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Vorwort:

Wenn Freunde oder Bekannte von ihrer Heimat sprechen, ist meist eine kleine Stadt oder ein Dorf auf dem Lande gemeint. In der Flüchtlingskindergeneration hat dieser Begriff einen noch differenzierteren Stellenwert, denn wenn sie von ihrer Heimat Schlesien, Ostpreußen oder Pommern sprechen, assoziiert auch der Außenstehende immer noch einen Schuss Wehmut mit hinein. Anders ist das da schon bei uns Normalos und vor allen Dingen bei den Großstädtern. Selten sagen die nämlich … meine Heimat ist Berlin, Hamburg oder München, da kommen eher Worte wie: … ick komm' aus Berlin usw. Man weiß ja, wo diese Städte liegen, da bedarf es keiner weiteren Erläuterung. Neulich hörte ich sogar, dass die Hamburger auch weit weg von ihrer Heimat sagen, sie kämen aus Finkenwerder, Altona oder Barmbek und nicht aus Hamburg! Wie dem auch sei, ich komme aus Berlin, bin in Neukölln geboren und groß geworden und lebe schon seit fast 40 Jahren in Westdeutschland, damit meint der Berliner die alten Bundeslände zwischen Flensburg und dem Bodensee.

Mich hat es nach Norddeutschland verschlagen und ich lebe gern hier.

Ick bin aus Berlin - hört man ditt nich?

Ich bin in Berlin-Neukölln in der Pannierstraße groß geworden, und zwar zwischen der Weserstraße und der Sonnenallee. Da wir ausgebombt waren, haben uns die Großeltern 1945, als wir von der Evakuierung zurückkamen, aufgenommen. Ich habe mit meinen beiden Schwestern noch bis 1960 bei ihnen gewohnt.

Merkwürdigerweise waren die Häuser hier von Kriegsschäden verschont geblieben. Einige Hinterhäuser traf es zwar, aber die Straßenfronten blieben heil. In diesem Karree habe ich nach dem Krieg meine Jugend mit etwa 20 - 25 Jungen und Mädchen ungefähr im gleichen Alter verbracht. Hier war die Pannierstraße nicht nur wegen der vielen Kinder am quirligsten, es gab auch relativ viele Geschäfte, und für den täglichen Bedarf musste man nicht weit laufen, nur mal eben runter gehen. So war es jedenfalls in Zeit nach der Währungsreform bzw. nach der Blockade.

Visavis von unserem Haus war der Milchladen von Martha Thiel, einer liebenswürdigen älteren Dame, die eigentlich Emma hätte heißen müssen, denn ihr Laden war der typische Tante-Emma-Laden, den Udo Jürgens so trefflich besungen hat. Man bekam bei ihr natürlich nicht nur Milch, sondern alle Nährmittel, Kaffee, Butter, Käse, Nudeln, Mostrich, Eier usw., und zwar alles über die Theke. Da gab es Schubladen, Säcke und große Behälter, und alles wurde ausgewogen, in Tüten abgefüllt oder lose verpackt. Die Butter war in einem kleinen Fass, das auf dem Tresen stand. Man konnte einige Dauben entfernen und sah dann dem Butterberg, von dem die gewünschte Menge mit einer gewellten Kelle abgestochen und zu einer handlichen Portion zusammengeklatscht wurde - ich kann mich heute noch an dieses typische Klatschgeräusch erinnern! Die Milch wurde mit einer speziellen Maßkelle aus einem großen viereckigen Zinkbehälter herausgeschöpft, der mit einer dicken Holzklappe abgedeckt wurde. Diese Milchstation war Bestandteil des Tresens. Die Milchkanne mussten wir natürlich mitbringen. Das war meist eine weiße, manchmal auch blau gesprenkelt emaillierte Blechkanne mit einem Steckdeckel, an dem sich eine geknickte Führungsriefe befand. Man konnte die Kanne dadurch fest verschließen, und deshalb schleuderten wir sie auch gern mal um uns herum. Später wurde dann die Milch in Flaschen gefüllt, die man ebenfalls - natürlich gespült - mitbringen musste. Sie wurden von Frau Thiel nach dem Füllen mit einem Pappdeckelchen zugestöpselt. Mit Schleudern war dann nichts mehr.

