eigenen Darbietungen per Mikrophon möglich, andere Aufnahmequellen waren blockiert. Außerdem hatte man wohl Eisen- oder Bleiplatten eingebaut, damit die Apparate nicht so leicht transportiert, d.h. also auch geklaut werden konnten. Es gab einen Fahrradanhänger, auf dem der Kasten transportiert werden musste und wenn man ihn von dort in den Klassenraum bringen wollte, waren mindestens zwei starke Buben gefragt, so einfach war das also nicht. Damit man dieses Monstrum bedienen konnte, musste man einen Bedienerkurs bei der LBSt. absolvieren und bekam eine Bescheinigung, die immer vorzulegen war, wenn das Gerät ausgeborgt wurde. Unser Klassenlehrer schlug meinen Freund und mich vor, und eines Tages fuhren wir ins Rathaus Neukölln, wo sich eine Zweigstelle der Landesbildstelle befand. Wir bekamen schließlich die Bescheinigung und dann das Gerät, das wir aber zuerst mit zu uns nach Haus nahmen. Zunächst machten wir mit allen Familienmitgliedern unsere Sperenzien, aber das wurde schnell langweilig. Mein Freund hatte schon einschlägige Erfahrungen und wusste, wie ein Radio funktionierte, d.h. er traute sich zu, von unserem Radioapparat die Rückwand abzuschrauben, ohne den Stromstecker zu ziehen, im Gegenteil, er ließ ihn weiterlaufen. Mit einem abisolierten Kabel fummelte er nun an der Diode herum und leitete - für mich völlig unverständlich - irgendeinen Diodenstrom in das Tonbandgerät und zu meinem Erstaunen klang aus dem eingebauten Lautsprecher des Tonbandgerätes dieselbe Musik wie aus unserem Radio. Mein Freund hatte das zwar vorausgesagt, war sich aber nicht ganz sicher. Es hätte auch sein können, dass beide Apparate kaputt gegangen wären, wie ich es schon mit aufgestellten Nackenhaaren befürchtete. An diesem Abend waren wir in der guten Stube allein zu Gange, die übrige Familie hatte uns devot Platz gemacht und wir warteten gespannt auf die Schlager der Woche. Mein Freund drückte auf Aufnahme und stopp, Aufnahme und stopp, und als die Sendung zu Ende war, stand er mit hochrotem Kopf da, hielt das Band mit den Aufnahmen triumphierend in der Hand hoch und sagte, damit werden wir beim Schülerfest die ganz große Nummer sein. Natürlich hörten wir uns erst einmal mit meinen beiden Schwestern die Aufnahme an, auch Oma kam ab und zu rein, aber ihr war der Krach die Aufregung, die wir produzierten, einfach zu viel und sie ging wieder in die Küche, um dort ihre Rätsel zu raten.

Am Wochenende war dann unsere Schülerfete, bei der wir zuerst deutsche Schallplatten von Peter Alexander, Catarina Valente und Bully Buhlan abspielten. Aber dann legte mein Freund das Tonband auf, das wir bei uns aufgenommen hatten. Eigentlich wussten die meisten, dass man mit diesem Gerät keine Radiomusik aufnehmen konnte, und wir erzählten auch nicht, wie wir dies genau gemacht hatten. Auch wenn es nach unseren heutigen Standards keine tollen Aufnahmen waren, - tatsächlich sendete der RIAS nur auf Mittelwelle, und wer sich ein wenig auskennt, weiß, dass da kein großer Frequenzbereich abgedeckt werden konnte -  es waren die neusten Schlager, und das zählte!

Etwa 10 Jahre später habe ich mir dann mein erstes Tonbandgerät von Telefunken, das M 85 kaufen können. Die Maschine hatte 18er Spulen, nahm nur Mono auf aber mit 9,5 und 19cm/sec. Sie kostete genau 749,-- DM, also schon eine recht hohe Summe, wenn man bedenkt, dass wir damals etwa 140 DM monatliche Miete für unsere Neubauwohnung zahlen mussten. Ich hatte eine kleine Nachzahlung bekommen und war stolz wie ein Schneekönig, nun endlich meine eigene Musik aufnehmen zu können. Ein Plattenspielerchassis, das ich in eine Art Hutschachtel einbaute und ein inaktives Mischpult, das war ein kleines Gerät mit zwei Drehspulen, mit denen man die Aufnahmeenergie aus dem Zuspielgerät wegblenden konnte, das waren meine Zusatzgeräte, um rundfunkmäßige Überblendungen zu machen, auf die ich dann mordsmäßig stolz war, wenn sie mal einwandfrei gelungen waren, was nicht immer auf Anhieb gelang.

