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Rechenmaschinen

Während meines Berufslebens hatte ich überwiegend mit Zahlen zu tun. Die Grundrechenarten und ein wenig Dreisatz genügten anfangs. Bis etwa 1970 hatten wir, das gemeine Fußvolk, dafür nur den spitzen Bleistift, und man musste im Kopfrechnen gut sein.

Ich habe nie begriffen, wie man einen Rechenschieber bedient. Ich weiß nur, dass es Zahlenjongleure gab, die mit diesem Ding, das sie stets in ihrer Brusttasche griffbereit mit sich herumtrugen, unglaublich schnell plausible Rechenergebnisse präsentierten, die ich allerdings nie nachprüfen konnte. Noch bis ins letzte Jahrhundert hinein wurde der Abakus [1] AbakusAbakus (Rechentafel), eine mechanische Rechenhilfe.
In Russland heißt der Abakus »stschoty«,
in China »suan pan«
und in Japan »soroban«
in den Ländern des fernen Ostens und sogar noch in Russland gern benutzt. Wer es verstand, konnte mit diesen ganz einfachen Holzkugelrechnern ebenfalls in Windeseile komplizierte Rechenaufgaben lösen. Ich bin nie dahinter gekommen, wie das funktionierte. Nicht einmal den einfachen Zahlenschiebe-Rechner, den man mit einem eisernen Stift bedienen musste, konnte ich richtig bedienen. Trotzdem hatte ich in Mathe passable Zensuren. Mit spitzem Bleistift und etwas Geduld, konnte ich auf dem Papier auch kompliziertere Rechenaufgaben lösen, denn richtige mechanische oder gar elektronische Rechenmaschinen - sowas gab es während meiner Schulzeit noch nicht. Und dass es mal solche Dinger im Miniformat mit höheren Qualitätsanforderungen zu Taschengeldpreisen geben würde, das war damals nicht einmal abzusehen.

Während meiner Ausbildung bei einem Rentenversicherungsträger musste man zwar rechnen können, aber dafür reichten - wie gesagt - die vier Grundrechenarten aus. Überdies gab es einen Rechensaal, in dem eine Unmenge koffergroßer Buchungsautomaten der englischen Marke Burroughs standen. Fleißige Damen fütterten sie mit Zahlenreihen, und nach einigen Augenblicken wurden die Rentenbescheide mit lautem Knattern zur weiteren Ausfertigung ausgegeben. Wir durften den Damen einmal über die Schultern gucken, aber das war es dann auch.

In dieser Zeit - etwa 1957/58 - war ich ein paar Tage auch in der Beschaffungsstelle. Dort standen mehrere neue Rechenmaschinen der Firmen Diehl, Facit und Olivetti. Ich durfte alle drei ausprobieren und sollte dann sagen, mit welcher ich besser hantieren konnte. Ob es wirklich die Diehl war, kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls wurden anschließend ein paar Dutzend Maschinen dieser Firma angeschafft.

Im Jahre 1967 entschloss ich mich, in den Außendienst zu gehen. Damals überwog zwar noch Auskunft und Beratung. Wir prüften aber auch schon bei Firmen und Kassen die Beitragsabführung, mehr als die 4 Grundrechenarten brauchte man dazu trotzdem nicht. Bis 1970/71 war das Abhaken und Zusammenzählen der Zahlen eine ziemlich mühselige Sache, aber manchmal kamen Kollegen aus Berlin zur Hilfe, die mit dem Diehl-Rechenautomaten herumreisten. Der war sogar in der Lage, einen Beleg zu drucken. Ich durfte manchmal die Maschine bedienen. Kollegen einer anderen Behörde, mit denen wir zusammenarbeiteten, reisten Anfang der 1970er Jahre dann schon mit elektronischen Rechnern zu den Prüfungen.

Natürlich faszinierten mich diese Rechner, die ohne Mechanik auskamen, lautlos rechneten und in sekundenschnelle die Ergebnisse präsentierten. Weil ich meinem Dienstherrn diesen Automaten ebenfalls empfehlen wollte, schrieb ich mir die Firma und die Typenbezeichnung auf: Sanyo DCC 82-D, so hieß dieses Gerät! Übrigens, den Schriftwechsel habe ich immer noch! Dieser Rechner war etwa buchgroß und hatte ein Zahlendisplay, das aus kleinen, etwa einen Zentimeter großen Gasentladungsröhren (Nixierröhren) bestand, in denen die einzelnen Zahlen aufleuchteten. Auf dem Display war zwar nur Platz für 8 dieser Röhren, aber der Rechner verfügte über einen Überlauf, so dass z.B. auch mehrstellige Millionenbeträge mit 2 Stellen hinter dem Komma angezeigt werden konnten. Man musste sie aber zu Kontrollzwecken noch per Hand aufschreiben, Druckwerke hatten diese Rechner nicht. Dennoch war das eine Revolution für uns. Schon bei den mittelgroßen Prüfstellen waren solche Summen in den Jahresabrechnungen durchaus üblich. Mit diesen Rechnern konnte man endlich einen Prüfgang ohne größere Anstrengungen bewerkstelligen.