Neben dem Milchladen entstand etwas später aus einem Nebenzimmer ein kleiner Zeitungsladen, wo man auch Zigaretten und Zigarren erstehen konnte. Wenn unser Großvater in der Frühe seine Zeitung holte, vergaß er nie, sich einen Zigarillo für 15 Pfg. zu kaufen, den er schon halb aufgeraucht hatte, wenn er oben ankam.

Ein weiterer Laden links neben dem Toreingang war wahrscheinlich schon während des Krieges deaktiviert worden. Das kleine Schaufenster war halbhoch mit braun lackierten Brettern kaschiert und an der Tür gab es auch keine Klinke mehr. Sicher war das jetzt ein Wohnraum, vielleicht aber auch nur ein Lagerraum für irgendjemanden. Zumindest weiß ich noch, dass das ganz früher mal ein Schokoladenladen war, wo ich mir manchmal Brausepulver oder eine Rolle Lakaritze; kaufen durfte.

Auf der drümschen Seite gab es dann noch einen Seifenladen, ein kleines Bäckergeschäft und den Kohlenladen von Herrn Wagner, der dann bald nur noch Kartoffeln verkaufte. An der Ecke Sonnenallee war eine Kurzwarenhandlung, die auch von einer ältlichen, reizenden Dame betrieben wurde. Fräulein Grahl verkaufte neben Zwirn, Nähgarn und Nadeln auch Wolle, Knöpfe, Reißverschlüsse und - diskret in einer Ecke - Damenunterwäsche. Wenn man dort hineinging, betätigte ein Klöppel an der Tür ein Glöckchen, das dann beim Auf- und Zumachen bimmelte. Fräulein Grahl hatte auch einen uralten Papagei, der natürlich toll sprechen konnte, deshalb sind wir gern mal zu ihr gegangen, ohne etwas zu kauften, weil wir uns das Gekrächze anhören wollten und gerade dann sprach er nicht ein einziges Wort.

In Richtung Weserstraße, also schräg gegenüber von uns, gab es einen Fahrradladen, dessen Eingangstür zwischen zwei Schaufenstern lag. In den Verkaufsraum kam man über zwei Stufen. Daneben in Numero 8 war unser Fleischerladen: Rind- und Schweineschlächterei stand da auf einem großen Glasschild über der Ladenfront. Auch hier musste man zwei Stufen erklimmen, um in den Verkaufsraum zu gelangen. Der war weiß gekachelt und neben dem verglasten Verkaufstresen stand ein riesiger Holzklotz, an dem entweder Meister Rätzke selbst oder der Blockgeselle stand, um Fleisch zu filetieren oder Knochen zu zerhacken. Wenn unsere Oma am Wochenende dort einkaufen ging und von ihrem 20-DM-Schein nicht mehr viel übrig blieb, kam sie schimpfend nach oben! Und das geschah immer öfter, weil auch damals alles teurer wurde.

Im selben Haus gab es auch einen Fischladen. Der Besitzer hätte - so tuschelte man damals hinter vorgehaltener Hand - dieses Haus noch im Jahre 1948 gekauft. Dass jemand kurz nach Währungsreform soviel Geld zusammenscharren konnte, war uns schleierhaft, denn immerhin war das ein Objekt mit ungefähr 20 Wohnungen. Ob er mit seinem Fischen wirklich soviel Geld verdient hatte, glaubte natürlich niemand, und es wird wahrscheinlich auch ganz anders gewesen sein. Aber ich erinnere mich dunkel daran, dass er ein paar Freunden und mir kurz vor der Währungsreform einen Wäschekorb voller Fuffziger (Alu - Reichspfennige) gezeigt hatte und wir darüber herzlich lachten. Alle munkelten schon von der bevorstehenden Währungsumstellung, bei der sicherlich auch die alten Münzen ungültig werden würden. Aber der Fischfritze lächelte. Das Kleingeld wird nicht ungültig, wusste er aus angeblich vertrauenswürdiger Quelle - und er hatte Recht! Noch Wochen nach der Währungsreform behielt das Hartgeld seine Gültigkeit. Vielleicht war das seine Eintrittskarte für den Hauskauf?