Mein Freund war damals bereits in Westdeutschland tätig. Er war es eigentlich, der mich für dieses Hobby begeisterte. Er hatte eine ähnliche Maschine und wir schickten uns fortan Tonbandbriefe, wie wir das nannten, überspielten die Musik, die wir liebten und sprachen dazwischen, gerade wie im Radio, eine faszinierende Sache. Später hatte jeder von uns ein kleines Tonbandarchiv mit Themenbändern, z.B. von Frank Sinatra!

Dann kam die Zeit, in der jeder nach Vollkommenheit strebte, es musste rauschfrei und in Stereo natürlich im Zweispurverfahren aufgenommen werden. Unser Ideal hieß dann REVOX A 77, die Maschine der Superlative - jedenfalls für uns kleine Hansels. Meine Revox steht jetzt unter meinem Schreibtisch, sie ist über 30 Jahre alt, sieht immer noch toll aus und ich schwärme weiter für diese Maschine. Sie funktioniert auch noch leidlich, und als ich neulich mal in Erinnerungen schwelgen wollte, baute ich sie auf und holte die alten Bänder zusammen, die an vielen Stellen herumliegen. Ich wunderte mich vor einigen Tagen, dass ich auch welche im Keller fand, die ich mit Sicherheit nie da hingelegt hatte.

Ich fand einige zusammengestoppelte Bänder mit den ersten undefinierbaren Geräuschen meines jüngsten Sohnes wieder, jedenfalls stand das auf dem Klebeetikett. Als sich das Band einlegte, merkte ich schon, dass es irgendwie klebte. Nach einigen Metern blieb die Maschine stehen, ich dachte schon, dass sie nun doch kaputt sei, aber es war ganz anders: die Magnetschicht des Bandes wurde beim Transport an dem Abspielkopf einfach abgeschabt und bildete einen klebrigen Haufen Magnetmasse. Durch die Trägerfolie konnte man nun hindurch sehen. Peng! Alles vorbei, kein Kindergeschrei mehr, keine ersten Sprechversuche des Juniors mehr, alles im Eimer.

Es waren drei, vier Bänder des gleichen Fabrikats mit ähnlich erinnerungsträchtigen Aufnahmen, die ich dann noch hatte. Auch hier das gleiche Dilemma. Fatum. Das war es dann, dachte ich und bin noch immer traurig

In den folgenden Jahren hat man diese Riesenmaschinen im privaten Bereich kaum noch verwendet, es kamen die Kassettendecks auf. Aber ähnlich hochwertige Aufnahmen waren damit nicht mehr möglich, und wenn man kopieren wollte, waren die Aufnahmen so verrauscht, dass es keinen Spaß mehr machte. Ich fand übrigens bei meiner Suche nach den alten Tonbändern auch alte Kassetten, die ich Anfang-Mitte  der 80er Jahre aufgenommen hatte. Das gleiche Dilemma, aber hier macht sich mehr der Eigenkopiereffekt bemerkbar, der einem den Genuss der Aufnahmen vergällt, das heißt, laute Stellen kopieren sich auf die davor und danach liegenden Bandschleifen, so dass man z.B. einen Schuss schon hört, bevor er überhaupt aufgenommen wurde.

Das alles passiert in einer kurzen Generation mit unseren Aufnahmemedien! Kaum aufgenommen, schon sind sie dem Tode geweiht. Heute nimmt man digital auf, es werden Informationen in kleine Silberscheiben gebrannt. Wahrscheinlich werden sie das gleiche Schicksal erleiden, wie die Bänder, die wir vor wenigen Jahren aufgenommen haben!

Trauriger Abschluss-Gag: ich habe mit meinem PC entsprechend den Herstellerempfehlungen immer wieder Sicherungskopien meiner Dateien angefertigt. Einige der ersten Scheiben kann ich nicht mehr abspielen, das System streikt!

Vor kurzem habe ich gelesen, dass wir bei der Datenspeicherung in einigen Jahren an allen Ecken und Enden den hundertfachen GAU erleben werden! Die heutigen Aufnahme-Medien sind noch viel empfindlicher, als uns bisher glauben gemacht wurde.

Ich habe jetzt beschlossen, Keilschrift zu lernen. Die ältesten Skriptmedien, die Steintafeln der Sumerer sind über 3000 Jahre alt! So lange hält keine selbst gebrannte CD!