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Brief aus Potsdam

Der graue DIN-A4 Umschlag war an etlichen Stellen morsch und eingerissen, aber er bewahrte den Inhalt noch. Das DDR-Produkt war gut 17 Jahre nach der Wende den aufreibenden Postwegen durch die modernen automatischen Sortieranlagen offenbar nicht mehr gewachsen. Der Brief kam aus Potsdam und ich ahnte, was ich drinnen finden würde.

Die Einladung nach Potsdam bestand schon seit Jahren. Die Fotografien, Briefe, Notizen und andere Papiere kannst Du Dir bei mir abholen, schrieb meine Tante vor Jahren, und ich wollte es auch irgendwann mal machen. Aber wann kommt man schon nach Potsdam! Der Spruch von den Rentnern, die keine Zeit haben, ist sicher nicht aus der Luft gegriffen, aber von Bad Bramstedt nach Potsdam ist ja doch kein Vormittagsausflug! Jetzt schickte mir meine Tante die gesammelten Werke, weil sie …langsam aufräumen muss, wie sie sagt.

Onkel  Willi, ihr Mann, Bruder meiner Mutter ist schon lange tot. Würde er noch leben, wäre er jetzt 98 Jahre alt. Er war der einzige, der mir etwas über die Verwandtschaft mütterlicherseits sagen konnte. Da gab es so viele Fragen. Wie hießen die Großeltern, wann wurden sie geboren, wann starben sie. Wie waren wir mit den amerikanischen Tanten verwandt, die uns nach dem Krieg CARE-Pakete schickten und sogar Penicillin, als sie erfuhren, dass meine Mutter an Tbc erkrankt war, leider kam das hier nie an, aber das ist eine andere Geschichte. Vieles, was ich wissen wollte, erfuhr ich erst 1975, als ich einen langen Brief von meinem Onkel aus Potsdam bekam, in dem er mir den Familienstammbaum ausführlich beschrieb. Es blieb etliches offen, aber ich wusste, dass er noch Bilder besaß, auf denen auch meine Mutter als Kind oder auch junge Frau abgebildet war. Die wollte ich gern sehen. Er schickte mir dann auch mal ein paar Bilder zu treuen Händen mit der Auflage, wenn ich sie reproduzieren ließe, sie ja wieder zurückzusenden! Zu der Zeit war das noch ein teures Vergnügen. Die Fotografen ließen sich diese Feinarbeit gut bezahlen. Heute legt man solch ein Bild auf den Scanner und mit wenigen Handgriffen kann man die Kopie aufhellen und farblich korrigieren, sogar Kratzer kann man beseitigen und Ausschnitte herstellen, alles kein Problem mehr.

Wie gesagt, ich ahnte, was in dem Brief sein würde, und trotzdem war ich gespannt wie ein Flitzbogen.

Auf kleinen, gefalteten Zettelchen, in denen alte schwarz-weiß-Fotos lagen, stand: zum Verbleib, zum Aussuchen oder auch bitte wieder zurück. In einer Weihnachtskarte lagen etliche alte Telegramme und Luftpostbriefe aus Amerika. Auf Seidenpapier las ich die mit Kopierstift geschrieben Adressen der amerikanischen Verwandten, eine Notiz aus längst vergangener Zeit, als auch das Papier noch knapp war.

Den ganzen Nachmittag hab ich die vielen mir meist unbekannten Bilder angeschaut - manchmal auch mit einer Lupe! Bilder auf denen meine Mutter als junges Mädchen zu sehen ist mit ihren Geschwistern, Bilder vom Großvater, also dem Vater meiner Mutter, auf denen er mit seiner grau gelockten vollen Haartracht zu sehen ist - ein einziges Mal habe ich ihn bewusst während des Krieges so gesehen. Dann die Oma Anna, sie ist schon 1936 gestorben. Ich weiß, dass es ein Bild gibt - oder gab, auf dem sie zu sehen ist, als sie mich im Kinderwagen schob. Das war leider nicht dabei.

Erinnerungen kommen hoch, als ich zwei Telegramme aus 1947 in die Hand nehme, die fast auseinander fallen. ANNELIESE MITTWOCH SANFT ENTSCHLAFEN steht da auf dem Tickerstreifen, der nur noch mit einigen Fasern am Untergrund klebt. Kein Datum, aber das muss auch nicht dort stehen, ich kenne es. Und dann das zweite: der Hauptstreifen flattert, aber irgendwo klebt er noch am Untergrund: ANNELIESENS BEERDIGUNG AM 24 VORMITTAGS 10 3/4 UHR = FRITZ + (mein Vater hieß auch Fritz). 38 Jahre wurde sie alt. An Tbc stirbt heute niemand mehr sagt meine Frau, die mir über die Schulter blickt. Wäre das Penicillin aus Amerika bei uns angekommen, hätte sie vielleicht überlebt, sage ich versonnen, fast nur für mich.
Lange Pause - erst mal tief Luft holen und ein paar Minuten aus dem Fenster schauen. Die Mundwinkel zucken ein wenig - mein Gott, das ist doch schon über 60 Jahre her!? Ich weiß nicht, wieso mich das jetzt noch rührt, erklären kann ich das nicht.

Das Bild meiner Mutter mit ihren Geschwistern sehe ich mir genau an. Sie sind sommerlich angezogen und sitzen auf einer Holzbank, die auf einer Waldwiese steht. Auf einem Zettel: Siehe Text auf der Rückseite. Im ausgeschriebenen Sütterlin/Latein-Mischmasch stehen dort die Namen der drei Geschwister, mit Geburtsdaten und dem seinerzeitigen Lebensalter. Das Frl. i. d. Mitte Anneliese jetzt 25 J. alt… Unten steht in einer anderen Schrift und mit Kugelschreiber geschrieben: Aufgenommen 1934 in FFO (!). Hat wohl noch mein Onkel geschrieben, als er das Bild zuletzt in die Hand bekam (das Autokennzeichen FFO gibt es erst seit Wende). Aber das kann nicht stimmen, denn zu der Zeit waren unsere Eltern schon verheiratet, da war Annliese also kein Fräulein mehr! Dazu kann ich niemanden mehr befragen, auch die Tante könnte dazu nichts sagen, sie war damals erst 10 Jahre alt und natürlich noch nicht verheiratet! Völlig unwichtig. Es ist ein schönes Bild und ich freue mich, dass ich es behalten darf.

Zwei Luftpostbriefumschläge aus Amerika, abgestempelt 1972, einer sogar noch mit Inhalt, sind auch dabei. Dazu lese ich eine Notiz meines Onkels: Erna war die jüngste Schwester meiner Mutter.

Auf der Weihnachtskarte ohne Datum, offenbar 1987 geschrieben, die ebenfalls bei den Bildern lag steht: P.S. Deine Liebe Tante Erna ist am 26/9/87 gestorben. Sie war 93 Jahre alt. Unterschrieben von Tochter Ingeborg in der typisch amerikanischen Schnörkelhandschrift. Die Mosaiksteinchen lassen langsam wieder ein Bild entstehen, das schon fast vergessen war.

Der Nachmittag war längst vorbei und es wurde schon dunkel, als ich die letzten Bilder und Unterlagen eingescannt hatte. Ein Nachmittag voller Erinnerungen, aufwühlende zum Teil, aber auch schöne. Irgendwann werde ich die Bilder meinen Söhnen zeigen - jetzt könnte ich das noch nicht, ich muss erst noch gehörigen Abstand gewinnen.