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Abi 1955 ?

Im Dezember 2004 erhielt ich ein Einladungsschreiben, mit dem ich zur Feier der 50. Wiederkehr des Tages, an dem wir unser Abitur bestanden haben eingeladen wurde. Zeitpunkt: Anfang April 2005 in Berlin. Für das Festkomitee zeichnete Dein Hanns – auch für Karin H. u.A.w.g! Natürlich kannte ich Hanns A. und Karin H. noch aus der Schulzeit, auch wenn Karin inzwischen verheiratet war. Ich wusste, dass sie in den 1970er Jahren einen Klassenkameraden geheiratet hatte, so dass mir ihr jetziger Name auch bekannt war.

Ich fühlte mich zwar geehrt, von den alten Kempen eingeladen zu werden, aber eigentlich gehörte ich ja gar nicht dazu! Ich hatte nach der 12. Klasse noch eine Ehrenrunde drehen müssen, bevor ich dann ein Jahr später - nämlich erst 1956 - mein Abitur bestand, und das auch noch an einer anderen Schule! Eine kurze e-Mail klärte die Sache auf. Es war eine ganz bewusste Einladung! Immerhin war ich mit dieser Klasse über 5 Jahre zusammen. Wir hatten einige Klassenfahrten gemeinsam gemacht, und zu späteren Wiedersehenstreffen in den 1960er Jahren hätten sie mich ja auch eingeladen. Und überhaupt, es seien noch weitere liebe Ex-Klassenkameraden eingeladen, die 1955 ebenfalls nicht bei der Prüfung dabei waren. Ich sollte also auf jeden Fall kommen.

Meine Frau und ich hatten schon im Herbst 2004 eine Einladung nach Berlin bekommen. Mein Freund, der übrigens auch zu der Abi-Mannschaft 1955 gehörte, wollte dort im Januar seinen 70. Geburtstag mit uns und seinen Kindern feiern. Er ist zwar 1935 in einer Klinik in Berlin-Dahlem geboren worden, die Eltern wohnten jedoch in Schulzendorf, einem Vorort von Berlin. Aber obwohl er nur während der Schulzeit ein paar Monate bei Verwandten in Berlin-Neukölln wohnte, fühlte er sich stets als Berliner. Ick bin Berliner, det steht ja och in meine Jeburtsurkunde, betonte er immer wieder.

Also fuhren wir schon im Januar 2005 das erste Mal nach Berlin. Nach dem feudalen Geburtstagsdiner in einem First-class-Hotel in der Nähe des Kurfürstendamms fuhren wir gemeinsam nach Schulzendorf, um dort sein Elternhaus zu besuchen, das er nach der Wende zwar wieder zurückerhalten hatte, aber nicht nutzen konnte, weil dort fremde Leute wohnten, mit denen er - wie das in vielen Fällen nach der Wende so war - herumprozessieren musste. Es war ein wehmütiges, aber auch demütigendes Wiedersehen, denn die jetzigen Bewohner ließen ihn nicht einmal auf sein Grundstück! Wir fuhren dann weiter nach Neukölln zu unserer alten Schule. Zu unserer Zeit hieß sie einfach nur Zwillingeschule. Heute muss ja alles benannt werden: heute heißt dieser Komplex Keplerschule. Trotzdem hat sich an diesem Bau in den langen Jahren, die seit unserer Schulzeit vergangen sind, fast nichts verändert! Gut, im Dachgeschoss sind wohl noch Räume ausgebaut worden, das lassen die riesigen Gauben vermuten, aber sonst? Selbst die alte, massivhölzerne Eingangstür, zu der man über eine Freitreppe gelangt, war noch im ursprünglichen Zustand, und auch sonst stellten wir äußerlich kaum Veränderungen fest. Auch der Schulhof hatte noch den alten Schotterbelag! Unglaublich! Ich knipste und filmte, was vor die Linse kam. Als wir uns vor die Holztür zum Erinnerungsfoto stellten, war es schon spät, und keine Menschenseele war zu sehen. Eine ausgestorbene Gegend, wenn die Schule vorbei ist! Wie früher!

