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Als Student in den Strafvollzugsanstalten
Halle und Torgau in den Jahren 1952 bis 1955

Kapitel 5 – Verhaftung, Vernehmungen und Einzelhaft

Wenige Wochen nach der Briefaktion wurde ich frühmorgens am 16. April 1952 in der mit dem befreundeten Kommilitonen Heinz WIEFEL gemeinsam gemieteten Studentenwohnung im Rockendorfer Weg (Halle-Süd) aus dem Bett geholt. Nachdem die beiden Zimmer gründlich ohne schriftlichen Befehl durchsucht und Briefe, Papiere, Fotoapparat, Fotos und andere Utensilien beschlagnahmt waren, wurde ich – auch ohne Vorlage eines schriftlichen Haftbefehls – mitgenommen. Heinz WIEFEL war der einzige Zeuge, der über mein Verschwinden berichten konnte. Tatsächlich wurde ich zunächst wie erwartet in das Stasi-Gebäude am Robert-Franz-Ring in Halle gebracht. Dort wurde ich vernommen, ohne dass man mir einen Grund der Verhaftung mitteilte. Nach zwei Tagen beschuldigte man mich illegaler Tätigkeiten, die ich anfangs leugnete, bis man mir den mitbeschuldigten Karl WEBER aus unserer Gruppe gegenüberstellte. Da ahnte ich, dass wir durch irgendeinen Verrat gefasst worden waren.

Eine Sekretärin der KgU in Westberlin, die in Wirklichkeit Agentin des sowjetisch gelenkten kommunistischen Staatssicherheitsdienstes der DDR war, soll im Frühjahr 1952 die gesamte Kartei, die auch den Namen und das Geburtsdatum von Otto KRÜPER, dem Kopf unserer Gruppe, aber nicht die anderen Namen enthielt, nach Ostberlin gebracht haben. Otto KRÜPER wurde am 9. April, Karl WEBER am 12. April, Herbert BARTELS am 14. April, Hans-Dieter DELL und Friedhelm THIEDIG am 16. April sowie Jochen FISCHER am 17. April 1952 verhaftet. KRÜPER hat einige Tage unter einer unmenschlichen Folter gelitten und schließlich gestanden. Er hatte gehofft, dass sein Verschwinden von Karl WEBER bemerkt worden sei und wir geflüchtet seien, wie er mir später am Ende des Prozesses im Gebäude des Landgerichts berichtete. Auch noch Jahre nach unserer aller Entlassung und glücklichem Aufenthalt in Westdeutschland hat ihn diese Situation lange verfolgt und belastet, obwohl wir ihm schon am Tag der Verurteilung verziehen hatten. Ein Student der Landwirtschaftlichen Fachschule Eisenach, Jürgen BURKARDT, der auch zu der Gruppe gehörte, wurde erst am 1. Mai 1952 in Oberpöllnitz verhaftet und nach Halle überführt.

Der Kommilitone Leopold BENDA, der mich für die Gruppe geworben hatte, kam aus den Osterferien einen Tag nach unserer Verhaftung an die Universität Halle zurück und wurde sofort von anderen Kommilitonen darüber informiert, dass ich verhaftet worden sei. Im Institut hat man BENDA natürlich sofort gewarnt, und bemerkenswerterweise hat ihm der SED-Parteigenosse Fritz REUTER, ein GALLWITZ-Schüler und späterer o. Professor für Ingenieurgeologie und Felsmechanik an der Bergakademie in Freiberg, das Fahrgeld für die Flucht nach Westberlin gegeben, weil BENDA nicht genügend Geld für die Reise nach Berlin bei sich hatte. Andere Kommilitonen versteckten ihn dann zunächst in den weitläufigen Dachböden des Geologisch-Paläontologischen Instituts (ehemalige bischöfliche Neue Residenz am Domplatz/Domstrasse). Zwei „Ledermäntel“ die im Institut auftauchten, verlangten von Hans GALLWITZ eine Hausdurchsuchung, die er aber mit großer Empörung und Erregung ablehnte und lautstark verhinderte. Hans GALLWITZ hatte zum Glück keine Kenntnis, dass sich BENDA tatsächlich im Institut versteckt hielt. Einige Tage später wurde BENDA von einem älteren Kommilitonen nachts sicher in einer Braunkohlengrube bei Helmstedt, in der beiderseits der Demarkationslinie Kohle abgebaut wurde, über die Grenze gebracht.

