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Als Student in den Strafvollzugsanstalten
Halle und Torgau in den Jahren 1952 bis 1955

Kapitel 8 – Strafvollzug In Halle und Torgau

Nach dem Prozess wurden wir sechs Verurteilten rasch getrennt. Während des Strafvollzuges bin ich lediglich Hans-Joachim FISCHER und Hans-Dieter DELL wieder begegnet. Zunächst musste ich als Hausarbeiter im Stasigefängnis Roter Ochse arbeiten, die Kübel von Mitgefangenen leeren und Küchendienste leisten, wobei ich mich dann zum ersten Mal wieder an Kartoffeln satt essen konnte. Hier durfte ich auch meinen ersten Besuch empfangen. Mein Freund Heinz WIEFEL besaß den großen Mut, meine Mutter dabei zu begleiten. Dafür bin ich ihm ganz besonders dankbar.

Am 25.Oktober 1952 wurde ich in einem Gefangenen-Transportfahrzeug nach Torgau (Fort Zinna) überführt. Die sozialistische Strafvollzugsanstalt Torgau, die schon während der Nazizeit ein berüchtigtes Zuchthaus für Wehrmachtsangehörige war, hatte zuerst die sowjetische Armee von 1945 bis 1950 verwaltet und mit ehemaligen Wehrmachtsangehörigen und als Nazis oder als deren Helfer beschuldigten Häftlingen gefüllt, die durch sowjetische Militärgerichte abgeurteilt worden waren. Erst im Frühjahr 1950, nach Gründung der DDR, wurde die Strafvollzugsanstalt samt ihren damaligen Insassen an Dienststellen der DDR übergeben (HAASE/OLESCHINSKI 1998).

Die Haftbedingungen waren sehr inhuman, zahlreiche von diesen Häftlingen starben an mangelnder Verpflegung, miserabler Unterbringung und fehlender bis sehr mangelhafter ärztlicher Versorgung an Lungen-Tuberkulose.Es wurde mir berichtet, dass die Leichen in kleineren Transportautos mit der Aufschrift VEB Bäckerei abtransportiert wurden. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass die Toten in Halle eingeäschert wurden, um in der Stadt Torgau kein Aufsehen zu erregen. Die Urnen wurden anonym auf dem Gertraudenfriedhof in Halle in der Abteilung 39 beigesetzt und im Jahre 2002 in die Abteilung 24 umgebettet. Wegen einer Informationstafel über diese Toten gab es im Jahre 2004 einen politischen Streit in Halle (Der Stacheldraht Nr. 8 S. 2, 2004). (5)

Zahlreiche von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte deutsche Kriegsgefangene waren hier eingesperrt und den DDR-Behörden mit übergeben worden, sofern sie nicht in die Arbeitslager nach Sibirien transportiert worden waren. Diese ehemaligen Soldaten hatten nicht viel vom Ende der Hitlerzeit und der Nachkriegsentwicklung erfahren. Außerdem gab es die sogenannten Waldheimer, die meist als Mitläufer der NSDAP oder aus anderen, meist politischen Gründen, 1945 verhaftet und oft erst viel später im Zuchthaus Waldheim von sowjetischen Militärgerichten im Schnellverfahren verurteilt worden waren. In einigen Fällen fand eine Verurteilung nach Jahren des Gewahrsams erst durch Ferngerichte in Moskau statt.

Auf dem Innenhof der Strafvollzugsanstalt in Torgau wurden wir sehr unfreundlich empfangen, man sollte sofort bemerken, dass hier anderer Wind weht. Mit dem Gesicht zur Wand wurden wir durchsucht, als ob wir unterwegs Gelegenheit gehabt hätten, uns zu bewaffnen. Umgehend wurden wir in Anstaltskleider gesteckt und mit Filzlappen und Holzschuhen ausgestattet. Zu sechst wurden wir in ehemaligen Ein-Mann-Zellen untergebracht. Das Zuchthaus war völlig überfüllt, als die Behörden der DDR das Zuchthaus von den Russen übernahmen, Immerhin besaßen die Zellen ein Waschbecken und eine Toilette, bei deren Benutzung natürlich alle Zelleninsassen beteiligt waren. Wir hatten für die sechs Insassen nur fünf Strohsäcke als Lager, weil der Platz für sechs Strohsäcke zu klein war, so lagen die meisten von uns immer auf einer Ritze. Tagsüber mussten die mit Häcksel gefüllten Strohsäcke mit den Wolldecken zu einem Sofa aufgebaut werden, das aber nicht benutzt werden durfte. Einmal hatte ich fast ein Jahr lang rote juckende Pusteln, die meinen ganzen Körper bedeckten. Nach der jährlichen Verbrennung der Strohsäcke war ich plötzlich ohne die roten Flecke auf der Haut, weil meine Peiniger, Flöhe, mit verschwunden waren.

