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Flüsse und Seen in und um Berlin

Leben in Berlin in den 40er-50er Jahren

Berlin liegt am Wasser. Es gibt dort unzählige Seen, angefangen beim wohl bekanntesten, dem Wannsee, dem Müggelsee, dem Schlachtensee und der Krumme Lanke, die kleineren kann man alle gar nicht aufzählen. Und ich nenne hier nur drei bekannte Flüsse in Berlin, die Havel, die Spree und die Panke. Dazu kommt ein weit verzweigtes Kanalsystem (Landwehr- und Teltowkanal mit etlichen Seiten- und Verbindungskanälen). Noch mehr aufzuzählen, bringt keinen Sinn und sähe letztlich nach Aufschneiderei aus.

Berlin hat mehr Brücken als Venedig und Amsterdam zusammen. Überall - selbst in den Kanälen - konnte man in meiner Jugendzeit, also in der Zeit so bis 1950 baden. An heißen Sommertagen haben sich auch schon mal wagemutige Bengels von den Brücken in die Fluten des innerstädtischen Landwehrkanals gestürzt und so immer wieder Schaulustige angezogen, die es in Berlin zu jeder Tages- und Nachtzeit gibt, ob sich nun wer mit einem tollen Hechtsprung in die Kanalgewässer oder die Spree stürzte, oder ob man beim Teeren einer Straßendecke zusah, immer und ewig steht an Stellen, wo es etwas Interessantes zu sehen gibt, eine Zuschauergemeinde herum, als ob Zeit keine Rolle spielt! Und wer Badegelüste auch in den kühleren Jahreszeiten verspürte, der konnte in eine der vielen Badeanstalten gehen, die schon im ausgehenden 19. Jahrhundert gebaut wurden und neben Schwimmer- und Planschbecken auch Dusch- und Wannenbäder hatten. Ich erinnere mich auch an den Untertitel Römisches Dampfbad, womit ich allerdings weder damals noch heute irgendetwas assoziieren kann - ich weiß heute noch nicht so genau, was das eigentlich war.

In der Neuköllner Ganghoferstraße gab es eine solche Badeanstalt, ein sogenanntes Hallenbad. Da ich schon lange nicht mehr in Berlin wohne, passiert es mir, dass ich architektonische Parallelen sehe, wenn ich mit der Hamburger Hochbahn in den Bahnhof Kellinghusenstraße einfahre. Das Gangki hat viel Ähnlichkeit mit dem Holthusenbad, war aber direkt in die  Straßenfront eingebettet. Innen völlig verkachelt, sah die Halle mit dem großen Schwimmbecken tatsächlich recht römisch aus. Die Umkleidekabinen befanden sich hufeisenförmig angeordnet in der ersten Etage und man konnte an einigen Stellen über eine Balustrade direkt in die Halle auf das Schwimmbecken gucken. Die Duschen waren auf der Beckenebene und drum herum gab es steinerne Bänke, die permanent mit Badehandtüchern belegt waren. In der Halle war ständig ein ohrenbetäubender Lärm von Wasserwellen und Kindergeschrei, ab und zu mal unterbrochen von den Ordnungsrufen der Bademeister, dem typischen Knallen der Sprungbretter und den unmittelbar darauf folgenden Aufklatschern.

Noch mit 11-12 Jahren war ich unheimlich wasserscheu und schwimmen konnte ich damals natürlich auch noch nicht. Ostern 1947 bekamen mein zwei Jahre jüngerer Cousin und ich einen Schwimmkurs im Gangki geschenkt. Die erste Trockenübung machte ich mit ziemlichem Unbehangen mit, die anschließenden ersten Schwimmversuche an einer langen Angel bereiteten mir aber schon ziemliches Unbehagen, doch ich stand das durch. Als es eine Woche später zur zweiten Schwimmstunde gehen sollte, war mein Ausweis weg - unauffindbar. Ich musste üble Verleumdungen über mich ergehen lassen, denn jeder aus der Familie wusste, dass ich wasserscheu war, aber ich war unschuldig, denn viel viel später fand sich dieses Ding an einer unmöglichen Stelle wieder an, und ich war halbwegs rehabilitiert. Doch da war seine Gültigkeit schon lange abgelaufen und - ich konnte schwimmen, denn ich hatte es mir selbst beigebracht!