Wenige Tage später wurden wir in das berüchtigte Gefängnis „Roter Ochse“, Am Kirchtor 20, in Halle transportiert, das 1842 als damals modernste „königlich-preußische Straf-, Lern- und Besserungs-Anstalt“ errichtet worden war. In den Jahren der Naziherrschaft sind dort Tausende Menschen gefoltert und erschossen worden. Unter der sowjetischen Besatzungsmacht hat der NKWD in denselben Gebäuden seine brutale Herrschaft ausgeübt und viele deutsche und auch ausländische Zivilisten und ehemalige Wehrmachtsangehörige gefoltert und meist ohne ordentliche Gerichtsverfahren durch sowjetische Militärtribunale zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Erst zwei Jahre nach der Gründung der DDR ist das Zuchthaus „Roter Ochse“ mit allen Insassen an den Staatssicherheitsdienst der DDR übergeben worden.

Hinter meterdicken massiven Mauern in einer ca. 6 m² großen Zelle mit einem kleinen Fenster, das draußen noch mit einer hölzernen Sichtblende verkleidet war, verbrachte ich dann die mehrere Monate dauernde Untersuchungshaft. Die aus halleschem Quarzporphyr (Rhyolith) fest gefügten, damals schon über 100 Jahre alten Außenmauern waren etwas bröselig angewittert. So entdeckte ich voller Freude Quarze und Feldspäte, die gelegentlich in den Holzkasten (Sichtblende) vor dem Fenster rieselten, obwohl es streng verboten war, das hinter den Eisengittern befindliche hochgelegene Fenster zu erklettern. Den Himmel konnte ich nur als kleinen schmalen Streifen sehen, wenn ich mich dicht an die höher gelegene Fensternische drückte. In der Zelle befanden sich lediglich ein altes eisernes Bettgestell, auf dem ein mit Häcksel gefüllter Strohsack und eine Wolldecke lagen, und ein Aluminiumkübel mit einem Deckel für die Notdurft. Es gab in dieser Zelle weder Stuhl oder Hocker noch einen Tisch. Neben der Zellentür verliefen zwei meist kalte oder höchstens lauwarme Heizungsrohre senkrecht durch den Raum.

In einer kleinen vergitterten Maueröffnung oberhalb der dicken Zellentür war die Anstaltsordnung unter einer Tag und Nacht leuchtenden stärkeren Glühbirne angebracht, die nichts außer Stehen und Gehbewegungen auf der etwa 3 m² freien Bodenfläche oder das Sitzen auf der Bettkante erlaubte. Liegen war nur in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr gestattet, in der meist die Vernehmungen stattfanden. Ich habe diese Zelle in den drei Monaten der Einzelhaft nur zu den meist nächtlichen Gesprächen mit dem Stasi-Mitarbeiter in den Vernehmungsräumen (heute die Räume der „Gedenkstätte Roter Ochse Halle/ Saale“, Am Kirchtor 20a) verlassen dürfen.

