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Tiergeschichten

Vor einiger Zeit habe ich in einer befreundeten Gesprächsrunde als Themenanregung nach Tiergeschichten gefragt. Merkwürdigerweise sah ich mich einer breiten Phalanx von Ablehnungen gegenüber und ich kam mir vor wie ein kleiner Junge, der etwas ganz Falsches gesagt hat. Um Himmelswillen, so etwas hat doch mit Zeitzeugen nichts zu tun!

Dabei hatte ich ganz hehre Vorstellungen, denn bei meinen Großeltern, bei denen aufgewachsen bin, gab es drei Tiere, die zur Familiengeschichte gehören und von denen man wie von Personen erzählte. Die ersten beiden Tiere, eine Katze namens Peter und einen Mischlingshund, Leo genannt, lebten längst nicht mehr, als ich geboren wurde, ihre Familienzugehörigkeit beschränkte sich auf die Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis Ende der 20er Jahre. Es gäbe Witziges von ihnen zu erzählen, aber ich habe das natürlich nicht selbst erlebt und es wäre sicher mehr Dichtung als Wahrheit. Vor Jahren hatte ich schon mal begonnen, ein Kinderbuch zu schreiben, in dem ich zum Teil fantastische und überzogene Erlebnisse dieser beiden Tiere skizziert hatte, aber wie gesagt, viel Dichtung mit 'nem bisschen Wahrheit vermengt.

Aber es gab nach dem Krieg wieder eine Katze, die uns 1955 zugelaufen war und ebenfalls Peter - meist Peterle - genannt wurde, weil meine Großmutter es so wollte. Eine Katze in ihrem Hause konnte einfach nur Peterle heißen!

Peter II kam während einer Familienfeier in den frühen 50er Jahren zu uns. Er wurde wahrscheinlich ausgesetzt. Meine Schwester entdeckte ihn mit anderen Kindern beim Spielen auf dem Hof. Er saß vor der Kellertür, wo sie das kleine Knäuel hochhob, um es zu streicheln. Das war's ja dann auch! Als sie ihn absetzte, folgte er ihr auf Schritt und Tritt. Oben vor der Wohnungstür angekommen, war ihr das Ganze aber nicht mehr so geheuer und sie schlüpfte schnell rein, um die Tür dem Kleenen vor de Neese zuzuknallen. Jetzt standen die Kinder im Flur, flüsterten aufgeregt und beratschlagten, wie es denn nun weitergehen sollte. Als ich dazu kam, fragten sie mich, was man denn machen könne. So ein süßes Kätzchen kann man doch nicht einfach verhungern lassen. Wir haben dann dem Kätzchen erst einmal ein Schälchen Milch vor die Tür gestellt. Das war ja nun noch schlimmer. So beschlossen wir konspirativ, es zunächst vor den Erwachsenen in der Wohnung zu verstecken. Ich nahm das Wuscheltierchen in die Hand und bugsierte es auf den Hängeboden im Bad. Der war mindestens zwei Meter zwanzig hoch und mit einem blauen-weißen Vorhang versehen. In der Hoffnung, dass das Kätzchen dort nicht runterspringen würde, gingen wir zur Tagesordnung über und harrten der Dinge, die da kommen würden.

Und es kam ganz fürchterlich. Oma ging zur Toilette und Kätzchen sprang von oben herunter, gerade auf den Kopf unserer zu Tode erschrockenen Oma. Dabei bekam sie einen langen Kratzer im Gesicht. Es war zwar nur eine Riefe, aber der Schreck war um ein Vielfaches schlimmer.

Der schrille Schrei alarmierte alle Gäste und verschreckte wiederum den Kleinen. Letztlich beruhigte sich Oma und als sie das Kätzchen sah, war sie hin und weg wie die anderen weiblichen Mitglieder unserer Familie.

Dass es ein Kater war, konnte man unschwer erkennen, natürlich auch, dass das Kätzchen noch ganz jung war. Deswegen hieß er erst Peterchen und später Peterle.

