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Wohnen in Berlin nach dem Krieg

Teil 1: Die Wohnküche

Ich bin in Berlin-Neukölln groß geworden. Unsere Mutter starb bereits 1947 und wir drei Geschwister wurden von den Großeltern aufgenommen. Sie wohnten in einem schon vor dem ersten Weltkrieg erbauten vierstöckigen Haus zur Miete, in einer für die damaligen Begriffe durchaus komfortablen Wohnung mit Bad und Innentoilette.

Das Leben spielte sich hauptsächlich in der Wohnküche ab, am Wochenende jedoch auch in der guten Stube.

Die Küche war geräumig. In der Mitte stand ein großer Tisch auf konischen, vierkantigen Beinen. Unter der Tischplatte gab es drei Schubladen mit allerlei interessantem Inhalt, in denen wir Kinder liebend gern herumwühlten. Wann man da auch reinguckte, es gab immer wieder etwas Neues zu entdecken. Um den Tisch herum standen sechs Stühle, neben dem Küchenbüffet gab es noch zwei weitere. Auf einem stand eine kleine Waschschüssel, daneben auf einer Untertasse ein Stück Seife. Über der Lehne hing ein Handtuch. Vor Omas Nähmaschine, die zwischen den beiden Fenstern stand, gab es einen weiteren Stuhl, der zur Not aktiviert werden konnte. Und das geschah in den ersten Nachkriegsjahren sehr oft, denn wenn Oma kochte, kamen nicht nur Familienmitglieder, sondern auch schon mal Nachbarn und Freunde von uns mit zum Essen.

Zweiter Augenfang in der Küche war die Kochmaschine, ein gekacheltes Ungetüm, standhaft wie ein Ofen und mit weißen Kacheln verblendet. Sie wurde mit Holz und Kohle beheizt, manchmal wurden dort auch schon mal die Kartoffelschalen verbrannt.

Auf der gusseisernen Herdplatte waren zwei Kochstellen mit entsprechenden Ringen bestückt, die man entsprechend der Topfgröße mit einem Feuerhaken größer oder kleiner machen konnte. An der Seite befand sich ein eingelassener Wasserkasten mit Deckel, aus dem man je nach Beheizung des Herdes warmes Wasser schöpfen konnte. Der wurde aber bald inaktiv, weil Brauchwasser auf dem Gaskocher schneller heiß wurde. An der Schmalseite befand sich ein Schacht mit Klappe zum Entfernen der Asche. An der Längsseite gab es eine Bratröhre, die aber gesondert befeuert werden musste. Das geschah meist zu Weihnachten, um dort die Gans zu braten. Sonst lag dort Holz drin oder auch schon mal alte Zeitungen.

Die Küche hatte zwei schmale, hohe Fenster. An den hölzernen Fensterbänken wurden mit Reißzwecken Vorhänge angepinnt. Dahinter gab es Stauraum für allerlei Zeugs. Opa hatte unter der rechten Fensterbank seine Schuhmacherutensilien, also einen Kasten, in dem sich Hammer, Ahle, einige Nägel und Stifte, gebogene Nadeln, dicker Zwirn und natürlich der Dreifuß befanden. Er hatte in seiner Heimat Ostpreußen Schuster gelernt und reparierte seit eh die Schuhe der Familienmitglieder, Verwandten und Nachbarn.

Neben dem rechten Fenster gab es eine schmale begehbare Speisekammer. Dort standen auf Wandregalen allerlei Schüsseln, Pfannen und Kästen, der Brotkasten und Vorrat, wenn man in den damaligen Zeiten überhaupt etwas bevorraten konnte. Neben der Speisekammer befand sich die Wasserstelle, das war ein gusseisernes Rundbecken, also der Ausguss, an dem unten der Siphon aus Bleirohr angebracht war. Das Becken war innen emailliert, ebenso die Wandführung. Oben in der Mitte befand sich der Hahn aus Messing, meist mit feinen Kondenswasserperlchen benetzt, weil das Wasser sehr kalt war.

Das Geschirr, also Teller, Kaffeetassen und Gläser wurden im Küchenbüffet aufbewahrt. Es war etwa 2 Meter breit und bestand aus einen Unter- und einen Oberschrank. Unten waren die seltener gebrauchten Utensilien. An den verglasten Türen im Oberschrank waren innen Gardinen angebracht. Verschiedene Schüsseln, ein Tablett und die Kaffeemühle standen ganz oben, weil sie nicht sehr oft benötigt wurden. Der obere Aufsatz hatte an den beiden Seiten zwei Türchen, hinter denen sich wiederum gläserne Schubladen für Mehl, Zucker und Salz befanden. Dort wurden auch die Pulvertütchen aufbewahrt, mit dem was die Hausfrau so brauchte, also Backpulver, Kartoffelmehl, Soßenbinder, Geriebene Semmel und Puddingpulver. Es roch dort nach vielen Sachen, auf jeden Fall aber höchst angenehm.

