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Hamburger Hochbahn

Wir waren zum Geburtstag eines Nachbarn eingeladen und saßen gemütlich bei Kaffee und Kuchen. Mein Gegenüber war Heinz D., Jahrgang 1934, wir kennen uns seit Jahren. Seit er sein Fuhrgeschäft seinem Sohn übergeben hat, fährt er mit seiner Frau durch Deutschland. Am Haken seines PKW ziehen sie mit einem riesigen Wohnwagen durch die Lande. Sie sehen sich die schönsten Gegenden an. Die Ziele sucht er jedoch immer so aus, dass es auch sonst noch was zu sehen gibt. Im Herbst waren sie in Wuppertal und haben sich die Schwebebahn angeschaut, sind natürlich auch ausgiebigst mitgefahren.  

Weißt Du, dass Hamburg auch beinahe eine Schwebebahn nach Wuppertaler Vorbild bekommen hätte? fragte ich ihn. Wusste er nicht! Das weiß auch kaum einer, und man kann damit sogar noch viele Hamburger verblüffen. Als in der Klose-Zeit, also Ende der 1970er Jahre, begonnen wurde, den Rathausmarkt umzubauen, konnte man in dem Fußgängertunnel unter dem Reesendamm, der den oberen Bahnsteig Jungfernstieg mit der Station Rathaus verband, Schautafeln sehen, auf denen die alten Baupläne für das neue Rathaus und die Stadtschnellbahn beschrieben wurden. Das war für mich höchst interessantes Anschauungsmaterial, denn als oller Berliner war ich darüber sehr beeindruckt, weil sich die Hamburger Stadtväter letztlich dann doch für die Hochbahn nach Berliner Vorbild entschieden haben.

Was ich aber nicht wusste, Heinz Vater war Zugführer bei der Hochbahn. Und dann gings los. Ich kannte Heinz gar nicht wieder!

Die U-Bahnen, also die Züge der Hamburger Hochbahn hatten in meiner Jugendzeit neben dem Zugführer auch noch einen Beifahrer. Der stand während der gesamten Fahrt vorn in einer Nische. Er hatte auch eine eigene, schmale Tür. Er gab dem Zugführer durch Klopf- oder Handzeichen Signal zum Abfahren des Zuges. Bei geöffneter Tür guckte er dann bei der Anfahrt noch einige Sekunden rückwärts, um zu schauen, ob alles in Ordnung wäre. Heute gibts dafür ja diese Fernsehkameras, deren Bild der Zugführer sogar in sein Kabuff eingespielt bekommt, aber damals war der Zugbegleiter gang und gäbe!  
Die Züge waren relativ kurz, jedenfalls nicht so lang wie heute. Ich meine, sie hatten höchstens 4 Waggons, weil die Bahnhöfe ja auch gar nicht so lang waren. Man kann das zum Teil heute noch sehen, denn wenn man z.B. bei den alten Haltepunkten der Hochbahn am Ende des Bahnsteiges steht, verjüngt der sich so, dass sich die Passagiere von dem einen Gleis mit den Passagieren des Zuges vom anderen Gleis die Hand reichen könnten, ohne aus ihrem Zug aussteigen zu müssen! Sieh Dir mal die Station Hudtwalckerstr. an oder Ohlsdorf! Nur durch Tricksereien konnten die Bahnsteige verlängert werden, jedenfalls sieht man das noch an vielen Bahnsteigen der alten Linienführungen.
Als ich 7-8 Jahre alt war, Anfang der 1940er Jahre, nahm mich Vater mehrmals mit in den Führerstand. Ich durfte dann neben ihm stehend mitfahren. Das ging nur, wenn er die Strecke nach Groß-Hansdorf fuhr. Dann wechselte Vater mit seinem Kollegen schon auf halber Strecke und der konnte vorzeitig Feierabend machen. Das war eigentlich nicht erlaubt, aber wen kümmerte das schon! Die Züge fuhren kaum schneller als 60 km/h, aber wenn der Fahrer unaufmerksam war und zu spät bremste, konnte es schon mal geschehen, dass er ein Stück zu weit fuhr, also die Fahrgäste vorn nicht aussteigen konnten. Grundsätzlich fuhr der Zug nur vorwärts. Wollte er dann rückwärts fahren, musste er einen verplombten Knopf drücken. Normal durfte dieser nur bei Gefahr betätigt werden. Wenn der Zugführer aber zu weit fuhr und deshalb die Plombe beschädigen musste, um den Zug rückwärts zu bewegen, musste er schon einen plausiblen Grund angeben, sonst wurde ihm als Strafe ein bestimmter Betrag vom Lohn abgezogen! Da das meist empfindlich zu spüren war, erfanden die Fahrer schon recht abenteuerliche Entschuldigungen. Da hieß es dann ... beim 3. Wagen haben die Bremsen nicht gezogen, das hab ich gleich nach Dienstantritt gemerkt! Das hat mir Vater später als Rentner öfter erzählt.
Im Winter war das Fahren in dem engen Führerstand auch kein Vergnügen, denn es gab keine richtige Heizung. Mutter nähte ihm deshalb im Herbst schon immer einen kleinen Leinensack, in den sie grobkörniges Salz hinein gab. Damit reinigte Vater die Frontscheibe, denn sein Atem fror bei kalten Temperaturen gern von innen an der Scheibe an. Der Scheibenwischer außen war auch nicht die reine Freude. Man musste ihn mit einem Knebel von innen per Hand bedienen.
Gegen heute war das, was die Zugführer damals leisten mussten, ein Knochenjob. Beschleunigt wurde der Zug mit einer Kurbel, mit der die Stromstärke geregelt wurde. Das Umstellen auf die einzelnen Fahrstufen klang ähnlich wie bei den alten Straßenbahnen mit einem Knacksgeräusch. Papa fuhr meist die sehr lange Strecke von Groß-Hansdorf bis Jungfernstieg, da war übrigens Schluss, da ging es nicht weiter. Manchmal bekam er den Ring, das empfand er als angenehmer, die Strecke war wohl auch interessanter.
Ja, aber dass wir beinahe auch eine Schwebebahn bekommen hätten, das wusste ich nicht – wie merkwürdig würde dann wohl die Hamburger Innenstadt heute aussehen!