In dem Eckhaus 9/9A, das zwei Eingänge hatte, den obligatorischen großen und einen kleineren, der direkt in ein Treppenhaus führte, war die Bäckerei Klust, bei der wir uns als Kinder öfter mal eine Tüte Kuchenkrümel abgeholt hatten. Das waren die Ränder von dem Blechkuchen, den er gerade im Sortiment hatte. Übrigens, an den Wochenenden konnten die Frauen bei Bäcker Klust ihren Blechkuchen zum Backen abgeben. Bis Anfang der 50er Jahre wurde davon regen Gebrauch gemacht. Ich durfte auch einige Male unser Kuchenblech abholen. Es wurde dann mit Handtüchern abgedeckt, weil der Kuchen sonst zusammengefallen wäre.

In diesem Haus gab es einen weiteren Seifenladen mit einer Kaltmangel. Das war ein bettgroßes derbes Holzgestell, auf dem ein schwerer Kasten mit einer Drehkurbel hin und hergerollt wurde. Unter den Kasten schob man Holzrollen, auf die die Frauen zuvor ihre Weißwäsche aufgerollt hatten. Nach etlichem Hin- und Herdrehen konnte man mit einem Hebel den schweren Kasten anlupfen und die Wäscherollen herausziehen. In der Regel war die Kochwäsche dann glatt wie gebügelt.

An der Ecke Weserstraße hatte der Gastwirt Sielaff eine der beiden sprichwörtlichen Eckkneipen, die es an dieser Ecke gab. Schräg gegenüber war die andere. Sie hieß allgemein …bei Nante, denn Nante wurde auch Ferdinand Sauer, der Gastwirt von seinen Gästen gerufen. Sielaffs Kneipe hatte zu der Zeit jedenfalls keinen Namen.

Auf der anderen, also auf unserer Seite war an der Ecke Weserstraße ein Obst- und Gemüsegeschäft, daneben die Schuhmacherei von Herrn Krampitz und die Drogerie Heinsch, die seltsamerweise zwei Eingangstüren hatte - beide aktiv! Dennoch habe ich dort immer nur den Drogisten selbst gesehen. Die drei Ladengeschäfte daneben waren ebenfalls zu Wohnzwecken umfunktioniert. In einem allerdings - so erinnert sich meine Schwester - wurde später ein Elektro- und Lampengeschäft eingerichtet, das war sicher nach unserer Spiel- und Rumtoll-Zeit. In diesem Haus hatte Olga Freund seit langer Zeit, also sicher auch schon vor meiner Geburt ihren kleinen Gemüseladen. Ihre Tochter übernahm ihn kurz nach der Währungsreform und ließ ihn vergrößern. Dazu wurde die Trennwand zwischen dem Verkaufsraum und dem kleinen Wohnzimmer daneben entfernt. Die alte Dame war aber noch längere Zeit hinterm Tresen zu sehen.

Dann kam mein absolutes Lieblingsgeschäft, der Kohlenladen von Bernhard Gneus, einem bulligen, gemütlichen Endfünfziger mit Schiebermütze und Lederrücken, der die ganze Straße mit Hausbrand versorgte. Er hatte als einziger ein Auto vor seinem Laden stehen, einen Dreirad-Tempo, mit dem er manchmal weiter entfernte Kunden bediente. In dem Laden roch es nach Briketts und Anthrazitkohle, und ich hätte da stundenlang drin stehen bleiben können, so sehr mochte ich diesen Geruch! Als ich dann etwas älter war, durfte ich sogar einen kleinen Teil der Briketts, die Oma regelmäßig bestellte, mit einer Kindertrage wie ein richtiger Kohlenträger nach oben tragen helfen. Die Briketts lagerten die Großeltern nämlich auf dem Korridor hinter dem Vorhang, dort wo auch der Elektrozähler und der Gasometer waren.