In der Küchenecke neben dem Büffet, verdeckt durch die immer geöffnete Tür, hingen Schrubber und Besen, dort stand auch ein Eimer, über dem der Scheuerlappen lag. Handfeger und Müllschüppe (mit 2 ü!) lagen auf dem Ascheimer an der Kochmaschine. Der Ascheimer war aus emailliertem Blech, dem es nicht schadete, wenn einmal zu heiße Asche dort eingefüllt wurde. Normale Abfälle gab es kaum, denn selbst Kartoffelschalen wurden - wie gesagt - verheizt, so dass die Bezeichnung Ascheimer im wahrsten Sinne des Wortes stimmte.

Ein separater Gaskocher stand auf einem Regal, das mit einem Stoffvorhang verkleidet war. In den Fächern darunter befanden sich kleinere Töpfe und Pfannen. Die Gasleitung war nachträglich installiert, aber trotzdem damals schon mindestens 40 Jahre alt, denn es gab dort noch einen Bürzel, an dem früher offenbar mal eine Gaslampe angebracht war.

Großmutters Nähmaschine stand - wie bereits gesagt - zwischen den beiden Fenstern. Da sie als Zwischenmeisterin in der Konfektion tätig war, gab es in der Küche auch einen Zuschneidetisch, an dem sie noch bis Mitte der 1950er Jahre aktiv arbeitete, also Stoffe zuschnitt, aus denen dann Kinderkleider gefertigt wurden.

Teil 2a: Das Wohnzimmer - die gute Stube

Erst Anfang der 1950er Jahre gab es wieder einen kleinen Radioapparat im Hause meiner Großeltern. Bis dahin war Ruhe im Salon. Wenn mal Musik in unserem Haus erklang, war es der Leierkastenmann, der auf dem Hof spielte. Manchmal aktivierten wir Kinder das alte Grammophon, das auf dem Kleiderschrank in der guten Stube stand. Es gab etwa 20 Schallplatten. Die lagen ganz unten im Kleiderschrank, schön verpackt in bedruckten Tüten aus braunem Packpapier, auf denen Telefunken oder Elektrola stand. Sie hatten auf beiden Seiten in der Mitte ein großes Loch, damit man direkt auf das Etikett der Platte sehen konnte.

Im Wohnzimmer gab es einen schweren Tisch, der ausgezogen werden konnte. Die Tischfüße waren wegen der Stabilität unten mit einem Holzkreuz verbunden. Eigentlich war das kein Kreuz sondern ein Art Doppel-Ypsilon, also zwei Dreiecke mit einer kleinen Verbindungsbrücke. Auf dem Tisch lag eine schwere, grün changierende Tischdecke, mehr Teppich als Decke. Darauf stand ein Blumenstock, der täglich begossen wurde. Es gab ein Sofa, über dem ein Regal hing, auf dem wiederum etliche Bilder von Familienangehörigen standen. Zwei große Thronstühle aus schwarzem Ebenholz vervollständigten das Ensemble. Neben dem Kleiderschrank gab es ein Vertiko, in dem Großmutter ihre Weißwäsche aufbewahrte. Dort lagen auch die Stofftaschentücher, die wir dort öfter abfassten. Über dem Vertiko hing eine Pendeluhr, ein so genannter Regulator. Er schlug alle halbe Stunde ein Mal und die vollen Stunden entsprechend der Stundenzahl. Er musste alle 8 Tage aufgezogen werden - ein Ritual, das nur der Großvater zelebrieren durfte. Das Zimmer hatte an der Frontseite ein Doppelfenster und die Balkontür, auch doppelt, weil beide zur Straßenseite zeigten. Den Balkon mussten sich meine Großeltern mit den Nachbarn teilen. Zwischen dem Fenster und der Balkontür stand ein riesiger Spiegel, etwa 2,30 Meter hoch. Oben drauf war ein kunstvoll geschwungenes Gitter. Der Spiegel hing gewollt schief, damit man sich besser drin sehen konnte. Auf dem Dielenfußboden lag ein großer alter, etwas abgewetzter Teppich, der jede Woche einmal zusammengerollt nach unten getragen wurde und dort auf der Teppichstange mit einem aus Weiderohr geflochtenen Klopfer ausgeklopft wurde. Einen Staubsauger gab es nicht.