Während der Untersuchungshaft trugen wir unsere zivile Kleidung, so wie wir verhaftet worden waren. Das waren bei mir eine kurze schwarze Hose, ein leichtes grau- braunes Jackett, ein buntes kariertes Oberhemd und ein weißes kariertes Taschentuch. Man musste in seiner Unterwäsche schlafen. An einen Wäschewechsel in dieser Zeit kann ich mich nicht erinnern. An den meist kühlen Frühjahrstagen habe ich hinter den dicken Mauern oft gefroren, wärmere Bekleidung wurde uns verweigert. Die einzige Wolldecke für die Nacht durften wir uns tagsüber nicht umlegen. Als ich es einmal dennoch tat, schlugen die Wächter gegen die Zellentür und forderten lautstark, dass ich dies zu unterlassen habe. Sie schlichen ständig in unregelmäßigen Abständen auf den Fluren umher in ihren geräuschlosen Filzpantoffeln und beobachteten uns durch die „Spione“, kleine Gucklöcher mit einer verschließbaren Klappe. Nach kurzer Trainingszeit konnte ich erkennen, ob sich diese exzentrisch befestigte Klappe bewegte und ein nicht erkennbares Auge auf mich gerichtet war. Diese Feststellung gelang mir dann aber nicht mehr, als man in diese Klappe ein winziges Loch gebohrt hatte, um mich in meiner kleinen Zelle, die mir wie eine verkehrte Camera obscura erschien, völlig unauffällig zu beobachten.

Einen sogenannten Freigang auf dem Hof gab es nicht in dieser Zeit. Außer der Anstaltsordnung und den zu unterschreibenden Protokollen habe ich kein einziges Blatt Papier, weder ein Buch noch eine Zeitung zu lesen bekommen. Postverkehr mit den Angehörigen war nicht erlaubt. Diese wussten allerdings sowieso nicht, wo ich versteckt gehalten wurde.

Die Verpflegung war sowohl qualitativ als auch quantitativ sehr mangelhaft, morgens z. B. zwei trockene Brotscheiben mit einem Löffel Zucker und einem halben Liter „Kaffeegetränk“. An Wochentagen gab es mittags meist Suppe oder einfache Gerichte mit Pellkartoffeln nach einem festen, unveränderten Wochenplan, nur am Sonntag gab es zu Salzkartoffeln und Rotkohl mit Soße auch eine kleine Fleischbeilage. Meist blieb ich hungrig, bis auf solche Tage, an denen Gefängniswärterinnen eingesetzt waren auf unserer Etage. Diese boten mir gelegentlich Reste von der Essenverteilung an, manchmal auch die von anderen Häftlingen in den Abfallkübel geworfenen Kartoffeln. Ich bekam aber nur Nachschlag, wenn ich meinen Blechnapf schon leer gegessen hatte. Da der „Fütterungsrundgang“ auf unserer Etage manchmal schneller beendet war, musste ich mich mit der ersten Zuteilung beeilen, sie schneller zu vertilgen, um noch in den Genuss eines Nachschlages zu gelangen.

Für die Notdurft stand ein Kübel mit ätzendem Chlorkalk zur Verfügung. Pro Tag gab es ein einziges Blatt Toilettenpapier. Nachts mussten der Essnapf, der Löffel und die abgelegte Kleidung (außer der Unterhose) vor der Zellentür militärisch exakt aufgeschichtet werden.

Mein Vernehmer hatte mir auf meine Frage zur Dauer der mir unendlich lang erscheinenden Untersuchungshaft geantwortet, dass ich genügend Zeit hätte, jetzt 25 Jahre lang die Zuchthäuser der DDR zu studieren, dies war das übliche Strafmaß der sowjetischen Militär-Tribunale, die bis 1951 fast alle politischen Fälle im Gebiet der DDR verhandelten. Da war mir endgültig klar, dass ich meine schwache Hoffnung begraben musste, anzunehmen, bald wieder in Freiheit leben zu können, weil die Staatsmacht meine relativ kurze Zugehörigkeit zu der Gruppe als geringfügig einschätzen könnte. Einmal habe ich ein nächtliches Protokoll nicht unterschrieben, weil darin zu viele Rechtschreibfehler enthalten waren. Bei den folgenden Vernehmungen bemerkte ich, dass mein Vernehmer in einer Schublade seines Schreibtisches verborgen in einem Buch blätterte; vermutlich hatte er sich einen „Duden“ besorgt.