So kam Peter II zu uns.

Peterchen war und blieb unkastriert. Deshalb war er besonders stürmisch, rollig und ein bisschen verrückt, wie das eben leider unkastrierte Katzen sind. Als er dann erwachsen war, kennzeichnete er sein Revier - also die Wohnung - an allen markanten Stellen, indem er sie anurinierte. Er fand auch meine damals hochmodernen Kreppsohlenschuhe unwiderstehlich und urinierte voll hinein. Diese Schuhe waren nicht nur hochmodern sondern, auch ziemlich teuer gewesen, aber was wir auch taten, der beißende Azetongeruch ging nicht mehr raus und ich war ziemlich sauer. Am Ende konnte ich sie nicht mehr tragen und musste sie wegschmeißen.

Und er machte weiter schlimme Sachen, allerdings sagte noch keiner was, es wurde zunächst einmal alles weggesteckt.

Peterle urinierte dann auch auf die Stoffballen, die Oma auf einem kleinen Hocker hinter der Tür im Wohnzimmer deponiert hatte. Das war dann doch irreparabel, denn der Geruch ging selbst nach mehrmaligem Waschen nicht mehr raus.

Aber Peterle machte auch harmlosere Sachen, die die ganze Bagage wieder versöhnte. Er liebte meine Schwester. Wenn sie ihren Arm ausstreckte, sprang er sie so an, dass er an ihrem Arm hing. Sie hatte Kratzer in Hülle und Fülle, aber sie tat es immer wieder, weil sie es schön fand.

Er apportierte auch, was Katzen eigentlich gar nicht machen. Opa hatte aus einer Kugelkette, wie man sie für Badewannenstöpsel benötigt, ein Bällchen zusammengedreht, das Peter ihm immer wieder zurückbrachte.

Wenn er seine 5-Minuten hatte, das war meist früh gegen 10:00 Uhr, rannte er mit lautem Miauen durch die Wohnung, sprang an der Küchentürzarge, die aus Holz war, bis ganz nach oben, also über zwei Meter hoch und ließ sich dann genüsslich runterrutschen. Im Laufe der Zeit entstanden so ziemlich tiefe Kratzspuren, die noch Jahre danach zu sehen waren, sogar noch, als meine Schwester und ihr Mann 1965 die Wohnung nach dem Tod unseres Opas übernahmen und renovierten.

Peter raste auch manchmal nur zum Spaß durch die Wohnung. Er lernte aber nie, dass er in der Küche keine Chance hatte, seinen Sprint abrupt zu stoppen. Dort lag auf den Holzdielen ein Stragulabelag, das ist Teerpappe, auf die mit dicken Farbklecksern das Muster eines Perserteppichs aufgedruckt ist. So was wie Ersatz-Linoleum; das gibt es heute sicher nicht mehr. Wenn Peter angesaust kam, konnte er natürlich dort nicht bremsen. Er rutschte dann völlig verdutzt meterweit, manchmal sogar an die Wand oder an Omas Nähmaschine. Wir haben uns damals diesen Jokus oft angesehen und uns vor Lachen in die Hose gemacht.

Peter besaß die ganze Wohnung. Alles musste er untersuchen, kein Möbelstück war ihm zu hoch. Er sprang über das Sofa auf Großmutterns SchrankDieser Schrank, in dem auch ein Sekretär mit mehreren Geheimfächern war, wurde von unserem Vater und seinem Bruder um 1930 von Ostpreußen nach Berlin gebracht. Er soll Opas Mutter gehört haben, daher der Name.[1] und von dort auf den Riesenspiegel, der etwas angeschrägt zwischen Balkontür und dem Fenster angebracht war. Der Spiegel stand auf einem kleinen offenen Unterschrank, auf dem ein geklöppeltes Deckchen lag. Der Spiegel war in einem Holzrahmen gefasst und oben drauf war als Krone ein Ziergitter, das mit einer ziemlich dicken Leiste aus unlackiertem Rohholz hinten an dem Spiegelrahmen angeheftet war. An dieser Leiste waren rechts und links Ösen, durch die  ein Strick ging, der an der Wand befestigt war. Dadurch bekam der Spiegel einen stabilen Halt in Schräglage. Auch dorthin musste der Kater unbedingt springen. Er kam aber nie von allein zurück, weil er nicht den erforderlichen Absprungsdrive fand. Dann maunzte er und Opa holte ihn runter.

