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Als Student in den Strafvollzugsanstalten
Halle und Torgau in den Jahren 1952 bis 1955

Kapitel 4 – Widerstandsgruppe

Es war 1952, im dritten Jahr der Existenz dieses kommunistischen Staates DDR, als das erste Stalin-Denkmal noch zu seinen Lebzeiten in Berlin enthüllt wurde. Die Kriegswunden begannen zu heilen. Die Rationierung der Lebensmittel mit Ausnahme von Fleisch, Fett und Zucker wurde aufgehoben. Dennoch flüchteten 1951 über 165.000 Menschen aus dieser „Republik“, in den folgenden Jahren wurden es immer mehr. Im Januar 1952 verabschiedete die Volkskammer der DDR interessanterweise einen Gesetzentwurf zur Durchführung freier und geheimer gesamtdeutscher Wahlen unter der Vier-Mächte-Kontrolle. STALIN wollte auch den Westen Deutschlands unter seine Kontrolle bringen, indem er eine deutschlandpolitische Offensive einleitete. Er forderte ein neutrales einheitliches Deutschland, um es in seine Einflusssphäre zu bringen. Dies wurde von den Westmächten als Störmanöver gegen die West-Integration der Bundesrepublik angesehen, statt dessen wurden freie Wahlen unter UN-Aufsicht vorgeschlagen (SCHRÖDER 2000).

Kurz darauf erließ der Ministerrat der DDR eine Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen mit der Schaffung der 5 km breiten Sperrzone und der Zwangsaussiedlung der in diesem Bereich lebenden Einwohner (SCHRÖDER 2000).

Die Zeitung der sowjetischen Besatzungsmacht Tägliche Rundschau war voll mit viele Seiten umfassenden Reden des Genossen STALIN. Die langen, langweiligen einzelnen Abschnitte waren häufig von Bemerkungen unterbrochen, wie „großer Beifall“, „lang anhaltender Beifall“, „Beifall, der in Ovationen übergeht“ und mit der höchsten Steigerung „lang anhaltender Beifall, der in Ovationen übergeht, die Delegierten erheben sich von ihren Plätzen“.

Für mich war damals klar, dass mit der zunehmenden Festigung des stalinistischen, sowjetisch gelenkten Staatsapparates der DDR die Bildung eines demokratischen Gesamt-Deutschland unmöglich wurde.

Im März 1952 wurde ich von dem Kommilitonen Leopold BENDA, mit dem ich mich im gleichen Studienjahr der Geologie befand, angesprochen, er hätte bemerkt, dass ich offensichtlich kein Freund des sozialistischen DDR-Staates sei und ob ich bereit sei, in einer studentischen Widerstandsgruppe mitzuarbeiten. Er und der mit ihm befreundete und in einer Wohngemeinschaft lebende Mathematik-Student Karl WEBER zeigten mir dann unauffällig das damalige Dienstgebäude des Staatssicherheitsdienstes (MfS) im Robert-Franz-Ring in Halle mit seinen Kellerverliesen, wo wir uns im Falle einer Aufdeckung unserer illegalen Tätigkeiten wiederfinden könnten. Man gab mir zwei Tage Bedenkzeit.

Unvergessen war mir eine Äußerung unseres von uns Schülern sehr verehrten Deutschlehrers Dr. Karl HERTLING in Erfurt geblieben, der uns ermahnt hatte, dass wir uns nicht auch später einmal vorwerfen lassen sollten, totalitäre Systeme nicht bekämpft zu haben, wie es ihm und seiner Generation erging mit der Beschuldigung, das totalitäre Reich Hitlers und seiner Helfershelfer nicht rechtzeitig verhindert zu haben.

In unserer Schulzeit mussten wir immer große „fortschrittliche“ Transparente in unseren Klassenzimmern aufhängen. Als die Freiheitskämpfer von 1807/08, die für die Erhebung gegen NAPOLEON und eine allgemeine Volksbewaffnung eintraten, plötzlich wieder von der DDR-Regierung für ihre Propaganda wichtig wurden, haben wir ein riesiges Spruchband aufgehängt mit der Maxime:
„Und handeln sollst du so, als hinge von dir und deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge, und die Verantwortung wäre dein.“ (Johann Gottlieb FICHTE)

Wir sahen nun erneut die totalitären Geister in Deutschlands Osten auferstehen, nur in einem anderen Gewand. Es fiel mir nicht schwer, mich für den Widerstand zu entscheiden.