Und das kam so:

Die Pannierstraße überquerte  knapp 1 km von uns entfernt den Landwehrkanal. Von der Thielenbrücke (im Zuge der Pannierstraße) konnte man in Richtung Südosten sehen, dass der Kanal nach ungefähr in 100-150 m abknickte und dort auf einen Seitenkanal traf, der zur Spree führte. Damit der Schiffsverkehr, den es damals allerdings auch nur noch ganz selten gab, ungehindert abfließen konnte, gab es an diesem Knotenpunkt eine relativ große Wasserfläche. Das Wasser in dem Kanalsystem floss zwar nicht merklich, und etliche Schleusen behinderten zusätzlich den ständigen Wasserfluss, aber zu dieser Zeit war es noch relativ sauber, so dass es an dem besagten Knoten sogar ein Schwimmbad gab. Der Badebetrieb fand hinter einem Bretterverschlag statt, an dem innen ein Laufsteg für den Bademeister angebracht war. Die Wasserfläche in diesem Geviert war etwa 15 x 40 m groß und es gab Umkleidekabinen, die man von zwei Seiten betreten konnte, die eine freilich führte über seitliche Stufen direkt ins Wasser.

Anfangs war die Schwimmfläche gedrittelt. Innerhalb der kleineren Fläche sollten nur die Frauen baden, aber damals sah das niemand mehr als zwingend an. Tief war es dort allerdings nicht, mir reichte das Wasser nur etwa bis zur Brust. Ich konnte mich also mit einem Bein immer auf dem Grund abstützen und machte dann meine Schwimmübungen, wie ich sie im Gangki gelernt hatte. Nach drei-vier Besuchen dort konnte ich tatsächlich schwimmen und hatte auch meine Wasserscheu überwunden.

Ach, ich vergaß den Namen dieser Badeanstalt zu nennen: sie hieß aus mir unbekannten Gründen Studentenbad - Sommerbad, für uns natürlich nur Studte! Ende der 40er Jahre wurde dieses Bad aus hygienischen Gründen geschlossen. Wir sind zuletzt auch nur noch selten dort hingegangen, weil das Wasser merklich unsauberer wurde.

Zu der Zeit normalisierte sich die wirtschaftliche Lange in Berlin allmählich und man konnte sich schon etwas mehr leisten - wenn auch nur in ganz kleinen Schritten. So gehörte mit einem Male der Familienausflug wieder zum guten Ton. Die politischen Verhältnisse waren in Berlin damals noch so indifferent, dass der kleine Mann weiterhin keine großen Unterschiede zwischen Ost und West machte. Es gab keine Mauer und der Osten sah es gern, wenn Westberliner in den Ostsektor kamen. Im Westsektor wurden Verbrauchsgüter noch immer Halb West/Halb Ost verkauft, d.h. einen Teilbetrag für diese Waren konnte man auch in Ostwährung begleichen, das

 war ein Entgegen-kommen der Westberliner Händler an die Kundschaft aus dem Osten, denn drüben gab es auch diese bescheidenen Luxusgüter kaum bis gar nicht zu kaufen. Und - wir konnten mit unseren Fahrrädern ungehindert sogar noch  in die Zone nach Zeuthen, Eichwalde oder KW fahren. KW sagt man heute noch zu Königswusterhausen!

Auch die Straßenbahn kannte damals noch nicht so endgültig die Sektorengrenzen, jedenfalls konnten wir vom Neuköllner Hermannplatz mit der Linie 95 über Baumschulenweg bis nach Grünau bzw. Schmöckwitz fahren. Zunächst wechselten an den Sektorengrenzen nur die Fahrer und Schaffner. Ab Herbst 1949 musste man dann allerdings an der Grenze mitten auf der Sonnenallee aussteigen und in einen drüben wartenden Zug wieder einsteigen - die Fahrscheine behielten jedoch ihre Gültigkeit!