Im April war die Goldene Abifeier angesetzt, zu der ich neben den uralten Schulfotos auch Bilder von dem Januar-Besuch unserer Schule mitbringen konnte. Aus mir nicht nachvollziehbaren, aber vielleicht aus Kostengründen wurde die Feier in einem Nachbarschaftsheim in Charlottenburg ausgerichtet., meilenweit entfernt von dem eigentlichen Tatort, der Zwillingeschule in Neukölln.

Wir hatten bei Verwandten in Falkensee übernachtet, und mein Freund mit seiner Frau wieder in seinem Geburtstagshotel in der Nähe des Bahnhof Zoo. Wir verabredeten uns dort und fuhren ganz gemächlich mit unserer Limousine, dem SE-Kennzeichen und auf dem Heckfenster in großen Klebelettern ABI 1955 von Falkensee aus in die Innenstadt, von vielen Autos überholt, die uns anhupten und offenbar auch den Spaß verstanden!

Es wurde eine bewegende Feier. Viele hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen, und es gab einige fragende Blicke, ...und Du bist doch der... ??

Fritze.

Fritze? Ja, jetzt an der Stimme erkenn ich Dich! Mein Gott, wir haben uns ja wirklich seit dem Abi nicht mehr gesehen!

Nach dem Essen, das uns von der Arbeitsgemeinschaft Kochen der Keplerschule serviert wurde und den weiten Weg bis nach Charlottenburg klaglos überstanden hatte, stellten wir uns auf dem Podium mit einer kurzen Vita vor. Alle waren um die 70 Jahre alt – und alle hatten ihr Berufsleben schon lange hinter sich. Da gab es mehrere Ärzte und einen Chefarzt, der als einer der Wenigen leidenschaftlich rauchte und nicht daran dachte aufzuhören, einen Pfarrer, der seit eh im Ostberliner Bezirk Köpenick residiert, etliche Ingenieure und einen hochdekorierten Wissenschaftler von der Humboldt-Universität, dabei war auch der ehemaligen Schuldirektor, der nach dem Mauerbau als christlicher Pfadfinder in der DDR inhaftiert und als einer der Ersten von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Bewegende Schicksale eines bunt zusammen gewürfelten Haufens. Ach so, dabei war natürlich auch Wolfgang B., der mich vor knapp 50 Jahren mit vielen Worten davon überzeugte, mich auch bei der deutschen Rentenversicherung zu bewerben. Fast 45 Jahre lang waren wir dann sogar Arbeitskollegen mit nahezu identischen Karrieren, er im Innendienst - ich im Außendienst!

Die meisten Klassenkameraden kamen mit Ehefrauen, bis auf unseren katholischen Priester natürlich, der sich aber ebenfalls bei längerem Hinsehen seit unserer gemeinsamen Schulzeit kaum verändert hatte. Grau waren sie alle, ein paar mit dekorativen Bärten, merkwürdigerweise nur zwei mit oben ohne, aber an den Stimmen waren alle auch mit geschlossenen Augen zu erkennen. Es wurde noch ein langer Abend, erinnerungstriefend mit gegenseitigem Anschauen der alten Fotos, Austauschen der Adressen und vagen Zusagen, mal ...bei Euch auf einen Kaffee oder auf ein gepflegtes Bierchen vorbeizuschauen, wenn wir mal in Eurer Gegend sind!

Nach dem obligatorischen Klassenbild mit Damen versprachen wir uns, in zwei Jahren wiederzutreffen und wählten Baden-Baden aus. Und weil mein Freund dort wohnt, hatten wir auch schon jemanden, der dieses Treffen ausrichten würde.

Unsere Nachhause-Fahrt am anderen Tag über die A 24 Richtung Hamburg ging zwar recht zügig, aber dennoch bedächtig. Die Klebefolie ABI 1955 hatte ich bewusst drangelassen! Ein alter, dreckigroter Golf überholte uns irgendwann recht mühevoll. Die vier jungen Leute zappelten vor Vergnügen und deuteten immer wieder nach hinten auf dessen Heckscheibe. Als sie endlich vorbei waren, lasen wir in sehr verschnörkelter Schrift Abi 2005! Ich musste grinsen, denn ich brauchte ihnen ja nicht zu gestehen, dass ich eigentlich erst im kommenden Jahr mein Goldenes Abi feiern würde!