Teil 2b: Das kleine Zimmer

Im kleinen Zimmer standen zwei Betten aus Blechrohr und eine Schlafcouch, die von dem Polsterer mit derbem Tarnstoff bezogen wurde, weil es damals nichts anderes gab, Stichwort Mangelwirtschaft. Es gab dort auch einen ovalen Tisch, der irgendwie schief stand. Daran störte sich offenbar niemand, denn so lange ich mich erinnern kann, war das so. Erst als wir die Wohnung auflösten und die Möbel entsorgten, merkten wir, dass es nur eine kleine Reparatur gewesen wäre und der Tisch hätte gerade gestanden.

Die Räume waren etwa 3,80 - 4 Meter hoch. An der Decke - allerdings nur in der guten Stube - waren breite Stuckornamente rund um das ganze Zimmer angebracht. In der Deckenmitte war eine Gipsrosette, an der an einem Haken der Kronleuchter hing. Das war ein 6-flammiges Ungetüm aus Eisenrohr und Holz, gab aber trotzdem nur spärliches Licht, weil in den Nachkriegsjahren immer noch Stromsparen angesagt war.

In diesem Zimmer standen auch die Ehebetten der Großeltern, und zwar längst zur Wand. Es waren gedrechselte, schwere Holzrahmen, das Kopfteil etwa 1,50 m hoch, das Fußteil ein bisschen niedriger. Sie nahmen visuell nicht allzu viel Platz weg. Auf den Federbetten lagen schwere Tagesdecken. War einmal mehr Besuch da, wurde deren Garderobe dort abgelegt, und dann fungierten sie auch schon mal als Sitzmöglichkeit für uns Kinder.

Hinten in der Ecke stand der Kachelofen, der im Winter ordentlich Wärme abgab, wenn er vernünftig beheizt wurde. In diesem verhältnismäßig großen Raum fand am Wochenende das Familienleben statt. Hier wurde sonntags immer um Punkt 12:00 Uhr gegessen, hier wurden die Familienfeiern zelebriert, hier kam die Großfamilie zusammen. Und hier fand 1947 sogar das Tabakkolleg statt, das ich an anderer Stelle einmal beschrieben habe. Bei diesem Kolleg wurden anstelle des damals knappen Tabaks Thymianblätter geraucht, die Großvater aus der Gewürzmühle mitbrachte, in der er bis zu seiner Berentung arbeitete. Allerdings dauerte dieses Kolleg höchstens eine halbe Stunde! Gelüftet wurde dafür dann aber den ganzen Tag!

Teil 3: Badefreuden an Wochenenden und Ausblick

Das Mietshaus, in dem meine Großeltern bereits vor dem ersten Weltkrieg etwa 1910/11 einzogen, war ursprünglich so geplant, dass pro Etage nur eine einzige Großwohnung vorgesehen war. Da sich in den Randbezirken BerlinsRathaus NeuköllnNeukölln hieß bis 1912 noch Rixdorf und wurde erst 1920 um Zuge des Großberlin-Gesetzes der 14. Bezirk der Hauptstadt. Die Umbenennung von Rixdorf zu Neukölln wurde von den Behörden deshalb beschlossen, weil Rixdorf mittlerweile für die Berliner zum Inbegriff frivoler Unterhaltung geworden war, der damalige populäre Gassenhauer In Rixdorf ist Musike bringt das zum Ausdruck.
Bild: Rathaus Neukölln
,[1] diese Wohnungen nur schwer vermieten ließen, teilte man sie in drei bzw. sogar vier Einheiten pro Etage. Die Wohnung mit dem Bad und der Innentoilette bezogen meine Großeltern schon kurz nach der Fertigstellung. Sie konnten damals ein Jahr lang mietfrei wohnen - trockenwohnen nannte man das. Anschließend blieben sie dann aber dort. Die beiden anderen Wohneinheiten auf dieser Etage hatten noch bis Ende der 1970er Jahre keine sanitären Einrichtungen. Für sie gab es eine Toilette im Zwischenstock, auf der halben Treppe.

Im Bad der großelterlichen Wohnung stand eine riesige Badewanne auf Löwenfüßen. Sie war nicht verkachelt. Auch das Paneel war nicht gekachelt. Es war lediglich mit einer dicken Farbschicht überzogen. Daran perlte das Kondenswasser ab, wenn gebadet wurde, und dann konnte man mit dem Finger darauf malen.  Warmwasser kam aus dem vorher angeheizten Badeofen. Das war ein rohrförmiges Gebilde. Unten war eine kleine Feuerstelle und oben guckte das Ofenrohr heraus. Wenn Badetag angesagt war, musste ungefähr eine Stunde vorher angeheizt werden. Dann war das Badezimmer schön durchgewärmt und das Badewasser war angenehm temperiert.