Zu der Wohnung gehörte ein halber Balkon, die andere Hälfte zu der Nachbarswohnung. Dazwischen war als Abgrenzung eine einfache, mannshohe, nach vorn etwas geschwungene Bretterwand. Auf beiden Querseiten waren Sitzbretter angebracht, in der Mitte ein Klapptisch, der jedoch nur selten aufgeklappt wurde. Aber im Sommer saß man gern draußen. Damit man auch einen Sonnenschutz anbringen konnte, wurde ein Holzgestell aus einfachen, ungehobelten Dachlatten gebaut, auf dem dann eine alte Wehrmachtszeltplane abgerollt werden konnte. Zu der Zeit, als uns Peterle zugelaufen war, gab es diese Plane nicht mehr, aber das Gestell war noch vorhanden. Übrigens, auch der Nachbar baute sich ein ähnliches Gestell, so dass Leiste an Leiste lag. Die Standleiste hatte Peterle ziemlich schnell als Kratzbaumersatz angenommen. Bald folgten auch schon Spaziergänge auf dieser Stellage, so dass uns das Herz fast still stand. Das war eine zirkusreife Leistung ohne Netz und doppelten Boden, denn diese Spazierstange lag bestimmt 10-11 Meter über dem Trottoir. Solch eine Höhe würde auch eine Katze nicht ohne Blessuren überstehen. Peter war aber der geborene Artist und spazierte auch mal gern bei Nachbars rum. Die hatten aber zwei Teilbalkons und hielten sich nur selten auf unserem Balkon auf. Deshalb waren Peters Ausflüge meist nur von kurzer Dauer.

Eines Tages machte Peter wieder einen Spaziergang über den Balkonbalustraden. Die Nachbarin war zum Einkaufen, lies aber aus unerfindlichem Grund ihre Balkontür offen. Das entdeckte Peterle sehr schnell und machte eine Inspektionsreise durch die nachbarliche Wohnung. Vielleicht schlug der Wind die Tür zu oder er verlor die Orientierung, jedenfalls fing er fürchterlich an zu wüten, sprang auf den Schrank, auf dem die Nachbarin Eingemachtes deponiert hatte, schubste einige Gläser runter, sprang aufs Bett, zerroppte in einem Anfall ein Kissen, so dass die Federn flogen, verschreckte sich dann aber so, dass er unter das Bett schlüpfte und sich verkroch.

Es dauerte auch gar nicht lange, da hörten wir im Hausflur einen irrsinnigen Aufschrei und es hämmerte jemand an unserer Wohnungstür. Die Nachbarin war kreidebleich und konnte kaum vernünftig sprechen. Frau Schukat, Frau Schukat, da waren Einbrecher in meiner Wohnung, kommse doch bitte mal rüber. Jetzt waren beide Wohnungstüren offen, Peterle spingste und wartete den günstigsten Moment ab.  Wie ein Blitz sauste er an den verdutzten Damen vorbei in sein gewohntes Revier und ward nicht mehr gesehen. Der Einbrecher hieß also schlicht Peterle!

