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Meine kleine Schreibmaschinengeschichte

Während meiner gesamten Außendiensttätigkeit stand immer eine Schreibmaschine auf meinem Schreibtisch jedenfalls bis Anfang der 1990er Jahre, als wir mit Laptops, Dockingstation, Bildschirm und Drucker ausgestattet wurden. Das war im Prinzip eigentlich das gleiche, denn die Tastatur blieb ja, aber der Platzbedarf für dieses Ensemble wurde um ein Vielfaches  größer!

Meine Schreibmaschinenvergangenheit fing schon während meiner Ausbildung an, allerdings noch nicht im ersten Jahr. Ich bewarb mich bei einer Berliner Behörde als Anwärter für den gehobenen nichttechnischen Dienst und frage mich heute noch, wer diese hochtrabende Bezeichnung erfunden hat, die eigentlich nichts sagt, aber soo wichtig klingt. Die meisten von den ca. 140 Anwärtern, mit denen ich 1956 dort anfing, waren Abiturienten. Das spielte damals aber keine Rolle, es gab deswegen jedenfalls keine Sonderbehandlung, und es spielte auch keine Rolle, dass die meisten schon so um die 20 Jahre alt waren, wir waren eben Lehrlinge, die vom Gruppenleiter - so hieß der Zimmervorsteher, der zugleich auch Ausbilder war – genau so wie 14-jährige Lehrpiepse behandelt wurden, die von der Grundschule entlassen, ihre Lehre beim Tischler oder Fleischer begonnen haben.

Unsere Ausbilder waren alle in den 1920er Jahren und davor geboren, hatten das Dritte Reich und die Kriegsjahre überstanden und waren dementsprechend hart wie Kruppstahl! Will damit sagen, dass wir keine Sonderbehandlung erwarten konnten. Das hat uns aber auch nicht geschadet. Ich hab mir keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn ich mal für meinen Gruppenleiter eine Flasche Rülpswasser und ne Bulette von Frau Friedrich aus der Kaufhalle holen sollte, die damals noch innerhalb unseres Verwaltungsgebäudes einen kleinen Krämerladen betreiben konnte.

Im ersten Ausbildungsjahr mussten wir unsere Verfügungen und kleinen Schriftsätze noch mit Tinte und Federhalter, mit einer Ly-Feder schreiben. Kugelschreiber gab es damals noch nicht, die wurden erst ein paar Jahre später ausgegeben, hatten auswechselbare Metallmienen, die wir - wenn sie leer waren - im Vorzimmer bei der Sekretärin gegen Unterschrift umtauschen mussten. Auf den Kugelschreiberhüllen stand der Name der Behörde: Eigentum der Hmtata-Anstalt, Berlin, und wenn wir einen verloren hatten, mussten wir den Ersatzstift bezahlen! So hart war das damals. Im zweiten Ausbildungsjahr war ich dann auch ein paar Wochen in der Organisationsabteilung bei der Beschaffungsstelle und machte neben den Rechenmaschinen natürlich auch mit Schreibmaschinen Bekanntschaft.