Am Jahresbeginn 1953 kam ich zum Arbeitseinsatz im Schrottkommando (FINN 1998, Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewalt Moritzplatz Magdeburg 1997). In einer großen Arbeitshalle waren primitive Holztische auf Böcken aufgestellt, auf deren wackeligen Brettern wir mit Hammer und Meißel die Nieten von Flugzeugteilen abschlagen und sortieren mussten. Diese Wiederverwertung der kostbaren Wertstoffe betraf vor allem deutsche aber auch russische Militärflugzeuge, die im Krieg zerstört worden waren. Etwa 400 bis 500 Häftlinge waren in Brigaden eingeteilt, die von ausgewählten kriminellen Häftlingen, sogenannten Brigadiers, als Antreiber geleitet wurden. Tag und Nacht wurde in drei Schichten gearbeitet, wobei die Nachtschicht von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens für mich immer die schwerste war. Die Brigadiers rissen sich bei jeder neuen Schrottlieferung um die schweren Stücke, weil es Belohnungen für diejenigen Brigadiers gab, die die meisten Kilos abgeliefert hatten. Wir anderen Häftlinge hatten davon keinerlei Vorteile, was unsere Motivation nicht besonders stärkte und zu unangenehmen Auseinandersetzungen mit den Brigadiers und dem Wachpersonal führte. Die monatlichen Belohnungen nur für die Brigadiers waren meist Einkäufe von zusätzlichen Lebensmitteln im Werte von etwa 20 Mark bei der HO (Handels-Organisation), die sie natürlich für sich behielten.

So war es für die Antreiber nützlicher, einen schweren Motorblock zu erwischen als nur die verschiedenen sehr leichten Aluminium-Legierungen zu zerlegen. Einmal wurde ich in der Nachtschicht beobachtet und denunziert, weil ich mich sehr intensiv mit einem ehemaligen Direktor der Solvay-Werke unterhielt und dabei weniger Schrott bearbeitete. Er war wegen des Besitzes von Aktien verurteilt worden, weil er sie nicht abgeliefert oder angemeldet hatte. Von dem Wachoffizier der Vopo, der in einem Raum über den Köpfen der Häftlinge unsere Arbeit beobachten konnte, wurde ich dann beschuldigt, mit meiner Untätigkeit den Wiederaufbau zu sabotieren. Er drohte mit der Möglichkeit, mir einige Jahre Verlängerung in Torgau zu verschaffen.

In dieser Zeit hatte meine Mutter ohne mein Wissen einen Antrag auf Begnadigung gestellt, der aber abgelehnt worden war. Meine Mutter hatte offensichtlich Hans GALLWITZ um eine Beurteilung über mich im Dezember 1952 gebeten, ein halbes Jahr nach meiner Verurteilung, die sie vermutlich im Frühjahr 1953 zusammen mit einem Begnadigungsantrag eingereicht hatte. Mit dieser Bescheinigung, die vom 19. Dezember 1952 datiert ist, hat Hans GALLWITZ aber auch den Genossen der SED und der Stasi schriftlich bekundet, dass er sich für ehemalige Studenten einsetzte, die die SED noch viel länger als Schwerverbrecher im sicheren Zuchthaus isoliert haben wollte. Hans GALLWITZ schrieb darin: Ich würde es sehr begrüßen, wenn er bald seine ausgezeichneten Fähigkeiten zu produktiver Arbeit in unserem sozialistischen Aufbau einsetzen könnte. Dieses sehr mutige Eintreten hat die Stasi mindestens registriert und vielleicht auch später in die lange Liste seiner Vergehen eingetragen, wie auch seine anderen Aktivitäten in der Universität, in der Studentengemeinde (REICHSTEIN 1997) und nicht zuletzt auch seine Tätigkeiten in der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, was dann alles sicherlich dazu beigetragen hat, zu versuchen, ein Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten (GERSTENGARBE 1997).