Meistens fuhren wir bis Grünau, wechselten dann mit einer Fähre die Wasserseite und lagerten dort in einem Kiefernwäldchen direkt am Langen See, das ist eine seenartige Ausbeulung der Dahme, einem der vielen unbekannteren Berliner Flüsse, und zwar direkt am Badestrand auf den Decken, die wir mitgebracht hatten - alles ohne Eintritt! Und am Nachmittag ging es dann in die Ausflugslokale, um dort die mitgebrachten Stullen oder den Kartoffelsalat mit kalten Buletten zu essen Die Erwachsenen durften sich dort ihren Kaffee selber kochen nach dem Motto: Hier können Familien Kaffee kochen! Gegen ein geringes Korkengeld (an den Wirt zu zahlen) konnte man übrigens auch seine eigenen alkoholischen Getränke trinken.  Einige Male sind wir auch bis nach Schmöckwitz gefahren, dort war dann für die Linie 95 definitiv Endstation. Je älter wir wurden, umso lieber fuhren wir mit unseren Cliquen allein, also ohne Eltern - wir wurden ja mittlerweile auch flügge und da möchte man nicht mehr unter den Fittichen der Eltern sein.

Langsam wurden die Ausflüge in den Grunewald und zum Wannsee aktuell, denn auch dort gab es an den Havelseen herrliche Badestrände, die damals alle noch frei zugänglich waren. Aber auch an den Grunewaldseen gab es Badestrände und Liegewiesen, wo man sich inmitten begeisterter Sonnenanbeter auch während des Inseldaseins Westberlins wie im Urlaub fühlen konnte. Von Neukölln war die Fahrt zum Wannsee natürlich länger und weiter als nach Grünau, aber schon in den Mitt-50er Jahren bevorzugten wir dann doch diese Ecken, denn sie gehörten zu Westberlin und wir brauchten keine Kontrollen zu befürchten.

Aber selbst nach dem Bau der Mauer kam bei Freunden und Verwandten eigentlich nie eine verzweifelte Stimmung wegen des Eingemauertseins auf. Gut, als Autofahrer war man ziemlich schnell an den Grenzanlagen oder an der Mauer, wo es dann nicht mehr weiterging, aber ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ich das Gefühl gehabt hätte, eingemauert gewesen zu sein, dazu war Berlin viel zu groß. In der Nord-Süd-Richtung zum Beispiel, von Lichtenrade nach Frohnau sind es um die 40 km und von Rudow im Südosten bis zum Kontrollpunkt Staaken rund 35 km. Innerhalb dieses Weichbildes gab und gibt es sogar richtige Dörfer, z.B. Lübars, Kladow und die Domäne Dahlem, wo heute noch Ackerbau und Viehzucht betrieben wird.    

Viele Berliner hatten auf dem Stößensee oder der Scharfen Lanke ihre Motor- oder Segelboote liegen und ausgedehnte Tagesfahrten konnte man von dort auch noch nach dem Mauerbau in drei verschiedene Richtungen unternehmen. Nur die Vielfahrer oder Vielsegler kannten bald jede Wasserecke, was ihnen trotzdem nicht den Spaß verdarb. Als ich mit einem befreundeten Motorbootbesitzer meinen ersten Tagestrip auf den Havelseen machte, habe ich Berlin von einer Seite erlebt, die ich bis dahin nicht kannte. Und wenn ich nicht schon 1967 Westberlin aus beruflichen Gründen verlassen hätte, ich glaube schon, dass ich auf den vielen Seen, Flüssen und Kanälen Berlins viel Spaß gehabt hätte. Der Bekannte hatte mich damals übrigens in der Hoffnung mitgenommen, mir sein Boot verkaufen zu können.

Ein Glück, dass es nicht soweit gekommen ist, denn mit meinem danach folgenden Lebensverlauf außerhalb Berlins und seinen vielen Gewässern bin ich heute noch hochzufrieden!