Im dritten Lehrjahr, nachdem wir alle Stationen durchlaufen hatten und bereits so voller Wissen steckten, dass einige sogar schon für vollwertige Arbeit eingesetzt werden konnten, kam ich in ein so genanntes Schriftwechseldezernat, in dem unsere Kunden noch vor dem Leistungsbeginn betreut wurden, wenn sie spezielle Fragen hatten oder weitere Aufklärung ihrer Versicherungsverhältnisse anstand. Da wurden dann schon mal Schriftsätze fällig, in denen geballtes Wissen in gut lesbarer Form eingebracht werden musste. Die Schriftwechseldezernate waren damals aus organisatorischer Sicht noch ländermäßig aufgeteilt, weil in den verschiedenen Besatzungszonen Deutschlands z.T. unterschiedliche Gesetze nachwirkten. Ich kam in das Dezernat für Hamburg und Schleswig-Holstein. Mein damaliger Gruppenleiter dort war erstaunlicherweise ein Ur-Bayer! Sein zweiter Mann war ein gerade ausgelernter Lehrling, der zwei Jahre vor mir angefangen hatte und nun schon richtiges Geld verdiente. Ein toller Bursche, mit dem ich mich auf Anhieb verstand. Auch die anderen Mitarbeiter waren sympathische Leute, so dass ich mich dort sofort wohlfühlte. Auf dem Platz, der mir zugewiesen wurde, stand eine alte Schreibmaschine, natürlich eine manuelle, damals mindestens schon 30-35 Jahre alt, aber funktionstüchtig – übrigens, jeder hatte ein solches Ungetüm auf dem Schreibtisch, und ich meine, auch in den anderen Arbeitsgruppen standen überall diese Dinger herum, wahrscheinlich alle mitgebracht aus Hamburg und Lübeck, sicher nirgendwo mehr registriert. Sie wurden natürlich auch nicht mehr gewartet, aber weil die Farbbänder der aktiven dienstlichen Schreibmaschinen dort ebenfalls hinein passten, wurden wir bei der Materialausgabestelle immer angemeckert!

Ich lernte schnell. mit dieser damals schon uralten Maschine umzugehen, wusste bald, wie man den Wagen herausnimmt und wie man sie reinigt, und ich schrieb von da an meinen gesamten Schriftwechsel nur noch mit Schreibmaschine. Irgendwie entwickelte ich auch mit dem 2-Finger-Suchsystem solche Geschwindigkeit beim Schreiben, dass ich vergaß, mich für das 10-Finger-System zu interessieren. Ich bedauere das heute noch, aber ich könnte es nicht mehr lernen. Ich schreibe eigentlich immer noch recht schnell, wenn auch meine Frau wesentlich schneller schreibt und ich manchmal neidisch rüberblicke, wenn sie anfängt, auf ihrer PC-Tastatur zu hämmern – ach so ja, ich vergaß zu sagen, dass wir ein Arbeitszimmer haben, in dem unsere beiden Schreibtische nebeneinander stehen.

Nach meiner Ausbildung schielte ich zwar immer nach einer kleinen Reiseschreibmaschine, aber wenn ich mal was Privates in Maschinenschrift fabrizieren wollte, setzte ich mich nach dem Dienst an die Maschine unserer Schreibkraft und hämmerte dann das Papier kaputt, so dass manchmal kleine Löcher beim a, e oder o zu sehen waren! Zweiseitig konnte ich deshalb nie schreiben!

Irgendwann, noch bevor ich in den Außendienst ging, hörte ich, dass die Verwaltung ausgesonderte Schreibmaschinen verkaufte und habe dann wirklich auch eine abbekommen. 100,-- DM musste ich dafür noch hinblättern, aber sie stand noch bis zu unserem Umzug vor 5 Jahren im Keller. Schutzkappe aus Plastik drüber - nie benutzt, aber wegschmeißen wollte ich sie auch nicht. Seitdem steht sie irgendwo bei Bekannten, die uns beim Umzug geholfen haben, als Deko auf dem Korridor oder sonst wo rum. Sie soll farbig angesprayt worden sein und sich sehr gut machen! Na ja, das ist sicher Geschmacksache.

Im Außendienst wurde mir dann 1967 eine Erika zugewiesen, eine Reiseschreibmaschine der Firma Olympiawerke, Wilhelmshaven. Das war natürlich keine klassische Erika, aber Reiseschreibmaschinen hießen seit eh so, auch wenn sie eine ganz andere Firma herstellte - eine volkstümliche Bezeichnung wie Leitzordner oder Tempotaschentücher! Leider konnte ich keinen DIN A 4-Bogen quer einlegen. Ich beantragte 1986 nach fast 20 Jahren die Aussonderung der Erika und Beschaffung einer Reiseschreibmaschine mit einem größeren Wagen. Ich erinnere mich nur noch, dass ich einen Riesenknatsch mit dem Sachbearbeiter in der Verwaltung bekam. Die Maschine sei doch noch gut usw. usw... Am Ende wollte man von mir sogar noch 25,-- DM haben, wenn ich sie behalten wollte - und ob ich das wollte! Meine Frau hatte sich schon darauf gefreut! Sie brachte nämlich Jahre zuvor eine ganz flache Reiseschreibmaschine mit in die Ehe, die aber immer schon Macken hatte und auch unbequem zu handhaben war - wir besitzen sie heute noch - bloß, wo haben wir sie versteckelt?