Die Arbeit, die in der Haftanstalt eine besondere Vergünstigung darstellte, wurde am 5. März 1953 plötzlich unterbrochen. Nur die politischen Häftlinge, die es ja offiziell gar nicht gab, wurden isoliert und neu eingekleidet mit breiten roten Biesen auf den grauen Drillichhosen und -jacken, die nun auffälligen Generalsuniformen ähnelten und der Früherkennung gefährlicher Häftlinge innerhalb des Zuchthauses und bei Fluchtversuchen dienen sollten. Dann wurde uns das Haupthaar zu einer Glatze geschoren, was wir als besonders demütigend empfanden. Verängstigt wollten wir erfahren, was denn geschehen sei. Den Grund für diese scharfen Maßnahmen flüsterte uns der Friseur, auch ein Häftling, zu: STALIN war tot. Staatstrauer, an der wir auf diese Weise unfreiwillig teilnehmen mussten. Nach wenigen Wochen durften wir dann wieder arbeiten, bis der 17. Juni 1953 kam (WAHL 2003).

Alles kam plötzlich zum Stillstand. Von dem Aufstand der Arbeiter in der DDR erfuhren wir aber erst nach einigen Tagen. Gerüchte kamen auf, dass in manchen Orten, wie in Halle, die Gefangenen sogar befreit worden seien. Auch in Torgau soll es starke Unruhe bei der in der Nachbarschaft des Zuchthauses angesiedelten Kasernierten Volkspolizei gegeben haben. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass das nette Bild von Hans GALLWITZ, das mir ohne Erwähnung seines Namens von meiner Mutter in einem der monatlichen Briefe 1953 nach Torgau zu einer kurzen Ansicht mitgeschickt und das mir bei meiner späteren Entlassung mit allen Effekten ausgehändigt worden war, während einer geologischen Exkursion im Erzgebirge genau am 17. Juni 1953 entstanden war (Fotograf Otto MEYER).

Has Gallwitz
Hans Gallwitz auf einer geologischen Exkursion im Erzgebirge am 17. Juni 1953 in einer Steinbruchanlage.
Foto: Dipl.Geol. Otto Meyer, Wülfrath
Der Kommilitone Eckehard LÖHNERT, Diplomand von Hans GALLWITZ, hat mir kürzlich berichtet, dass an diesem Tage die Exkursionsteilnehmer mit Hans GALLWITZ zu Fuß unterwegs waren. In den Dörfern, durch die sie liefen, wurden den Studenten überall SED-Partei-Mitgliedsbücher mit deftigen Bemerkungen zum Verschenken angeboten. Hans GALLWITZ reagierte sehr zurückhaltend und hielt die Studenten an, rasch weiterzugehen. Abends übernachteten die Exkursionsteilnehmer in Pirna, ohne zu ahnen, dass ich Elbe abwärts im gar nicht so weit entfernten Torgau existierte. Hans GALLWITZ hatte davon Kenntnis, er hat sie aber nicht preisgegeben.

Wieder isoliert durften wir mehrere Monate nicht arbeiten. In dieser Zeit wurde in unsere jetzt nur mit vier Mann belegten Zelle mit zwei Stockbetten, ein Häftling verlegt, der durchblicken ließ, dass er von einem Sondergericht in Halle zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, weil er als Agent des Verfassungsschutzes der Bundesrepublik bei einem Auftrag in der DDR gefasst worden war. Karl-Heinz HEDTKE (vermutlich ein Deckname) hatte Frau und einen Sohn in Wolfenbüttel und musste seine Strafe voll absitzen. Er war meist gut gelaunt, wusste sich fast immer zu beschäftigen und ertrug seine Strafe leicht. Wir übten auf seinen Vorschlag z.B. bei Neuankömmlingen in der Zelle, in kürzester Zeit durch Befragen herauszufinden, wo es Lücken in deren Lebenslauf gab. Merkwürdig war, dass er bei Schilderungen aus seiner Vergangenheit nur in der dritten Person berichtete und dabei sehr abenteuerliche Geschichten erzählte, bei denen man nicht wusste, ob sie nur erfunden waren und ob sie ihn überhaupt betrafen. Er gab sich jedenfalls als Gegner des kommunistischen Regimes der DDR zu erkennen. Nach seiner Entlassung nach Wolfenbüttel war er für eine Versicherung tätig.