Eines Tages erinnerte ich mich, früher einmal etwas von einem Gefängnis-Krankenhaus gehört zu haben, wo man es vielleicht besser haben könnte. Schon sich am Tage auch mal hinlegen zu dürfen, erschien mir begehrenswert. Ohne besondere medizinische Kenntnisse zu besitzen, bildete ich mir nach kurzer Zeit ein, an einer Hirnhautentzündung erkrankt zu sein. Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht selbst an mir erfahren hätte: Bereits nach zwei Tagen spürte ich tatsächlich ein intensives Brennen unter der Schädeldecke. Schließlich wagte ich, als die Schmerzen immer unerträglicher wurden, nach einem Arzt zu rufen. Es dauerte einige Stunden, bis eine Sanitäterin der Stasi in Begleitung von zwei männlichen Gefängnisaufsehern in meine Zelle kam. Ohne weitere Untersuchung stellte sie fest, dass ich gar nicht krank sei. Meinen Widerspruch ließ sie nicht gelten und gab mir lediglich eine Schmerztablette (vielleicht auch nur ein Placebo?), die ich sofort schlucken musste. Schlagartig wurde mir klar, dass ich in diesem Haus auf keinen Fall richtig krank werden dürfe. Ich brauchte zwei Tage, bis der Spuk aus meinem Kopf wieder verschwunden war.

Interessant war für mich, dass die Stasi-Mitarbeiter, die die Vernehmungen durchführten, nie über politische Ansichten sprechen oder gar diskutieren wollten. Sie interessierten sich auch nicht für die Gründe, warum wir Gegner des Regimes geworden waren.

Sie drängten förmlich darauf, dass ich einen Passus unterschrieb, in dem ich erklären musste, dass ich durch illegalen Aufenthalt in Westberlin und Westdeutschland mit dem Fahrrad 1950 und 1951 (man fand bei der Wohnungsdurchsuchung einen Jugendherbergsausweis vom Rheinland) von den Imperialisten und vor allem durch das Abhören des RIAS-Senders verführt worden sei. Damit und mit der folgenden Verurteilung war ihre Pflicht erfüllt. Es hat nie jemand versucht, mich zum kommunistischen Sozialismus zu bekehren.

Um geistig beschäftigt zu sein, hatte ich schon nach wenigen Tagen der ersten Verzweiflung und des inneren Aufruhrs begonnen, mich sinnvoll zu beschäftigen und mein Gedächtnis zu trainieren. Zuerst lernte ich Rechenbeispiele mit Quadrat- und Kubikzahlen bis 20, die ich vorher mit einem kleinen Stück ausgebrochenen Fensterkitts auf der mit dunkler Ölfarbe angestrichenen schräg nach oben verlaufenden Fensternische errechnet hatte. Ich hatte entdeckt, dass diese schräge, mit etwa 45° ansteigende Fläche in der Fensternische den schmalen von der hölzernen Sichtblende begrenzten Lichteinfall total reflektierte. Dadurch war meine Schrift mit Fensterkitt auf dieser Fläche weder durch den Spion noch bei geöffneter Tür sichtbar.

Aus meiner Schuhsohle (Schuhe waren damals noch alle genagelt) hatte ich einen winzigen Nagel mühsam heraus gepult, um ihn als Schreibgegenstand für einen in die Wand geritzten Kalender zu benutzen. Als an einem Donnerstag im Mai 1952 der normalerweise bis in die Zelle dringende städtische Geräuschpegel deutlich geringer war, irritierte mich das sehr, bis ich mich an meinem selbst gemachten Kalender orientierte und herausfand, dass es der Himmelfahrtstag war.

Ziemlich zu Anfang meiner Haftzeit kam ich auf die Idee, die Größe meiner Zelle abzumessen, um später darüber berichten zu können, und begann dafür ein „Urmaß“ für meine Zelle, nach dem Pariser Vorbild des Urmeters, herzustellen. Aus der einzigen Decke, mit der ich mich nachts zudecken konnte, zog ich Wollfäden, die ich zu einem langen Faden verband. Mit Hilfe meiner Körpergröße, der Fußlänge und der Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger sowie der Daumenbreite hatte ich den gewonnenen Faden auf etwa 2 m Länge abgemessen. Nachdem der Faden in zwanzig gleich lange Teile zerlegt war, eichte ich diese Länge an einem aus der „Matratze“ (alter durchgelegener Strohsack) stammenden Strohhalm, auf den ich noch mit meinem kleinen Nagel eine Zentimeter-Einteilung markierte.