Die Großeltern waren in der weiteren Verwandtschaft die einzigen, die über solch Komfort verfügten, deshalb kamen auch schon in der Vorkriegszeit an den Wochenende die Onkel und Tanten mit ihren Kindern zu ihnen, um dort zu baden.

Natürlich wurde nicht nur gebadet. Der Besuch blieb bis in die späte Nacht. Dann  wurde in der guten Stube Karten gespielt. Meistens waren es fünf Personen, die Skat spielen konnten. Da immer nur drei zusammenspielen können, zur Not auch ein vierter, der dann aber aussetzen musste, wurde abgestimmt, wer mitspielen sollte. Oma und Opa waren natürlich immer dabei!

Waren wir unter der Woche mit den Großeltern allein, dann spielten sie gern Schafskopf oder 66. Das konnte man zu zweit spielen, und es war wegen der Karten, die im Talon lagen, dennoch nicht langweilig. Aber sie besaßen auch seit eh ein hölzernes, längst abgewetztes - wie sie sagten - Puffbrett. Heute hat solch ein Spielebrett keinen oder einen anderen Namen. Die Spiele wurden aber damals wie heute nach den gleichen Regeln gespielt. Manchmal durften wir sogar einspringen, wenn mal einer müssen musste, aber danach durften wir nur wieder zusehen!

Ich wohnte bis 1960 noch bei den Großeltern, aber solange ich bei ihnen lebte, gab es dort kein Fernsehen. Diesen Luxus konnten sich zu der Zeit nur wenige leisten. Fernsehen gibt es in der Bundesrepublik mindestens seit 1954, als die Fußballweltmeisterschaft nach dem Krieg das erste Mal wieder mit einer Nationalmannschaft aus Deutschland ausgetragen wurde. Die Spiele wurden im Radio und im Fernsehen übertragen. Die meisten Radio-Fachgeschäfte stellten einen der damals noch winzigen Röhrenapparate in ihre Schaufenster, montierten einen Außenlautsprecher an den Eingang und konnten gewiss sein, dass sich Dutzende Schaulustiger vor ihren Geschäften versammelten. Viele setzten sich aber auch wie die Großeltern in die gute Stube, luden Nachbarn ein und hörten sich die Reportagen live im Radio an. Das legendäre Tor-Tor-Tor von Herbert Zimmermann klingt uns heute noch im Ohr.

Die Großmutter starb etwa 1964, Großvater ungefähr ein Jahr später. Meine jüngere Schwester und ihr Mann übernahmen die Wohnung. Sie wurde renoviert und die alten Möbel entsorgt. Sie landeten zum größten Teil auf dem Sperrmüll. Die Zeit der Nostalgie war noch nicht angebrochen!

Manches Stück von diesen alten Klamotten, wie sie in der Wohnung der Großeltern standen, sieht man heute in den Heimatkundemuseen. Wehmütig sind die Erinnerungen daran zwar nicht, aber mit einer Geschichte konnte ich meinen Schwager noch Jahre später richtig  aufziehen.

Die Großeltern besaßen einen alten Bauernschrank aus Massivholz. Er war nicht alt sondern uralt! Es war ein Erbstück von der Mutter des Großvaters, den mein Vater und sein Bruder in den späten 1920er Jahren aus Ostpreußen nach Berlin holten. In dem Sekretärteil, der sich hinter einer großen, polierten Klappe befand, gab es mehrere Geheimfächer, die wir Kinder natürlich kannten. Aber nicht nur in diesen Fächern sondern in allen Fächern dieses Schranks gab es immer wieder Neues zu entdecken. Als wir ihn abwrackten, fanden wir sogar noch alte Geburtsurkunden und Ariernachweise, die in der Nazi-Zeit jeder haben musste. Das Holz war schön ausgetrocknet, es ließ sich noch tadellos als Brennholz verwenden.

Ein Jahr später begann die Nostalgiewelle. Da wurde uns dann bewusst, was wir zerdeppert hatten: für einen solchen Schrank hätte man damals schon eine vierstellige D-Mark-Summe bekommen!

[1] Neukölln hieß bis 1912 noch Rixdorf und
wurde erst 1920 um Zuge des Großberlin-Gesetzes
der 14. Bezirk der Hauptstadt.