Fast 30 Jahre später erfuhr ich erst, dass er vermutlich ein Stasi-Offizier war, der den Auftrag hatte, sich in das Amt für Verfassungsschutz des Landes Niedersachsens einzuschleusen. Dieser Mensch hat offenbar freiwillig dafür sieben Jahre mit uns in den Zellen verbracht, um sich ein sicheres Alibi für seine vorgesehene Agententätigkeit in der Bundesrepublik zu verschaffen. So etwas habe ich mir als Häftling nicht einmal ausdenken können.

Die Mithäftlinge in unserer Zelle waren damals ein ehemaliger Arbeitsdirektor der Buna-Werke, Karl-Heinz HOFFMANN, sowie ein früherer NS-Oberstaatsanwalt aus West-Berlin, Erich KOLBE, die aber längst verstorben sind. Möglicherweise waren wir als politische Mithäftlinge von der Stasi oder von ihm selbst sogar ausgesucht worden, um eines Tages im Westen über seinen Aufenthalt als Strafgefangener in der DDR wertvolles Zeugnis ablegen zu können.

Einige Jahre später, nach unserer Flucht in den Westen, wurden wir in dem Aufnahmelager Marienfelde in West-Berlin tatsächlich gebeten, alle Namen und Einzelheiten über Mitgefangene in Listen für das DRK und die Aufnahmebehörden einzutragen. Ich hatte die Namen, Adressen und andere Daten von mehr als 120 Mithäftlingen im Kopf behalten. Sie dienten später oft als Haftnachweise bei Entschädigungen.

Der 17. Juni und vielleicht auch STALINS Tod brachten im Laufe der Zeit einige Hafterleichterungen, wie Musiklautsprecher in den Treppenhäusern der Zellentrakte. Sogar gelegentliche Filmvorführungen fanden im großen Saal statt, in dem dann auch monatlich abwechselnd evangelische und katholische Gottesdienste abgehalten wurden und gelegentlich sogar ein Häftlingschor und Strafgefangene als Musiker auftraten. Allerdings durften die als Zeugen Jehovas verurteilten Häftlinge den Gottesdienst nicht besuchen. Einige von ihnen waren schon in der Hitlerzeit in den Gefängnissen und KZ-Einrichtungen als Häftlinge. Eine Zeit lang gab es sogar Zeitungen (Die Parteizeitung der SED Neues Deutschland und die Zeitung der Sowjetischen Besatzung Tägliche Rundschau) und vereinzelt auch Fachbücher.

Einmal im Monat wurden vom Kalfaktor (Hausarbeiter-Häftling) Bücher getauscht, die zum Teil aus einer einmaligen Aktion stammten, als die Angehörigen aufgefordert worden waren, jeweils ein Buch für die Gefängnisbibliothek zu spenden. Dabei wurden manche Bücher allerdings eliminiert, wie z.B. HOMERS Odyssee, weil darin etwas von Geenschen (= Königen) stand, die als Feudalisten nicht mehr zeitgemäß waren, wie der zuständige an seiner Aussprache deutlich erkennbar aus Sachsen stammende Kommissar der Volkspolizei erklärte. Wir bekamen häufig Gedichtbände von Erich WEINERT, manchmal drei identische in eine Zelle, die wir bald nicht mehr sehen mochten; seine Lobeshymne auf den großen STALIN [...] im Kreml brennt noch Licht [...] kannten wir zur Genüge. Es waren vermutlich in der DDR unverkäufliche Exemplare, die man der Gefängnisbücherei geschenkt hatte.

Als wir dann nach einigen Monaten wieder arbeiten durften, wurde ich dem Netz- Kommando zugeteilt. Aus rauen dicken Perlonfäden, die in einer Lauge weich gemacht wurden, um sie verarbeiten zu können, haben wir im Akkord 2-3m breite und etwa 20m lange Netze filiert, die für Tarnzwecke in Schützengräben bei der Volksarmee eingesetzt werden sollten. Wir mussten auf hölzernen Hockern sitzend eine hohe Anzahl von Knoten über einem Holzbrettchen knüpfen und uns sehr anstrengen, um die obligatorischen Netzmeter zu schaffen.