In unserem Haus gab es ein kleines Frisörgeschäft, ein richtiges schmales Handtuch. Es gehörte Herrn Ewald, der dort wohl auch wohnte. Er gab das Geschäft aber bald aus Altersgründen ab. Ich glaube nicht, dass der neue Frisör dort auch wohnte, denn irgendwann ließ er sich ein Scherengitter an die hintere Eingangstür bauen, weil wohl mehrmals eingebrochen wurde. Das andere Geschäft war eine Heißmangel, also ein Geschäft, in dem man seine gewaschene, meist noch feuchte Großwäsche abgab, um sie dann schrankfertig zurückzubekommen. Die Besitzerin, Frau Abraham war klein, hager und faltig, und sie war wohl sehr krank. Eine Zeitlang - zumindest 1947 - war das Geschäft geschlossen. Nach etlichen Monaten zog dann in die leere Wohnung eine adlige Flüchtlingsfamilie ein, zu der ein Mädchen und ein Junge gehörten, die beide im gleichen Alter waren wie meine kleine Schwester und ich. Sie hießen wohl von … waren aber ganz normale Menschen, wie wir Gören bald feststellten! Die Mutter der Kinder übernahm dann die Wäscherei mit der Heißmangel und betrieb diese noch bis Anfang/Mitte der 50er Jahre.

Im Nebenhaus hatte ein Buchmacher seinen Wettladen, der Anfang der 50er Jahre seine 'Goldene Zeit' hatte, als es noch kein Lotto und Toto gab. Neben dem Wettladen war ein Esslokal, wo ältere und wahrscheinlich auch arme Leute ein billiges Mittagessen einnehmen konnten. Das war definitiv kein Restaurant und gekocht wurde dort auch nicht. Wer das betrieb, kann ich nicht mehr sagen. Das letzte Geschäft auf unserer Seite zur Sonnenallee hin war der Zigarrenladen von Herrn Zickner. Auch er gab das Geschäft bald aus Altersgründen ab, und dann wurden dort auch Zeitungen, Schulhefte, Bleistifte, Federn und Radiergummi verkauft. Neben dem kleinen Hauseingang kam dann eine Reihe von normalen Fenstern, die zu den Räumlichkeiten der Eckkneipe gehörten, die zwei Generationen lang von der Familie Kroll bewirtschaftet wurde. Einen Namen hatte auch diese Kneipe damals noch nicht. Wer dort einkehrte, ging schlicht zu Kroll. Dort spielte mein Opa gerne Skat und mein Vater trank dort seinen Absacker, also 'ne Molle und 'n Körnchen, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kam.

Nur zum Abrunden möchte ich noch erwähnen, dass die Straßenbahnhaltestelle auf der Sonnenallee Pannierstraße hieß und dass es neben der Eckkneipe der Familie Kroll - allerdings bereits auf der Sonnenallee - eine Apotheke gab.

Dieses Stückchen der Pannierstraße war also auf einer ganz kleinen Fläche eine Art Mikrokosmos, in dem es fast alles gab, was der Mensch damals so brauchte. Man lebte dort fast noch bis Ende der 50er Jahre wie auf einem Dorf, jeder kannte jeden, und wenn Heini Clever unten vor unserer riesigen Haustür in Filzpantinen seine Zigarre rauchte, weil sein Käthchen nicht andauernd Gardinen waschen wollte, dann versammelten sich wie gerufen dort auch andere Nachbarn und hielten ihr Schwätzchen - was brauchte man mehr?

Dass durch diese Straße auch eine Straßenbahn rumpelte, spielt eigentlich keine Rolle, soll aber der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden. Die Haltestelle in Richtung Hermannplatz war vor der Einmündung in die Sonnenallee. Das Haltestellenschild stand dort einträchtig mit der Litfaßsäule in einer Linie. Bis Kriegsende fuhr hier die Linie 12 und nach dem Krieg, Anfang der 50er Jahre war es die Linie 26. Um mich zu vergewissern, ob's stimmt, habe ich in einem alten Stadtplan nachgeblättert, denn so genau konnte ich mich nicht mehr erinnern! 

Vor ein paar Jahren war ich wieder einmal in Neukölln und besuchte meine alte Heimat. Wo der Zigarrenladen war, ist jetzt ein türkischer Gemüseladen und in dem Grünkramladen von Olga Freund hat sich eine weitere Kneipe etabliert. Den Milchladen von Frau Thiel und den Seifenladen, die Fleischerei und den Fahrradfritzen gibt es lange nicht mehr, die Straßenbahnschienen sind längst ausgebaut worden, und das Kopfsteinpflaster ist einem neumodischen Asphaltbelag gewichen. 

Meine Pannierstraße ist das nicht mehr.