Mit diesem Maßstab habe ich dann die Zelle vermessen, unter anderem auch ein kleines Eck-Wandbrett, auf dem tagsüber der Essnapf mit dem Löffel aufbewahrt werden musste. Ich habe dann versucht, die Größe der Brettoberfläche (ein Viertelkreis) mit Hilfe der Kreisformel, aus der Aufteilung in Dreiecke und mit der Integralrechnung und deren Abweichungen zu ermitteln.

Ein weiteres Objekt war die Repetition der Kristallklassen und mineralogischen Flächenbezeichnungen von Mineralen, die wir gerade im Wintersemester in den Vorlesungen der Mineralogie gelernt hatten.

Täglich absolvierte ich ein Laufpensum von ca. 2 km abwechselnd links und rechts herum kreisend in meiner winzigen Zelle. Dabei benutzte ich mein Schrittmaß (65 Doppelschritte auf 100m), das ich gerade im letzten Semester im Fach Geographie für die Aufnahme eines Itinerars  erlernt und eingeübt hatte.

Aber all diese Beschäftigungen erfüllten die täglich langen Stunden höchstens für etwa zwei Wochen, bis ich anfing, mich mit meiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Ich hatte den Ehrgeiz, mich möglichst früher Kindheitseindrücke zu erinnern.

Es gelang mir durch die Kombination mit später erworbenen Daten, wie Hochzeit, Umzug oder Erwerb von Gegenständen sowie Besuchen und Reisen meiner Eltern einzelne Vorgänge zeitlich einzuordnen und bis an den Anfang meines dritten Lebensjahres wieder lebendig werden zu lassen. Plötzlich erkannte ich, für mich überraschend, dass bestimmte Gegenstände und Begriffe, wie Haus, Küche, Bad, Schlafzimmer, Bauernhaus, Scheune, Getreidefeld, Allee, Strasse, Werkzeuge aber auch geographische Begriffe wie Hang, Feldweg, Sandgrube oder einzelne große oder bestimmte Bäume wie Kiefern mit solchen identisch waren, die ich in meinen Lebensraum bis zum 6. Lebensjahr als reale Gegenstände zum ersten Mal kennen gelernt habe und dann in meinem Bewusstsein gespeichert hatte. Ich nannte sie „Archetypen“ meiner Kindheit, die sich in mein Gedächtnis eingeprägt hatten.

Dann versuchte ich die Stadt Schwiebus zu rekonstruieren, 75 km östlich von Frankfurt/Oder, wo ich von 1939 kurz vor Beginn des Krieges bis zur Flucht 1945 zur Schule gegangen bin, mit all ihren Häusern, Straßen und Bewohnern, die ich kannte. Die Details führten mich bis zu Treppenaufgängen, Haustüren, Schaufenstern, Dächern, Einrichtungen von Wohnungen, die ich besucht hatte, und vielen anderen Einzelheiten der Stadt und ihrer nahen Umgebung.

Als ich 50 Jahre später diese Stadt mit meiner Frau und unseren drei Kindern wieder besuchen konnte, waren mir – sehr zum Erstaunen meiner Familie – viele Einzelheiten noch außergewöhnlich gut vertraut, nur die Häuserlücken des Krieges und die polnischen Schilder, Straßenbezeichnungen und die Menschen waren für mich neu.

Ich war so vertieft in diese Welt, dass ich bei der Rekonstruktion meiner Vergangenheit nur bis zum 15. Lebensjahr gekommen war, als ich für drei Tage zum öffentlichen Schauprozess in die dunklen Zellen des Landgerichts in Halle überführt wurde. Ich habe nie wieder in meinem Leben soviel Zeit zum Nachdenken gehabt.