Diese Wunderdinger waren jedoch sündhaft teuer und meine Behörde zögerte noch bis etwa 1972. Zu der Zeit brachte die Firma Canon den Palmtronic LE 10 heraus, einen noch kleineren Rechner, auf dessen Display nun kleine rote Punkte (LEDs) aufleuchteten. Jede Position für eine Zahl bestand aus sieben Segmenten, etwa wie zwei übereinander gestellte Rauten. Mit dieser Grundfigur lässt sich vereinfacht jede Zahl so darstellen, dass man sie eindeutig erkennen kann. Wahrscheinlich lassen sich auch Buchstaben damit darstellen, aber bis auf ERROR war bei den ersten Rechnern wohl nichts programmiert. Später fanden wir aber heraus, dass man z.B. das Wort LIEBELEI schreiben konnte, wenn man die Zahlen 13738317 eingab. Man musste dann nur den Rechner umdrehen. Doch bis wir diese Späßchen machen konnten, verging einige Zeit.

Meine Behörde beschaffte im Sommer 1972 probeweise 10 Rechner dieser Marke. Dazu gab es  einem keilförmigen Standfuß, etwa 20 cm lang, in dem sich der Trafo befand. Das war auch gleichzeitig die Ladestation für den hochmodernen NiCd-Akku. Der Rechner beherrschte die Grundrechenarten und ein paar Sperenzien, hatte aber keinen Memory-Speicher. In dieser Einfachheit heute kaum noch vorstellbar, aber damals hochmodern. Und das Ganze kostete immer noch über 1200 DM! Da ich meine Vorgesetzten in Berlin lange genervt hatte und ihnen weismachte, wie schnell wir dann wären, wenn wir … und so weiter und so weiter! 

Also kurz, ich bekam den Auftrag, die Funktionalität dieses Maschinchens zu prüfen. Diese Aufgabe faszinierte mich so, dass ich mit Kollegen stundenlang, ja tagelang  zusammen saß, weil wir Hilfstabellen errechneten, mit denen man nach unserer Auffassung noch schneller zu guten Prüfergebnissen kommen konnte. Ich habe mir vor ein paar Tagen mal in meinen alten Unterlagen angesehen, welche wundersamen Tabellen und Anregungen wir zum Gebrauch dieses Rechners für die Prüfpraxis entworfen haben. Der helle Wahnsinn, was wir da ausgeheckt hatten! Mathematisch höchst interessant, aber für den einfachen Prüfer aus meiner heutigen Sicht völlig verwirrend. Heute glaube ich, dass nur wir unmittelbar Beteiligten wirklich begriffen, was wir da ausgeheckt hatten. Den Taschenrechner hatte ich natürlich seitdem immer in meinem Dienstgepäck und benutzte ihn in Gegenwart anderer auch ein bisschen angeberisch. Als ich ihn aus purer Nachlässigkeit einmal zuhause ließ, habe ich sehr schnell begriffen, wie abhängig man sich von diesen kleinen Hilfsmitteln damals schon machte!

Im Laufe der Zeit gab es immer komfortablere Taschenrechner. Die Displays wurden größer, sie bestanden fortan aus Flüssigkristallen, die nur noch ganz wenig Strom verbrauchen. Irgendwann kamen auch ganz komplizierte mathematische Rechner für Techniker, Schüler und Rechenfreaks auf den Markt. Aber dafür hatte ich damals wie heute kein Verständnis, weil ich als Otto Normalverbraucher keine Ahnung hatte und habe, was ich im täglichen Leben mit Sinus, Kosinus, Tangens oder Logarithmus bewerkstelligen könnte. Bei Wikipedia heißt es dazu u.a.:

In den Zeiten, bevor es Taschenrechner gab, wurden Rechenschieber und bei genaueren Berechnungen dekadische Logarithmen für Multiplikation, Division, Potenz und Wurzel benutzt. Sie waren in Logarithmentafeln aufgelistet, die über Jahrhunderte bis in die 1970er Jahre unentbehrliche Helfer in Schule und Beruf waren.

Natürlich habe ich als Schüler in Mathe mit den Logarithmentafeln von Schülke rechnen gelernt, weiß aber nicht mehr, wie man das macht. Trotzdem finde ich es richtig, wenn die Kinder auch heute noch in der Schule lernen, wie komplexe Rechenaufgaben gelöst werden, ohne zu technischen Hilfsmitteln zu greifen. Aber unsere gestressten Schüler haben ja - wenn man den Ergebnissen der PISA-Studie Glauben schenken darf - schon Schwierigkeiten genug. Da ist man wohl schon zufrieden, wenn sie mit Hilfe von Taschenrechnern richtige Ergebnisse präsentieren können.

In unserem Haus befinden sich an verschiedenen Stellen solche kleinen Helferlein. Auf meinem Schreibtisch liegt sogar einer, mit dem ich meinen Biorhythmus ausrechnen konnte. Dazu musste man seinen Geburtstag und das aktuelle Datum eintippen. Aus drei 2-stelligen Ziffern, die den Verlauf der drei Biokurven in einem obskuren Koordinatensystem darstellen, konnte man ablesen, wie man sich an diesem bestimmten Datum fühlen durfte. Leider klappte das nur bis zum 31.12.1999. Seitdem benutze ich den Taschenrechner noch, um nachzuprüfen, ob Wochentagsangaben zu Daten aus dem vorigen Jahrhundert stimmen. Einige unserer Autoren schreiben nämlich zu Datumsangaben auch noch den Wochentag auf.

Mein alter Taschenrechner hat mir schon mehrfach geholfen, Irrtümer aufzudecken!

[1] In Russland heißt der Abakus >>stschoty<<, in China >>suan pan<< und in Japan >>soroban<<