Noch ein paar Bemerkungen zum Berliner Baustil

In Berlin der Gründerzeit wurde preußisch gebaut. Die Häuser hatten alle eine vortrefflich gestaltete Straßenfront mit typischer Baudekoration, dafür waren die Quer- und Hinterhäuser schmucklos, grau und trist. Gewöhnlich bilden das Quer- und Hinterhaus mit dem Vorderhaus einen Hof. Quer- und Hintergebäude des Nebenhaus stehen meist gespiegelt daneben, so dass sich die lichte Hoffläche praktisch verdoppelt, allerdings waren bzw. sind die benachbarten Höfe immer durch einen Bretterzaun getrennt! Das ist sicher auch heute noch so, denn viele diese alten Häuser stehen ja immer noch. Über Google-Earth ist das übrigens hervorragend zu sehen. Wo die während des Kriegs zerstörte Häuser neu aufgebaut wurden, hat man Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre in die Lücken schmucklose Neubauten eingesetzt, merkwürdigerweise immer mit 5 statt 4 Stockwerken!

In manchen Straßenzügen gab bzw. gibt es immer noch Häuser mit mehreren Hinterhöfen, die dann entsprechend benummert wurden. Vielfach befanden sich dort dunkelrot verklinkerte Fabrikgebäude, die vielfach heute noch stehen. Manchmal hört und lies man, dass diese lange nicht mehr als Fabrikgebäude genutzten Häuser zu Museen, Ateliers und öfter sogar im Zuge der Modernisierung zu Luxuswohnungen umfunktioniert wurden. Früher jedenfalls zogen Heerscharen von Arbeitern durch die offenen Tore zu diesen Fabrikgebäuden, in denen sich oftmals Drehereien oder andere Maschinenfabriken befanden. Das kann ich zumindest für Neukölln, Kreuzberg und Treptow behaupten. Dort befanden sich in fast jeder Straße auf irgendeinem Hinterhof solche Fabriken. Mein Vater und mein Onkel waren Dreher, die diesen Beruf bei der damals schon weltweit bekannten Firma Ehrich & Graetz in der Elsenstr. in Berlin-Treptow erlernten. Diese Firma hatte um die Jahrhundertwende ebenfalls in solchen Gebäuden produziert, inzwischen war sie aber auf ein eigenes riesiges Fabrikgelände umgezogen. Aus Erzählungen weiß ich, dass Vater und Onkel um 1923, als die Inflation noch galoppierte, anstelle ihres kargen Lehrlingslohnes ein Brot erhielten. Ende der 30er Jahre arbeitete mein Vater dann wieder in einem solchen Betrieb, denn diese Betriebe wurden für kriegswichtig erklärt und Männer mit einer Berufsausbildung, wie sie mein Vater hatte, die aber aus Altersgründen nicht mehr zum Militärdienst einberufen wurden, sind dienstverpflichtet worden, um bei der Aufrüstung des NS-Staates ihren Teil mit beizutragen. Ich besuchte meinen Vater einmal mit meiner Mutter auf der Arbeit und erinnere mich an ein solches Fabrikgebäude auf einen Hinterhof, in dem ein ohrenbetäubender Lärm herrschte und die Arbeiter mit ihren ölverschmierten Blaumännern an den Drehbänken standen. Damals arbeitete er natürlich nicht mehr bei Ehrich & Graetz, sondern in Kreuzberg in der Prinzessinnenstr. Ich hatte mir als Steppke diesen hübschen Namen eingeprägt und musste dann ziemlich enttäuscht feststellen, dass die Straße überhaupt nicht märchenhaft war, als ich sie zum ersten Mal sah. In dieser Ecke gab es solche Fabriken zuhauf, das wussten auch die Amis und die Engländer, und deshalb ist diese Gegend später durch Bombenabwürfe fast völlig zerstört worden. Allerdings waren die meisten Firmen zu dieser Zeit schon in die Provinz verlagert und produzierten z.T. sogar in stillgelegten Bergwerken, wie die Firma meines Vaters, die nach Plaue in Thüringen verlagert wurde. 