Meine erste und einzige Aktion, an der ich teilnahm, war die Verteilung von Westberliner Zeitungen mit stark verkleinertem Schriftbild, die speziell auf sehr dünnem Papier im Briefformat gedruckt waren, Flugblätter der sogenannten Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), und Exemplare der farbigen satirischen Zeitschrift Tarantel (2)Anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 erinnerte das Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt e. V. und die Landesbeauftragte für die Staatssicherheitsunterlagen in Sachsen- Anhalt mit einer Ausstellung und einem Begleitbuch an die Geschichte und Wirkung der satirischen Zeitschrift Tarantel in Magdeburg. (Herausgeber: Bürgerkomitee Sachsen-Anhalte. e.V., Magdeburg, 2003: Tarantel - Satire im Kalten Krieg, 224 S.)., nach deren Belegexemplaren (SCHULZ-HEID0RF 1997) ich lange vergeblich gesucht habe (THIEDIG 2003). Ursprünglich war die KgU 1948 von ehemaligen politischen Häftlingen (meist Studenten) in West-Berlin gegründet worden, die in Speziallagern der sowjetischen Besatzungsmacht in unglaublich schlechten Verhältnissen überlebt hatten (FINN 1996). Sie wurde im April 1949 von der Alliierten Kommandantur in Westberlin zugelassen. Der erste Leiter Rainer HILDEBRANDT kam aus dem Widerstandskreis von Professor Albrecht HAUSHOFER und war selbst bei den Nazis in Haft gewesen (FINN 1996, MERZ 1987).

Die Westberliner Zeitungen (vermutlich der sogenannte „kleine Telegraf“) wurden, was ich aber erst bei der Gerichtsverhandlung erfahren habe, von dem als Kurier fungierenden Otto KRÜPER aus Westberlin in die DDR eingeschleust. Während der Bahnfahrten durch die DDR hatte er das blaue Hemd der FDJ an, das mit dem offensichtlich die kontrollierende Volkspolizei im Zug besonders beeindruckenden Abzeichen „Für Gutes Wissen“ in Gold oder Silber geschmückt war, und den Karton mit den gefürchteten Flugblättern auf den Knien. Er hat die Kartons nie öffnen müssen.

Die Versendung dieser Schriften erfolgte in einfachen Briefumschlägen. Wir fügten in diese noch eine im Matritzenverfahren mit einer Drohung beschriftete Osterpostkarte bei, in der die Empfänger aufgefordert wurden, vom kommunistischen System abzulassen und dass „Menschen ihres Schlages eines Tages mit einer schnellen Beseitigung zu rechnen hätten“.

Die Empfänger waren „fortschrittliche“ Professoren der politischen, philosophisch-marxistischen, der ökonomischen und juridischen Fächer. Insgesamt 11 der 26 Briefe unserer Osteraktion 1952 gelangten in den Besitz des MfS, der Rest blieb verschollen, wie aus den Unterlagen bei der BStU (3)Bundesbeauftragte für Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. hervorgeht.

Vor meinem Beitritt hatte die „Widerstandsgruppe der KgU - Sachsen-Anhalt“, wie sie in den Stasi-Akten geführt wurde, Flugzettel an Fensterläden und Türen geklebt mit der Aufschrift „Rattenbekämpfung ist nationale Pflicht“ (damals wirklich eine wichtige Maßnahme nach dem Krieg). Die darauf abgebildete von zwei Fingern am Schwanz gehaltene Ratte trug Hammer und Sichel auf der Stirn.

Bei anderen Aktionen wurden mit einer farblosen Kupferlösung einzelne große „F“-Buchstaben (für „Freiheit“) auf Propaganda-Plakate des DDR-Systems in der Universität in Halle geschrieben, die erst nach einer gewissen Zeit durch das Ausfällen von schwarzem elementaren Kupfer sichtbar wurden und die Machthaber besonders verärgerten.

Einzelne von uns hatten eine „unsichtbare“ Tinte, mit der irgendwelche Nachrichten an eine Westadresse geschickt wurden. Die auf den freien Zeitungsrändern aufgetragene unsichtbare Schrift konnte vom Empfänger mit chemischen Mitteln sichtbar gemacht werden.

 

2) Anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 erinnerte das Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt e. V. und die Landesbeauftragte für die Staatssicherheitsunterlagen in Sachsen- Anhalt mit einer Ausstellung und einem Begleitbuch an die Geschichte und Wirkung der satirischen Zeitschrift Tarantel in Magdeburg. (Herausgeber: Bürgerkomitee Sachsen-Anhalte. e.V., Magdeburg, 2003: Tarantel – Satire im Kalten Krieg, 224 S.).

3) Bundesbeauftragte für Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.