Im Zimmer zum Hof schliefen Oma und meine Schwestern. Dort standen zwei Betten wie Ehebetten nebeneinander. Vor dem Ofen an der Brandmauer stand eine Couch, auf der die kleine Schwester schlief. Die Betten wurden jeden Morgen gelüftet und dann gerichtet. Damit sie auch exakt lagen, haben wir sie meist mit einem Besenstiel geglättet. Das waren richtige dicke Bauernbetten, unglaublich aufgeplustert. Darüber kam eine Tagesdecke, die unsere Oma aus Hemdblusenstoff selbst geschneidert hatte, denn davon hatte sie ja durch ihren Beruf genügend Vorrat. Es waren zwei Halbdecken, die in der Mitte übereinander lappten. Man sah deshalb nicht, dass die Betten darunter eine tiefe Kerbe machten. Aber das spionierte Peterle aus. Zuerst verkroch er sich in dieser Spalte, später fand er heraus, dass er sich auch direkt auf das Federbett legen konnte, über sich nur die dünne Bettdecke, so dass er nicht zu sehen war. Wenn wir ihn mal suchten, brauchte wir nur seinen Namen zu rufen und wenn er sich aus der Gegend des Betts meldete, wussten wir Bescheid.

Einmal, als die Betten wegen des Lüftens noch nicht gemacht waren, suchte unsere Oma den Kater und rief ihn ganz laut. Er meldete sich zwar, war aber für sie wohl nicht zu lokalisieren. Na gut, dachte sich Oma, dann ist er ja da und fing an, die Betten aufzuschütteln. Wir rekonstruierten später: Peterle wollte wohl schon etwas früher seinen Mittagsschlaf halten und kroch in die Betten, diesmal aber lag noch keine Bettdecke drauf. Er war wahrscheinlich irritiert und krabbelte deshalb in einen Bezug hinein. Als nun Oma dieses Bett aufschüttelte, was sie immer mit ziemlichem Elan machte, flog der Kater an das Kopfende und fing lauthals an zu maunzen. Es dauerte eine Weile, bis sie erkannte, dass sich das Katzenviech verkalkuliert hatte und schüttelte deswegen seinen Schlafplatz nochmals kräftig durch, was er schließlich mit jämmerlichem Miauen beklagte.

Dann kam es, wie es kommen musste. Bei einem Spaziergang über die Balustrade auf dem Balkon rutschte Peterle ab. Er hat den Flug aus mindestens 10 Metern Höhe auf das Steinpflaster zwar überstanden, schlug sich aber seine Schneidezähne aus. Bei Nagern wachsen diese Dinger ja nach, aber bei Katzen? Peterle blutete diskret und man sah, dass ihm die Vorderzähne fehlten. Er wäre sicher verhungert, wenn er weiter auf die übliche Nahrung angewiesen gewesen wäre, das erkannte unsere Oma sofort. Deshalb bekam er fortan Büchsenmilch und ganz fein zerstückeltes Bücklingsfilet. Von dem Sturzflug hatte er sich schnell erholt, aber er machte dann mit etwa 2 – 2 ½  Jahren zunehmend schlimmere Sachen. Eines Tages verschwand unser Opa mit der großen Einkaufstasche, die einen Reißverschluss hatte.

Als wir Peterle nicht fanden, so sehr wir auch riefen, wurde uns klar, dass Opa den Kater zum Tierheim nach Lankwitz bringen würde. Angedeutet hatte das ja mal jemand.

Opa hat zwar nicht gestanden, dass er ihn hat einschläfern lassen, aber wir fanden viel später eine Rechnung, aus der man schließen konnte, dass Peterle die Spritze bekommen hatte.

Der alte Herr hatte den kleinen Kerl in der Zeit, wo er bei uns war, den ganzen Tag um sich herum und beschäftigte sich rührend mit ihm. Sein Herz hat sicherlich geblutet, als er ihn zum Schafott brachte.

[1] Dieser Schrank, in dem auch ein Sekretär mit mehreren Geheimfächern war, wurde von unserem Vater und seinem Bruder um 1930 von Ostpreußen nach Berlin gebracht. Er soll Opas Mutter gehört haben, daher der Name.