Noch eine Eigenart der Berliner Häuser soll hier erwähnt werden: alle haben, bzw. hatten etwa 3,00 m breite x 3,50 m hohe Eingangsflügeltüren. Der Hauptflur hat am anderen Ende, also zum Hof hin ein ebenso großes, allerdings leichteres Pendant. Diese Bauweise war durch die preußische Brandschutzverordnung vorgeschrieben und hat sicher heute noch ihre Berechtigung, wenngleich wohl kein tonnenschweres Feuerlöschfahrzeug mehr durch diesen Flur fahren dürfte! Von diesem Gang geht es dann rechts bzw. links zum Treppenhaus. In den vornehmeren Gegenden - wenn man in einer eng bebauten Großstadt überhaupt davon reden kann - gab es Portierswohnungen mit einem Fenster zum Flur. Dort konnte der Besucher den Portier herbeiklingeln, wenn er Auskünfte über die Bewohner haben wollte. In den nicht so vornehmen Gegenden musste man sich mit dem sogenannten stillen Portier begnügen, das war eine Stecktafel, in der man die Namen der Mieter stockwerksweise nachlesen konnte.

Neukölln bzw. Rixdorf, wie dieser Stadtteil in der Gründerzeit noch bis etwa 1912 hieß, gehörte nicht zu den vornehmen Gegenden mit Portierswohnungen, und die Häuser sind auch nicht in diesem Stil gebaut worden.       

Erläuterungen zu den Namen

Bei den Familiennamen hakte es manchmal schon, aber da half ein Blick ins Internet. Es gibt dort die Möglichkeit, in die Berliner Adressbücher (von 1799 - 1943!) nachzuschauen. Und dann war ich doch erstaunt, dass ich mich nach fast 60 Jahren doch noch an viele Namen erinnern konnte. Diese Adressbücher sind übrigens frei abrufbar.

Einige Vornamen der Kinder hatte ich schlicht vergessen, meine kleine Schwester (67) half mir jedoch auf die Sprünge und dann sprudelten wieder die Erinnerungen.

Wir kamen bei den Kindern immerhin noch auf diese Namen:

Christel, Christiane, Elisabeth, Elfriede, Eveline, Heidi, 2 x Helga, Hildegard, Lieselotte (Elle), Margot, Rosemarie, Trautchen, Bernhard, Dietrich, Fritz, Gerhard, Günther, 2 x Manfred, Rudolf (Rudi), Werner, Wolfgang, es waren aber weit mehr.

Nachsatz

Kurz nachdem diese Geschichte im Internet stand, meldete sich bei uns fernmündlich ein Herr Heinsch aus der Nähe von Würzburg, der sich als Enkelsohn der Inhaberin der von mir beschriebenen Drogerie Heinsch vorstellte. Wir sprachen eine ganze Weile miteinander und ich erfuhr, dass diese Drogerie den Namen Weser-Drogerie trug. Die Erinnerung an diesen Namen kam natürlich sofort zurück. Auch die Schuhmacherei Krampitz kannte Herr Heinsch noch, allerdings war er zu der Zeit, die ich beschreibe, gerade geboren worden, was schließlich belegt, dass es diese Schuhmacherei doch noch ziemlich lange gegeben haben muss. An die Familiennamen der Inhaber der Fleischerei und des Fahrradladen erinnerte er sich. Der Fleischermeister war Günther Rätzke und der Fahrradladen wurde von Herrn Vettereck geführt. Ich hatte zunächst geschrieben, dass es diesen Fahrradladen nicht mehr gäbe und erfuhr dann aber, dass es in der heutigen Pannierstraße doch noch einen Fahrradladen gibt. Aber das ist ein neuer Laden, er befindet sich auch nicht im Haus Nr. 7 sondern im Haus Nr. 9. Leider habe ich trotz mehrfacher Versuche keinen telefonischen Kontakt herstellen können.

Übrigens, in der Grundschule (offenbar ist es die Rütlischule) haben vor einiger Zeit etliche 10-12jährige Kinder über die Lebensqualität  ihrer Straßen geschrieben, auch über die Pannierstraße kann man viele kleine Aufsätze nachlesen. Die Kids lieben ihre Straße, einige schimpfen aber auch, im Allgemeinen sind es reizende kindlich-naive Darstellungen, die ich gerne gelesen habe. Dennoch, es ist eine andere Pannierstraße, die dort beschrieben wird. Zwischen diesen Beschreibungen und meiner liegen ja auch weit über 50 Jahre!

F. Schukat, 01.08.2007