Später mussten wir für die Abdeckung großer Militärfahrzeuge aus sehr festem Garn gefertigte Tarnnetze mit Flicken nach einem bestimmten Muster bedecken. Die Netze waren so groß, dass sie über zwei hohe Holzgestelle gezogen werden mussten. Die bunten tarnfarbigen Flicken wurden von einer Schneiderbrigade mit Hilfe von Schablonen zugeschnitten und von uns auf einfachen Bänken stehend angenäht.

An Arbeitstagen konnten wir täglich drei Zigaretten auf den Arbeitssälen erwerben. Für mich als Nichtraucher waren diese Zigaretten sehr wertvolle Tauschobjekte, die mir z. B. halfen, auch bessere Bücher zu bekommen. Dadurch konnte ich gelegentlich neben vielen Büchern russischer Schriftsteller wie TOLSTOI, TURGENJEW, GOGOL und GORKI auch einige andere gute Bücher lesen. Einmal war ein Exemplar des von der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina herausgegebenen Werkes über die Majaforschung dabei, was mich sehr interessierte und erfreute.

Zwei- bis viermal im Jahr durfte mich meine Mutter für eine halbe Stunde in einem besonders eingerichteten Besucherzimmer in Torgau besuchen. Ganz besonders dankbar bin ich, dass Hans GALLWITZ ihr dies durch gelegentliche Geldzuwendungen für die Bahnfahrt von Erfurt nach Torgau ermöglichte. In einem der monatlichen vorgedruckten Briefe im DIN A5-Format habe ich am 20. Januar 1953 namentlich darum gebeten, Frau [Ruth] Gallwitz besonders [dafür] zu danken. Wie ich vor fünf Jahren von ihrem Sohn Klaus GALLWITZ erfuhr, hat die Familie davon nichts gewusst.

Bei einem der Besuche hörte ich sehr betrübt, dass meinem jüngeren Bruder Ulrich trotz guter Schulnoten der Besuch der Oberschule versagt worden war. Nach vielen vergeblichen Einsprüchen teilte das Kultusministerium in Ostberlin meiner Mutter mit, dass nicht die gute Note, sondern die soziale Herkunft ausschlaggebend sei. Trotz erfolgreicher Aufnahmeprüfungen wurde er weder bei einer Forstfachschule noch beim Vermessungsamt in Gotha als Auszubildender aufgenommen. Da in der DDR eine Ausbildungspflicht bestand, wurde er schließlich gezwungen, eine Lehrstelle in einem Schlossereibetrieb in Erfurt anzunehmen. Erst nach meiner Entlassung habe ich erfahren, dass kurz nach meiner Verhaftung bzw. Verurteilung ein Angehöriger der Volkspolizei in das Mietshaus einzog, in dem unsere Familie in Erfurt wohnte. Die ständige Beobachtung und Verfolgung durch diese Person empfand meine Familie als ständige Bedrohung.

Die schlimmsten Augenblicke erlebte ich, wenn gelegentlich plötzliche Schreie, Krachen und Gepolter im ganzen Zellenhaus hörbar in unserer Nähe auftraten. Wir konnten später nie feststellen, wer der Betroffene oder wer die Täter waren und warum der Betreffende bestraft wurde oder warum man ihn geschlagen hat. Nur einmal erfuhren wir gerüchteweise, dass sich der Betroffene in Einzelhaft befand und er in einem unbeherrschten Augenblick die Kloschüssel zertrümmert hatte und mit den Scherben und aufgebrochenen Parkettstückchen des Fußbodens Flak gespielt hätte, wobei auch noch das Fenster demoliert wurde. Vor allem empfand man diese Demütigungen und Bestrafungen persönlich besonders hart und schmerzlich, als sei man selbst der Misshandelte, weil man vor Scham und untätiger Hilflosigkeit das Ganze über sich ergehen lassen musste. Zum Glück habe ich das nur wenige Male ertragen müssen.

5) Es wurde mir berichtet, dass die Leichen in kleineren Transportautos mit der Aufschrift VEB Bäckerei abtransportiert wurden. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass die Toten in Halle eingeäschert wurden, um in der Stadt Torgau kein Aufsehen zu erregen. Die Urnen wurden anonym auf dem Gertraudenfriedhof in Halle in der Abteilung 39 beigesetzt und im Jahre 2002 in die Abteilung 24 umgebettet. Wegen einer Informationstafel über diese Toten gab es im Jahre 2004 einen politischen Streit in Halle (Der Stacheldraht Nr. 8 S. 2, 2004).