Weil Heinz das nicht aufschreiben wollte, habe ich mich hingesetzt und das Gespräch nachträglich aufgezeichnet. Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe!

Das Geburtstagskind schaltete sich dann auch noch ein und ich erfuhr, dass es im Nordosten von Hamburg, von Barmbek - wurde damals noch mit ck geschrieben - eine Straßenbahn gab, die zu den Walddörfern fuhr, aber nicht zur Hochbahn gehörte. Sie existiert heute nicht mehr und die Trasse ist auch teilweise verschwunden. Ein Wanderweg soll sich jetzt dort befinden. Für mich als Zugereisten klang das doch ein bisschen zu abenteuerlich, was ich dort dann hörte. Deshalb fragte ich kürzlich einen Bekannten, der einmal bei der Hochbahn gearbeitet hatte. Er befragte einen ehemaligen Kollegen und von dem bekam ich nachstehende Informationen:

Die Walddörfer Bahn war eine Verbindung, die, festgelegt im Staatsvertrag zwischen Hamburg und Preußen vom 8. Mai 1912, die Hamburgischen Exklaven in Preußen (das heutige Südholstein) anschließen sollte und war damit ein höchst politisches Vorhaben.
Zwar trafen in Barmbeck die von der HOCHBAHN betriebene Ringlinie und die Walddörfer Bahn zusammen. Bis März 1934 war die HOCHBAHN jedoch nur für die Betriebsführung verantwortlich. Die Stadt Hamburg betrieb die Bahn auf eigene Rechnung. Erst ab dem 1.4.1934 übernahm die HOCHBAHN den gesamten Betrieb der Strecke. Die Strecke selber und die Wagen blieben jedoch in Staatsbesitz.

Diese oberirdische Bahnstrecke, die von Barmbek über Volksdorf, Ohlstedt nach Woldorf führte, wurde im ersten Weltkrieg sogar mit zwei belgischen Beute-Dampflokomotiven betrieben, bevor sie dann elektrifiziert wurde. Sie hatte wohl immer Schwierigkeiten mit ihren Fahrzeugen und Triebwagen, fuhr aber noch bis Anfang 1961 und wurde dann endgültig eingestellt.

Ich bin ein Fan von alten Schienenfahrzeugen, weshalb ich mir gerne Eisenbahnmuseen anschaue. Jetzt habe ich erfahren, dass im EBM Schönberger Strand ein alter Triebwagen der Walddörfer Straßenbahn stehen soll. Im Sommer werde ich bestimmt wieder einmal dort hinfahren, um ihn mir anzusehen!