Das reicht aber noch nicht. Wir haben noch eine Büroschreibmaschine aus den 1950er Jahren im Keller, die mir sogar geschenkt wurde. Sie ist sehr stabil und sicher, lindgrün, hat schwarzen Tasten und funktioniert sogar noch. An einigen Stellen ist der Lack abgeplatzt und das blanke Metall lugt hervor. Sie steht ebenfalls abgedeckt im Keller. Vor einigen Jahren haben wir sie mal hervorgeholt und mit vielen anderen alten Bürogegenständen, Tintenfass, Federhalter, Locher, Lineale, Briefwaage usw. auf einem Info-Stand der Quickborner Zeitzeugen beim Eulenfest ausgestellt. Unsere Besucher haben sich spontan an ihre Bürozeit erinnert und uns erzählt, welche Gegenstände sie seinerzeit benutzten.

Zurück zum Dornröschen: neben ihr fristet im Keller noch eine Schreibmaschine, eine elektrische, ihr Gnadenbrot. Wir haben sie Mitte der 90er Jahre für 5,-- DM aus dem abgeschriebenen Fundus einer Behörde erworben. Weshalb wir das taten, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, denn unser Junior besaß damals bereits einen ausgewachsenen PC mit Windows 95 und einen 24-Nadeldrucker, der durchaus ein gutes Schriftbild produzierte. Diese elektrische haben wir nie gebraucht, aber weggeben möchte ich sie jetzt auch noch nicht. Bei eBay bringt sie höchstens 5 Euro, wenn sich überhaupt jemand dafür begeistern kann.

Unsere letzte Anschaffung ist heute allerdings schon eine große Seltenheit - die ähnelt der Schreibmaschine, die ich sie vor etwa 50 Jahren während meiner Ausbildung auf dem Schreibtisch hatte. Ein französisches Fabrikat mit deutscher qwertz-Tastatur – gusseisernes Gestell und Hartgummiwalze. Das Fach mit den Typenhebeln war völlig verdreckt, Spinnengewebe und Heureste, alles, was so auf einer Tenne rumfliegt, hatte sich dort versammelt. Ich habe dieses unansehnliche, verstaubte Häuflein vor einem Jahr auf der Deponie Schmalfeld gesehen. Die Maschine stand da 3 Wochen bei Wind und Wetter herum. Keiner wollte sie haben! Meine Frau war gleich Feuer und Flamme. Es hat allerdings einige Stunden Säuberungsarbeit, viele Milliliter Öl und etliche Lappen gekostet, jetzt sieht sie wieder einigermaßen aus. Leider schreibt sie noch - nicht - mehr, und ich weiß nicht, ob wir uns die Mühe machen sollten, sie wieder zum Leben zu erwecken. Sie macht sich gut und wir haben sie auch schon einem größeren Publikum präsentiert. Ich denke aber, nicht die Gebrauchsfertigkeit, sondern die Erinnerung ist das Wichtige - und deshalb hab ich mich entschlossen, sie dem Privatmuseum in unserem Dorf zu schenken. Hoffentlich überdauert sie dort noch viele Jahre, um auch späteren Generationen als Anschauungsobjekt Freude zu bereiten.

Ich hoffe nicht, dass ich Sie zu sehr verwirrt habe. Ich habe eben selber nachrechnen müssen:  zurzeit habe ich mit dem Uralt-Exemplar, das ich noch im Juli dem kleinen Museum in unserem Dorf vermachen möchte, insgesamt vier Schreibmaschinen. Rational kaum zu erklären, denn keine wird mehr benutzt. Aber wenn ich mich von einer trenne, möchte ich wissen, dass es ihr anschließend gut geht!